Interview mit einem Winzer: Thorsten Melsheimer, Mosel

Thorsten Melsheimer Mosel

Thorsten Melsheimer ist ein Winzer, den ich schon immer gern besuchen wollte. Er ist einer der ganz wenigen, die sich dazu entschlossen haben, seine Mosel-Weinberge biologisch und sogar biodynamisch zu bewirtschaften. Thorsten ist sowohl Mitglied bei Ecovin als auch bei Demeter. Aus seinen 12 ha, die fast ausschließlich in den steilsten Bereichen liegen, holt er zu 99% Riesling. Dafür macht er aus dieser einen Rebsorte alles, was man sich vorstellen kann: trockene Weine, feinherbe Weine, edelsüße Weine, Sekt und PetNat, Orange Wine, Ungeschwefeltes, die ganze Bandbreite.

Bei der ProWein traf ich Thorsten am Stand des Klitzekleinen Rings. Zunächst einmal probierte ich seine Weine, bei denen es wenig überraschend ein paar wunderbar individuelle Gewächse gibt. Leider ist es nicht sinnvoll, an dieser Stelle eine Empfehlung für den Insanus auszusprechen, einen tollen PetNat aus Pinot Noir, denn der ist ab Hof schon längst ausverkauft. Aber auch der Lentum hatte mich sehr beeindruckt, ein (jetzt) trockener Wein, der sage und schreibe drei Jahre lang im Fass vor sich hingeblubbert hatte. Ein Langsamstgärer also.

Ob ich ihn denn auch mal in Reil besuchen könnte, fragte ich Thorsten zum Abschluss. „Natürlich!“ meinte er. Und so standen wir eines schönen Tages im Frühjahr 2019 auf einem steilen Felsvorsprung und blickten auf den Mullay-Hofberg, Thorstens spektakuläre Hauslage. Irgendwie war mir danach, gleich zu Anfang eine Frage zu stellen, die im Zusammenhang mit Bio-Weinbau immer wieder heiß diskutiert wird: Wie hältst du’s mit dem Kupfer? Aber keine Angst, das Gespräch geht später in unterhaltendere Gefilde weiter…

Kupfer und Glyphosat – Spritzmittel im Weinberg

Melsheimer Mosel schwindelfrei

M: Ihr Bio-Winzer benutzt ja nur Kupfer und Schwefel als Spritzmittel, während konventionelle Winzer synthetische Mittel einsetzen. Was ist denn jetzt „schlimmer“?

T: Für mich ganz eindeutig die synthetischen Mittel, und zwar aus folgendem Grund: Kupfer ist natürlich nicht harmlos, sonst hätte er ja auch keine Wirkung. Aber sozusagen das Gute am Kupfer ist, dass es sich um einen Naturstoff handelt. Wir wissen also ganz genau, was passiert, wenn man ihn einsetzt. Deshalb gibt es auch klar festgelegte Obergrenzen der Anwendung. Bei den synthetischen Mitteln wissen wir hingegen nicht genau, was passiert, weil die Abläufe so komplex sind. Schließlich greifen sie in Kreisläufe von Mikroorganismen ein, und es gibt Millionen von Mikroorganismen im Boden. Viele davon kennen wir noch nicht einmal.

M: Ja, das ist verrückt. Die Menschen haben es geschafft, zum Mond zu fliegen, aber so einfache und irgendwie alltägliche Sachen wie die Zusammenhänge im Boden oder die Sprache der Tiere, davon haben wir immer noch erstaunlich wenig Ahnung.

T: Es gibt ja Synthetics seit mittlerweile 100 Jahren, und bei einigen hat sich im Nachhinein herausgestellt, dass sie Mutationen bei Mikroorganismen ausgelöst haben. Es ist ganz schwer, konventionelle Spritzmittel für einzelne Symptome verantwortlich zu machen, da alles so sehr ineinandergreift. Aber es ist zum Beispiel nicht unwahrscheinlich, dass die enorme Zunahme von Allergien in unseren Gesellschaften, die eben diese 100 Jahre konventioneller Landwirtschaft hinter sich haben, damit in Zusammenhang steht. Also die möglichen Langzeitauswirkungen sollte man auf keinen Fall verharmlosen. Aus diesem Grund würde ich selbst Synthetics niemals einsetzen. Trotzdem empfehle ich dir, dich in der Hinsicht auch mal mit einem guten konventionellen Winzer auszutauschen. Schließlich macht der es anders, und er hat sicher darüber nachgedacht, warum er das tut.

M: Und was ist mit Glyphosat, also Herbiziden?

T: Das ist der ganz große Schritt an der Mosel, wenn man Bio-Weinbau macht. Wir benutzen ja keine Herbizide. Und ehrlich gesagt habe ich den Eindruck, dass es unserer Gesellschaft auch kaum mehr vermittelbar ist, Pflanzenzerstörer auszubringen.

M: Wie viele Winzer nutzen denn hier an der Mosel Glyphosat?

T: Also, ich möchte mal andersrum antworten: Ich kenne einige konventionelle Winzer, die keine Herbizide verwenden, aber das ist die Ausnahme. Und wenn du dir dann die Weinberge anschaust… Also ich sage immer, das ist biblischer Weinbau: Du sollst keine anderen Pflanzen haben neben mir. (beide lachen) Auf Werbefotos springt mich das immer an, wenn da außer Reben nur Steine sind. Das wird ganz offensiv beworben, als Wein vom Stein. Aber in Wirklichkeit wäre fast nichts kahl, wenn der Boden natürlich bewirtschaftet werden würde.

M: Sieht halt nach Schiefer-Mineralik aus…

T: Ja, offensichtlich.

Steillage und Steilstlage

Melsheimer Mosel Reiler Mullay-Hofberg

M: Hier im Mullay-Hofberg sind wir ja in einer enorm steilen Lage. Wie steil ist das hier?

T: Da hinten haben wir über 70% Steigung. Das ist übrigens eine Steilstlage.

M: Was ist denn der Unterschied zwischen Steillage und Steilstlage?

T: Steillage ist alles, was 35% und mehr hat, Steilstlagen gibt es ab 50%. Letztere sind wesentlich seltener, und man kann sie nur manuell bearbeiten.

M: Zuschüsse gibt es aber schon für Steillagen, oder?

T: Ja, das ist eine Sache, die ich nicht verstehe. Die Technik ist heutzutage so weit, dass man alles unter 50% maschinell bearbeiten kann. Und diese Maschinen werden wiederum bezuschusst. Ich habe also bei den weniger steilen Lagen sogar eine Doppelbezuschussung, also letztlich mehr Profit als bei den Steilstlagen, weil ich da nicht mit der Maschine reingehen kann.

M: Das klingt ja nicht vernünftig. Wie würdest du das denn regeln?

T: Ich würde für die definierten Steillagen gar keine Zuschüsse mehr geben, sondern nur noch für die echten Steilstlagen. Das sind die Lagen, die den Weinbau an der Mosel wirklich prägen, die auch für den Tourismus sorgen, die wirklich wertvoll sind und die einfach irre viel Arbeit machen. Die Zuschüsse sollten dann auch als etwas gesehen werden, mit dem der Winzer für seine Arbeit bezahlt wird. Als Kulturlandschaftserhalt, gar nicht mal für den Wein, den soll er nebenbei vermarkten. Wenn ich die wirklich wertvollen Lagen auf diese Weise bevorzuge, dann bekomme ich vielleicht auch wieder ein paar normale Winzer in den Berg, die sich das jetzt noch nicht trauen. Und nicht nur die paar Enthusiasten wie im Moment.

Hobby-Winzer im Weinberg

Melsheimer Mosel Reiler Mullay-Hofberg

M: Wem gehören denn diese kleinen Parzellen da hinten?

T: Einem Enthusiasten. (beide lachen) Also da muss ich etwas weiter ausholen: In den 80er, 90er Jahren steckte die Mosel in einer tiefen Krise. Wir hatten damals nicht mal 5 ha, und wöchentlich hat mich ein Kollege gefragt, ob ich nicht einen Weinberg von ihm übernehmen wollte. Ich hatte aber überhaupt kein Geld. Da sind mein Vater und mein Bruder auf die Idee gekommen, Leute zu suchen, die das finanzieren. Und heute haben wir zehn verschiedene Hobbygruppen hier im Mullay-Hofberg, die teilweise Arbeiten selbst machen, teilweise aber auch nur zur Ernte kommen. Die haben das Land gekauft, ich habe es von ihnen gepachtet und baue den Wein aus. Erst habe ich gedacht, lass die erstmal zehn Jahre machen, dann verlieren sie die Lust und ich kann die Weinberge kaufen. Aber die denken gar nicht daran die Lust zu verlieren, die machen immer weiter! (lacht)

M: Das sind aber auch wirklich tolle Parzellen…

T: Ja, teilweise wirklich grandios. Ich habe im Keller eine ganze Reihe von Immervolltanks, damit ich auch damit zurechtkomme, wenn die Erntemengen sehr gering sind. Teilweise sind die Parzellen so klein, dass nur 100 oder 120 Liter Wein dabei herauskommen. Das wird alles separat gekeltert und separat ausgebaut.

Bei den Ziegen

Melheimer Mosel Ziegen

M: Hier in einem kleinen Seitental hast du Ziegen. Halten die das Gelände offen?

T: Ja genau. Ich weiß noch nicht genau, ob ich hier auf diesen Flächen zurück will in den Weinbau. Wenn du aber erst einmal Wald entstehen lässt, wird das schwierig. Die Ziegen halten das Gelände offen, auf dem Trockenrasen gibt es eine hohe Biodiversität. Inzwischen gibt es auch das so genannte Moselprojekt, das mich hier ein bisschen unterstützt.

M: Was ist das?

T: Das ist eine Initiative vom Bauernverband, um verbuschte Rebflächen offen zu gestalten. Ein Biodiversitäts-Projekt.

M: Vom Bauernverband, ja?

T: Ja, tatsächlich, ich war auch ein bisschen überrascht. Aber die Gesellschaft hat sich einen deutlichen Schritt weiterentwickelt in den letzten Jahren, und auf einmal sehen sich Bauernverbände genötigt, sich zumindest mal ein grünes Mäntelchen anzuziehen. Das ist eine schöne Entwicklung. Ich habe die Ziegen jetzt das vierte Jahr. Im Frühsommer bringe ich sie nach oben, das ist ein richtig tolles Klettergelände für Ziegen. Füttern muss ich nur im Winter.

Im Keller, am Kassettenregal

Melsheimer Keller Kassetten

M: Was ist das denn, Musikkassetten?

T: Ja, den Keller mache ich ja praktisch allein. Und damit es mir bei der Arbeit nicht langweilig wird, habe ich die ganzen schönen Kassetten hier. Da kann ich dann in aller Ruhe Musik hören und gehe niemandem auf die Nerven damit. (lacht)

M: Was sind denn so deine Schwerpunkte?

T: Ach, da bin ich ziemlich breit aufgestellt. Viel Dark Wave und Punk aus den 80ern, dann kam Crossover, und mit Nirvana und Pearl Jam hat’s dann aufgehört, das war am Ende vom Studium. Mittlerweile werde ich aber wieder ganz gut ausgestattet, weil mein Sohn selbst Rockmusik macht. Die neuen Sachen stehen aber nicht hier unten. Ich höre übrigens auch viel Klassik, also ein Klavierkonzert hier unten zu hören, das hat schon was.

Bei den Fässern

Melsheimer Keller Holzfässer

M: Du hast ja jede Menge Holzfässer…

T: Ja, ich baue alle Weine im Holz aus. Und ich lasse die auch so lange blubbern, bis sie fertig sind. Da hab ich die Ruhe weg. Kannst du dich an den Lentum erinnern?

M: Ja, den hatte ich auf der ProWein bei dir probiert.

T: Genau. Der hat drei Jahre lang gegoren, und auch das habe ich akzeptiert. Reinzuchthefe verwende ich nicht. Natürlich habe ich als Moselaner den Vorteil, Weine, die nicht mehr weitergären wollen, auch feinherb auf den Markt bringen zu können. Aber einige Fässer lasse ich trotzdem so lange liegen, bis der Wein trocken ist. Ich mache das auch deshalb, weil ich mittlerweile mit dem Produkt extrem einverstanden bin, das dabei herauskommt.

M: Welche Temperaturen hast du eigentlich hier im Keller?

T: Im Winter geht das runter bis 8°C, im Sommer geht es hoch bis 18°C.

M: Oh, das sind ja ganz schön große Schwankungen.

T: Ja, als ich nach dem Studium wieder zurückkam, hatte ich auch erst gedacht, ich müsste daran etwas ändern. Aber mittlerweile läuft das sehr gut. Der Mullay-Hofberg ist ein Osthang. Das bedeutet, dass die Trauben nie so reif oder gar überreif werden wie in Südlagen wie zum Beispiel der Pündericher Marienburg. Dafür habe ich hier immer genügend Säure drin. Das heißt, es spielt mir wirklich in die Karten, wenn die Weine bei der Gärung im Winter erst mal ein bisschen einschlafen und dann im Mai, wenn es wärmer wird, wieder loslegen und durchgären. Es ist wirklich perfekt, wie dieser Keller mit dem Berg harmoniert. Wenn jüngere Studierende hier sind und sagen, super, so will ich es auch machen, dann sage ich immer, Achtung, guckt erstmal, welches Traubenmaterial ihr zur Verfügung habt! Wenn man sich auf die Fahne geschrieben hat, nicht chemisch nachzuhelfen, ist es ganz wichtig, den Keller und die Trauben aufeinander abzustimmen.

In der Schatzkammer

Melsheimer Keller Schatzkammer

M: Oh, hier liegen ja noch ein paar Schätzchen!

T: Ja, das ist tatsächlich meine Schatzkammer. Die Weine unseres Weinguts gehen dabei zurück bis in die 40er Jahre.

M: Trinkst du auch viel Wein von anderen?

T: Ja, sogar hauptsächlich. Meinen eigenen Wein trinke ich abends eigentlich nur, wenn Gäste da sind. Ich bin viel zu neugierig darauf, was es in der Weinwelt noch so alles gibt.

M: Und was sind deine neuesten Entdeckungen?

T: Also für mich war die Entdeckung des letzten Jahres Madeira. Ich bin ja totaler Portwein-Fan, aber ich finde Madeira noch besser. Den habe ich auch kennengelernt durch Sílvia und Nadir von Os Goliardos, die du ja beim Weinsalon Natürel getroffen hast.

M: Ja, das sind wirklich sehr interessante Leute.

T: Absolut! Und sie machen auch ein Weinfestival, das für mich zum schönsten gehört, was es gibt. Es findet immer am ersten Juli-Wochenende in Lissabon statt, direkt am Fluss. Da kommen dann etwa 30 Winzerinnen und Winzer aus ganz Europa, aber alles Leute, die wirklich etwas zu sagen haben. Mit denen kannst du dich über alles Mögliche unterhalten, und am Ende hast du immer irgendwas dazugelernt. Also nicht nur weintechnisch, sondern auch, was so die Reflexion darüber anbelangt, was in der Welt passiert. Natürlich muss ich das immer ein bisschen als Urlaub einstufen, wenn ich da extra runterfahre. Aber immerhin gibt es jetzt meine Moselweine in Lissabon zu kaufen!

Ausklang

Und damit sind wir am Ende des Rundgangs angekommen. Ich bedanke mich herzlich bei Thorsten für die Tour durch Weinberge und Keller, aber auch für das wirklich nette und interessante Gespräch. Einen Wein nehme ich zum Abschied allerdings nicht mit, denn ich bin ja diesmal zu Fuß unterwegs. Mein Weg wird mich im Verlauf des Tages noch über die Pündericher Marienburg führen und in eine steile Sackgasse mit rotem Lehm. Die Farbe kann ich heute noch an meinen Schuhsohlen erkennen.

Wer übrigens nicht bis nach Lissabon fahren möchte, kann die Melsheimer-Weine selbstverständlich in Reil direkt beim Weingut kaufen. Und für alle, die das sehr ausgiebig tun oder aber ohnehin ein bisschen an der Mosel unterwegs sein wollen, gibt es gegenüber im Gästehaus Einzel- und Doppelzimmer. Leider ist es von Nürnberg aus ja immer eine halbe Weltreise bis in den innersten Teil der Moselherrlichkeit. Aber eines ist mir bei diesem Besuch klargeworden: Ich muss dieses Jahr auf jeden Fall noch einmal wiederkommen. Diese Weinlandschaft ist zu spektakulär, als dass man als Weinmensch längere Zeit darauf verzichten möchte.

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2 Kommentare zu Interview mit einem Winzer: Thorsten Melsheimer, Mosel

  1. Karl Ernst Brunk sagt:

    Hallo Matthias, wegen akutem Zeitmangel kommen meine Gedanken auf deine letzte Antwort im Orangeartikel nach Pfingsten. Aber die zeit reicht um zu lesen und kurz was zu empfehlen. Beim nächsten Besuch dort muss Hugo Schorn eine Anlaufstation sein. Urgestein des Ecovin und Pentant zu Clemens Busch. Viel Zeit beim Probieren lassen. Es ist nicht nur der Wein der dabei interessant ist. Hugo ist einmalig und der Artikel dazu wird garantiert köstlich.

    • Matze sagt:

      Vielen Dank für den Tipp! Ist es schlimm zuzugeben, dass ich vorher von dem Weingut noch nie etwas gehört hatte? Wahrscheinlich wäre es viel schlimmer, wenn ich alle interessanten Menschen der Weinwelt schon kennen würde 😉

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