Schwefel oder kein Schwefel? Blaufränkisch vom Weingut Heid

Heid Württemberg Blaufränkisch Schwefel

Vor einiger Zeit beim BiolebensmittelCamp hatte ich schon einmal in öffentlicher Runde einen ähnlichen Versuch gestartet. Schwefel gegen keinen Schwefel, meine ich. Dafür hatte ich die ungefähr 20 Teilnehmer/innen meines kleinen Seminars den vermutlich bekanntesten Wein dieser „Testet selbst!“-Philosophie probieren lassen: den Morgon von Marcel Lapierre. Beziehungsweise mittlerweile von seinen Kindern Mathieu und Camille. Seit Jahren gibt es hier eine ungeschwefelte und eine (leicht) geschwefelte Version, und die Lapierres lassen einfach die Kunden entscheiden, welchen sie nehmen möchten. Ich war deshalb sehr erfreut, als ich bei der Mainzer Weinbörse erfahren habe, dass das Weingut Heid aus Württemberg auch so etwas macht. Nur eben nicht mit Gamay, sondern mit Blaufränkisch. Keine Frage, diese beiden Weine musste ich haben!

Keine 100 Meter von Markus Heids Domizil entfernt befindet sich die U-Bahn-Haltestelle Lutherkirche. Aber hinter dem Ort beginnen gleich die Weinberge, erst der Goldberg und dann, nach Südwesten ausgerichtet, der Lämmler. So dicht wie hier im Norden von Stuttgart kommen sich Großstadt und Wein nur selten. Die beiden Weine, die ich hier vergleichen möchte, sind Gutsweine, stammen also aus verschiedenen Lagen des 10 ha großen Bio-Weinguts.

Buntsandstein Muschelkalk Keuper

Gipskeuper, Schilfsandstein, bunter Mergel, das ist hier im Untergrund (der linke Stein, Nr. 268 auf dem Foto). Oben wächst wahrhaftig jede Menge. Nicht weniger als 18 Rebsorten (teilweise natürlich in kleinen Mengen) baut Markus Heid an. Rot, Rosé und Weiß gibt es, klein und groß, mit und ohne Holz, Schaumweine und Obstbrände. Ich glaube, wenn ich ein Jahr lang ausschließlich Weine vom Weingut Heid trinken müsste, mir würde kein bisschen langweilig werden.

Der Vergleich

Jetzt aber zu unseren beiden Protagonisten. Anders als man vielleicht denken könnte, heißt der eine Wein nur Blaufränkisch und der andere Lemberger. In Wirklichkeit handelt es sich um dasselbe Rebmaterial, das erst 18 Tage Maischegärung durchgemacht hat und dann in denselben gebrauchten Holzfässern ausgebaut wurde. Der Blaufränkisch wurde schließlich ohne Schwefelgabe im Juni gefüllt, während der Lemberger danach dran war, also im Juli, und ein bisschen Schwefel mit auf die Reise bekommen hat. Beide Weine, und das finde ich wahrhaftig konsequent, kosten ab Hof jeweils 8,50 €. Auch hier sollen die Kunden also allein von der stilistischen Vorliebe her entscheiden, welchen Wein sie nehmen.

Aber gibt es denn überhaupt Unterschiede zwischen den beiden Weinen? Und falls ja, haben die Naturwein-Gegner etwas zu schimpfen, weil sich der ungeschwefelte Wein aromatisch „merkwürdig“ verhält?

Farblich sind – wenig überraschend – erst einmal keine Unterschiede zu bemerken: Es steht ein leuchtendes Dunkelrot im Glas, „medium ruby“ würde der WSET’ler das nennen. Aber bereits die Nase zeigt deutlich verschiedene Nuancen. Oder vielmehr eine unterschiedliche Anordnung. Während beim Lemberger mit Schwefel die Beerenfrucht, kombiniert mit einer leichten Holznote, ganz eindeutig im Vordergrund steht, kommen beim Ungeschwefelten erst einmal eher pflanzliche Komponenten zum Tragen, ein bisschen gärige Noten auch, bevor weiter hinten dann doch noch die Beerenfrucht kommt.

Geschmackssache

Noch deutlicher werden die Unterschiede im Mund. Wobei, das sollte man zur Einordnung schon sagen, es sich um relative Unterschiede handelt. Also klar spürbar, aber nicht so groß wie zwischen einem australischen Shiraz und einem Spätburgunder aus der Pfalz. Die Frucht ist nämlich bei beiden Weinen ähnlich, wenn auch nicht gleich. Beim Geschwefelten tendiert sie primär in die kirschige Richtung, also sowohl Schattenmorelle als auch schwarze Herzkirsche, während der Ungeschwefelte wiederum ein bisschen kräuteriger und auch stärker waldbeerig bleibt. Die Fruchtsüße (beide haben gut 3 g Restzucker bei 5,5 g Säure) scheint beim Geschwefelten stärker spürbar, das Tannin hingegen etwas schwächer. Letzteres kann auch daran liegen, dass der ungeschwefelte Wein spürbar Gärkohlensäure besitzt. Ganz feine Bläschen zwar nur, aber doch so, dass das Mundgefühl verändert wird.

In all seinen Komponenten wirkt der Lemberger etwas fruchtiger und „gefälliger“ , bleibt aber auch insgesamt auf der angenehm kernigen Seite. Der Blaufränkisch ohne Schwefel wirkt hingegen etwas animierender, ja sogar komplexer. Wenn ich persönlich wählen müsste, würde ich wahrscheinlich den Wein ohne Schwefel leicht bevorzugen, zumal er eben nicht (das war die Frage von vorhin) zu viel flüchtige Säure oder ähnliche Dinge besitzt, bei denen man in einen „Naturwein-Streit“ verfallen könnte. Diese Weine zeigen, dass es geschmacklich durchaus einen Unterschied macht, ob geschwefelt wird oder nicht. Sie zeigen aber auch, dass diese Unterschiede nicht in den Bereich eines Entweder-Oder hineinreichen müssen.

Ich mag nämlich ehrlich gesagt beide Weine. Logisch, es handelt sich nicht um wertvolle Preziosen mit einer fantastischen Struktur und Tiefe. Aber für 8,50 € die Flasche sind diese Produkte aus solidem Bio-Anbau (Ecovin) schlichtweg ein Grund zur Freude. Wenn eine Unterschriftenliste vorbeikäme, die die massenhafte Verbreitung solcher Qualitäten einfordert, ich wäre jedenfalls dabei.

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