
Probiert ist das richtige Stichwort. Auf dem Titelfoto seht ihr nämlich einen Ausschnitt aus einem meiner Weinregale. Es ist das, was im Büro steht, und auch hier sind keine Fächer mehr frei. Deshalb (und natürlich auch aus Interesse) habe ich in letzter Zeit ein paar Weine aus diesen Regalen probiert. Schafft Platz, macht Spaß, bringt Erkenntnisse. Was will man mehr? Und weil das hier ein altmodischer Blogpost ist, verrate ich meine zehn Weine auch erst im Text…
Probiert und ein bisschen die Nase gerümpft

Am unteren Ende der getesteten Weine finden sich zwei italienische Exemplare, was natürlich reiner Zufall ist. Sie haben auch gar nichts miteinander zu tun. Links seht ihr den Pizzolato Piwi Novello, den ich mir in einem Bio-Supermarkt besorgt hatte. Für 6,99 €, da kann man natürlich nicht meckern. Vor allem interessierte mich aber das Konzept. Pizzolato macht, egal ob man die Glitzerflasche ihres rosa Sprudlers jetzt liebt oder hasst, so einiges richtig. Sie zeigen nämlich, dass Biowein auch Fun bedeuten kann. Also habe ich ihren Novello probiert, der aus Cabernet Cortis, Merlot Khorus und Prior hergestellt wird. Und ohne Sulfite. Das ist ein Produkt, das man tatsächlich schnell trinken sollte: Perlend wie ein Lambrusco, deutliche Süße, für mich zu wenig Frische. Mittelgroßer Fun-Faktor.
Rechts wird es richtig ernsthaft. Ich war vor einiger Zeit im Piemont und hatte dort auch diesen Rosé erstanden, weil Giacomo Conterno halt ein riesengroßer Name ist. Und Sohn Roberto hatte die Cantina Nervi übernommen, muss also gut sein. Oder zumindest anspruchsvoll, denn der Preis liegt mittlerweile bei 25 €, auch wenn ich ihn in Italien deutlich günstiger bekommen habe. Wenn man den Wein blind aus einem schwarzen Glas probiert, kommt man (ganz anders als üblich) nicht etwa auf einen Weißwein, sondern auf einen Roten. Außer Tanninen hat der Rosé nämlich alles, was ein relativ schwerer Roter auch hat. 14 vol%, viel Würze, Pfeffer, etwas Balsamisches. Das ist solo echt anstrengend und verlangt dringend nach entsprechenden Speisen. Natürlich kein »Fehlkauf«, aber man sollte wissen, worauf man sich einlässt.
Schon leicht aufgehellte Miene

Weniger investieren muss man beim Wein links auf dem Foto. Der Mijnaberd Areni stammt nämlich nicht nur aus Armenien, sondern auch aus dem Mix Markt, der bewährten Supermarktkette mit osteuropäischen Produkten. Mein Tipp: Geht auf jeden Fall mal hin, nicht nur (oder sogar weniger) des Weins wegen. 10,79 € kostete der durchaus exklusive Tropfen, und er hielt absolut, was er versprach. Sogar 14,5 vol%, merkt man natürlich, aber das erwartet man bei einem Kaukasus-Roten ja auch. Viel Feuer, Würze, aber gleichzeitig eine jungkirschige Frucht und eine schöne Säureader. Blind probiert, hätte ich hier definitiv auf einen Mittelitaliener getippt, robusterer, reifer Toskaner aus Sangiovese und Merlot. Passt top zum Grillfleisch.
Rechts eine Kombination, die Weinfreaks und kulturell anspruchsvolle Menschen regelmäßig aufregt: Silvaner und Spargel. Den Spargel auch noch schön mit Buttersauce und Schnittlauch, wenngleich nicht zerkocht. Und der Wein ist natürlich ein Klassiker, der Stein-Silvaner vom Bürgerspital aus der Ersten Lage. Gibt’s (oder gab’s) für 15,90 € im Weingutsshop und in besseren Edekas und Rewes hier in der Gegend. Das ist ein ausgesprochen feines, schlankes (12,5 vol%) und eher säurebetontes Exemplar. Silvaner auf eine Art, wie er momentan bei vielen Weintestern angesagt ist, weit weg vom einstigen Barock. Hier zu dieser üppigeren Speise, Knoblauchsteaks waren nämlich auch mit von der Partie, wäre mir mehr Substanz allerdings lieber gewesen.
Franken erwartet und erhofft

Wer in Franken lebt, probiert natürlich auch viel Franken, und diese beiden gehörten definitiv zu meinen Positivbeispielen der letzten Zeit. Links der einfache Gutsriesling von Manfred Rothe. Das ist Jahrgang 2021, und ich hatte ihn für 8,50 € im Ebl erstanden. Unserer regionalen Biomarkt-Kette. Ich lese hinten, dass er im Stückfass ausgebaut wurde, und Manfred vergärt ja eigentlich immer spontan. Das dürfte zu diesem Preis also ein Overperformer sein, so dachte ich mir, und so war es auch. Nach dem Aufschrauben superglatt, also überhaupt nichts mit Perlenfrische, ganz lässig, idealtypisch wie zu Urgroßvaters Zeiten. Zitrone, Anis, Kümmel, Senfmehl, flächige Säure, schön trocken, totaler Speisenwein.
Rechts nochmal ein Franken-Klassiker, das Pendant sozusagen zum Bürgerspital-Stein. Bei einer Veranstaltung hatte ich einmal neben Horst Kolesch gesessen, dem legendären Juliusspital-Leiter. Irgendwie sind wir auf die potenziell beste Lage in Franken gekommen, und Monsieur Kolesch meinte, »für mich ist das tatsächlich der Küchenmeister«. Nie zu extrem in der Reife, gut belüftet, dank Keuperboden lange Laufzeit. Und meist mit der ideal ausgewogenen Power. Genauso stellte sich dieses Fläschchen dar, für schmucke 13,99 € im Edeka zu Memmelsdorf erstanden. Als ich ihn heute Mittag probierte, fand ich ihn sogar noch recht jung in der Anmutung. Definitiv aber mit guter Substanz, eben zwischen Frische und Gehalt, nur leicht gelbfruchtig. Oft bin ich eher Team Bürgerspital als Team Juliusspital oder Hofkeller, wenn man das so sagen darf, aber wer Klassik ohne Aufregung schätzt, kann mittlerweile eigentlich alle drei blind nehmen.
Gereifte Schätzchen der selteneren Art

Kommen wir zu den wirklich seltenen Sachen, von denen bestimmt anderswo auf diesem Planeten (ja, kleiner geht’s nicht) kaum noch ein Fläschchen vorhanden sein dürfte. Links steht der 2014er Portugieser von Andreas Durst. Von hundertjährigen Reben. Wurzelecht. Ein Exemplar, das sicher viel Liebe abbekommen hat. Ich hatte den Wein ursprünglich bei Andreas selbst auf einer der ersten Weinsalon Natürels in Köln probiert und ihn dann total per Zufall im Edeka Ueltzhöfer in Heilbronn gesehen. Und gekauft, da sollte man nicht zu lange nachdenken. Ins Glas fließt ein hellroter Saft, leicht rostfarben schon, und auch in der Nase ist da viel Oxidatives, fast Gealtertes. Die Säure steht im Mund aber prima, und nicht nur das, der Wein mit seinen 12 vol% entfaltet einen ganz wunderbaren Zauber der leichtfüßigen Nachhaltigkeit. Ich fühle mich an manch gereiften Spätburgunder aus dem Höllenberg erinnert und bin happy.
Rechts wiederum ein Wein, den ich auf einer meiner ersten öffentlichen Proben ausgeschenkt hatte. Ich hatte mir dafür von Timo Dienhart einen Riesling besorgt, seinen großen, den er im Jahrgang 2015 sowohl mit als auch ohne Schwefel ausgebaut hatte. Der »Natural Steinzeug« war natürlich die ungeschwefelte Version. Entgegen eines weit verbreiteten Vorurteils habe ich die Erfahrung gemacht, dass ungeschwefelte Weine, sauber bereitet und kontinuierlich gut gelagert, durchaus vorteilhaft reifen können. So auch dieser hier aus dem Maring-Noviander Honigberg. 11,5 vol% nur, spürbar Riesling mit Firn und Petrol, aber auch viel gelber Frucht dahinter. Das bleibt selbst am dritten Tag geöffnet komplett stabil. Logischerweise wissen wir nicht, wie ein sehr guter trockener Moselriesling des Jahrgangs 1888 im Jahr 1900 geschmeckt hat. Aber vielleicht so ähnlich wie dieser.
Probiert und begeistert

Zum Abschluss noch zwei Weine, die man ganz grundsätzlich mal probiert haben sollte. Oder deren Lagerung ausprobiert, wenn man einen guten Keller oder nette Familienangehörige mit einem solchen besitzt. Den linken Wein, wieder einen Riesling, diesmal von Peter Jakob Kühn, hatte ich seinerzeit wie den Rothe-Riesling im Ebl für 13,50 € gekauft. Damals gab es den Hendelberg noch nicht, weshalb ich annehme (ohne es zu wissen), dass die Trauben für den 2012er Hallgarten von dort stammten. In der Nase ein intensiver Kräutertouch, dazu kandierte Zitronenschale. Frisch geöffnet, hat der Wein im Mund etwas faszinierend Florales, Jasminblütiges, dazu Aprikose, etwas Puder, wunderbar, jetzt auf seinem aromatischen Höhepunkt. Nicht ewig lang, aber schön.
Rechts schließlich der Wein, der in den letzten drei Monaten die meisten internen Punkte erhalten hat. Es handelt sich um den Vouvray Le Haut-Lieu sec der Domaine Huet. Und es handelte sich um meine erste echte Weinreise (von uns »Arbeitsferien im Anjou« betitelt), auf der ich diesen Wein erstanden hatte. 2009 war das, direkt vor Ort bei Noël Pinguet, und der Wein war ganz frisch gefüllt. Seitdem lagerte er im Keller.
In der Nase ist das bereits der absolute Kracher. Unglaublich expressiv, Botrytis, Steinpilz, Oxidatives, eingekochtes Quittenmus, dennoch mit leicht bissiger grüner Ader. Im Mund setzt sich das Ganze fort. Hohes Säuregefühl, aber flächig und nachhaltig, dazu mit einer überraschend hohen Fruchtsüße, die gar nicht zum Label »sec« passt. Im realen Leben bin ich darüber ein bisschen entsetzt, weil meine Schwiegermutter eine Reispfanne mit Kurkuma gekocht hatte. Nein, darüber war ich natürlich ausgesprochen froh, aber die Pfanne zeigte sich milder und »trockener« als gedacht, der Wein hingegen süßer und üppiger als gedacht. So musste ich den Wein nach einem Gläschen wieder verkorken und abends nachprobieren. Als Solitär ist das nämlich genial, ganz edel, dennoch mit Trinkfluss. Der bestmögliche Abschluss des Tages. Und des Artikels hoffentlich auch.
