Meine Hamburg-Woche als Bildergeschichte

La Rosa mi Barrio Hamburg

Ich möchte euch jetzt mitnehmen in eine Zeit, in der die Menschen einfach so drauflosgebloggt haben. Ohne sich um Klickzahlen zu scheren, um Verschlagwortungen, um Werbeeinnahmen, um Algorithmen. Dieser Beitrag ist nämlich so schrecklich unkommerziell, dass ihr ihn vermutlich auf Google nie wiederfinden werdet. Aber er ist ein echtes Tagebuch, nämlich von meiner Hamburg-Woche.

Ich bin in Hamburg gewesen, weil ich wieder einmal Weine für den Falstaff-Guide Deutschland verkostet habe, Ausgabe 2023. Wie das Ganze abläuft, hatte ich bei einer der Vorgängerausgaben schon einmal beschrieben. 5:30 Uhr aufstehen, Halbmarathon laufen, kurz für’s Graecum büffeln, dann 200 Weine in 14 Stunden testen, mit leerem Magen ins Bett, am nächsten Tag weiter. So ungefähr. Oder in Wirklichkeit eher so…

1. Tag

Montag Morgen, also SEHR früh am Morgen, beginnt meine Hamburg-Woche. Natürlich verpasse ich unterwegs den Anschluss, aber ich kann schon ein wenig tippen. Das ländliche Norddeutschland zieht am Fenster vorüber, der Zug ist fast leer.

Im Falstaff-Tasting-Büro gibt es eine neue Tischdecke. Also eine Papiertischdecke wie damals, als mein Vater unser Haus gebaut hat. Ansonsten ist alles beim Alten. Rainer ist schon da, Uli reist später aus Zürich an, die Atmosphäre ist nett. Und unzählige Weine warten darauf, verkostet, beschrieben und bewertet zu werden.

Curry

Mittagessen in einem der wenigen Imbissrestaurants, die es in Hammerbrook gibt. In der Hinsicht ist es ungeheuer dürftig in der Gegend, dabei arbeiten eine Menge Leute hier. Es gibt vegetarisches Curry, man kann aber auch Pasta oder Sushi wählen. Schmeckt ganz okay, wir sind ja nicht im Bistrot.

Werther Windisch

Mein Weinhighlight des ersten Tages: Werther Windisch aus Rheinhessen. Ich verkoste eh relativ viel Rheinhessen diesmal. Jens Windisch macht richtig gute Sachen, Riesling, Silvaner, Weißburgunder, alles in Bio. Wer die Weine noch nicht kennt, sie lohnen sich!

Hammerbrook Hamburg

Ich beziehe mein Hotelzimmer, praktischerweise nur einen Block vom Tastingbüro entfernt. Mit dem Premier Inn und dem Niu sind ganz neue Hotels in dieser faden Ecke entstanden. In Letzterem übernachte ich. Alles modern, bequemes Bett, top schallisoliert, was will man mehr? Gut, Ablage für den Koffer vielleicht, Schrank oder Regal für die Klamotten, vollständigen Tisch statt Brett an der Wand. Es ist halt nicht für einen längeren Aufenthalt gedacht.

2. Tag

Tomaten

Vormittags wird gearbeitet, mittags kommt Heinz vorbei, ein Freund von Uli, pensionierter Berufsschullehrer (glaube ich). Und leidenschaftlicher Koch seit fünf Jahrzehnten. Ergebnis: das beste Essen der Woche, fantastisch. Erst einmal gibt es bunte Tomaten…

Ahle Wurst

…dann geräucherten Wildschweinschinken und Ahle Wurst…

Bohnen

…und als Hauptgang Wachtelbrust, Palbohnen in unterschiedlichen Zuständen, wunderbar aromatischer Jus. Danach brauche ich einen Kaffee.

Ölspiel Franken Bocksbeutel

Weinhighlight des zweiten Tages: diese Flasche. Das Weingut am Ölspiel ist ein sehr solider Frankenbetrieb aus Sommerhausen. Der Muskateller gefällt mir gut, der im Holz ausgebaute Schönleite-Silvaner eh. Vor allem aber die Erscheinungsform des Silvaners »Tradition«. Das ist Retro in Echt, ganz bewusst und ohne Brimborium. Wie findet ihr sowas? Mir gefällt’s.

Kimchi Guys Rabokki

Abends treffe ich mich noch mit Biggy Pop und Olli bei den Kimchi Guys in Ottensen. Die beiden kenne ich seit meinem Studium, also schon eine ganze Weile. Deshalb ist das auch ein richtig entspanntes Treffen, das man gut nach einem körperlich fordenden Arbeitstag gebrauchen kann. Viel Hunger habe ich zwar nicht, aber… Scharf geht schon noch: Rabokki, sprich Tteokbokki und Ramen-Nudeln in scharfer koreanischer Sauce, darauf Ei, Fischcake und frittierte Mandu. Yes.

3. Tag

Tafelspitz

Vormittags wird wieder fleißig getestet. Mittags bringt diesmal Uli etwas leicht Vorgearbeitetes von zu Hause mit, das er dann in der Büroküche perfektioniert. Es ist Tafelspitz, superzart, in einer auch hier wieder großartig intensiven und stundenlang gekochten Brühe. Ich schäme mich ein bisschen ob meiner geringen eigenen Kochambitionen. Aber ich esse natürlich gern, das ist auch was wert.

Rainer Sauer Riesling

Weinhighlight des Tages ist die Kollektion von Daniel Sauer. Und auch da, nein, schäme ich mich nicht, das wäre das falsche Wort. Aber tatsächlich gefallen mir die Rieslinge diesmal noch besser als die Silvaner. Riesling aus Franken hat ja (in seinen besten Versionen, versteht sich) so etwas Leichtfüßiges, aromatisch eher Florales, das ihn im Direktvergleich mit gewichtigeren Rheinland-Vertretern oft ein bisschen in den Hintergrund rücken lässt. Aber zum Essen gefällt mir das sehr gut, zumal bei geringer Restsüße, und ich WILL essen, wenn ich Wein trinke.

Crisps

Was das Abendessen anbelangt, gehe ich nach der Arbeit ein bisschen herum, um mich inspirieren zu lassen. Ich lande letztlich beim Kaufland und im Asia-Shop, weil ich das spontane Bedürfnis verspüre, mir einen gemütlichen Chips-Abend auf dem Zimmer zu machen. Es gibt echt ein paar interessante Sachen hier, Gardschips aus Schweden, die Burts-Guinness-Kollaboration, die Chips von »Crispy Rob«. Auf dem Zimmer dann: DFB-Pokal, Viktoria Köln gegen Bayern München. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt Pokal gesehen habe. Wahrscheinlich damals, Norbert Dickel. Nach dem 0:3 überlege ich auch, ob ich besser ausschalte. Aber vielleicht kommt ja doch noch ein spektakulärer Trick…

4. Tag

Meßmer Orange Wine

Gleich vormittags gibt es interessante Weine. Zum Beispiel diesen hier vom Weingut Meßmer aus der Pfalz, die eh eine sehr schöne Kollektion vorlegen. Der Muskateller ist natürlich nicht die Krone des langen Abgangs, aber: maischevergoren, trüb, furztrocken, 9,5 vol%, das sind für mich echt Elemente für die Zukunft.

Neverland Wine

Kleines nachmittägliches Kontrastprogramm: die Weine von Neverland aus Rheinhessen. Und ich glaube, ich habe das Konzept wirklich verstanden. Das sind im Prinzip kalifornische Ansätze, entstanden in Zusammenarbeit mit einer latent eventlastigen Qualitätsgastronomie. Gern auch mit Stern, also die Restaurants. Der »En L’Enfer« zum Beispiel mit und für das »Tulus Lotrek« in Berlin. Mehrheit Cabernet Sauvignon, Minderheit Pinot Noir, dicht und gut gemacht.

Anticuchos La Rosa mi Barrio

Abends gehe ich ins »La Rosa Mi Barrio«. Einerseits, weil es direkt um die Ecke ist. Andererseits, weil ich letztes Mal schon hier war und ich die lateinamerikanische Speisekarte nach wie vor richtig interessant finde. Diesmal nehme ich »Anticuchos«, gegrillte Rinderherzspieße, das aber vor allem deshalb, weil ich unbedingt die Huancaíno-Soße probieren will, die dazu gereicht wird. Huancayo liegt in den peruanischen Anden, und ich glaube, es war der Startort des ersten (nicht erfolgreichen) Versuchs von Herbert Rittlinger, mit seinem Faltboot den Amazonas von der Quelle bis zur Mündung zu befahren. »Ganz allein zum Amazonas«, mein Lieblingsbuch mit zwölf. Das Essen schmeckt gut, und ich weiß ja, dass Herbert es im zweiten Anlauf geschafft hat.

DOMi JD Beck Not Tight

Seit langem habe ich mir mal wieder Musik im Hartformat gekauft, eine CD. Es handelt sich um das Debüt von DOMi & JD Beck, beide seit diesem Jahr glaube ich keine Teenager mehr, Jazz-Strangepop-Impro-Wizards, die ich auf Youtube seit ihren ersten Gehversuchen höre. Am besten gefällt mir dabei »Two Shrimps« mit Mac DeMarco, aber ich teile halt auch Macs Vorliebe für versponnenen Keyboardsound. Solche Sachen höre ich zum Ausklang. Viel zu spät knipse ich das Licht aus, das wird ein harter Tag morgen…

5. Tag

Zahnpasta

Morgens im Bad überlege ich, ob ich euch schon in intensiverer Form von meinen Zahnschutzexperimenten berichten soll. Ich weiß ja, dass etliche von euch auch Weinprofis sind und ebenso wie ich bei Veranstaltungen hunderte von Weinen sich, nein, nicht hinter die Binde kippen, sondern vielmehr durch die Zähne spülen lassen. Das macht auf Dauer kein empfindlicher Zahnschmelz mit, weshalb ich im Verlauf der Jahre verschiedene Sachen ausprobiert habe. Ich nehme mir vor, davon zu berichten, wenn ich weiß, ob es diesmal geklappt hat.

Bicking Nahe Riesling

Weinhighlight des letzten Tages sind Bicking & Bicking von der Nahe. Ich habe diesmal nicht nur viel Rheinhessen verkostet, sondern auch eine Menge trockener Rieslinge. Bei den Bicking’schen Exemplaren haben mich schon die mittleren Versionen wie »Vom Schiefer« und die »Alten Reben« für je 13,70 € überzeugt. Pastorenberg und Felseneck gibt’s für je 19,90 €, Schnäppchen auf GG-Niveau.

Goeyvaerts Manifeste Vin Inclusif

Auf der Rückfahrt im Zug wollte ich erst auf dem Laptop tippen, aber es ist so voll, dass ich meine Ellenbögen nicht ausreichend ausfahren kann. Also lese ich, und zwar dieses Buch hier. Sandrine Goeyvaerts ist Autorin und Weinhändlerin in Belgien und hat Beleidigungen und Bedrohungen für ihr Buch bekommen, ihr könnt euch denken, aus welcher Ecke. Tatsächlich ist der Grundansatz aber ganz einfach, und das zeigt sie auch: Wer einen analytischen Background hat, dem (oder der) wird schnell auffallen, dass in der Weinwelt unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen unterschiedlich stark vertreten sind. Wein ist halt doch ein ziemlich exklusives Thema in gleich mehreren Dimensionen. Das festzustellen per Durchzählen ist Schritt 1. Wem das Ergebnis dann nicht gefällt (und es gefällt ihr nicht), kann in Schritt 2 überlegen, was wir – und das Buch ist primär an Weinprofis gerichtet – dafür tun können, dass Wein weniger ausschließend wirkt. Ich persönlich finde es sehr wichtig, dass das thematisiert wird, denn abgesehen von Ungerechtigkeiten, Blasiertheiten und übergriffigem Verhalten ist es schlichtweg auch geschäftsschädigend, wenn wir unsere Weinblase zukünftig nicht deutlich offener gestalten. Dank der halbstündigen Verspätung des ICEs schaffe ich das Buch auch ganz durchzulesen. Die Bahn weiß halt doch am besten, was wichtig ist…

Damit bin ich durch mit dem Tagebuch als Bildergeschichte, und ich hoffe, es war auch was für euch dabei. Wie das Format aussieht, wenn man es auf dem Handy liest, weiß ich allerdings nicht. Demnächst werde ich jedenfalls zur Weinlese fahren und hoffe, dass der lang ersehnte Regen sich ausgerechnet jetzt noch ein bisschen Zeit lässt…

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5 Antworten zu Meine Hamburg-Woche als Bildergeschichte

  1. Oh, Optischmelz! 😀

    Schade, dass wir uns nicht gesehen haben. Ein anderes Mal dann wieder. Liebe Grüße

    • Matze sagt:

      Ja, sehr schade! Vielleicht dann im Roussillon 😉 (sehr unwahrscheinlich, aber never say never)

      Optischmelz als Tipp hatte ich tatsächlich von Felix und dir, andere nehmen die mittlerweile auch. Ich hatte das Gefühl, es läuft ganz okay, besser als beim letzten Mal auf jeden Fall. Liebe Grüße zurück!

  2. Danke für die schönen Einblicke. Exzellente Weinauswahl.

  3. Michael Fuchs sagt:

    Wie old school und wie schön…
    Vielen Dank für diese Art des aus der Mode gekommenen Beitrags.

    Herzliche Grüße aus dem Rheinland
    Michael

  4. Heinz Kirchhoff sagt:

    Moin Matze,
    sehr schöner Bericht.
    Herzlich
    Heinz

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