
Ihr habt ein ganzes Weilchen nichts von mir gehört. Das lag einfach daran, dass ich unterwegs war und busy. Unter anderem war ich bei zwei asiatischen Weinmessen, in Tokio, in Singapur und dann noch in Jakarta. Singapur kannte ich bislang noch überhaupt nicht, hatte aber schon viel über das Essen in den legendären Hawker Centern gehört. Welchen Eindruck hatte ich also von diesem vermögenden Stadtstaat in den Tropen? Und was habe ich dort gegessen? Nun, ihr werdet es herausfinden…
Wie hat Singapur das bloß geschafft?
Das Titelfoto oben zeigt eine Wohnanlage namens »Reflections at Keppel Bay«. Ein futuristischer Komplex wie aus einem Architektur-Prospekt, auf Land entstanden, das man dem Meer abgegraben hat. Mitten im Nirgendwo. Henry Keppel war ein britischer Kapitän, der hier im Jahr 1848 eine natürliche Tiefseebucht entdeckt hatte. Keppel heißt aber auch ein großer Mischkonzern in Singapur, der von seiner Werft aus in Richtung Banken, Immobilien und Energiewesen expandierte. All das ist für mich ungeheuer bezeichnend für das, was Singapur heute ausmacht. Handel, Weitblick und maximale Internationalität.

Die Natur ist üppig in Singapur. Es regnet statistisch gesehen jeden zweiten Tag und dreimal so viel wie in Deutschland. Die Temperaturen liegen rund ums Jahr zwischen 27°C nachts und 32°C tagsüber. 19°C war die kälteste jemals gemessene Temperatur, und mit durchgängig über 80% Luftfeuchtigkeit ist es ständig heiß und schwitzig. Mit anderen Worten: Gut fürs Grünzeug, aber grauenhaft, um einer produktiven Arbeit nachzugehen. Umso krasser erscheint es deshalb, dass Singapur kaufkraftbereinigt beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf weltweit hinter Liechtenstein auf Platz 2 liegt. Alles ohne eigene Ölvorkommen. Und bei der »menschlichen Entwicklung« gemäß Human Development Report der Vereinten Nationen steht Singapur einsam und allein als einzig tropenfeuchtes Land in den Top 50. Wie ist sowas möglich?

Singapurs Erfolgsfaktoren

Nun kam der Erfolg von Singapur nicht ganz über Nacht. Strategisch günstig gelegen, war dies schon länger ein bedeutender Handelsplatz. Ein Brite namens Raffles gründete 1819 hier einen Handelsposten, viel später also als im nicht weit entfernten Malakka, aber eben ohne nervige Konkurrenz durch Portugiesen und Niederländer. Ein entscheidender Schritt war, dass Singapur sich doppelt entkolonialisierte. Erst 1963 gemeinsam mit Malaysia, dann seit 1965 aber allein als Stadtstaat. Das heißt, man kann das »Hinterland« nutzen für die Rekrutierung von Arbeitskräften und macht sich insgesamt das Einkommengefälle zunutze. Und auf dem eigenen Territorium investierte bereits der erste Präsident Lee Kuan Yew massiv in Bildung, in Infrastruktur, in internationale Beziehungen, Hafen, Banken. Und politische Stabilität.

Was erst vergleichsweise spät aufgebaut wurde, war die Anziehung Singapurs für den internationalen Tourismus. Klassische Sehenswürdigkeiten wie historische Gebäude oder Sandstrände für Badeurlauber gibt es ja nicht. Aber wie beim (nicht vorhandenen) Öl kann man ja etwas selbst erschaffen. Gigantische Shopping Malls zum Beispiel, die luxuriös und klimatisiert sind. Und Shopping ist ja nicht nur in Asien eine der liebsten Freizeitbeschäftigungen. Dann kann man aber auch die unspektakulär flache Meeresfront aufpeppen mit schicken Gebäuden, Cafés und Selfie Spots. Den Merlion, den mir die KI ja als eines der Wahrzeichen hingemalt hatte, sah ich so also zum ersten Mal. Ebenso Marina Bay Sands.

Und dann kommt noch etwas dazu, als Ruf wie als innere Einstellung. Singapur ist sauber, geordnet, diszipliniert, sicher. »Stand-up Stacy« steht auf in der Metro, wenn Bedürftigere kommen. Radler fahren langsam in Fußgängernähe, geraucht werden darf nur an wenigen Orten, Drogenbesitz zieht drastische Strafen nach sich. Es ist ganz schwierig zu sagen und wäre es wert, längere Diskussionen zu führen, aber diese Konformität des Verhaltens in der Öffentlichkeit trägt einen großen Teil dazu bei, dass Singapur ist, wie es ist.
Das Fusion-Geheimnis von Singapur

Es gibt aber noch einen weiteren Erfolgsfaktor, der auf alte Weise in Singapur schon immer eine der Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Aufstieg war, der aber zukünftig auch als echte Soft Power zum Tragen kommt. Ich spreche von Vielfalt. Der Gedanke ist mir zentral gekommen, als ich beim Schüttregen mit dem Bus zur ProWine Singapore fuhr. Von der Weinmesse werdet ihr in diesem Artikel nichts lesen. Aber ein Ausflug in eine der anderen Messehallen sei erlaubt.

Dort fand nämlich die FHA Bakery Challenge 2026 statt. Ohnehin: eine riesige Foodmesse mit über 80.000 Fachbesucher:innen, Wein war da nur ein kleiner Teil. Bei dieser Challenge jedenfalls, die internationale Trends vorgibt, traten Nationalteams gegeneinander an. Das Team aus Singapur hatte dabei beispielsweise diese beiden Kreationen am Start: »Rose Yam Mochi Bun« und »Yuzu Pistachio Danish«. Soll heißen, eine wild anmutende Vermischung kultureller Einflüsse. Sowas nennt man Fusion, und im kulinarischen Bereich wird das schlicht immer stärker. Manches langt nur für einen Hype, anderes setzt hingegen Trends.
Singapur kommt das alles ungeheuer entgegen, denn allein die Zusammensetzung der Bevölkerung spiegelt diese Vielfalt wider. Wir befinden uns hier ja am Zipfel der malayischen Halbinsel. Dennoch stammt der größte Teil der Singapurer ursprünglich aus China. Dazu kommen Malayen, Inder (mit einer ganz eigenen Zuwanderungsgeschichte) und eine bunte Rest-Zusammensetzung, wie das in Hauptstädten und Handelszentren so üblich ist. Aus Chinesen und Malayen entwickelte sich grob gesagt eine ganz eigenständige Kultur, die entsprechend vielfältige Einflüsse in sich trägt. Im Kulinarischen spricht man dabei von der Peranakan– oder Nonya-Küche. Vieles, was ihr in den Hawker Centern essen könnt, ist genau das. Und damit komme ich endlich zu meinen Esserlebnissen in Singapur.
Deshalb kommt man nach Singapur: Hawker Center

Als ich 2011 das erste Mal in Bangkok war, hatte ich mir ein kleines Büchlein gekauft mit dem Titel »Hawker Centers in Singapore« oder so ähnlich. Dabei fand ich den Begriff »Hawker« sehr merkwürdig, denn im Schulenglisch kam das nicht vor. Witzigerweise stammt das Wort aus dem (Platt)Deutschen, nämlich als »Hökern« und schwappte dann im 15. Jahrhundert über den Kanal nach England. Seitdem sind Hawker als Straßenhändler bekannt, speziell in Singapur also Streetfood. Da Singapur aber sauber und geordnet ist, stehen nicht überall diese Straßenhändler herum, sondern es wurden überdachte Orte eingerichtet, an denen sich die Hawker fest installiert sammeln. Momentan gibt es nicht weniger als 121 Hawker Center in Singapur, und 2027 sollen noch welche errichtet werden.
Lontong in Adam Road

Mein erstes Hawker Center ist das Adam Road Food Centre (Link geht zu Google Maps). Falls sich jemand über die Verwendung von »Center« und »Centre« wundert: Letzteres ist die britische Schreibweise, die offiziell in Singapur gilt, Ersteres die amerikanische Schreibweise, die sich international durchgesetzt hat. Adam Road liegt ein Stück außerhalb der City, aber in unmittelbarer Nähe des Eingangs zum Botanischen Garten. Der Park ist UNESCO-Weltkulturerbe, dürfte also bei vielen Touristen auf der Liste stehen. Ganz im Gegensatz zum Food Centre, denn das gilt als ein bisschen unterschätzt. Man sieht es nämlich weder von der Metrostation noch vom Park aus. Bei meinem Besuch um 10 Uhr vormittags war es dennoch mit Einheimischen gut gefüllt, die Stände belebt.

Ich nehme mir »Siti Murliyama Nasi Lemak« vor, einen Halal-Stand, der ab nachmittags eine erweiterte Anzahl an Gerichten anbietet. Meine Wahl fällt jedoch auf Lontong, weil es als klassisches Frühstücksessen gilt. In einer sehr schmackhaften Kokosbrühe schwimmen gepresste Reiskuchen, dazu gibt es Kohl und eingelegtes Gemüse. Das ist ehrlich gesagt richtig gut, ich bin begeistert. Weil ich mir auch Chillisauce zum Einrühren habe geben lassen, nehme ich als Smoothener noch einen gesüßten Milchtee vom Nachbarstand.
Ein wunderbarer Einstand für umgerechnet 3 €. Man bezahlt gleich am Stand und geht mit der Ware zu seinem Platz, den man vorher mit irgendeinem Gegenstand »besetzt« hat (gerade zu Stoßzeiten). Nach dem Essen bringt man das Tablett wie in einer Kantine in bereitstehende Regalwagen. Interessant: Hier in Adam Road gibt es zwei Typen von Wagen, einmal für »halal« und einmal für »non-halal«.
Buah Keluak bei HarriAnns

Bevor ich nach Singapur kam, hatte ich ein wenig recherchiert, was ich unbedingt dort essen wollte. Und zwar im wunderbaren Buch von Sharon Wee, »Growing Up in a Nonya Kitchen«. Die neueste Ausgabe von 2023 gibt es über die einschlägigen Buchseiten, und ich sage euch, es lohnt sich wirklich. Nicht nur wegen der Rezepte, sondern vor allem wegen der kulturellen Hintergründe und Erläuterungen. However, eines der Must Have-Gerichte für mich war Buah Keluak mit den fermentierten Nüssen des Pangium-Baums. Roh sind sie nämlich giftig. Die Samen müssen erst gekocht und dann für 40 Tage in einer Mischung aus Holzasche, Bananenblättern und Erde vergraben werden. Diese Prozedur erklärt auch ihre Besonderheit und Seltenheit.
Der Ort, an dem ich dieses spezielle Gericht bekam, war hingegen völlig unspektakulär. HarriAnns Nonya Table ist eine kleine Kette, bei der man sich wunderbar durch die wichtigsten Speisen der Nonya-Küche probieren kann. Meine Filiale befand sich direkt am Ausgang der Metro in Bugis. Man sitzt auch hier quasi draußen, aber durch die Ventilatoren ist es nicht ganz so heiß. Eigentlich also ein original Hawker-Erlebnis, nur ein bisschen moderner mit Abhol-Summer und wahrscheinlich sogar Kartenzahlung.

Ayam Buah Keluak ist Hühnchengulasch mit Reis und Pickles, das in einer Sauce mit den Nussbällchen gesimmert wird. Letztere haben eine Konsistenz zwischen Falafel und Çiğ Köfte und bringen tatsächlich eine charakteristische Note mit hinein. Leicht bitter, dunkel wie Lebkuchensauce, aber ohne Süße, dazu leicht rauchig. Ein tolles und völlig unkompliziertes Erlebnis. Allen, die sich vielleicht noch nicht in die verwirrende Auswahl der Hawker Center wagen wollen, empfehle ich dringend, hier den ersten Einblick in die Nonya-Küche zu bekommen. Natürlich ein bisschen teurer als bei den Hawkern, aber hey, 10 € für ein solch spezielles Essen werden euch nicht umbringen.
Hor Fun in Blk 4A Jalan Batu

Als ich einen Abend ziemlich hungrig von der Messe zurückfuhr, dachte ich mir, lieber nicht länger warten, sondern einfach irgendwo auf dem Heimweg einkehren. Meine Wahl fiel auf ein Hawker Center, das genauso unglamourös heißt wie es aussieht, nämlich Blk 4A Jalan Batu Hawker Centre. Blk bedeutet Block, es handelt sich nämlich um eine Wohnsiedlung, für die das Center als Versorgungseinrichtung dient. Draußen ist es grau und regnet, drinnen am frühen Abend nicht sonderlich stark besucht. Auch die Auswahl der Stände wirkt eingeschränkt, hierher kommt man vornehmlich mittags.

Ich gehe zu einem Stand namens »Hock Nguan Kee Seafood Delights«, aber mir steht der Sinn nicht nach Meeresfrüchten, sondern nach einer legendären Suppe aus dem malaysischen Ipoh. Ach, auch hier wieder kurze Begriffsklärung: Malayisch und Malayen bedeuten die Ethnie, Kultur, Sprache; malaysisch und Malaysia hingegen die Staatsangehörigkeit und das Land. Das ist keinesfalls deckungsgleich. Ipoh ist also eine Großstadt in Malaysia, aus der dieses Gericht stammt, aber entwickelt wurde es mit chinesischem Background, denn Hor Fun ist auch die Bezeichnung für die breiten Nudeln, einen wichtigen Bestandteil der Suppe. Nix malayisch also.
Lehrbuchhaft sollte primär Hühnerfleisch enthalten sein, aber bei meiner Ausgabe war es schlicht alles. Hühnerfleisch, eine Garnele, Fisch, Tofu, Tintenfisch, dazu eine Art Pak Choi, ganz bunt. Besonders wurde es aber tatsächlich durch die Nudeln. Richtig schön schlabbrig gekocht waren sie offenbar vorher noch einmal wie über Holzkohle gegrillt, auf jeden Fall aber maillard-mäßig karamellisiert. Ein einmalig süßröstiger Touch, fand ich wirklich super. Die Flüssigkeit war hingegen ein wenig gelatinös, wie oft bei chinesischen Suppen.
Hainanese Chicken Rice in Telok Blangah

Nach Telok Blangah bin ich ehrlich gesagt ein bisschen zufällig gekommen. Ich glaube auch nicht, dass hier schon besonders viele Touristen waren. Telok Blangah liegt westlich der Innenstadt in relativer Nähe zum HortPark. Vom Bus aus muss man noch einen Block den Hügel hochgehen und steht dann vor einem Wohn- und Versorgungskomplex. Die Telok Blangah Mall ist eine Art Markt mit kleinen Buden und Läden, in denen man Obst, Gemüse, Getränke, Sandalen (habe ich gekauft) und andere Alltagsdinge erstehen kann. Das eigentliche Food Centre liegt am Ende der Mall und war jetzt kurz vor 12 Uhr mittags gut besucht.

Zwei Gerichte muss man einfach essen in Singapur, weil sie quasi nationales Kulturerbe sind: (Hainanese) Chicken Rice und (Singapore) Laksa. Beides hatte ich schon vor Jahren in Bangkok gegessen und seitdem noch viele andere Male. Von der Marke Asian Home Gourmet kann man nämlich ziemlich gute Fertig-Würzmischungen erstehen und sich das dann selbst ohne viel Aufwand zubereiten. Gibt’s praktisch in jedem Asia-Shop bei uns. Jetzt aber das »Original«. Der Name kommt daher, dass frühe Singapur-Zuwanderer aus Hainan dieses Gericht quasi mitgebracht und an örtliche Gegebenheiten angepasst hatten.
Die Varianten sind immer leicht unterschiedlich. Hier bei »Chen Hainanese Chicken Rice« kam der Reis extra. Das äußerst zart gekochte Hühnerfleisch lag dafür auf einem Bett aus frischen Gurkenscheiben und sehr leichter Sojasauce, geschmückt mit einem Korianderblatt. Die Brühe, in der das Fleisch gekocht worden war, gab es dazu. Auch sie wiederum nicht offensiv und nur mit ein bisschen Frühlingszwiebeln aromatisiert. Am Stand selbst konnte man sich dann noch scharfe Dipping-Sauce in ein Schälchen abfüllen. Die war wirklich scharf, aber auf eine sehr frische und fruchtige Art. Wer also ein bisschen Angst vor »fremdartigen« Speisen und Zutaten im Hawker Center hat, Hainanese Chicken Rice ist (außer für Vegetarier) eine Lösung, die eigentlich alle mögen.
Laksa in Hong Lim

Nachdem meine bisherigen Hawker Center eher etwas abwegig und touristenfern waren, wollte ich zum geplanten Abschied aus Singapur noch einmal ins Zentrum des Geschehens. Im unmittelbaren Citybereich gibt es sieben oder acht dieser Center. Das touristisch bekannteste heißt Lau Pa Sat und befindet sich in einer viktiorianischen Markthalle. Von der Standqualität empfehlenswerter sind aber die Center direkt in der Chinatown wie Chinatown Complex, Amoy Street oder eben Hong Lim. Dass ich dort nicht der einzige Ausländer sein würde, ahnte ich schon, als ich eine Gruppe Foodies mit ihrem Tourguide entdeckte.
Was ich hingegen nicht so leicht entdeckte, war der Eingang zum Hong Lim Food Centre. Im Grund hätte man von der Fußgängerbrücke im ersten Obergeschoss kommen müssen, ich aber bewegte mich im Erdgeschoss um das Gebäude herum. Dort befindet sich der eigentliche Markt, und zwar ein Großmarkt vermutlich für die vielen Restaurants der Gegend. Irgendwo kommt man dann aber über dunkle Treppen doch noch hoch.

Singapore Laksa beruht auf einer Garnelenbasis, flachen Reisnudeln und Kokosmilch, gewürzt mit nicht wenig Chilli. Das ist gleichzeitig süßlich, tropisch und würzig. Der Stand »Famous Sungei Road Trishaw Laksa« warb mit gleich fünfmal Guide Michelin-Bib Gourmands, aber aus der Vergangenheit. Deshalb keine Schlange, ich kam sofort dran.
Mit dem Guide Michelin in Singapur ist es nämlich ein bisschen tricky. Die fleißigen Inspektor:innen (nur meine Beobachtung) scheinen zu den Ständen hinzugehen, wo es mittags die längsten Schlangen gibt. Dann folgen dort Erwähnung oder Bib Gourmand, in einem Fall sogar ein Stern. Von den 288 Restaurants im Guide Michelin Singapore sind 151 Streetfood-Stalls. Das ist wunderbar, und allein das Durchschauen macht schon Appetit. Ob es aber wirklich die besten Hawker-Stände sind, nun ja.
Ich war mit meiner Laksa jedenfalls zufrieden, wenngleich ich der Versuchung erlag, sie noch etwas aufzupimpen. Für 5 SGD extra konnte man nämlich einen »Crayfish« nehmen, in diesem Fall nicht etwa Hummer, sondern ein sogenannter Bärenkrebs. Muss nicht sein, steigert auch nicht unmittelbar den Wohlgeschmack, aber sieht halt spektakulär aus.
Mutton Rib Soup in Haig Road

Eigentlich hatte ich schon mit Singapur abgeschlossen. Ich war nämlich zwischenzeitlich für zwei Tage in Jakarta und musste nur noch nach Singapur zurück, um dort umzusteigen. Wie bei vielen anderen, die in Südostasien unterwegs waren, wurde nämlich mein ursprünglicher Flug über die Golfstaaten storniert, und dann musste man selbst sehen, wie man an einen anderen Flug kommt. In meinem Fall halt zwei Tage später als geplant. Weil mein Zwischenaufenthalt in Singapur aber ein paar Stunden war und ich dank online ausgefüllter Arrival Card und maschinenlesbarem Pass innerhalb von einer Minute in Singapur einreisen konnte, setzte ich mich spontan in die Bahn Richtung Stadt.
Auf halber Strecke in der Nähe der Station Paya Lebar befindet sich das Haig Road Market & Food Centre, und jenes hat auch abends noch geöffnet. Einen wichtigen Aspekt der Singapur-Küche hatte ich nämlich noch vernachlässigt, und das war »Indian/Muslim Food«. Häufig angeboten von Tamilen, die ursprünglich aus dem indischen Bundesstaat Tamil Nadu stammen.

Ich ging also zum Stand von Mohamed Ayman und entschied mich dort einfach nur aus geschmacklichen Gründen für eine Suppe. Beim Nachbarstand besorgte ich mir noch einen heißen und gewürzten Milchtee. Natürlich sehr sinnvoll bei den tropischen Temperaturen. Auch jetzt um kurz vor zehn Uhr abends waren es noch 30°C und eine beachtliche Luftfeuchtigkeit, so dass ich postwendend wieder ins Schwitzen geriet. Aber das Essen war köstlich. Mutton Rib Soup, also Hammelrippensuppe, auch mit Kokos (schließlich ist Tamil Nadu eine tropische Ecke), fein, aber nicht scharf gewürzt und mit ordentlich grünem Stangensellerie ergänzt. Ein genialer Abschluss. Und da ich Wechselklamotten im Handgepäck dabeihatte, konnte ich später auch frisch ins Flugzeug steigen…
Kueh und Kaya – Süßes in Singapur

Eine kurze Ergänzung noch: Natürlich habe ich in Singapur auch Süßes zu mir genommen, nur nicht direkt an den Hawker-Ständen. Frische Früchte vom Markt wie Papaya und Bananen, eine Egg Tart als Reminiszenz an die portugiesische Quasi-Nachbarschaft. Und natürlich Kueh, vielfältigste »Küchle«. Beispielsweise geschichtet mit Kokos und Pandan oder als Bällchen, gefüllt mit Kokos und braunem Zucker.

Die vielleicht wichtigste Süßspeise von Singapur ist allerdings das Kaya Toast, wieder so eine Fusion-Geschichte, diesmal Hainan und England. Es handelt sich eindeutig um ein Frühstück, das aus sehr reschem Toast mit Butter, süßer Kokosmarmelade und sehr weich gekochten Schluppeiern besteht. Muss man natürlich auch probieren.
Mein Fazit: Tropisches Paradies Singapur?

Soweit meine relativ große Tour durch das Singapur der Hawker Center. Wovon ich an dieser Stelle natürlich nicht berichtet habe, waren die Messen als eigentliche Gründe für meinen Aufenthalt in der Stadt. Auch nicht von meinem Tasting und der Abendveranstaltung im 67 Pall Mall Singapore. Aber das ist ja auch reines B2B-Zeug.
Ist Singapur also das tropische Paradies schlechthin? Für Touristen definitiv. Alles ist sauber, zuverlässig, supermodern, englischsprachig, von internationalem Luxus bis zu vielfältigem Lokalkolorit. Ja, ihr müsst dafür ein wenig tiefer in die Tasche greifen als zum Beispiel in Bangkok, gerade wenn ihr eine passable Unterkunft haben wollt. Aber wenn ihr Wert auf lokales Essen legt und wie ich Spaß an den klimatisierten und staatlich geförderten öffentlichen Verkehrsmitteln habt (wunderbares Busnetz, selten zu voll), dann werdet ihr absolut happy sein.
Für die Bewohner:innen von Singapur ist die Sache natürlich ein wenig komplexer. Man muss sehr viel verdienen, um sich eine gute Wohnung leisten zu können. Das tun nicht wenige, aber auch längst nicht alle. Knapp zwei der insgesamt sechs Millionen Einwohner von Singapur sind temporäre Zuwanderer verschiedenster Kategorien. Wer sich fragt, wer die Anlagen so sauber hält, die ganzen modernen Gebäude errichtet, den Service im Hotel, im Gesundheitswesen, in den vielen Läden am Laufen hält, das sind Menschen, die über ein ziemlich rigoroses »Gastarbeiter«-System alten Zuschnitts hier leben. 1.600 sogenannte Dormitories gibt es über das Stadtgebiet verteilt, Wohnheime, die von Arbeitgebern oder Mittlerfirmen betrieben werden. Dazu kommen noch einmal eine halbe Million täglicher Pendler aus dem benachbarten Malaysia.
Auch für die »echten« Singapurer ist nicht alles Zuckerschlecken. Als ich in einem großen Buchgeschäft unterwegs war, schlichen dort erstaunlich viele jüngere Leute um Bücher wie »Unease – Life in Singaporean Families« herum. Hohe Arbeitsbelastung, hoher (auch familieninterner) Druck zur Performance, vor allem auf die untere Mittelschicht und den Bildungsbereich, als Resultat eine extrem niedrige Geburtenrate – das sind so ein bisschen die Schattenseiten, mit denen ein nach außen fraglos extrem erfolgreiches System intern umzugehen hat.

Aber wie wir alle wissen, ist das Paradies ja eine Utopie, die es in der Realität nur inklusive Schlange gibt. Mir hat mein erster Aufenthalt in Singapur jedenfalls eine große Menge an Anregungen geliefert, seien sie gesellschaftlicher, business-orientierter oder eben kulinarischer Art. Im Nachhinein hätte ich mir vielleicht eine etwas nettere Unterkunft und schlicht ein paar Tage mehr Zeit gewünscht. Aber es muss ja nicht das letzte Mal gewesen sein…
