Sofia – Kleiner Rundgang durch die bulgarische Hauptstadt

Sofia Street Art

Dass Sofia eine enorm unterschätzte Stadt ist, weiß ich bereits von unserer Freundin Annika, die schon oft von der interessanten Barszene berichtet hatte. Nun bin ich ja selbst nicht die allergrößte Nachteule, aber wo es gute Bars gibt, sollte es doch auch tagsüber nicht langweilig sein. Tatsächlich sind mir bei meinem „kleinen“ Rundgang durch die Stadt (zwölf Kilometer in Zehensandalen – nur bedingt empfehlenswert…) etliche Dinge aufgefallen, die ich euch nicht vorenthalten möchte. Natürlich geht es um Essen und um Wein, aber auch um allgemeine Beobachtungen eines neugierigen Stadtgängers.

Der äußere Blick auf die Stadt

Sofia Zeitzeugen

Im Grunde genommen hatte ich mir Sofia in etwa so vorgestellt wie auf diesem Foto. Goldene Kuppeln der Orthodoxie, Stuck und Stein aus der k.u.k.-Zeit, und dazwischen manchmal interessante, manchmal kuriose Überbleibsel aus der sozialistischen Periode. Und ja, all das trifft auch auf Sofia zu. Nur kommen noch zwei weitere Epochen dazu, eine ganz alte und eine ganz neue.

Sofia St.-Georgs-Kirche

Zunächst die alte Version: Sofia ist sogar eine uralte Stadt, um es einmal präzise auszudrücken. Seit 7.000 Jahren siedeln Menschen hier, und unterschiedlichste Völker gaben sich die Türklinke in die Hand (oder oft genug eher das Schwert). Das erklärt vielleicht auch, weshalb zwei U-Bahn-Linien ähnlich wie in Athen besser das Ende der Fahnenstange darstellen. Wer hier gräbt, findet zwangsläufig etwas. Auf dem Foto seht ihr die Rotunde des Heiligen Georg, eine frühchristliche Kirche.

Als ich gegen halb zwölf vormittags in der Innenstadt zwischen all den Ministerien unterwegs war, stiegen aus den Kellern der riesigen Gebäude übrigens überall würzige Düfte auf: das Reich der Kantinenküchen.

Sofia Graffiti

Nun die neue Version: Wer allergisch auf Graffitis reagiert, ist in Sofia nicht so gut aufgehoben. Aber wer Motive für seine Fotosammlung „Urban Lifestyle“ sucht, findet hier mehr als genug. Street Art an allen Ecken und Enden. Besonders beeindruckend fand ich die Kreativität bei der Gestaltung der Gehweg-Pflastersteine. Alle paar Meter gibt es neue Muster. Ein Beispiel dafür könnt ihr auf dem Titelfoto sehen: ein Gecko-Pflaster, das vom Tor wieder aufgenommen wird. Ein bisschen erinnert so etwas natürlich an das Berlin der 1990er. Aber das stand ja auch irgendwie für Aufbruch, wenn ich mich nicht täusche.

Parks und Wasser

Sofia Schatten und Parks

Für den gemeinen Stadtwanderer ist Sofia eine ausgesprochen angenehme Stadt. Möglicherweise auch für ihre Bewohner. Überall nämlich gibt es weitläufige Parkanlagen mit schattigen Bänken unter hohen Bäumen. Selbst auf dem Einkaufsboulevard Vitosha stehen mehr als genug dieser Bänke zum Verweilen. Hier im Stadtgarten sorgt das Wasserspiel zusätzlich noch für Kühlung – wunderbar bei diesen Sommertemperaturen.

Wie bei allen weitläufigen und baumreichen Städten, würde ich den Besuch Sofias übrigens explizit im Sommerhalbjahr empfehlen. Ich kann mir vorstellen, dass im Winter durchaus der kalte Wind um die Ecken pfeift. Und kahle Bäume sehen auch bei weitem nicht so schmuck aus wie grün belaubte.

Sofia Straßenreinigung

Sofia ist eine erstaunlich saubere Stadt. Wie so etwas funktioniert, bekam ich gestern westlich der Innenstadt mit: Da werden die Straßen erst einmal durch die Polizei kurzzeitig gesperrt. Dann fahren etliche Wasserwagen mit einem jeweils etwa vierköpfigen Putztrupp durch die gesperrten Straßen. Zehn Minuten später geht es woanders weiter.

Märkte

Sofia Markthalle

Die große alte Zeit der Märkte ist vorbei, und die neue Zeit der Märkte beschränkt sich in der modernen Welt oft auf urban-hippe Exemplare. Bis auf solche Länder wie Frankreich und Italien natürlich, bei denen die Marktkultur zum verinnerlichten nationalen Erbe gehört. Die einstmals wunderschöne und mit viel Leben gefüllte historische Markthalle von Sofia ist zum Glück weiterhin wunderschön. Aber so richtig viel los ist hier nicht mehr. Am ehesten werden noch die Marktcafés in der Mitte angenommen. Ansonsten gibt es ein Sammelsurium an Ständen, viel Abgepacktes, wenig Frisches, auch Klamotten oder Apotheke. Ein paar alte Stammkunden kommen trotzdem.

Sofia Zhenski Pazar Kirschen

Deutlich mehr los ist dafür im Zhenski Pazar, einstmals eine etwas wilde Angelegenheit nordwestlich der Markthalle. Man darf sich dabei nicht von den etwas zu schmuck (sprich: leicht seelenlos) konstruierten Neuständen am Eingang abschrecken lassen. Weiter in Richtung Norden gibt es immer noch reichlich Stände mit hauptsächlich Obst und Gemüse. Viele Kräuter werden angeboten, verschiedenste Formen von Paprika, Tomaten – und zu dieser Zeit Kirschen. Die gelben Kirschen auf dem Foto kenne ich noch aus dem Garten meiner Großeltern. Spannend war es dort immer für mich als Kind, wenngleich auch ein bisschen unheimlich. Viele dunkle Ecken, Ameisen, Spinnen und knorzige Bäume, deren Früchte oft in Gläser eingemacht oder zu Süßmost verarbeitet wurden.

Nussladen

Eine große oder vielmehr riesengroße Vorliebe besitzen die Bulgaren (und meiner Beobachtung nach vor allem die Bulgarinnen) für alle Formen von Nüssen. Bei diesem Stand auf dem Zhenski Pazar spricht eine Kundin gerade mit der Verkäuferin, die nur aus einer kleinen Luke herausschaut. Der Nuss-Platzhirsch in Sofia heißt übrigens Rois, und ihr werdet bei einem Stadtrundgang garantiert an einem der Rois-Läden vorbeikommen. Ich habe mich dort unter anderem mit gerösteten und ganz fein mit Salz-Tempura eingehüllten Aprikosenkernen eingedeckt. Die Blausäure ist – anders als bei den rohen Kernen – dabei kein Problem mehr.

New Food in Town

Sofia HleBar

Die Marktgeschichten sind – so realistisch muss man sein – auch in Sofia eher etwas für Leute mit Zeit (und oft auch wenig Geld). Jüngere Leute wollen schnell in der Mittagspause einen Happen essen oder aber nach Feierabend etwas Vorbereitetes mit nach Hause nehmen. Auf dieser Schnittstelle befindet sich die HleBar. Hleb heißt Brot (da wenigstens halfen mir meine miserablen Russisch-Überbleibsel mal weiter), und genau das gibt es hier. Frisch gebacken, in allerlei Teig- und Zubereitungsformen, und wirklich stylish aufgemacht.

Sofia Divaka Fische

Mein Mittagessen habe ich bei Divaka eingenommen – das hatte ich ja schon auf Instagram gepostet. Auf die Idee mit dem Lokal hat mich übrigens, ja, so etwas gibt es tatsächlich, der ungemein freundliche Mitarbeiter bei der Tourist-Info gebracht. Er hat mir einfach einen Ort empfohlen, in den er selbst gern mit Freunden geht, um ein Bier zu trinken. Dementsprechend gibt es bei Divaka in der Einrichtung keinerlei Folklore-Kitsch, dafür aber echte bulgarische Küche auf dem Teller. Hier seht ihr den „Fang des Tages“ auf dem Teller: frittierte Black Sea Shads, bekannt unter dem lateinischen Namen Alosa maeotica, eine deutsche Bezeichnung gibt es nicht.

Sofia Skaptoburger

Und hier habe ich mein Abendessen abgeholt. Skaptoburger ist ein Burger Joint, der abends auch schon mal voll werden kann – aber eben nicht um 17 Uhr. Bei Skapto gibt es eine Reihe ziemlich großer Burger, darunter auch einen vegetarischen mit Halloumi-Käse. Wer dazu ein bulgarisches Bier haben möchte, bekommt ausschließlich Craft Beers. Und um die ganze Sache rund zu machen, der Slogan von Skaptoburger heißt „Beers, Burgers & Buddies“. Ein Jungsding, natürlich. Aber ein sehr sympathisches. Wie ich überhaupt sagen muss, dass die Sofioterinnen und Sofioter alle wahnsinnig nett sind. Ich habe ohne Übertreibung bislang ausschließlich mit wirklich freundlichen Menschen zu tun gehabt. Gut, für eine statistisch signifikante Aussage fehlt mir noch etwas die Erhebungsbreite, aber so etwas macht den Aufenthalt wirklich unkompliziert.

Sofia Restaurant Cosmos

Ein Sterne-Restaurant gibt es nicht in Sofia. Trotzdem gibt es Orte, an denen eine interessante und kreative Küche gereicht wird. Wie im Cosmos. Ich muss zugeben, dass ich aus Kapazitätsgründen hier bislang nicht gegessen habe, aber andere haben es. Zeitgenössisch Bulgarisch mit einem Twist.

Wein in Sofia

Sofia Enjoywine

Wein ist natürlich der Schwerpunkt meiner Bulgarienreise, wen würde es wundern. Und es geht um bulgarischen Wein, klar, denn für einen Mosel-Riesling brauche ich nicht nach Sofia zu fliegen. Was ich in Sofia alles gekauft und später probiert habe, werde ich auf dem Blog noch gesondert behandeln. Ich werde ja auch noch Weingüter besuchen. In Sofia selbst ist das nicht so gut möglich, denn um die Stadt herum befindet sich kein wirkliches Weingut. Auch wenn ich in Caroline Gilbys „The Wines of Bulgaria, Romania and Moldova“ gelesen habe, dass vor 100 Jahren nicht weniger als 55% aller bulgarischen Haushalte ihren eigenen Wein herstellten.

Dafür gibt es in Sofia aber die besten Weinshops des Landes. Bei Enjoywine war ich gleich zweimal, und diese Rückkehr hatte einen Grund. Es gibt hier nämlich eine riesige Auswahl ausschließlich bulgarischer Weine. Zudem habe ich mich sehr interessant mit dem kenntnisreichen Verkäufer unterhalten. Wer vor einem Besuch noch glaubte, bulgarischer Wein würde sich ausschließlich in den unteren Bereichen der Supermarktregale tummeln, wird hier mit den Ohren schlackern. Weiß, Rot, Rosé, Orange, Schaumwein, autochthone Rebsorten, unfiltriert, bio, ohne Schwefel, alles da.

Sofia Wine & Co

Nicht ausschließlich (aber auch) bulgarische Gewächse gibt es bei Wine and Co., das nur zufällig so ähnlich heißt wie manch anderer Weinladen auch. Das Sortiment ist nämlich alles andere als gewöhnlich. Wer in Sofia lebt, weiß sicher durchaus zu schätzen, dass es hier Sachen wie den weißen Château Musar oder die ganze Ridge-Reihe gibt.

Sofia Vino Orenda

Während sich die ersten beiden Läden im angesagten südöstlichen Zentrum der Stadt befinden, musste ich für diesen Laden ein bisschen weiter nach Westen gehen. Dafür hat Vino Orenda immer mal besondere Weine kleiner Projekte auf Lager.

Sofia Grape Central

Und schließlich kann ich noch diesen Ort empfehlen, das Grape Central. Hier gibt es die bulgarischen Weine glas- und flaschenweise zu probieren, nebst dazu passenden Speisen.

Vorläufiger Abschied

Gewitterwolke Sofia

Zwei Tage war ich nur in Sofia, und trotzdem habe ich enorm viel gesehen. Als ich abends auf meiner Dachterrasse saß (ja, es gibt viele nette Unterkünfte) und die prachtvolle Gewitterwolke beobachtete, dachte ich, wie schade, dass ich schon wieder weg muss. Sofia hat sich mir von einer äußerst angenehmen Seite präsentiert.

Natürlich ist mir bewusst, dass gerade die Innenstadt von Sofia nur ein Teil der bulgarischen Realität ist. Die vielen aufgeschlossenen jungen Leute in der Tsar Shishman-Straße sind eben genau hier zusammengekommen – und fehlen dann vielleicht in anderen Landesteilen. Für den Besucher Sofias hat das allerdings nur Vorteile. Tatsächlich hat mich schon ein bisschen überrascht, wie smooth alles gelaufen ist, obwohl ich ja zum ersten Mal hier war und kein Wort Bulgarisch spreche. Wie es außerhalb der Hauptstadt läuft, davon werde ich in den nächsten Tagen noch ein paar Eindrücke sammeln können.

Was Sofia anbelangt, drängt sich mir jedenfalls der Verdacht auf, dass dieser Abschied von der Stadt nur ein vorläufiger sein könnte. Hier bin ich sicher nicht zum letzten Mal gewesen.

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