Natürlicher Dienstag #17 – Poss Grauburgunder vogelfrei

Poss Grauburgunder vogelfrei

Das Weingut Poss in Windesheim ist ein ganz gewöhnlicher deutscher Familienbetrieb. Die Brüder Karl-Hans und Harald bewirtschaften gemeinsam 12 ha Rebflächen im kühleren Bereich des Anbaugebiets Nahe. Gut, sie bauen zu 90% Burgundersorten an, was im Riesling-Land dann doch wieder ein bisschen ungewöhnlich ist. Und gut, Nadine, die Tochter von Karl-Hans, war in der Saison 2013/2014 Deutsche Weinkönigin. Das gibt es auch nicht überall. Und okay, Nikolay, der Sohn von Harald, ist gerade in Geisenheim fertig geworden und hat seine Bachelorarbeit über Granitfässer geschrieben. Deshalb gibt es beim Weingut Poss jetzt auch maischevergorene Weine aus dem Granitfass. Ich gebe es zu, so ganz gewöhnlich oder gar uninteressant scheint das Weingut Poss dann doch nicht zu sein…

Poss Grauburgunder vogelfrei 2017

Ich sitze mit Nikolay Poss in der Vinothek des Weinguts und probiere mich durch das Portfolio. Wieso sie denn so stark auf die Burgundersorten setzen würden, frage ich ihn. „Nun“, meint Nikolay, „der Opa hat schon 1967 damit angefangen, und dann haben mein Vater und mein Onkel in den 80ern das nochmal gesteigert.“ Erst einmal würden Burgundersorten für den Winzer mehr Spaß machen als Riesling. Da könne man nämlich viel mehr variieren – schlank oder üppiger, mit Holz, ohne Holz, Maische, Tannin. Und außerdem hätten sie festgestellt, dass wesentlich mehr Leute Nein zu Riesling als Nein zu Burgunder sagen würden. „Gerade zum Essen trinken die Leute wesentlich eher Burgunder.“

Poss Nahe Granitfass

Und die Sache mit der Vogelfrei-Linie? Ja, das wäre sein Ding. Aber zum Glück zögen Vater und Onkel da auch mit, denn neugierig seien die auch geblieben. 2015 haben sie mit der Maischesache angefangen, und jetzt gibt es vom 2018er Jahrgang schon 3.000 Liter. Das ist wirklich nicht ganz unerheblich, aber die Gastro zeigt sich bislang richtig angetan. Drei bis vier Wochen bleibt der Grauburgunder auf der Maische, macht aber keinen biologischen Säureabbau durch und wird filtriert. Das Granitfass sei natürlich die ganz große Sache und auch entsprechend teuer. Aber den Unterschied merke man tatsächlich, mehr Mineralität, Straightness und trotzdem viel Harmonie.

Wie schmeckt der Wein?

Im Glas zeigt sich der Wein mit einer wunderbaren Farbe. Ein ganz zartes Lachsrosé ist das. In der Provence würde so ein Wein eindeutig als Rosé durchgehen. In der Nase ist der Grauburgunder sehr dezent, also ungewohnt dezent, möchte ich sagen. Frucht ist kaum zu spüren, ganz leicht Pfirsichschale vielleicht, dazu sofort spürbarer Stein und eine kräuterige Würze. Im Mund kommt eine sehr gut präsente Säure zum Tragen. Dass hier kein BSA zugelassen wurde, finde ich vom Gesamtauftreten des Weins ehrlich gesagt stimmig. Die Mineralität ist deutlich spürbar, nasser Stein, dazu eine zurückhaltende, aber sehr feine Frucht. Ich schmecke Erdbeere, Weinbergpfirsich und wiederum die entsprechende Schale davon, vielleicht ein bisschen Zimt.

Viele Grauburgunder kommen nach meiner ganz privaten Empfindung oft etwas zu vordergründig und plump daher. Das kann man diesem vogelfreien Exemplar nun wirklich nicht nachsagen. Ja, der Wein ist deutsch in seiner Machart, frisch, relativ sehnig, und die Maische hat auch nur sehr dezent Tannine zurückgelassen. Er ist aber auch vollkommen trocken, sehr harmonisch und einfach ein exzellenter Speisenbegleiter. Irgendwie erinnert mich der Vogelfrei an einen (allerdings sehr guten) Gris de Toul, einen ebenso straffen und hellen Roséwein aus Lothringen. Vor ein paar Jahren war ich dort einmal unterwegs und habe versucht das aufzuspüren, was mir wie die letzten Überbleibsel eines einstmals bedeutenden Weinbaus vorkamen. Mittlerweile hat sich in Lothringen – wie in vielen kühlen Gegenden dank der letzten heißen Jahrgänge – die Winzerei ziemlich positiv entwickelt. Auch Windesheim galt einstmals als „Polarkreis-Gemeinde“, aber von Unreife ist beim Poss-Grauburgunder nun wahrhaftig überhaupt nichts zu spüren.

Wo habe ich ihn gekauft?

Weingut Poss Nahe

Den Wein hatte ich wie gesagt direkt auf dem Weingut probiert, als ich für den Falstaff-Weinguide an der Nahe unterwegs war. In Windesheim hatte ich auch die würzig-nachhaltigen Weißburgunder von Martin Reimann getrunken, die schlanken Essbegleiter der Gebrüder Kauer und die wirklich ausgezeichneten Rotweine der Sinß-Brüder. Zwei Poss-Weine hatte ich mir danach für meine eigenen Zwecke mitgenommen, nämlich genau diesen hier (23 € am Weingut) und auch den zweiten Wein aus der Vogelfrei-Serie, einen maischevergorenen, unfiltrierten, richtig trockenen Würzer. Genau, das ist die krasse Kreuzung aus Gewürztraminer und Müller-Thurgau. Ein sehr spannender Wein übrigens.

Ein anderer Winzer hatte mir vorher gesagt, dass das Weingut Poss bereits im Bio-Zertifizierungsprozess sei. Ganz so hat Nikolay das dann doch nicht bestätigt. Ja, sie würden keine Herbizide verwenden und hätten 2019 auch ausschließlich biologisch gearbeitet. Aber mit der Zertifizierung würden sie erstmal ein bisschen warten, denn es gehe ihnen primär um einen Weg des Lernens und Verstehens. Bio im Sinne von echter Biodiversität sei ja etwas anderes als das bloße Einhalten von Vorgaben, nur um ein Siegel auf die Flasche machen zu können.

Bei Verschluss hat Nikolay Poss übrigens ganz klare Ansichten: „Den Schrauber gibt es bei uns nur beim Gutswein.“ Warum das? „Weil wir festgestellt haben, dass größere Weine nur mit Kork harmonisch reifen können.“ Kunststoff hätten sie auch einmal ausprobiert, das ginge gar nicht. Beim Schrauber fehle die Harmonie. Dann doch lieber Kork. Und bei dem geringen Anteil an Korkschmeckern, den sie bislang hatten, würden sie das Risiko gern in Kauf nehmen.

Richtig wild sind die Poss-Weine ganz sicher nicht, weder gewollt noch aus Versehen. Aber Schritt für Schritt passieren auch auf einem gewöhnlichen Familien-Weingut wie diesem zunehmend ungewöhnliche Dinge. Es lohnt sich also dabeizubleiben.

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2 Kommentare zu Natürlicher Dienstag #17 – Poss Grauburgunder vogelfrei

  1. Thomas Riedl sagt:

    Hallo Matthias,

    danke für diesen familiären Einblick in die Entwicklung bei Poss.
    Weine aus dem Granitfass nebeneinander zu probieren, wäre ja auch mal ein interessantes Thema. Welche Winzer kennst Du noch, die dieses Fass nutzen?

    Und was sagst Du denn zum Weingut Marx, wenn Du in Windesheim warst?
    Mir haben die Weine bisher sehr gut gefallen, allerdings habe ich wegen der Säure bei Burgundersorten aus den Jg. 2018 und 2019 Bedenken.

    Schönen Gruß

    Thomas

    • Matze sagt:

      Oh, da gibt es mittlerweile schon ein paar, die ein Granitfass im Keller stehen haben. Schmitges, Reiss, Johann Arnold, Castell – da gibt’s noch einige mehr, die fallen mir nur spontan ein.

      Marx, ja, das ist wirklich blöd, das ist das einzige Weingut der „Top 5“ in Windesheim, das ich nicht besucht habe. Dem Zeitplan geschuldet. 2018 ist aber in der Tat keine einfache Sache. Zum einen wegen der geringen Säure, zum anderen wegen der Mastigkeit dank des hohen Alkohols. Also wirklich herausfordernd. Poss kommt ja vernünftigerweise immer sehr spät raus mit dem neuen Jahrgang, da hatte ich primär 2017 probiert.

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