Natürlicher Dienstag #3 – Kosovec Škrlet Selekcija

Natürlicher Dienstag Kosovec Skrlet

Erst die dritte Folge des Natürlichen Dienstags, und schon gibt es einen Wein, den kaum jemand kennt. „Endlich“ werden die einen sagen, „leider“ die anderen. Aber für Letztere habe ich einen kleinen Trost parat: Es ist überhaupt nicht kompliziert, an diesen Wein heranzukommen – und auch nicht teuer. Weine aus Kroatien sind außerhalb des Landes selbst und einiger spezialisierter Händler kaum in den Regalen wichtiger Einkaufsstätten zu finden. Dafür gibt es auch einen Grund: Die meisten Winzer in Kroatien bewirtschaften nur sehr kleine Flächen, haben dementsprechend wenige Flaschen auf Lager und sind so für eine größere Distribution uninteressant. Zudem haben Weine und Rebsorten oft Namen, die für nicht-slawische Zungen ein wenig schwierig anmuten. Alles das ist hier auch der Fall.

Kosovec Škrlet Selekcija – Orange autochthon aus Kroatien

Es ist schon eine ganze Weile her, seit ich bei meinem Aufenthalt in Split versucht habe, mich durch den Dschungel autochthoner kroatischer Rebsorten zu schlagen. Ich fand, dass gerade die Weißweine teilweise richtig viel Potenzial offenbarten. Umso glücklicher war ich, dass ich in Fahrradnähe meiner Wohnung einen Laden gefunden habe, der eine sehr schöne Auswahl ausschließlich handwerklicher kroatischer Weine im Angebot hat. Dieser hier ist einer davon.

Ivan Kosovec ist Winzer in der Moslavina, einer mindestens seit Römerzeiten aktiven Weingegend südöstlich von Zagreb. Wir sind also nicht an der dalmatischen Küste, sondern im Binnenland, mithin einer Gegend, die man eben nicht aus dem Sommerurlaub kennt. Schon seit seiner Kindheit wollte Ivan immer etwas „mit der Natur“ machen, aber anders als die anderen. Nach seiner Weinbau-Ausbildung kaufte er deshalb etwa 30 Kilometer von seinem Heimatort entfernt ein halb aufgelassenes Stück Land.

In einem Interview mit einem kroatischen Magazin beschreibt Ivan seine Prinzipien: Er würde wie ein einfacher Landmann vorgehen, primitiv gar, mit so wenigen Interventionen wie möglich. 3 ha Reben besitzt Kosovec, und dort benutzt er weder künstlichen Dünger noch Herbizide, Insektizide oder Botrytizide, nur geringe Mengen Kupfer und Schwefel. Die Weine sind dementsprechend spontanvergoren, ungeschönt und unfiltriert, mit einer niedrigen SO2-Gabe. Obwohl er sogar biodynamische Methoden anwendet und sich vehement für naturschonende Praktiken einsetzt, ist Kosovec nicht bio-zertifiziert. Aber warum auch? Er besitzt ja noch nicht einmal eine Website, Papierkram sei ohnehin nicht sein Ding, und wer Wein bei ihm kaufe, der wisse ja, wofür er stehe. Das wissen offenbar auch angesagte Bars nicht nur in Zagreb, sondern sogar in New York, denn Ivan verkauft nicht wenig in die USA.

Wie schmeckt der Wein?

Aus seinem Škrlet macht Ivan Kosovec zwei verschiedene Weine. Die Rebsorte ist übrigens alt, autochthon und wird nur noch auf etwa 60 ha angebaut. Der Name Škrlet leitet sich vom deutschen „Scharlach“ ab, denn die Beeren besitzen rötliche Punkte auf der Schale. Škrlet Nr. 1 ist ein frischer und relativ früh abgefüllter Wein. Škrlet Nr. 2 ist die Selekcija, also dieser hier. 20% für eine Woche auf der Maische gegorene Beeren sind dabei, es handelt sich also sozusagen um einen sanften Orange Wine. Und um einen, der sich sehr gut hält. Hier haben wir den Jahrgang 2011, und nein, dieser Weißwein ist wahrhaftig nicht zu alt.

Farblich sehe ich ein schön leuchtendes Gold. In der Nase dann durchaus fruchtig, viel gelber Apfel, Quitte, Orangenschale, ein paar Gewürznoten wie Ingwer und zerstoßene Senfkörner. Alles bleibt aber in diesem harmonischen, gelben Farbspektrum. Wow, denke ich beim ersten Schluck, das ist ja ein expressives Tröpfchen! Es gibt eine ziemlich stark präsente Säure, eine wunderbare Pikanz und Frische, ein fast scharfes Ingwergefühl, dazu aber gelbfleischige Pflaume und etwas Herbstliches, Strohblume, trockene Gräser vom Wegesrand. Der Alkohol steht bei 13,5 vol%, aber spontan hätte ich ihn wegen der Frische viel niedriger geschätzt. Ein bisschen denke ich (das hatte ich doch schon beim Zang-Silvaner…) an einen Chenin aus Vouvray, an einen sec tendre, der gleichzeitig kräftig und mild und pikant-expressiv ist. Ein sehr schöner, wirklich horizonterweiternder Wein ist das, der gut passt zu geräuchertem Käse, zu Gegrilltem wie Sardine oder Aubergine oder sogar zu leicht röstigem Fleisch.

Wo kann man ihn kaufen?

Kroatien Wein Grape Food Nürnberg

Weiter oben hatte ich ja schon von meiner Trouvaille des Monats geschrieben, einem Ort, den ich mit dem Fahrrad erreichen kann und der individuelle Weine anbietet. Das Grape Food im Nürnberger Stadtteil Gostenhof wird von Anne und Pero Škojo betrieben. Es ist ein großer, lichtdurchfluteter und leicht raw gestalteter Raum, in dem man Weine probieren und kaufen, aber auch an Veranstaltungen teilnehmen kann. Anne und Pero kennen alle ihre Winzer in Kroatien sehr gut, und irgendwie scheint mir das eine ideale Kombination zu sein: Es gibt wirklich einmalige, unbekannte, mit Umsicht hergestellte Weine aus Klein- und Kleinstproduktion, verbunden mit der Mission der Grapefoodies, die Welt (oder zumindest die erweiterte Nürnbergerschaft) an diesen Entdeckungen teilhaben zu lassen.

Eine Sache hatte ich noch vergessen zu erwähnen, und das ist der Preis für die beschriebene Flasche Wein: 9,90 € im Online-Shop. Ist okay, oder?!

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2 Kommentare zu Natürlicher Dienstag #3 – Kosovec Škrlet Selekcija

  1. Markus sagt:

    Ich bin nächste Woche zufällig in (Nord)Kroatien und werde mal die Augen in den örtlichen Weinläden offenhalten, ansonsten liest sich das so gut dass ich mal den Online-Shop hier bemühen werde. Top!

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