Beim WSET-Kurs in London

WSET 2 LondonAls ich in meinem Freundeskreis erzählte, dass ich zum WSET-Kurs nach London fliegen würde, waren die Reaktionen darauf sehr unterschiedlich. Einige Auskenner fragten gleich nach, „ah, welches Level?“, andere meinten, „London, wie schön!“, aber die meisten reagierten auf meine Ankündigung schlichtweg mit einem „W-Was-Kurs?“. Ergo erkläre ich am besten erst einmal kurz, worum es sich eigentlich handelt. Wenn Ihr das wisst, wollt Ihr anschließend vielleicht auch erfahren, warum ich das gemacht habe und wie es mir dabei ergangen ist. Also los.

WSET heißt ausgeschrieben „Wine and Spirit Education Trust“ und wurde 1969 in London gegründet. Zunächst war das alleinige Ziel, Fortbildungskurse für den englischen Weinhandel anzubieten, aber peu à peu hat sich das Ganze zur wichtigsten Weinschule der Welt entwickelt. Im letzten Jahr nahmen nicht weniger als 85.000 Kandidatinnen und Kandidaten in 70 Ländern und in 19 Sprachen an einem der vom WSET zertifizierten Kurse teil. Beim Wein beginnt man nachvollziehbarerweise mit Level 1, auf welches Level 2 und 3 folgen. Level 4 wird auch als Diplom bezeichnet, und die Stufe darüber ist der hoch angesehene Master of Wine. 370 derartige Weinmeister gibt es derzeit weltweit, aber dafür ist dann auch schon wieder ein eigenes Institut zuständig. Von diesen 370 MW (so wird das abgekürzt) sind allerdings nur 47 keine englischen Muttersprachler, was sich einerseits mit der Historie der Organisation erklären lässt, andererseits aber natürlich auch damit, dass sehr komplexe Sachverhalte in der eigenen Sprache nun einmal leichter zu verstehen und zu erklären sind.

Für die Levels darunter werden allerdings auch Kurse in anderen Sprachen als Englisch angeboten. Ihr könnt ja bei Interesse einmal auf der WSET-Seite nachschauen, welche Anbieter in Eurer Nähe welche Kurse im Programm haben. Ich selbst hatte vorher ein bisschen in Auskennerkreisen herumgefragt und daraufhin drei eindeutige Antworten herausgefiltert auf meine Frage, was denn für mich am besten wäre:

  1. „Wenn du ein Zertifikat in Wein haben möchtest, ist WSET das einzige, was wirklich zählt.“
  2. „Wenn du international arbeiten möchtest, ist es wichtig, die Fachbegriffe auf Englisch zu kennen.“
  3. „In Level 1 lernst du, dass es Rotwein und Weißwein gibt. Fang besser mit Level 2 an. Du wirst bei einigen Fragen viel mehr wissen, als dort verlangt wird. Das ist aber kein Grund zur Überheblichkeit, denn es geht hier um eine bestimmte Systematik, und die dürfte für dich genauso neu sein wie für die meisten anderen Weinfans auch.“

Gesagt, getan, online gebucht – auf nach London! Das war vor allem deshalb so easy, weil Stéphanie von Food and Wine Tasting superschnell geantwortet hat und wir alles vorher ausmachen konnten.

KLM HollandVorher aber noch einmal kurz eingedippt ins Reich der Kanäle. Ich konstatiere: kein Schnee in Holland.

London Kensington SnowDas sollte sich in London allerdings ändern. Hier auf der Insel war dies die kälteste, schneereichste und unfallträchtigste Woche seit vielen Jahrzehnten. Zum Glück konnte ich mein Ziel vom Hotel aus zu Fuß erreichen. Es handelte sich um eine richtig poshe Villa in einem angesagten Stadtviertel. Die WSET-Kurse müssen nämlich nicht notwendigerweise in einem abgerockten Klassenraum stattfinden; man kann auch die WSET-Instruktoren zu sich nach Hause einladen. Und so fand ich mich wieder in einer Runde erfolgreicher Geschäftsfrauen aus dem Fashionbereich. Das ist so ungefähr das Ungewöhnlichste, was man bei einer professionellen Beschäftigung mit Wein haben kann. Oder auch nicht, vor allem nicht zukünftig. Denn nicht nur Yumi Tanabes „Sakura Women’s Wine Award“ zeigt: Frauen sind für die weltweiten Weinverkäufe genauso wichtig wie Männer. Es wird Zeit, liebe Geschlechtsgenossen, das mal zu verinnerlichen.

WSET 2Weniger philosophisch und diskursorisch ging es dann am ersten Tag des Kurses zu. Falls Ihr auch einen solchen absolvieren möchtet, ein kleiner Tipp von mir: Lest Euch das Arbeitsheft und das Buch, das Ihr vor dem Beginn des Kurses zugeschickt bekommt, wirklich durch. Wein (und das nicht nur nach WSET-Diktion) ist nämlich etwas anderes als das fachgerechte Schlürfen von zwölf Riesling-GGs. Es geht hier auch um grundlegende Prinzipien wie auf der obigen Zeichnung dargestellt: Säure verringert den Körper eines Weins, während Tannin und Alkohol ihn erhöhen. Oder auch: Im Casablanca Valley wird Chardonnay angebaut und nicht etwa Syrah. Und in der Pfalz kein Merlot.

Solltet Ihr dennoch einen Merlot aus der Pfalz kennen, wisst Ihr einerseits zu viel für diesen Kurs, andererseits geht es nicht um solche Ausnahmen, sondern um die Regel. Wenn nämlich Merlot in der Pfalz nicht unter den zehn flächenmäßig wichtigsten Rebsorten ist, dann gibt es ihn dort nach WSET 2-Definition nicht. Alles andere wäre angesichts der irrwitzigen Vielfalt der realen Weinwelt auch nicht merkbar.

WSET Food & Wine PairingBeim Verkosten geht es ebenfalls nicht um möglichst blumige Ausdrücke, sondern um Reihenfolgen und Kategorien. Das Aussehen wird in den Kategorien clarity, intensity und colour abgefragt. Jeweils mit bestimmten weiteren Ausprägungen. Die Nase in condition, intensity und aroma characteristics. Und der Geschmack wiederum in sweetness, acidity, tannin, body, flavour characteristics und finish. Gefolgt von den quality conclusions. Das hört sich nicht gerade hedonistisch und weinselig an, und genau das soll es auch nicht sein. Spätestens an diesem Punkt wird uns allen bewusst, dass dies eine berufliche Fortbildung ist mit dem Ziel, möglichst alle Weine der Welt nach einem nachvollziehbaren Schema abzuprüfen.

Auf dem Foto oben werden zwei Weißweine und zwei Rotweine danach beschrieben, wie sie sich gegenüber bestimmten Kategorien von Speisen verhalten. Die Zitrone steht für (logisch) Säure, der reife Cheddar für Fett und die gekochten Pilze für Umami. Die belgischen Meeresfrüchtepralinen stehen dementsprechend nicht für Single Origin-Edelkakao, sondern für Süße. Weil ich eine gewisse akademische Neigung besitze, gefällt mir so ein Ansatz, und ich fertige eine große Kreuztabelle an, in die ich die teils angenehmen, teils durchaus scheußlichen Geschmacksresultate eintrage.

Tatsächlich unterscheidet sich so etwas ganz stark davon, wie ich in den letzten Jahren Wein für mich wahrgenommen und meine Vorlieben weiterentwickelt habe. Ich wäre beispielsweise nie auf die Idee gekommen, einen trockenen Riesling mit Süßspeisen zu kombinieren oder einen technisch gemachten chilenischen Chardonnay zu kaufen, nur um zu erfahren, wie das schmeckt. Ich hätte bislang immer gesagt, okay, schmeckt mir ganz sicher nicht, will ich nicht, mein Geld ist endlich, ich kaufe lieber den Biodyn-Carignan vom knorzigen Kleinwinzer, denn so eine Philosophie will ich unterstützen.

Das will ich auch weiterhin, aber ich habe gelernt (oder sagen wir besser: es ist mir bewusst geworden), diese beiden Ansätze ein bisschen voneinander zu trennen. Was nämlich klar ist: Das immer tiefere Eindringen in persönliche Wohlfühlwelten hilft einem nicht weiter, wenn es darum geht, die Globalsituation zu betrachten. Wem diese globalen Welten egal sind, der braucht einen solchen Kurs sicher nicht. Wer aber ein professionelles Interesse an Wein besitzt, das über eigene Vorlieben hinausgeht, der schon.

WSET Master of WineWenn ich hier von Professionalität spreche, die besten Resultate beim Schnuppertest erbrachte regelmäßig unser Freund im Vordergrund. Wenn er sich doch nur ein bisschen mehr mit Fragen der Fermentation und der Lagerung beschäftigen würde, der Master of Wine innerhalb einer Woche wäre ihm gewiss. Wir anderen haben den Kurs aber auch alle bestanden. Nicht den Master of Wine, versteht sich. Aber den WSET 2-Kurs, und darauf lässt sich doch aufbauen.

Whole Foods London Orange WineNatürlich gibt es abends auch ein Leben nach dem Kurs, und da hat London weinmäßig auch für persönliche Vorlieben einiges zu bieten. Für mich beispielsweise die Auswahl beim Whole Foods Market in Kensington, der in der Tat in einem etwas anderen Gewand daherkommt als ein gewöhnlicher Supermarkt. Interessant fand ich dabei die verschiedenen Kategorien, in welche die Weine hier eingeteilt wurden (etwas anders als beim WSET): Im großen Regal wird noch traditionell nach Herkunftsländern und -regionen geordnet. In der Mitte jedoch gibt es für „Philosophieweine“ noch einmal vier verschiedene Zuordnungsmöglichkeiten: Organic, Sulphite-free, Orange & Amphorae und Natural & Biodynamic. Das ist echt kompliziert. Und interessant gleichzeitig. Unter den Rubriken Organic und Sulphite-free waren die (vergleichsweise) qualitativ schlechtesten Weine zu finden. Was sagt uns das? Ist „Bio“ als Zuschreibung zukünftig nur noch eine Restkategorie für Weine, die weder mit Terroir noch mit einer bestimmten Anbau- oder Ausbauart punkten können? War das nicht mal anders gedacht?

London Heathrow SnowÜber solche Fragen kann man trefflich diskutieren, und beim Blick aus dem Fenster des Flughafengebäudes wird mir bewusst, dass ich diese Diskussionen (leider nur mit mir selbst) möglicherweise auch noch längere Zeit würde führen können. Kurzweilige sechs Stunden später hatte ich es dann aber doch geschafft, die große Nordseeinsel zu verlassen.

WSET 2Zeit für ein Fazit. Und damit Zeit für Fragen an mich selbst (im Geist bereits in der Wartehalle in Heathrow beantwortet, you know).

Lieber Matze, hast du dich richtig eingeschätzt mit dem WSET 2-Kurs?

Ich denke schon. Auf Englisch war das ja eine zusätzliche Herausforderung, und da sollte man vielleicht mit Dingen beginnen, die man inhaltlich schon ein bisschen durchdrungen hat. Wer sich da selbst einschätzen möchte, es gibt im Internet eine Reihe von Testfragebögen auf WSET 2-Niveau. Die tatsächliche Prüfung enthält dann nach meiner Erfahrung so viele relativ leicht zu beantwortende Fragen, dass man mit angemessener Vorbereitung die 55%-Mindestanforderung übertrifft. Zusätzlich gibt es aber auch drei bis vier kniffligere Fragen, die man so nicht durchgenommen hat. Eine gute Mischung.

Wie findest du den Ansatz, der bei den WSET-Kursen gefahren wird? Hat dir das außer dem Zertifikat noch etwas zusätzlich gebracht?

Darüber musste ich auch erst nachdenken. Die WSET-Kurse haben übrigens alle dasselbe Theoriematerial, aber die Testweine können durchaus unterschiedlich sein. Stéphanie erzählte mir, dass ein bekannter Londoner Weinhändler ebenfalls WSET 2-Kurse abhält, die aber wesentlich teurer seien, weil dort einfach teure Weine probiert werden. Ich finde aber ihren eigenen Ansatz für die Kurszwecke besser: einfachere und für die Rebsorte und die Region typische Weine. Wie schon mal gesagt, die Regel ist hier wichtiger als die Ausnahme. Und genau das hat mir der Kurs gebracht, nämlich auch gedanklich einen viel besseren Überblick über das, was ansonsten in der Weinwelt vor sich geht. Da die Briten traditionell nicht nur Bordeaux, sondern auch viel Überseeweine trinken, habe ich mit dem London-Kurs praktisch ausschließlich an meinen Lücken gearbeitet. So wollte ich das haben.

Wirst du auch den WSET 3-Kurs machen?

Ja, und zwar noch in diesem Jahr, wenn es geht. Wieder auf Englisch. Ich weiß nur noch nicht, ob ich das auch an direkt aufeinander folgenden Tagen machen möchte. WSET 3 hat doch noch einmal wesentlich mehr Inhalt, und ehrlich gesagt geht es mir ja weniger darum, ein Zertifikat dank mauer 56% richtiger Antworten zu bekommen, als vielmehr darum, die Sache wirklich durchdrungen zu haben.

Übrigens hatte ich vor einiger Zeit in Hongkong in einer Zeitung eine Stellenanzeige gelesen, in der die Leitung für eine etablierte Weinbar in Shanghai gesucht wurde. Voraussetzung: WSET 2. Bevor Ihr aber denkt, dass ich in Kürze diesen Job antrete, hier noch die zweite Voraussetzung für eine erfolgreiche Bewerbung: fließend Mandarin. Das dürfte dann eventuell das größere Hindernis sein…

Dieser Beitrag wurde unter Meinung, Unterwegs, Wein abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Beim WSET-Kurs in London

  1. Pingback: Mein WSET 3-Weinkurs in Hong Kong - Chez MatzeChez Matze

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.