Natürlicher Dienstag #150 – Weinschwärmer

Weinschwärmer 2Naturkinder

Ein kleines Jubiläum steht an. Zum 150. Mal präsentiere ich hier bei Chez Matze den Natürlichen Dienstag. Nicht immer in den 149 vergangenen Malen habe ich es tatsächlich am Dienstag geschafft, und nicht immer war es ein Natural Wine im ganz strengen Sinne. Diesmal aber schon. Und weil es sich einfach anbietet, seht ihr hier einen meiner All-time favourites. Ein ziemlich irres Ding vom Ansatz her, das dann aber unglaublich gut funktioniert. Der Weinschwärmer der 2Naturkinder.

Zum kleinen Jubiläum: Weinschwärmer der 2Naturkinder

2Naturkinder natural wine Franken

Über Melanie und Michael, sprich die 2Naturkinder, habe ich auf dem Blog schon oft berichtet, zum ersten Mal (Achtung) 2016, vor zehn Jahren. Das liegt an folgenden glasklaren Gründen: Erstens gehörten sie zu den Pionieren in Deutschland, was die Herstellung von Weinen dieser Art anbelangt, in Philosophie wie Praxis. Zweitens liegt ihr Weingut nur eine Stunde entfernt von mir. Drittens haben sie mit ihren Aktivitäten, beispielsweise um das New Kitz-Kollektiv samt Messe, wahnsinnig viel für die »Bewegung« (wenn man’s mal so nennen will) getan. Und viertens machen sie ziemlich großartige Weine. Dass ich jene im Cave Ginza Fujiki zu Tokio weitaus besser finden kann als in meiner Nachbarstadt oder eurem Keller, halte ich für einen Fehler, den wir jetzt gemeinsam korrigieren, gell?!

Vorhang auf für den Weinschwärmer. Der Mittlere Weinschwärmer ist ein Nachtfalter, dessen Raupen zwar auch mal an Weinblättern nagen, dort jedoch keinen nennenswerten Schaden anrichten. Seine elegant rot-beige Farbgebung kann man nachts relativ schlecht beobachten, eine Ahnung davon liefert dafür die Farbgestaltung des Weins im Glas. Jene kommt durch eine wahrhaft kreative Rebsortenkomposition zustande. Im Weinschwärmer sind nämlich 70% Grauburgunder, der entrappt nach sechs Tagen auf der Maische abgepresst wurde. Das würde also einen relativ kraftvollen Orange Wine ergeben. Der Clou liegt aber im Rest. Weitere 30% stammen nämlich von direkt gepressten Rieslingtrauben, die Leichtigkeit und Frische in den Wein bringen. Na, probieren wir ihn erstmal.

Wie schmeckt der Wein?

Ins Glas fließt ein leuchtend orange gefärbter Saft. Recht intensiv in der Nase mit zunächst den erwarteten Natural Wine-Komponenten wie rotschaligem Apfelmost und Quitte. Dahinter folgen jedoch auch noch »reinfruchtige« Elemente wie getrockneter Pfirsich, sogar etwas Erdbeere. Hatte ich schon die technischen Daten genannt? 12 vol%, 5,9 g Säure, gar kein Restzucker und ebenso kein zugefügtes SO2. Ausbau ein Jahr im Holz, anschließend Stahl und jetzt bei mir im Keller noch drei Jahre auf der Flasche.

Im Mund ist der Weinschwärmer schon ein ziemlich irres Ding. Also nicht wegen der »Funkiness«, wie manche die Anflüge von Flüchtigkeit, Brett, Mäuseln gern umschreiben, denn genau die sind nicht da. Vielmehr meine ich diese Kombination aus einem gehaltvollen Teil mit Mitte und Struktur und einem leichtfüßigen, echt frischen Teil, den man bei der Farbe kaum erwarten würde. Umso angenehmer ist das an diesen heißen Tagen, und zwar in der Kombination.

Ja, natürlich, man spürt den Naturweinzugang, und wer jetzt nur Primärfruchter gewohnt ist, wird ob des Mostanklangs vielleicht verwirrt sein. Dennoch würde ich den Weinschwärmer keineswegs nur Freaks empfehlen. Vielleicht sollte man ihn Nicht-Eingeweihten erstmal blind servieren. Die Farbe suggeriert nämlich viel Maischegerbigkeit, während die Tannine wirklich sehr fein sind (zumal nach ein paar Jahren). Mein Fazit: Ein Wanderer zwischen den Welten oder vielmehr ein Schwärmer zwischen den Blüten. Und damit weiterhin ein dicker Tipp.

Wo kann man ihn kaufen?

Natürlich kann man den Weinschwärmer direkt bei den 2Naturkindern kaufen. Wer noch nicht dort war, die tropfsteinhöhlenartige Kellerlandschaft ist allein einen Besuch wert. Das Gespräch mit den beiden übrigens auch. Aber wenn ihr weit entfernt wohnt oder eine gemischte Bestellung machen möchtet, ich habe den 2021er bei Vinovit für 26,90 €, den 2022er bei der Naturweinwelt für 27,90 € und schließlich den 2023er bei 8greenbottles für 29,90 € gefunden. Wer also etwas für ein Weingut tun möchte, das unsere Weinlandschaft definitiv bereichert und sowohl im Weinberg als auch im Keller echt vorbildliche Arbeit mit hohem Aufwand leistet, greift zu.

Ansonsten hatte ich beim Trinken des Weinschwärmers eine spontane Erinnerung (ich hole aus). 2013 war ich das erste Mal in Tokio und so geflasht, dass ich hier auf dem damals noch ganz jungen Blog nicht weniger als zehn Artikel darüber geschrieben habe. Unter anderem einen, der lautet »Was wir von den Japanern lernen können«. Bei diesem Aufenthalt hatte ich auch eine Broschüre mitgenommen, in der ein Manga-Verlag all seine Werke präsentierte. Dort gab es eine Rubrik für solche Mangas, die sich nicht in die gängigen Kategorien einordnen ließen. Weil sie wirklich out of the box waren. Man hätte auch »Sonstiges« oder gar »Rest« dazu sagen können, aber die Verlagsleute hatten eine viel passendere Bezeichnung gefunden: »Audacity«, treffend zu übersetzen mit »Kühnheit«.

Kühn ist ein Wort, das in unserem heutigen Wortschatz gar nicht mehr oft vorkommt. Ob es Gründe dafür gibt neben den rein sprachlichen, lasse ich mal dahingestellt. Aber auf diesen Wein trifft der Begriff absolut zu. Der Weinschwärmer ist ein kühner Wein. Und damit zum Wohl!

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