Höllenberg-Probe – Wie schmeckt ein Wein von 1882?

Höllenberg 1882 Spätburgunder Assmannshausen

Die ersten Januartage sind ja traditionell eine gern genutzte Gelegenheit, das vergangene Jahr ein wenig Revue passieren zu lassen. Je nach Neigung kann man dabei Hitlisten erstellen oder auch vorgreifen. Nach dem Motto, »was ich 2022 schon wieder nicht geschafft haben, jetzt aber 2023 konkret angehen werde«. Ich möchte diesmal nicht so etwas wie die Tops des Jahres in verschiedenen Rubriken aufzählen, sondern ein ganz bestimmtes Ereignis herausgreifen. Eines, dem (so ist das immer bei besonderen Ereignissen) der Zauber des Ephemeren innewohnt. Einmal erlebt, vergangen, vorbei. Aber für immer im Gedächtnis geblieben. Mein Weinerlebnis des Jahres 2022 war nämlich die Probe von 100 Spätburgunder-Jahrgängen aus dem Assmannshäuser Höllenberg.

Was ist der Höllenberg?

Assmannshäuser Höllenberg

Der Assmannshäuser Höllenberg liegt streng geographisch gesehen gar nicht mehr im Rheingau. Vielmehr befindet er sich, wie ihr auf der Karte erkennen könnt, bereits jenseits des Nordknicks in Richtung Mittelrhein. Das eigentliche Herzstück ist dann auch nicht parallel zum Flussverlauf zu finden, sondern in einem trockenen Seitental mit südexponierten Steilhängen. Der Berg selbst besteht aus Schiefer, in den tieferen Lagen mit Löss ergänzt – und seit vielen Jahrhunderten ununterbrochen weinbaulich genutzt. Anders als im sonstigen Rheingau war hier der Rotwein schon immer berühmter als der Weiße. Die Fixierung auf reinen Spätburgunder, aus dem lange Zeit üblichen Mischsatz heraus, erfolgte allerdings erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Als im Jahr 2009 schon einmal 15 betagte Rote aus dem Höllenberg gegen 15 berühmte Burgunder getestet wurden, standen für Marcus Hofschuster zwei Weine gemeinsam mit 94 Punkten an der Spitze: der 1952er Richebourg der Domaine de la Romanée-Conti – und der 1947er Höllenberg. Ob wir den damaligen Spitzenreiter heute wieder probieren können?

100 Assmannshäuser Höllenberg – das Event

100 Höllenberg Event Frenzel Greiner

Wenn 100 Rotweine aus dem Assmannshäuser Höllenberg bis hinab ins Jahr 1882 gereicht werden, dann muss es sich zwangsläufig um eine ebenso professionelle wie exklusive Veranstaltung handeln. Nur 15 Weinmenschen bekamen die Chance, diese Weine im festlichen Ambiente des Biebricher Schlosses zu erleben. Dass ich selbst dabei war, lag an einer Kombination aus großer Ehre und glücklicher Fügung. Uli Sautter war nämlich verhindert, und so nahm ich seinen Platz ein.

Zu Anfang gab es einleitende Worte von Verleger Ralf Frenzel, der als Gastgeber alles perfekt organisiert hatte, und von Dieter Greiner, dem mittlerweile langjährigen Betriebsleiter von Kloster Eberbach und damit auch Chef der Domäne Assmannshausen. Alle Weine stammten aus der Schatzkammer des Weinguts, in der sie unter perfekten Bedingungen bis zum heutigen Tag reifen konnten. Für die geschichtliche Einordnung des Höllenberg’schen Weinbaus sorgte Daniel Deckers. Er war auch derjenige, der ein Zitat von Fritz Hallgarten anbrachte, eines nach England emigrierten Weinhändlers. Hallgarten schrieb: »It [der Höllenberg-Wein] is no Burgundy. It’s a Rhine Wine with some of the characters of a Burgundy.« An dieses Zitat musste ich während der Verkostung oft denken.

Die Jungweine

Aber nun ging es los, 100 Weine zu verkosten ist schließlich kein Pappenstiel. Ich saß neben Kathrin Puff, der Kellermeisterin und stellvertretenden Betriebsleiterin von Kloster Eberbach. Sie hat übrigens eine weintechnisch überaus interessante Vergangenheit als Önologin eines thailändischen Weinguts. Darüber zu sprechen, blieb diesmal leider keine Zeit, hoffentlich ein andermal… Was man aber definitiv schon diesmal sagen kann: Unter ihrer Ägide sind die Roten des Staatsweinguts deutlich präziser und engmaschiger geworden. Die kühle Eleganz eines Pinot-Ideals bei einer Wärmeinsel wie dem Höllenberg in die Flasche zu bringen, das erfordert ein entsprechendes Fingerspitzengefühl.

Ein Beispiel dafür mag der Höllenberg des nun wirklich herausfordernd heißen und trockenen Jahrgangs 2018 sein. Unfiltriert abgefüllt, dezent Rauch, Kaffee und Verbena in der Nase, geradezu mutig für die staatlichen Weine. Im Mund dann kirschig mit einer hohen Pikanz, die trotz hoher Extraktsüße erhalten bleibt. Ein richtig schöner Wein.

Weingläser

Ich nehme aber an, dass ihr jetzt nicht zu jedem einzelnen Wein eine Verkostungsnotiz lesen möchtet. Das heißt, spontan würden vermutlich alle »Ja!« rufen, aber wer liest dann nach Notiz 67 auch noch Notiz 68? Deshalb folgen jetzt lieber ein paar Eindrücke.

Wahrscheinlich müssen selbst heiße Eberbach-Fans zugeben, dass der große Betrieb in den vergangenen Jahrzehnten bessere und schlechtere Zeiten gekannt hat. Dieter Greiner berichtete, dass man 1963 beschloss, die Weine ausschließlich mit Restsüße anzubieten. Angesichts der geschmacklichen Moden glaubte einfach niemand mehr daran, richtig trockene Weine verkaufen zu können.

Heutzutage haben diese Weinjahrzehnte (außerhalb der edelsüßen Weine) keinen guten Ruf. Beim Probieren sind mir allerdings besonders zwei Dinge aufgefallen. Erstens verliert so ein Höllenberg-Spätburgunder nichts so schnell wie seine Farbe. Bereits der 1997 war braun wie ein Glas Hōjicha. Dafür, und das ist meine zweite Erkenntnis, besaßen diese Weine teilweise einen ungeheuren Charme. Feingliedrig, verwelkte Rose, gelbe Pflaume, Kräuterauszug – ein faszinierendes Spektrum.

Zeitzeugen – die 1920er bis 1940er Jahre

Höllenberg 1942

Jahrzehnte mit schrecklichen Ereignissen kündigten sich an, Kriege, Armut, Terror, Wahnsinn. Es ist ein Wunder, dass in dieser Zeit mit die schönsten Weine entstanden, die hier je produziert worden sind. Verantwortlich dafür waren gute Wetterbedingungen, vor allem aber Ewald Schug, der die Geschicke der Domäne Assmannshausen von 1923 bis 1959 leitete. Seine Urenkelin, Claudia Schug von Schug Carneros, war mit bei der Probe dabei, und wir verkosteten nun die Weine aus dieser Ära vor fast 100 Jahren. Wie schmeckte beispielsweise jetzt der 1947er, der in der Probe vor 13 Jahren dem Richebourg ebenbürtig war?

Er schmeckte nach dem am besten erhaltenen Rotwein des Flights. Das trockenheißeste Jahr bis dato hatte für hohe Reife und dicke Beerenschalen gesorgt. Erstaunlich viel Tannin wohnt dem Wein noch inne, viel Gehalt, aber relativ wenig Geschmeidigkeit, wenig Finesse. Deshalb war das auch nicht mein Liebling, ähnlich wie der 1921er, den manch andere hingegen für den größten Wein der Probe hielten.

Höllenberg 1921

Meine persönlichen Favoriten waren eher die zarteren, balancierteren Gewächse der Jahrgänge 1926, 1935 oder 1942, wobei sich allein diese Nennung in ihrer Nonchalance ein klein bisschen fürchterlich anhört.

Eine solche Veranstaltung der Superlative besitzt nämlich viele Highlights, aber definitiv auch einige Nachteile. Und zwar immanent. Normalerweise wäre ich bei einem Wein aus den 1920er Jahren einen ganzen Abend geblieben. Oder zumindest eine viel längere Zeit, als uns das zwangsläufig hier möglich war. Das für sich allein Besondere, gar Sensationelle sticht dadurch nicht heraus, sondern es reiht sich ein. Zehn ausgewählte Weine aus zehn Jahrzehnten wären sicher die prägnanteren Zeitzeugen gewesen. Aber gleichzeitig hätten sie eben nicht das ausgemacht, was im Mittelpunkt dieser Veranstaltung stand: das Wechselvolle, das Auf und Ab, die Vollständigkeit, die große Geste des »Seht her, wir geben euch alles, was wir haben!«.

Der Kennedy-Wein

Höllenberg Kennedy-Wein 1917

Fünfter Flight, Spätburgunder Weißherbst, neunmal als Eiswein, einmal als Beerenauslese. Amberfarbene Getränke, aber ein Genuss im Glas. Ich gab keinem einzigen davon weniger als 92 Punkte, denn hier hatte der Zucker offenbar dafür gesorgt, dass die Frucht noch wunderbar präsent war. Beim letzten Wein der Reihe war leider jede Menge grober Trub im Glas, aber geschmacklich machte das wenig aus. Kaffee- und Malznoten zeigten sich, in der Nase ein wenig erdig, am Gaumen dann aber quicklebendig in Säure und erdbeerähnlicher Frucht. Einer meiner drei Favoriten.

Beim Aufdecken dann großes Aha, und bei mir leichtes Erschrecken. Dieser wunderbare braune Wein stammte aus dem Jahrgang 1917, meine beiden anderen Lieblinge aus den Jahren 1990 und 2001. Nie hätte ich gedacht, dass diese Weine zeitlich derart weit auseinanderliegen. Und natürlich auch nicht, dass dies hier die 1917er Höllenberg Rotweiß-Edelbeerenauslese ist, der legendäre Kennedy-Wein, von dem nur noch wenige Flaschen existieren. Warum Kennedy? Weil John F. Kennedy anlässlich seines Staatsbesuches im Jahr 1963 eine Kiste davon geschenkt bekam. Damals war das schon ein wertvoller Wein. Im Jahr 2017 schließlich kam eine Flasche des 1917ers für schlanke 12.495 € unter den Hammer.

Was passt zu 90 Jahre altem Höllenberg?

Ochsenbacke

Was reicht man jetzt aber zu diesen so ungemein unweinlich aromierenden Preziosen? Kaffee und Malz beim 1917, aber eben mit diesen lebendigen Fruchtspuren. Andere Weine waren von braunem Rohrzucker geprägt, von Rübensirup, von Kräuterauszügen, von gebrannter Mandel, Balsamico, verblühter Rose, Kamille, Keller, Rauchfleisch. Nur bei den jüngeren Jahrgängen konnte man sich auf die typische Rotfruchtigkeit verlassen. Zudem besaßen die fragilen Geschöpfe vergangener Jahrzehnte die Tendenz, sich quasi minütlich zu wandeln. Eine riesige Herausforderung, der sich das Team des »Goldstein by Gollner’s« annahm.

Die meiner Meinung nach beste, gar sensationelle Kombination der beiden Tage war der oben abgebildete in Burgunder geschmorte Ochsenschwanz mit Kartoffelpürree zum 1961er Assmannshäuser Höllenberg »Natur«. Ein großartiger Wein schon für sich, geprägt von einem ganz feinen, trocken-pikanten Süßkirschauszug, unglaublich reintönig und in sich ruhend. Diese Kombination in ihrer komplementären Harmonie wäre allein eine weite Reise wert.

Ralf Frenzel Weinprobe

Ohnehin kann man sich nicht genug für das bedanken, was Ralf Frenzel mit seinem Team hier auf die Beine gestellt hat. Alle Flaschen mussten vorsichtigst geöffnet werden, später 2.000 Gläser von Hand gespült. Aber bevor ich mich hier in vorzeitigen Dankeselogen verheddere, einen haben wir ja noch, den ältesten Wein der Veranstaltung.

Höllenberg 1882 – mein ältester Wein

Höllenberg 1882

Flight 8, und am Ende stand ein unscheinbar hellbraun-goldener Wein, der hellste bislang. In der Nase Ethylacetat, hui, und zwar deutlich oberhalb meiner Toleranzschwelle. Im Mund bilden Uhu und Essig einen mitschwingenden Vorhang, der leider nur ab und zu den Blick zulässt auf verblüffend lebendige gelbpflaumige Anklänge. Wenn ich jetzt den Fehlton ausblenden könnte, würde da ein eleganter Wein stehen, der Orangeat und Ingwer spüren lässt, eine feine Fruchtsäure, ein ewig jung Gebliebener. Ein großartiges Erlebnis in jedem Fall – wenn man weiß, was man vor sich hat.

Persönlicher Favorit und kleines Fazit

Weshalb trinken wir Wein? Wie bewerten wir Wein? Das waren die beiden Fragen, die mir während der gesamten Veranstaltung durch den Kopf gingen. Und das nicht von ungefähr, denn wir bewegten uns hier fast die ganze Zeit entlang extremer Ränder. Kulturhistorische, gar philosophische Fragen schwangen permanent mit, und wie gesagt, man hätte allein mit einer kleinen Handvoll dieser Weine und den interessanten Gästen einen höchst inspirierenden Tag verbringen können.

Hätten wir die Weine ausschließlich blind verkostet ohne Aufdecken, hätten wir uns von einem sowohl erlernten als auch empfundenen Idealtyp leiten lassen. Ein idealtypischer Pinot Noir wäre für mich ein ausgewogener Rotwein, dessen wichtigste Merkmale Eleganz und Finesse sind. Und so ein Wein wird nicht immer besser mit dem Alter. Wenn Frucht, Säure, Aromen, Gerbstoffe und Struktur eine Harmonie gefunden haben, bei der die Summe der einzelnen Elemente die höchste Gesamtpunktzahl erreicht, sind 20, maximal 30 Jahre verstrichen. Danach baut manches schneller ab (wie die Frucht), anderes langsamer (wie die Säure), aber jedenfalls so, dass wir bei einem 90 Jahre alten Höllenberg weiter weg sind von der Vorstellung eines köstlichen, harmonischen Weins als bei einem 25 Jahre alten.

Das wirklich zuzugeben, erscheint mir die Grundvoraussetzung zu sein, um den zweiten Schritt vollziehen zu können. Denjenigen nämlich, dass es bei einem Wein aus dem Jahr 1882 (oder meinetwegen auch 1917) eben nicht mehr um eine Performance nach WSET-Diktion oder nach Punktewerten handelt, sondern um eine Reise im Kopf, um Emotionen, Erkenntnisse, Inspiration. Es geht also nicht darum, auf die Frage zu antworten, »wie schlägt sich ein Wein aus dem Jahr 1882?«, sondern auf die Frage, »was fühlst du dabei, wenn du einen Wein aus dem Jahr 1882 trinkst?«

Warum mich Altweine faszinieren

Höllenberg 1935

Ich sehe dann die Menschen vor mir in ihrer zeitgenössischen Kleidung, höre sie sprechen, als würden sie dabei die altdeutsche Schreibschrift benutzen, denke daran, was zu der Zeit alles noch nicht auf der Welt passiert war und daran, dass diese Flüssigkeit in meinem Glas ein gewissermaßen lebendiges Zeugnis ist, ein Gruß aus dieser ganz fernen Welt. Beim 1982er sehe ich Nena bei ihrem ersten Fernsehauftritt vor mir, beim 1972er denke ich an meine ersten bewussten Erinnerungen im Novembersturm auf dem Dachboden, beim 1935 höre ich die Erinnerungen meiner Großmutter, wie sich ihr Vater vor den rechten Schergen im Uferwald verstecken musste. Und ich schmecke gleichzeitig den köstlichen Wein, der so fein und elegant daherkommt, dass man diese beiden Eindrücke des Jahrgangs gar nicht in einem einzigen Gedanken zusammenbringen kann.

Allein wegen dieser Assoziationen lohnt sich für mich der Genuss solcher Weine. Und genau deshalb war die Höllenberg-Probe im Biebricher Schloss mein Weinerlebnis des Jahres 2022.

Jetzt wünsche ich euch aber erst einmal einen glitzernden Start ins Neue Jahr! Mögen wir uns weiterhin an vergorenem Traubensaft erfreuen – er muss ja nicht immer 140 Jahre alst sein…

P.S. Wer von der Höllenberg-Probe noch mehr (und auch Detaillierteres) lesen möchte, es gibt drei Artikel vor mir im Falstaff (eins, zwei und drei), geordnet nach Flights, und natürlich die Fine 2/2022 mit umfassenden Beiträgen von Daniel Deckers, Stuart Piggott und Stephan Reinhardt.

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