Natürlicher Dienstag #18 – Orsi Martignone Barbera

Orsi Barbera RAW

Ich bin ja, das muss ich offen zugeben, ein Liebhaber herzhafter Weine. Damit meine ich solche Weine (meist in Rot), die ein bisschen kernig, erdig und herb daherkommen. Bei denen man nicht groß über einen besonderen Anlass oder eine noble Speisenbegleitung nachdenken muss. Die auch schmecken ohne Tischdecke auf dem Tisch und edles Glas in der Hand. Allerdings bedeutet das noch lange nicht, dass man solche herzhaften Weine nicht doch mit attitude herstellen kann. Ein Beweis für die Kombination aus Trinkspaß und Haltung ist dieser Rotwein von Federico Orsi.

Orsi Martignone – Bologna biodyn

Federico Orsi und Carola Pallavicino besitzen seit knapp 15 Jahren das Weingut Vigneto San Vito vor den Toren der durchaus nicht als kulinarische Wüste zu bezeichnenden Stadt Bologna. „La Grassa, la Dotta, la Rossa„, ihr wisst schon. Die lokale Küche der Grassa ist dann auch nicht gerade fettarm, und da fallen mir nicht nur wegen der ebenfalls rötlich gefärbten Häuser eindeutige Parallelen zu Toulouse ein. Auch im Südwesten Frankreichs, Zeugnisregion des French Paradox, wird gern zünftig gegessen und getrunken.

Federico und Carola fügen sich insofern perfekt in diese kulinarische Rundumsicht ein, als sie auf ihren 15 ha nicht nur Trauben nach biodynamischen Grundsätzen anbauen, sondern auch noch freilaufende Schweine der alten Rasse Mora Romagnola halten. Aus diesen stellen die beiden eine weithin gerühmte Mortadella her. Daneben werden Gemüsesorten und Getreide angebaut, zwei Schafe gibt es ebenso – der biodynamische Komplettbetrieb eben.

Orsi Martignone Barbera

Was ich bemerkenswert fand, gleich nachdem ich die Flasche aus dem Regal genommen hatte, waren die vielen Informationen, die Federico Orsi auf das Etikett geschrieben hat. Man erfährt dort eigentlich alles, was man über den Wein wissen muss. Dass er aus einer 0,7 ha großen Parzelle stammt, die Reben 20 Jahre alt sind und – wenn man es umrechnet – der Hektarertrag bei etwa 63 hl liegt. Das ist nicht wenig, aber Norditalien ist nun einmal mit ungeheurer Fruchtbarkeit gesegnet. Als ich seinerzeit über die autochthonen Rebsorten Norditaliens geschrieben hatte, war mir diese Tatsache auch überall vor Augen geführt worden.

Der Martignone wird spontanvergoren, nicht filtriert, nicht geschönt, nicht stabilisiert, es gibt keine Enzyme, keine anderen Additive. Zwei Jahre lang wird er in alten Fässern ausgebaut, dann mit einer Schwefelgabe versehen und vor dem Verkauf noch einmal neun Monate in der Flasche gelagert.

Wie schmeckt der Wein?

Der Martignone besitzt einen Naturkork, und als ich den entfernt habe, läuft ein mittleres Rubinrot ins Glas. Barbera kenne ich auch dunkler. In der Nase spüre ich zunächst Unterholz und dann viele Kräuter von Thymian bis Lorbeer. Die Brombeerfrucht folgt erst im Hintergrund. Im Mund hat der Orsi Martignone eine sehr deutlich präsente Säure, die den Wein spontan frisch macht. Ich schmecke jetzt viel mehr Frucht als in der Nase. Sauerkirsche, Brombeere, rote und schwarze Pflaume, Heidelbeere, dann schwarze Pfefferkörner und jetzt im letzten Drittel wieder diese würzig-kräuterigen Noten. Lorbeer, Salbei und Wacholder schreibe ich auf, aber da gibt es natürlich noch mehr. Insgesamt ist dies ein herzhafter, herbstfruchtiger Wein, ein Prototyp norditalienischer Kernigkeit. So gefällt mir das.

Und, werdet ihr jetzt vielleicht fragen, ist das ein vin naturel? Also einer, der auf Messen wie der RAW gezeigt wird? Ja, liebe Leute, da habt ihr einen interessanten Punkt getroffen. Federico Orsi und Carola Pallavicino werden nämlich tatsächlich am 1. und 2. Dezember 2019 bei der RAW in Berlin dabei sein. Biodynamisch, spontanvergoren, unfiltriert, keine technischen Behandlungen, soweit natürlich alles völlig okay. Aber was ist mit dem Schwefel? Immerhin hat der Wein laut Etikett etwas unter 48 mg pro Liter. Nun, des Rätsels Lösung ist, dass die RAW ganz offiziell die Höchstgrenze von 70 mg Sulfite pro Liter jedwelchen Weintyps in ihren Statuten stehen hat. Das und noch einiges andere mehr weiß ich deshalb, weil ich RAW-Chefin Isabelle Legeron direkt nach dem Erwerb dieses Fläschchens für ein Interview getroffen habe. Logisch, dass ich sie dann auch gleich danach gefragt habe. (Das Gespräch gibt es nächste Woche auf dem Blog.)

Wo habe ich ihn gekauft?

Eataly München

An diesem leicht unbelebt aussehenden Ort habe ich den Wein gekauft. Es handelt sich um das Eataly in München. Warum ich früher kein großes Interesse für die Niederlassungen dieser Exporteure des Italienischseins gezeigt habe, weiß ich selbst nicht. Vielleicht wirkte mir der Auftritt zu schnöselig. Oder auch die Mäntel der Besucherinnen, die Einstecktücher der Besucher. Meine Einschätzung geändert habe ich erst vor einiger Zeit in Bari. Dort habe ich in den diversen Spezialitätenläden der Stadt, darunter eben dem Eataly, meinen Koffer mit Wein, Pasta, Wurstigem, Käsigem und Eingeglastem bis an die Kapazitätsgrenze gefüllt.

Das Eataly in München besitzt im Erdgeschoss eine Art Supermarkt mit Frischetheken und im Keller die Weinabteilung. Ich war hier auch schon einmal Anfang Februar bei der SlowWine, aber da hatten mir blöderweise diese ganzen lästigen Winzer den Ausblick auf die Regale erschwert. Jetzt kann ich feststellen, dass es im Eataly zwar auch etliche Weine gibt, die ich persönlich nicht als sonderlich spannend ansehen würde, aber das ist nur die halbe Miete. Ich sehe nämlich auch die Orange-Naturel-Freaks wie Radikon, Podversic oder Čotar aus Slowenien. Und vor allem aus dem Norden des Landes – weniger aus dem Süden – finde ich eine Reihe super handwerklich arbeitender Winzer. Wie Federico Orsi. 17,90 € kostet sein Barbera im Eataly. Wer zufällig in Bologna ist, kann die Weine (drei Rote, zwei Weiße, einen PetNat) auch vor Ort zu Preisen zwischen 11 und 12 € bekommen.

Irgendwie ertappe ich mich bei dem Gedanken, genau das gern einmal tun zu wollen. Gibt es da nicht diesen Direktzug von München nach Bologna…?

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