Bulgarien – Wandern im Nationalpark Zentralbalkan

Bulgarien Nationalpark Zentralbalkan

„Wandern im Nationalpark Zentralbalkan ist genauso, wie man sich das vom Namen her vorstellt: Bären und Wölfe sogar tagsüber, Wegelagerer mit Schießgewehren, traumatische Urlaubserlebnisse garantiert. MfG, Relotius.“ Weil ausgedachte Zitate aber irgendwie keine geeignete Orientierungsmöglichkeit bieten, habe ich mir überlegt, die Sache doch lieber selbst auszuprobieren. Also Wasserflasche, Cookies und Fotoapparat in den Rucksack gepackt – und auf zum Nationalpark Zentralbalkan!

Karlowo Bulgarien Zentralbalkan

Der Nationalpark Zentralbalkan liegt mitten in Bulgarien, gut 50 km nördlich von Plovdiv, meinem derzeitigen Standort. Mit seiner Fläche von 720 km² befindet er sich ungefähr zwischen Bodensee und Rügen, um mal aus dem hiesigen Umfeld bekannte Größenvergleiche anzubringen. Der höchste Berg ist der Botev mit 2.376 m, was also bereits alpinen Verhältnissen entspricht. Vor allem diese Höhenlage hatte es mir angetan. Nachdem für Plovdiv nämlich 34 Grad angekündigt waren (bei Zagreus, wie mir Dimitar Kostadinov am nächsten Tag sagte, waren es sogar 37 Grad), hatte ich das dringende Bedürfnis nach kühlerer Höhenluft.

Rosen im Rosental

Rosen Wein Chateau Copsa Bulgarien

Südlich des Gebirgsmassivs befindet sich das Rosental. Seit mittlerweile über 250 Jahren ist das Rosental das weltweit mit Abstand bedeutendste Gebiet für die Gewinnung von Rosenöl. Die Blütezeit der Rosen dauert allerdings nur von Mitte Mai bis Anfang Juni. Dann werden die Blütenblätter geerntet und weiterverarbeitet, oft verbunden mit auch touristisch interessanten Volksfesten. Jetzt im Juli sind die ganzen Rosenfelder zwar schön grün, aber geblüht hat dort keine einzige Rose. Das Exemplar auf dem Foto oben habe ich beim Weingut Château Copsa gefunden. Wein wird in der Gegend nämlich auch angebaut, wenn auch in deutlich geringerem Maße als beispielsweise im Süden von Plovdiv.

Rosental Bulgarien

Wie ihr auf der Wiki-Karte schon erahnen könnt, gibt es genau eine sehr bequeme Möglichkeit, schnell den Nationalpark Zentralbalkan zu erreichen. Dafür biegt man im Rosental im Ort Karnare auf die Nationalstraße 35 und fährt einfach hoch zum Beklemeto-Pass. Genau diese Straße benutzten auch schon die Römer als Via Traiana. Falls euch diese Bezeichnung bekannt vorkommen sollte, es gibt mehrere Straßen mit diesem Namen, die eben alle zur Zeit Kaiser Trajans errichtet wurden. Auf halber Höhe von einer der zahlreichen Parkbuchten aus blicke ich hinunter ins obere Rosental und denke mir, dass ich mit diesem Ausflug eine sehr gute Entscheidung getroffen habe.

Auf dem Beklemeto-Pass

Wandern Bulgarien Beklemeto

Nun ist allerdings Sonntag, hundsheißer Sonntag noch dazu, ich sagte es bereits. Das bedeutet, dass es vielen Bulgaren ganz ähnlich geht wie mir, sie also voller Freude in kühle Höhen fahren. Oben auf dem Pass in 1.500 Metern Höhe sind jetzt um kurz vor 10 Uhr vormittags fast alle Parkplätze belegt. Im großen Trek wird dann westlich und östlich des Passes gewandert. Natürlich kann ich diese Anwandlung nachvollziehen, denn oberhalb der Baumgrenze hat man selbst bei etwas dunstigerem Wetter wie heute einen permanenten Panoramablick. Zudem wird dieser Teil des Nationalparks von einem wiesigen Höhenrücken geprägt, was bedeutet, dass es kaum große Höhenunterschiede gibt. Alles also perfekt auch für Kinder geeignet – vorausgesetzt, sie sind mit gutem Sonnenschutz eingecremt.

Bulgarien Nationalpark Zentralbalkan

Mir ist das aber zu viel Auftrieb, und so fahre ich in nördlicher Richtung wieder ein bisschen vom Pass hinunter bis zur Villa Montemno. Dort wartet zwar ein Schattenplatz für das Auto, aber ehrlich gesagt hatte ich auch auf eine entsprechende Restauration gehofft. Aber nichts da, geschlossen. Diese Gegend scheint primär im Winter zur Skisaison belebt zu sein. Jetzt im Sommer hätte ich wahrscheinlich noch weiter bis zum Hotel Panorama fahren müssen für eine herzhafte Suppe. Dafür habe ich es ab jetzt herrlich einsam auf den Wegen, und der Blick ins waldreiche Umland lässt sich wahrlich sehen.

Pflanzen und Tiere am Wegesrand

Lycaena candens Schmetterling

Der Nationalpark Zentralbalkan ist vor allem für seinen Reichtum an Flora und Fauna bekannt. Von der offiziellen Tourismusseite schreibe ich ab, dass es hier insgesamt 2.340 Pflanzenarten geben soll. Man kann auch geführte Wanderungen buchen, um sich die besten Aussichten und die bekanntesten Heilpflanzen zeigen zu lassen. Ich bin aber ehrlich gesagt sehr gern allein unterwegs, weil ich dann Richtung und Tempo ganz nach Gutdünken bestimmen kann. Oben auf dem Foto seht ihr einen Balkan-Feuerfalter (Lycaena candens). Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich in einer Gruppe nicht die Möglichkeit gehabt hätte, einfach zwei Minuten hier herumzustehen und zu warten, bis sich der Schmetterling doch mal bequemt, auf einer Blüte zu landen.

Walderbeere

Für mich sind das alles nur kleine Leckerchen am Wegesrand – ich spreche von den Walderbeeren und Heidelbeeren, die hier am Rand zwischen Wald- und Wiesenzone reichlich wachsen. Für die Einheimischen haben diese Früchte jedoch noch eine ganz andere Bedeutung. Irgendwie war ich fast dem Eindruck erlegen, hier in den steirischen Waldalpen unterwegs zu sein. Aber dann kommen mir leicht wild aussehende, von der Arbeit im Freien braun gebrannte Frauen und Männer entgegen, die mich freundlich grüßen. In großen Eimern schleppen sie die Heidelbeeren kilometerweit bis zur Bushaltestelle an der Straße, denn mit den Früchten bestreiten sie ihren Lebensunterhalt. Und der Imker, der im ausrangierten Wohnwagen mitten unter seinen Bienen wohnt, lebt ebenfalls vom Wald.

Zentralbalkan-Highlights

Bulgarien Nationalpark Zentralbalkan

Während ich in den Bereichen des Nationalparks unterwegs war, die man wahrscheinlich als relativ unspektakulär bezeichnen würde (vielleicht habe ich einfach ein gewisses Faible dafür), gibt es andere Stellen im Zentralbalkan, die auf den ersten Blick stärker beindrucken. Beispiele dafür sind der Wasserfall Raisko Praskalo am südlichen Hang des Botev, der Kammweg von Gipfel zu Gipfel, der von zahlreichen Berghütten gesäumt wird, oder auch der „Ökopfad Bjala Reka“, eine mit Holzbrücken und Treppen erschlossene Schlucht. Allerdings erreicht man all diese Sehenswürdigkeiten ausschließlich per Pedes über den Südhang des Gebirges. Im Mai oder Oktober ist das sicherlich kein Nachteil, sondern es erhöht das Vergnügen des langsamen Ankommens sogar. Heute genieße ich es allerdings, nicht erst durch die Hitze emporsteigen zu müssen.

Störche Bulgarien

Was mich bei meinem Bulgarien-Besuch als bislang Uneingeweihter ein bisschen überrascht hat, das ist die durchaus üppige Natur auch jetzt im Hochsommer. Während es überall in Richtung Mittelmeer schon wieder gelb und trocken zu werden beginnt, blühen hier überall die Wildblumen, stehen die Laubbäume in voller Pracht – und finden offenbar auch die vielen Störche genügend Nahrung.

Zurück in Plovdiv

Plovdiv Bulgarien

90 Minuten brauche ich ungefähr, bis ich wieder in der diesjährigen europäischen Kulturhauptstadt bin. Die schlimmste Hitze habe ich überstanden. Und so kann ich den Tag schön ausklingen lassen mit einem Blick vom Nebet Tepe über die (natürlich) sieben Hügel der Stadt, bevor ich mich dann in einem der zahlreichen Straßencafés des Stadtviertels Kapana niederlasse. Für einen Wein bin ich heute zu durstig, aber dieser Materie werde ich mich ab morgen wieder widmen können.

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Ein Kommentar zu Bulgarien – Wandern im Nationalpark Zentralbalkan

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