Mein WSET 3-Weinkurs in Hong Kong

Hong Kong WSETFortbildung ist eine gute Sache, das wird wohl niemand bestreiten. Nur sinnvoll sollte sie sein, also tatsächlich Lücken füllen, Horizonte erweitern, für die praktische Arbeit von Nutzen. Darüber hinaus sollte sie irgendwie herzeigbar sein. Also ein Zertifikat, das ein gewisses Renommee besitzt und auch eine ausreichende Verbreitung. Solche Gedanken leiteten mich, als ich im Spätwinter dieses Jahres meinen ersten WSET-Kurs in London machte. WSET 2. Irgendwie war mir das inhaltlich aber nicht weitgehend genug. Also schaute ich nach, wer denn das nächst folgende Level, WSET 3, anbietet. Auf diese Weise landete ich in …Hong Kong! Und wie das alles ablief, davon möchte ich hier berichten.

Hong Kong WSET AWSEC

Wein in Hong Kong

Hong Kong hört sich zunächst einmal nicht wirklich weinaffin an. Einschlägige Weinanbaugebiete liegen viele Flugstunden entfernt, und traditionelle Begleitgetränke zur einheimischen Küche sind auch eher Tee, Schnaps und – mit einer gewissen Tradition – Bier. Aber zum einen sind wir hier in einer ehemals britischen Kronkolonie, und die Briten waren schon immer große Weinhändler (man denke an Bordeaux, Port und Sherry). Zum anderen haben wir es in Zeiten konsumptiver Globalisierung fast überall mit dem Phänomen zu tun, dass manche Dinge als angesagt gelten, weil sie einen bestimmten erstrebenswerten Lifestyle verkörpern. Dazu gehört der BMW in der Garage ebenso wie die Gucci-Handtasche oder eben ein Fläschchen feiner Rotwein.

Hatte in den Pionierzeiten dieser globalen Begehrlichkeiten der Besitz einer Flasche Petrus tatsächlich ausschließlich etwas mit Prestige zu tun (man erzählt sich Geschichten von Firmengeschenken, Lagern bei 30 Grad und anschließendem Ex-en der Gläser), ist das echte Interesse an Wein als Kulturprodukt in Asien enorm gestiegen. Das zeigt sich nicht nur in der Präsenz aller bedeutenden Handelshäuser in Hong Kong oder in den vielen Messen – mit dem ProWein-Ableger seit Mai 2017. Sondern das zeigt sich auch daran, dass man in Hong Kong mittlerweile den Master of Science in Wein machen kann und fast alle asiatischen Sommeliers hier zumindest eine Zeit lang gelernt und gearbeitet haben. Und nicht zuletzt daran, dass fast jeden Tag irgendein Master of Wine irgendeine Master Class irgendwo abhält. Wenn man große „konventionelle“ Weine kennenlernen will, ist man in Hong Kong also tatsächlich sehr gut aufgehoben. (Das freakigere Zeug gibt es dafür nach wie vor wesentlich besser in Paris.)

Hong Kong WSET AWSEC

Wie kann man sich für den WSET-Kurs anmelden?

Ich hatte in dem Artikel über meinen WSET 2-Kurs in London ja schon geschrieben, was es mit dem „Wine & Spirit Education Trust“ auf sich hat. Das sind die Leute, bei denen man auch den „Master of Wine“ machen kann, also den schlichtweg begehrtesten Abschluss der Weinwelt. Zwei Stufen darunter bewegt sich der WSET 3-Kurs, den ich absolvieren möchte. Dadurch dass das Curriculum auf der ganzen Welt dasselbe ist (und sich nur die angebotenen Sprachen unterscheiden), kann man sich auf der WSET-Seite einen Anbieter heraussuchen, der bei einem in der Nähe ist. Insofern hätte ich den Kurs auch in Deutschland machen können. Aber mich hat nun einmal Asien als hochdynamischer Markt gereizt, inklusive der Leute, die man da kennenlernen kann. Und auch die englische Unterrichts- und Prüfungssprache, die noch mal ein bisschen mehr von mir abverlangt.

Also melde ich mich online beim „Asia Wine Service & Education Centre“ (AWSEC) an. Deren großer Vorteil – anders als bei vielen anderen Anbietern – liegt in den wirklich guten und detaillierten Angaben, wann welche Kurse in welcher Sprache angeboten werden. Also suche ich mir unter den WSET 3-Angeboten den Kurs aus, der für mich am praktischsten ist. Nicht auf Kantonesisch und auch nicht über ein halbes Jahr verteilt, sondern auf Englisch und an fünf Tagen à zehn Stunden hintereinander mit der Abschlussprüfung am sechsten Tag. Das ist natürlich harter Tobak und setzt voraus, dass man sowohl vorher schon jede Menge in Eigenregie lernt (sechs bis acht Wochen – auch bei meinem Vorwissen) als auch im Anwesenheitskurs fit und fokussiert bleibt. Und bitteschön keinen spontanen Schnupfen bekommt.

Hong Kong WSET AWSEC

Bei AWSEC in Hong Kong

Es gibt Momente, in denen ich über die Globalisierung und ihre Begleiterscheinungen glücklich bin. Meine Kursanmeldung war ein solcher. Ich konnte den Kurs online mit Kreditkarte bezahlen, und es war immer jemand vom AWSEC-Team für Fragen per Email erreichbar. Zum Beispiel bei der Frage, wie ich denn an mein Kursmaterial kommen sollte. Wie gesagt, bei dem „consecutive course“ muss man vor dem eigentlichen Kursbeginn schon ziemlich viel selbst gelernt haben. Und alles, was es zu lernen gibt, steht im Begleitbuch und im Übungsheft. Weil ich mir nicht sicher war, wie schnell diese Unterlagen mich erreichen würden (eine Sendung aus Hong Kong landet auch gern mal beim Zoll und lagert dann dort…), haben die AWSEC-Leute das Päckchen per DHL-Express mit Sendungsverfolgung geschickt. Alles perfekt.

Das Buch ist dann ein bisschen wie ein Gesetzestext gehalten. In jedem Satz gibt es Fakten, die wie Tatbestandsmerkmale im StGB etwas ganz Bestimmtes bedeuten, und zwar etwas, das man besser kennen sollte. Auf diese Weise können aus 200 Seiten Lehrbuch vielleicht 100.000 verschiedene Fragen generiert werden. Ich denke, das ist im Sinne der Organisatoren. Also geht es ans Pauken, ganz schlicht. Und das gilt auch für die Verkostungsanleitung, denn in einem weltweit gleichen Kurs muss zwangsläufig alles enorm standardisiert sein. Da bekommt man dann bei der Weinbeschreibung einen Punkt, wenn man „medium (+) acidity“ schreibt (so es denn zutrifft), für „rather sharp acidity“ jedoch keinen Punkt. Sowas sollte man wissen. Das Themenspektrum ist wahnsinnig breit, wenngleich nicht immer tief. Aus diesem Grund, so sagten mir die Kursteilnehmer, wird WSET 3 als ideale Qualifikation für große Restaurants, Handelshäuser und Beratungsagenturen angesehen. Man kann dann zu wirklich allem etwas sagen.

Hong Kong WSET AWSEC New Wolrd Wines

So lief der Kurs

Am Montag um 8:30 Uhr finde ich mich also im 15. Stock eines typisch hongkongischen Hochhauses ein – Ihr könnt das Foto weiter oben sehen. Mit mir am Start sind noch zwölf andere Teilnehmer/innen, jeweils etwa zur Hälfte Männer und Frauen. Wiederum ungefähr die Hälfte ist in Hong Kong ansässig, während die anderen von überall her kommen. Ursprünglich aus China, Nepal, Vietnam, England, Frankreich, Ungarn, jetzt aber irgendwo im asiatischen Bereich beschäftigt. Dadurch dass in vielen Ländern kein WSET 3-Kurs auf Englisch angeboten wird, ist Hong Kong auch in dieser Hinsicht ein Knotenpunkt.

Unser „Instructor“ Peter Nicholas ist – das hatte ich gehofft – ein Australier. Er ist Önologe und Viticulturalist, stammt von einem Weingut, hat Wein in vielen Ländern gemacht (unter anderem in der Champagne und im Piemont), hat beraten, gehandelt und lehrt seit vielen Jahren. Dass er diesen Kurs nicht zum ersten Mal gibt, merkt man sofort. Alles ist gut durchstrukturiert und auf den Prüfungserfolg ausgerichtet. Weshalb schrieb ich übrigens, dass ich mir einen australischen Lehrer erhofft hatte? Weil ich gern andere Perspektiven kennenlerne. Und ein „Neuweltler“ hat völlig andere Dinge gesehen, erlebt oder auch gemacht als jemand von der Mosel oder aus dem Jura. Ich realisiere, wie viele Entscheidungen ein Winzer eigentlich treffen muss, wie viele er treffen kann, was die Rahmenbedingungen vorgeben und welcher (ehrlich gesagt ziemlich große) Spielraum danach noch bleibt.

Hong Kong WSET AWSEC

Probieren und studieren

Dann geht es ans Probieren. Jeden Tag werden wir knapp 30 verschiedene Weine theoretisch und praktisch kennenlernen und analysieren. Und zwar nach der vorgegebenen Standardmethode. Anders als beim WSET 2-Kurs verkosten wir hier ein bisschen hochwertigere Weine. Also eher solche aus der 20-30 €-Liga (mit ein paar Ausreißern nach oben), die als typisch für ihre Herkunft, für ihre Rebsorte, für ihre Machart gelten. Das bedeutet andererseits, dass kein naturtrüber Vin Naturel darunter ist, denn es soll ja um die Regel gehen und nicht um die Ausnahme. Interessanterweise erzählen mir einige Kursteilnehmer in der Pause, dass in ihrer Arbeitsrealität solche natural wines, orange wines, biodynamische, unfiltrierte und stark individuelle Produkte durchaus eine Rolle spielen. Ein Sommelier in einer hippen Bar besitzt in dieser Hinsicht eben ein ganz anderes Sortiment als ein Einkäufer einer Supermarktkette – egal ob in Europa oder hier in Asien.

Hong Kong WSET AWSEC Sherry Port

Zur Prüfung

Weil es morgens immer Übungsaufgaben zu bearbeiten gilt, so genannte mock exams, bleibt abends nach dem Kurs nicht viel Zeit für Dinge außerhalb der Materie. Schnell eine Suppe in einem Restaurant einnehmen, mal kurz skypen mit der Heimat, dann aber wieder vorbereiten auf den nächsten Tag. Außer den „normalen“ Stillweinen lernen wir auch Schaumweine, Sherries und Ports kennen (und deren jeweilige Bereitungsmethoden).

Auf diese Weise eingestimmt, sitze ich am Samstag zum Examen eigentlich relativ optimistisch an meinem Platz mit der schönen Nummer 13. Vor mir stehen ein Weißwein und ein Rotwein, die ich blind beschreiben und bewerten muss. Dann folgen 50 multiple choice-Fragen und schließlich noch die Theorie. Das, so sagt uns Peter, ist eigentlich immer der größte Stolperstein. Erst einmal muss man ahnen, was die Prüfer eigentlich wissen wollen. Und dann geht es darum, möglichst prägnant und präzise, dazu noch in passablem Englisch, alles aufs Papier zu bringen. Korrigiert wird übrigens zentral in London, weshalb die Ergebnisse auch ein wenig auf sich warten lassen können. Um kurz vor zwölf ist alles vorbei, abgegeben, durchgeschnauft, raus an die frische Luft.

Hong Kong Sheung Wan Yuen Kee Restaurant

Essen in Hong Kong

Dadurch dass meine Woche in Hong Kong so ungeheuer straff durchgeplant ist, kann ich keine großen kulinarischen Expeditionen durchführen. Ich muss das essen, was es in der Nachbarschaft gibt. Und da sei dem heiligen Laurentius, dem Schutzpatron der Köche, ein großer Dank entboten, denn hier im Stadtviertel Sheung Wan hat er offenbar ganze Arbeit geleistet. Open Rice, die einschlägige Suchmaschine in Hong Kong, listet nicht weniger als 487 derartige Etablissements in der Nähe auf. Allerdings brauche ich gar keine Suchmaschinen, denn in der Straße gibt es sichtlich überall alteingesessene Restaurants, die genauso routiniert ihre Arbeit verrichten wie Peter bei AWSEC.

Ich gehe mittags also mit meinem nepalesischen Kollegen beispielsweise ins Yuen Kee Restaurant oder auch ins Lung Kee, zwei Finger erhoben, um zu zeigen, dass wir zwei Personen sind. Schon gibt es einen Platz und die Karte, die Bedienung ist immer sofort da (es gibt halt auch ausreichend Personal), dann kommt das Essen, die Rechnung gleich dazu, und nachher bezahlt man an der Kasse am Ausgang.

Hong Kong Premium Wine China Ao Yun

Nach dem Kurs

Nach dem Kurs schaue ich noch ein bisschen in den Weinläden der Gegend herum. Auch da ist das Angebot wahnsinnig international. Ich finde unter anderem den Gutssilvaner des Weinguts Luckert, einen Orange Wine von Pyramid Valley aus Neuseeland, den Barbera von Burlotto aus dem Piemont – und auch ein paar chinesische Weine. Das Exemplar auf dem Foto oben ist mir ein wenig zu teuer: der Ao Yun aus Yunnan kostet als Prestigeprodukt rund 270 €. Aber irgendeinen chinesischen Wein möchte ich schon probieren. Also unterhalte ich mich mit dem Verkäufer, der wirklich Ahnung hat. Er meint, die meisten Premium-Weine aus China setzen derzeit noch auf viel Neuholz, ohne die notwendige Tiefe zu besitzen. Insofern empfiehlt er mir den Silver Heights Family Reserve aus der wüstenhaften Provinz Ningxia. Da sei der Holzeinsatz gemäßigt. Recht hat er.

Hong Kong Park Butterflies Great Mormon

Das Fazit

Zum Schluss das Fazit. Würde ich den Kurs weiterempfehlen? Ja, definitiv. Aber man sollte wissen, was man mit dem erworbenen Know-how anfangen will.

Meine Mitstudenten sind alle professionell im Weinbereich unterwegs. Niemand hat WSET 3 einfach nur so gemacht. Zum Teil brauchten sie das Zertifikat für ihre Arbeitgeber, zum Teil wollten sie ihr Überblickswissen erweitern. Und das ist auch das Spezifische an diesem Kurs. WSET verfolgt einen total globalen Ansatz. Qualitativ gibt es nichts zu meckern, da die Schulungsunterlagen von sehr renommierten Leuten gemacht werden. Bei vielen anderen Kursen würde man zwar deutlich mehr praxisbezogene Dinge lernen, aber ehrlich gesagt fast gar nichts darüber, was ansonsten auf der Welt so los ist. Und das ist sowohl bei WSET 3 als auch beim Kursort Hong Kong definitiv anders. Welche Weine kommen aus Hawke’s Bay, wie und weshalb lässt man die interzelluläre Gärung zu, was unterscheidet einen Amontillado von einem Oloroso? Alles das lernt man hier. Und einen Einblick in den Wachstumsmarkt Asien zu bekommen, schadet einem Weinmenschen ehrlich gesagt auch nicht.

Werde ich jetzt also WSET 4 (= das Diplom) auch noch draufsatteln? Mal schauen. Ein bisschen hängt es auch davon ab, was sich beruflich in nächster Zeit bei mir tut. In jedem Fall sage ich aber schon einmal dankeschön Hong Kong, dankeschön Peter, dankeschön AWSEC, ihr habt mir wirklich weitergeholfen. Wenn ich künftig Weine teste, wenn ich Kurse vorbereite, wenn ich überlege, welche Weine sich auf welche Weise verkaufen ließen, dann werde ich auf alles das zurückgreifen, was ich hier gelernt habe. Mehr kann man von einer Fortbildung eigentlich nicht erwarten, würde ich sagen…

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3 Kommentare zu Mein WSET 3-Weinkurs in Hong Kong

  1. Thomas Riedl sagt:

    Hallo Matthias,

    jetzt bin ich aber seeeehr gespannt auf die nächste Verkostung mit Dir. Da spielen wir mal „Mein rechter rechter Platz ist frei..“ OK?
    Und wann bekommst Du Deine Prüfungsergebnisse?

    Beste Grüße

    Thomas

    • Matze sagt:

      Wenn ich das wüsste 😉 . Die Hongkonger sagen, bei ihnen sind es drei Monate, in Europa geht’s ein bisschen schneller… Ansonsten sehen wir uns ja hoffentlich am 15., oder?

  2. Bodo sagt:

    Hallo Matthias,

    das WSET-Diploma würde ich schon noch machen. Ich habe das bereits 2003 in Geisenheim abgeschlossen und bis heute nicht bereut, obwohl ich nach wie vor Wein nur als Hobby betreibe. Aber man lernt viele interessante Leute kennen, kann Verbindungen knüpfen und hat Zugang zu professionellen Veranstaltungen. Außerdem hat man als „Nichtprofi“ auch ein international gültiges Diplom in der Hand, das einen gewisse Fähigkeiten in diesem Metier bescheinigt. Am schönsten fand ich allerdings die Erkenntnis, dass einige durch Funk und Fernsehen bekannte Sommeliers auch nur gewaltig „mit Wasser kochen“ 🙂

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