Besuch auf einem Weingut – Bessa Valley in Bulgarien

Bessa Valley Bulgarien

Bessa Valley ist das vielleicht bekannteste Weingut in Bulgarien. 350.000 Flaschen werden dieses Jahr exportiert, und wenn ich euch den Namen des Besitzers nenne, klingelt es ganz sicher. Es ist Stephan von Neipperg, gleichzeitig Inhaber der Châteaux Canon la Gaffelière und La Mondotte, beides hoch anerkannte Grands Crus von St-Emilion. Bei meinem Aufenthalt in Bulgarien dachte ich mir deshalb, es könnte ganz interessant sein, ein solch bedeutendes Weingut einmal zu besuchen. Nur: Ob ich da so einfach Zutritt bekommen würde? Aber ja! Ein paar Emails mit Marc Dworkin, der seit 20 Jahren Bessa Valley önologisch betreut, und los konnte es gehen.

Im Tal der Besser

Bessa Valley Weingut Bulgarien

Der Name des Weinguts erinnert an den Stamm der Besser, die weit vor unserer Zeitrechnung hier ihr Wesen trieben – und den Wein bereits sein langem kannten. Das Weingut selbst hat allerdings eine weitaus jüngere Geschichte. Ich frage Marc Dworkin danach, als er mich im geräumigen Verkostungsraum begrüßt. „Ja“, sagt er, „das ist tatsächlich schon 20 Jahre her, als wir hier anfingen. Stephan kannte bulgarische Weine von seiner Großmutter, das waren Weine aus den Fünfzigern, und deshalb wusste er, dass man in Bulgarien großartige Rotweine machen kann.“ Die Anfänge von Bessa Valley gestalteten sich allerdings nicht gerade einfach. Marc Dworkin erzählt, dass sie erst mit einem anderen Projekt anfingen, aber im Jahr 2000 die Nachricht bekommen hätten, dass sie Land kaufen könnten.

Obwohl die kommunistische Ära bereits 1990 endete, dauerte es fast zehn Jahre, bis das Land überall privatisiert, sprich den früheren Besitzern zurückgegeben war. Marc Dworkin und Stephan von Neipperg wollten aber nicht irgendein Land, sondern ein möglichst gutes Terroir erwerben und machten Bodenanalysen. Im Bessa Valley, etwa 30 Kilometer westlich von Plovdiv gelegen, fanden sie schließlich die besten Bedingungen: Kalkböden mit einer feinen Lehmauflage. Zwischen Anfang 2001 und Ende 2004 wurden nach und nach 250 ha Land gekauft – von insgesamt 1.600 Besitzern! „Das Verrückteste“, erzählt Marc, „war eine Parzelle von 0,1 ha mit 13 einzelnen Besitzern. 100 Quadratmeter. Einige haben wir hier gefunden, andere in Kanada, in den USA. Das war eine spannende Zeit.“

Marc Dworkin Mastermind

Marc Dworkin Bessa Valley

Wir haben mittlerweile das Förmliche hinter uns gelassen, Mr. Dworkin wurde zu Marc. Ich frage ihn, wie er eigentlich auf Bulgarien gekommen sei. „Oh, eher per Zufall“, sagt er. „Zu der Zeit, das war 1999, wollte ich meiner Karriere eine neue Richtung geben. Ich war ehrlich gesagt nicht mehr glücklich damit, in Bordeaux zu bleiben, schließlich war ich schon seit dem Studium da. Ich ging also zunächst in die Provence, weil mich Rosé schon immer fasziniert hat. Und dann war der nächste Schritt die Überlegung, warum sollte ich nicht auch mal in anderen Ländern arbeiten? Ich kannte Stephan aus der Zeit, als ich für Château Larmande gearbeitet habe. Im September 1999 hat er mich dann gefragt, ob ich Lust hätte, ihm bei seinem Bulgarien-Projekt zu helfen. Das hatte ich. Und seit dem 1. November 1999 bin ich hier.“

Aber er wäre doch nicht die ganze Zeit auf Bessa Valley, oder? „Nein nein,“ meint Marc, er sei ja selbständiger Wein-Consultant. „Ich bin jeden Monat hier auf Bessa Valley. Im Winter nicht unbedingt, dafür aber alle zwei Wochen während der Erntezeit.“ Mitte der 2000er Jahre hätte er beschlossen, sich zu spezialisieren auf sich entwickelnde Weinländer. „Rumänien, Israel, Indien, Türkei, China… überall. In Rumänien und in China arbeite ich immer noch, ich werde nächste Woche wieder in Shandong sein.“

Herausforderungen auf Bessa Valley

Bessa Valley Reben

So ein bunter Reiseplan setzt allerdings voraus, dass man auch verlässliche Mitarbeiter vor Ort hat, wenn man mal wieder unterwegs ist. Ich frage Marc, ob es denn leicht sei, in Bulgarien Leute für das Weingut zu finden. „Naja“, sagt er, „wir haben gute Leute hier. Wir haben unser Managing Team selbst fortgebildet, auch den Exportmanager. Aber für die einfachen Arbeiten, gerade zur Erntezeit, kann es schon schwierig werden. Wir haben hier alle dasselbe Problem in der Gegend.“ Die Erntearbeiter würden lieber nach Griechenland gehen, nach Italien, sogar nach Spanien. Dort würden sie zwar teilweise unter sklavenähnlichen Bedingungen leben, aber die Löhne seien höher.

Es gäbe aber auch noch andere Herausforderungen, meint Marc. 2011 hätten sie beschlossen, dass sie auch Weißwein haben wollten und pflanzten 6 ha mit weißen Rhônesorten. „Aber dann hatten wir -28°C für zehn Tage im Februar. Katastrophal, wir verloren 90% des Weinbergs, zum Glück aber nicht die Wurzelstöcke.“ 2016 machten sie einen neuen Versuch, je 2 ha Marsanne, Roussanne und Viognier. „François Perrin von Beaucastel hatte mir gute Tipps gegeben, und ich war gerade letzte Woche bei ihm, um zu verstehen, was er da macht. Also ich glaube, der Weißwein wird sich hier ganz schön entwickeln.“

Im Fasskeller

Bessa Valley Keller

Wir sind inzwischen im Fasskeller angekommen. Ich sehe, wie die Bessa Valley-Leute Proben aus einzelnen Barriques entnehmen und in numerierte Flaschen füllen. Ich frage Marc, was da passiert. „Die füllen Fassproben ab, 42 Stück aus 42 Fässern,“ sagt er. „Wir müssen nämlich heute festlegen, was in unsere Spitzenweine kommt. Hast du vielleicht Lust, dabei mitzumachen?“ Und ob ich das habe!

Mithelfen bei der Spitzencuvée

Bessa Valley Barrel Samples

Vier Rebsorten stehen zur Auswahl: Merlot, Cabernet Sauvignon, Petit Verdot und Syrah. Wir schlürfen und spucken und schreiben. Erst bewerten wir die einzelnen Samples, und dann erkundigt sich Marc, was das gewesen sei. Vor allem auch nach den unterschiedlichen Fässern, denn die Barriquehersteller haben ja alle eine eigene Note.

Für mich persönlich wird schnell klar, dass Merlot die Sorte mit der geringsten Spannung ist. Nicht weiter verwunderlich allerdings. Der Cabernet Sauvignon ist wirklich gelungen und sortentypisch. Wirkliche Highlights sind aber Petit Verdot und vor allem Syrah. Der Syrah-Flight hat so viel nordrhôneartige Kernigkeit, da könnte man eigentlich mehrere reinsortige Weine abfüllen.

Einen reinsortigen Syrah machen wir ja auch“, meint Marc, „aber wir müssen natürlich auch aufpassen, dass wir jetzt nicht zu viel Syrah für den rebsortenreinen Wein nehmen und dann zu wenig für die Grande Cuvée übrig haben. In der sollten nämlich alle vier Rebsorten drin sein, möglichst harmonisch abgestimmt.“ Ich finde es interessant, dass wir uns bei den charakterlichen Bewertungen der Samples eigentlich immer einig sind. Nur würde ich eher die strengeren, im Aroma etwas nördlicheren Partien für den Spitzenwein nehmen, während Marc die geschmeidigeren, ausgereifteren bevorzugt. Allerdings kennt Marc Reben und Kundschaft weitaus besser als ich; gut also, dass nicht ich als Nordeuropäer die Auswahl treffen muss. Aber ohnehin habe ich keinen Zweifel daran, dass sowohl Syrah als auch Grande Cuvée aus dem Jahrgang 2017 ausgezeichnet sein werden. Da hat das Team vor Ort wirklich gute Arbeit geleistet.

Wie kann man das Image verbessern?

Wohin die Weine denn exportiert werden, möchte ich noch wissen. 350.000 Flaschen seien ja eine ganz schöne Ansage. Das sind 60% des gesamten Weins. „Rate mal, was unser größter Markt ist, darauf kommst du nie“, fragt Marc zurück, „also nach Bulgarien natürlich“. Keine Ahnung, meine ich, etwa Deutschland? „Das war mal der zweitwichtigste Markt, aber da geht es ein bisschen zurück. Nein, die Nummer eins ist Japan. 80.000 Flaschen im Jahr, und keine einzige davon landet im Supermarkt!“ Das ist in der Tat erstaunlich. „Ich bin jedes Jahr dort“, sagt Marc, „und dann fahre ich von Kunde zu Kunde zu Kunde. Das hilft natürlich auch, persönliche Betreuung.“

Und was hilft noch? Ich meine, wie können bulgarische Weine ihr Image verbessern? „Ich kann da nur über uns sprechen“, meint Marc. „Als wir 2008 mit dem Export angefangen haben, war das Image schlecht, sehr schlecht. Die Leute haben gefragt, wo zur Hölle seid ihr da, warum sollte ich bloß was davon kaufen? Da habe ich einfach gesagt, bitte, probiere den Wein. Und dann hat es funktioniert. Das geht nur über Qualität und über Probieren. Wenn die Qualität nicht da ist, bringen Imagekampagnen auch nichts.“

Aber hätten sie denn seitdem gar nichts verändert, ausschließlich Leute probieren lassen? „Nein“, meint Marc, „wir haben da schon etwas getan, die Erfahrung wächst jedes Jahr. Aber wir haben auch die Ausstattung überarbeitet.“ Er zeigt mir eine alte Flasche, auf der praktisch nur das Neipperg-Wappen zu sehen ist. Mittlerweile ist das Wappen viel kleiner geworden, und es steht „Domaine Bessa Valley“ und „Enira“ auf den Flaschen. Zeichen eines gewachsenen Selbstbewusstseins als Marke.

Eine Runde über das Terroir

Neuanpflanzung

Während ein Kollege von Marc eingetroffen ist und die beiden beim Auswählen der Samples weitermachen, drehe ich noch eine längere Runde durch die Weinberge. Spärlich bewachsene Hügel begrenzen das Tal, und nicht weit entfernt steigt das Gebirge empor.

Ich stehe vor einem Stapel an Holzstickeln und Rebstöcken, die offenbar gerodet worden sind. Marc hatte mir vorher gesagt, dass sie ein paar Hektar hätten roden müssen, weil sie die Rebstöcke an einer für sie ungeeigneten Stelle gepflanzt hätten. „Das Terroir hier ist ungemein komplex, das mussten wir erst richtig kennenlernen“, sagt er. Der Syrah von weiter oben würde ganz anders reifen und schmecken als der von der Straße unten.

Abschied im Gewitter

Bessa Valley Bulgarien

Zur kommunistischen Zeit seien alle Reben in den Hügellagen gerodet worden, obwohl das mit Abstand die besten Terroirs seien. Aber man hätte darauf nicht die intensive Weinwirtschaft machen können wie in der Ebene. „Als wir hier oben 2001 Reben gepflanzt haben und der frühere Bürgermeister von Ognyanovo sah, was auf seinem Gemeindegebiet passiert, da fing er an zu weinen vor Freude. Ich erinnere mich noch sehr genau, das hat mich auch tief berührt damals“, erzählt Marc.

Mittlerweile ist die Sonne hinter den Wolken verschwunden, und das angekündigte Gewitter brubbelt über den Bergen. Kein Geräusch der Zivilisation ist zu hören, die Straße weit entfernt, die Arbeiter in der Mittagspause.

Als ich nach Bulgarien geflogen war, wusste ich ehrlich gesagt nicht genau, was mich erwarten würde. Würde es kompliziert werden, gar unangenehm bisweilen? Könnte ich einfach so ohne Navi mit einem Mietwagen durch die Gegend fahren? Jetzt bin ich wirklich froh, dass ich es so gemacht habe, auf eigene Faust. Ohne Pressekollegen, Rundumbetreuung und kleine Zeitfenster. Eine Stunde lang durch die Weinberge von Bessa Valley streifen, schauen, Fotos machen – das wäre da sicherlich nicht drin gewesen.

Es beginnt zu tröpfeln. Dann zu schütten. Ich setze mich ins Auto und fahre zurück nach Plovdiv. Die Weine von Bessa Valley kann ich leider nicht mitnehmen, mein Koffer ist bereits voll. Aber die werde ich sicher auch bei den Neippergs in Württemberg bekommen können…

Die Weine von Bessa Valley

Bessa Valley Enira

So ist es. Zu Hause in Nürnberg probiere ich also den Petit Enira, den Enira (beide von 2015) und die Enira Reserva von 2014.

Petit Enira

Der Petit Enira besteht aus 60% Merlot, 20% Syrah, 17% Petit Verdot und 3% Cabernet Sauvignon und kostet 9,80 €. Er wurde ein Jahr lang in gebrauchter französischer Eiche ausgebaut, jeweils zur Hälfte zwei und drei Jahre alte Fässer. Die Ernte in jenem Jahr begann am 19. September mit den ersten Merlot-Partien und endete am 4. November mit dem Cabernet Sauvignon. Geschmacklich haben wir hier einen zugänglichen Wein vor uns. Viel Herzkirsche, rote Pflaume, rote Johannisbeere, also deutlich eher auf der rotfruchtigen als auf der schwarzfruchtigen Seite. Säure und Pikanz sind gut, der Körper höchstens mittel, die 14 vol% sehr gut versteckt. Ein gut gemachter, frischer Wein, für den Preis absolut gelungen.

Enira

Beim Enira wurden die Rebsortenanteile leicht verändert. Er besteht aus 52% Merlot, 26% Syrah, 14% Petit Verdot und 8% Cabernet Sauvignon, ebenfalls ein Jahr lang in französischer Eiche ausgebaut, aber in durchschnittlich jüngeren Fässern. 11,80 € kostet er, also keine allzu große Steigerung gegenüber dem Petit Enira. Dafür sind die geschmacklichen Unterschiede überraschend deutlich spürbar. Der Wein ist wesentlich voller im Körper und geht auch viel stärker in die dunkelpflaumige Richtung. Spontan denke ich an Übersee, Kalifornien, Australien, sehr reif und dicht. Wenn ihr mich persönlich fragt, mag ich vom Stil her den Petit Enira tatsächlich lieber, aber das ist selbstverständlich eine total subjektive Sache.

Enira Reserva

Die Enira Reserva hat dem Namen entsprechend längere Zeit im Holz zugebracht, 18 Monate insgesamt, und auch in 40% neuen Barriques, 20,80 € der Preis. Der zweite Unterschied ist die Komposition, die hier 39% Syrah, 36% Merlot, 22% Petit Verdot und 3% Cabernet Sauvignon heißt. Stärker also in Richtung Syrah und Petit Verdot, die meiner bescheidenen Meinung nach in Bessa Valley am besten gedeihen. Und es handelt sich auch um einen anderen Jahrgang, einen etwas kühleren vielleicht, denn mit 13,5 vol% liegt der Alkoholgehalt unter demjenigen der beiden „kleineren“ Weine. Der Wein ist spürbar strenger, enger, mehr Tannin, präsente Säure, schwarze Johannisbeere, auch lederige Syrahnoten. Daneben gibt es Gewürze wie Nelke und Muskatnuss. Das ist ein Wein, der schon deutlich stärker in die Richtung geht, die ich aus den Fässern probiert habe. Weniger spontan ansprechend, aber ganz sicher nicht schlechter.

Trotzdem muss ich zugeben, dass das, was ich für die Grande Cuvée und den Solo-Syrah probiert habe, doch noch ein Stück darüber liegt. Das ist natürlich auch kein Wunder, denn bei den beiden befinden wir uns preislich bei genau 36,80 €. Mein ganz persönlicher Tipp lautet also: Macht keine halblangen Sachen und holt euch die teuren Dinger. Der Syrah ist Bulgarien auf einer anderen Ebene. Und das tut dem Land unendlich gut.

Hier noch einmal die Links zu meinen bisherigen Artikeln der Bulgarienreise:

Dieser Beitrag wurde unter Unterwegs, Wein abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.