Meinung: Warum Orange Wine nicht so richtig abhebt

Orange Wine Benzinger

„Das ist doch wieder typischer Journalisten-Bullshit“, erklärte mir neulich ein bekannter Weinhändler ziemlich unverblümt. „Ihr schreibt ständig über sowas wie Orange Wine als großem Trend. Und weißt du, wie viel ich davon verkaufe? Nichts! Also fast nichts.“ Ein anderer ebenso bundesweit bekannter Weinhändler schlägt in dieselbe Kerbe: „Ich persönlich schätze so etwas schon. Aber Orange Wine und Natural Wine, das sind noch nicht mal ein Prozent des Marktes. Das ist marginal!“ Was ist da also los? Woran könnte es liegen, dass sich Orange Wine als eigener Typus so schlecht verkauft? Und gesetzt den Fall, man wollte das ändern, welche Ansätze könnte es geben?

Orange Wine

Was ist Orange Wine?

Eine Sache ist klar: Wenn ich nicht weiß, wie ich etwas definieren soll, werde ich später auch Schwierigkeiten haben, damit statistisch zu argumentieren. Bei Wikipedia gibt es einen Artikel „Oranger Wein“ , und man sollte doch annehmen, dass sich ein Lexikon besonders gut auf Definitionen verstünde. Dort heißt es also, beim Orange Wine „handelt es sich um einen Weißwein, der wie ein Rotwein hergestellt wird. Die Weißweintrauben werden mit den Beerenschalen (Maische) vergoren und extrahieren dadurch mehr Tannine und Farbstoffe aus den Beerenschalen.“

Weiter im Text ist von Elementen wie der Spontangärung, der Nicht-Schwefelung, der Nicht-Filtrierung und dem Ausbau in Amphoren oder anderen ungewöhnlichen Gefäßen die Rede, aber das seien eher optionale Faktoren. Klar ist aber auch: Es geht um Maischegärung, also um Wochen oder gar Monate auf den Beerenschalen, nicht nur um das dreistündige Verweilen und dann Abpressen, bevor der Gärvorgang überhaupt beginnt. Es muss sich also nicht nur farblich, sondern auch geschmacklich irgendwie auswirken. Und damit zwangsläufig gerbiger, unfruchtiger werden als ein „gewöhnlicher“ Weißwein.

Warum ist Orange Wine super?

Orange Wine Rothe Indigenius

Eine Sache dazu vielleicht vorweg: Es gibt Leute, die behaupten, sie „bräuchten so etwas wie Orange Wine“ nicht. Völlig klar. Im Zusammenhang mit Wein kann niemand ernsthaft mit dem Argument des Brauchens kommen. Hier geht es also allein um Freiwilligkeit.

Da die Begeisterung gegenüber diesem Weintypus in der Sommelier- und Weinschreibszene aber offenbar in einem Maße besteht, das über seinen 1%-Marktanteil hinausgeht, muss es dafür ja auch Gründe geben. (Wahrscheinlich sind es übrigens eher 0,1%, ohne dass es da offizielle Zahlen geben würde).

  • Orange Wine ist ideal für die „neue Zeit“ geeignet, und damit meine ich ein zunehmendes Bewusstsein in der Gesellschaft für Themen wie gespürte Naturnähe und Nachhaltigkeit.
  • Um einen Weintyp herzustellen, bei dem ich kaum kontrollierend eingreife, muss ich als Winzer gesunde Trauben zur Verfügung haben. Das setzt äußerste Sorgfalt im Weinberg voraus. Auch die Spontangärung funktioniert besser, wenn ich vorher nicht die Hefen auf den Beerenschalen „weggespritzt“ habe.
  • Ein maischevergorener, hefetrüber, in gewissem Maße dem Sauerstoff ausgesetzter, voll durchgegorener Wein, der den biologischen Säureabbau mitgemacht hat (all das gilt ja in der Regel für Orange Wines), ist ehrlich gesagt ziemlich robust. Das bedeutet, dass man auf eine Schwefelung zur Stabilisierung komplett oder zumindest weitgehend verzichten kann.
  • Der Geschmack ist tatsächlich neu. Dadurch, dass sowohl Frucht als auch Restzucker keine Rolle spielen, eignet sich so ein Wein wesentlich besser als Begleiter von Gemüsegerichten. Das ist ein nicht zu unterschätzender Faktor. Gemüse liegt nämlich ein bisschen mehr im Trend als exzessiver Fleischkonsum.
  • Durch die Maischegärung werden mindestens 1-2 vol% Alkohol geschluckt. Und ja, weniger Alkohol auf dem Etikett wird auch ein zunehmender Trend. Gerade dann, wenn wir künftig noch mehr mit eigentlich zu heißen Jahren zu kämpfen haben.
  • Die in Orange Wines stärker vorhandenen Gerbstoffe besitzen zusätzlich eine antioxidative Wirkung.

Summa summarum sind das doch alles Punkte, die zählen müssten. Schaue ich mir jetzt den Ausgang der Europawahl an mit 33% Grünen-Wähler/innen bei den unter 30jährigen, muss doch diese Altersgruppe allein aus Gründen der Neigung auf Orange Wines fliegen.

Warum verkauft er sich dann so schlecht?

Orange Wine Gravner

Gegenfrage: Tut er das wirklich? Wo gehe ich denn hin, wenn ich solche Weine kaufen will? In den Discounter, in den Supermarkt so wie mehr als drei Viertel der Deutschen? Ausgeschlossen, so etwas gibt es da nicht. Per Online-Bestellung? Möglich, aber online besitzt selbst ja nur 4% Marktanteil beim Wein. Beim Händler? Ja, wenn ich zufällig dort wohne, wo es Händler mit solchen Weinen im Sortiment gibt. Außerhalb der Großstädte also: nirgends. Dann aber direkt beim Erzeuger. Nur, wer stellt solche Weine her? Um das zu erfahren, gehe ich am besten dorthin, wo ich die meisten der besten Winzer Deutschlands treffe.

Tatort Mainz, VDP-Weinbörse vor ein paar Wochen. 1.632 Weine haben die deutschen Spitzenwinzer zum Probieren mitgebracht, darunter aus der Kategorie Orange & Natural … ganze drei Stück. Einer vom Weingut Stigler aus Baden, zwei andere vom Weingut Brüder Dr. Becker aus Rheinhessen. Mir ist schon bewusst, dass es eine ganze Menge (auch VDP-) Winzer gibt, die so etwas in ihren Kellern ausprobieren. Aber so richtig scheint man sich noch nicht herauszutrauen.

Eine Antwort auf diese Frage, weshalb sich Orange Wines nicht so gut verkaufen, habe ich damit also schon einmal gefunden: Sie werden selten angeboten. Jedenfalls außerhalb der üblichen Nischen. Wer es also nicht explizit darauf anlegt und nicht zu den vielleicht 2% Weinfreaks gehört (ja, auch das ist eine Nische!), wird sehr gut durch die Weinwelt laufen können, ohne jemals mit derartigen Weinen in Berührung zu kommen.

Was spricht noch gegen Orange Wine?

Orange Wine Pyramid Valley

  • Das erste Argument ist im Grunde die Umkehr des positiven Aspekts ein paar Absätze weiter oben: Der „unleckere“ (weil fruchtarme und zuckerfreie) Geschmack stört, und Lust auf Neues haben auch nicht alle.
  • Ich kenne keine stringente Labelisierung bei Orange Wines, keine gesamthafte Marketing-Strategie, keine formellen oder informellen Zusammenschlüsse von Winzern zwecks Austausch und Vermarktung (wie z.B. seinerzeit die Hades-Gruppe), kaum jemals einzeln anklickbare Kategorien im Online-Shop. Bei den beiden Typusgewinnern der letzten Jahre sieht das ganz anders aus: Rosé steht für Sommer auf der Terrasse, Schaumwein hat sich als das allein gültige Feiergetränk etabliert.
  • Orange Wine ist teuer. Schaue ich zu den Herstellern in Österreich, Slowenien, Nordost-Italien, dann sehe ich dort tatsächlich fast keine Orange Wines unter 30 €. Natürlich kann ein in kleinen Mengen hergestellter, sorgfältig behandelter Wein nicht supergünstig sein, aber 30 € finde ich schon viel. Jedenfalls solange ich keine interne Differenzierung vorgenommen habe, und die sehe ich (noch) nicht. Ein hoher Preis ist nämlich nicht nur hinderlich für den Absatz größerer Mengen (man nimmt immer nur eine Flasche). Er ist erst recht hinderlich, wenn man eine jüngere Zielgruppe anvisiert, die aufgeschlossen genug erscheint, solche Weine auch gern zu kaufen.

Das Fazit in Negativ

Erst einmal brauchen wir uns nicht darüber zu beklagen, dass niemand Orange Wines trinkt. Erstens kennt sie kaum jemand, zweitens gibt es sie schwer zu kaufen, drittens sind sie teuer. Selbst wenn man die geschmackliche Herausforderung mal außen vor lässt: So verharrt man für ewig in der Nische und greint darob.

Ein bisschen traurig ist vielleicht auch die folgende Erkenntnis, weil sie nicht nur für Wein gilt: Die Jungen können uns nicht retten. Und das nicht nur, weil sie nicht das Geld haben für 30 €-Weine. Wie Rezo in seinem Video (ihr erinnert euch) mit Recht sagte: Es gibt mehr über 70jährige Wahlberechtigte als unter 30jährige. Und das ist beim Wein noch viel stärker spürbar, wo jede/r nicht nur eine einzige Stimme hat. Die 20-24jährigen trinken 12 Liter Wein pro Kopf pro Jahr, bei den 70-74jährigen sind es 32 Liter. Das habe ich mir nicht ausgedacht, sondern das ist eines der Ergebnisse einer Geisenheim-Studie. Und ältere Menschen ändern selten ihre Gewohnheiten.

Es hat also alles keinen Sinn. Die Welt ist schlecht.

Neuer Schwung für die Weinszene

Orange Wine Pierre Frick

Nein, moment, das ist kein vernünftiges Fazit. Ich bin nämlich ganz im Gegenteil davon überzeugt, dass durchaus nicht alles so bleibt, wie es ist.

Zum einen habe ich den Eindruck, dass Bekanntheitsgrad und Aufmerksamkeit gegenüber Orange Wines zunehmen dürften, wenn sich Winzer und Händler noch etwas stärker engagieren. Da scheint mir durchaus noch Luft nach oben zu sein.

Außerdem glaube ich, dass das Argument, Orange Wines und Natural Wines würden von sich aus sehr gut in die heutige Zeit passen, sehr schlagkräftig ist. Zwar habe ich weiter oben selbst festgestellt, dass uns die Jungen de facto nicht retten können, aber es lässt sich nicht leugnen, dass derzeit viele wichtige gesellschaftliche Fragen neu diskutiert werden – und zwar von der Jugend selbst und im Sinne der Jugend, sprich Zukunftsfestigkeit. Da wird an einigen althergebrachten Gewohnheiten gerüttelt.

In diesem Kontext würde ich auch die Orange Wines ansiedeln: Das ist ein im Prinzip uralter, aber wiederentdeckter Weintyp, der positiv stimmt, der neuen Schwung in die Szene bringt. Und neuen Schwung, ja, ich oute mich hiermit, finde ich gut. Mir scheint auch, dass ich da nicht allein stehe.

Insofern sind Orange Wines doch ideale Produkte für 40+-jährige Akademiker/innen, die sich der Zukunftssache mental zugehörig fühlen, sich aber im Gegensatz zu den Jungen die Weine tatsächlich leisten können. Wenn ich jetzt noch 2 € von jeder verkauften Flasche einem sinnstiftenden Projekt zukommen lasse, habe ich endgültig alle glücklich gemacht.

Orange Wine Melech Cantina Giara

Soll heißen: Orange Wine hat eine Zukunft als eigener Weintyp. Und sollte ich mich tatsächlich täuschen, alle Winzer und Weinhändler jetzt voll auf Orange setzen und doch nichts erreichen – dann verpflichte ich mich hiermit, für immer auf reinzuchtvergorene, filtrierte und geschönte Weißweine zu verzichten. Das wäre doch eine interessante Strafe…

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4 Kommentare zu Meinung: Warum Orange Wine nicht so richtig abhebt

  1. Ach Matthias, nun hast Du fast 2 Jahre nichts mehr von mir gehört und eigentlich wollte ich mich ja aus den ganzen Weindiskussionen raus halten. Trotzdem lese ich immer weiter mit Freude deine Beiträge. Und mit diesem schaffst Du es echt, mich aus meinem Versteck heraus zu locken. Der Artikel ist für mich seit Langem ein wahres Highlight. Klasse! Das Thema liegt mir auch nah am Herzen und deine Zusammenfassung bringt es so schön und gleitend auf den Punkt.
    Zwei (?) Dinge finde ich aber noch erwähnenswert.
    1. Du bringst ja viele Statistiken ins Spiel. Eine sollte auch nicht unerwähnt bleiben für das Verständnis warum das ein Nischenprodukt bleibt . Knapp über 90% des Weinumsatzes werden von Weinen unter (früher) 9 ( heute vielleicht) bis 10 – Euro ausgemacht. Da passen diese Weine, die, wenn sie gut sein sollen, dafür aber nicht gemacht werden können, einfach nicht mehr rein. (Na – wo sind die Kommaregelkenner)
    Aber, und das führt zu Punkt 2 . 30 Euro sind schon eine Stange Geld. Dafür erwarte ich nicht unbedingt einen Exoten, aber einen auf jeden Fall schon sehr gehobenen guten Wein (was auch immer das sein soll – da gehöre ich immer noch zu den Romantikern die glauben, das es da tatsächlich objektive Kriterien gibt – allerdings nicht die klassischen).
    Eventuell muss man in der Hinsicht weiter denken und die Frage, wie heutzutage Preis und Qualität zusammenhängen und wie da vin naturel reinpasst, noch einmal überdenken. Auf jeden Fall entspinnt sich auch da eine tolle Diskussion.
    Aber zurück zum Preis. Meine Erfahrung als selbsternannter Fachidiot im Bereich vin naturel sagt : es gibt Orange’s für weniger Geld die tatsächlich auch gehandelt werden. Die wollen aber gefunden werden. Meist nicht im klassischen Handel. Und es gibt dann noch die Wein-machenden Freaks mit Miniproduktionen, die nicht nur klassische Fach-Richtlinien über- und unterschreiten, sondern (auch das ist eine Diskussion wert) politisch-sozial anders drauf sind und ihren Kumpels diese Weine für kleines Geld abgeben. Ich spreche da immer noch von hochwertigen Weinen. Die sind aber nur lokal zu bekommen, wenn man die Leute kennt.
    Ein grundsätzliches Problem ist und bleiben die kleinen Produktionsmengen und der logistische Aufwand für den normalen Handel, solche Weine in den Laden zu bekommen. Wer da als kleiner Händler notgedrungen auf Zwischenhändler, die quasi als Sammeleinkäufer fungieren, zurückgreift, bekommt ein anderes Problem. Dort finden sich oft nur Weine von Winzern ab einer bestimmten Größe und meist mit Produktionsmengen, die zu einer weiteren Diskussion führen. Können die hier diskutierten Weine überhaupt in solchen Mengen produziert werden? Wie ist da der Zusammenhang zwischen Hektarfläche und Qualität?
    Kleine Provokation. Wer den Gedanken von Terroir und der Typizität der Lagen pflegt, und wer die Realität kennt, der ahnt die Mengengrenzen für saubere, singuläre und gute Weine. Von da aus könnte man böse sagen, alles im Großhandel kann nur Eintopf sein.
    War wieder viel zu viel und doch zu wenig. Ist doch immer so, wenn einen das Thema und solche Weine packen. Nichts für ungut.
    Vielen Dank für diesen Beitrag und weiter so.

    • Matze sagt:

      Vielen Dank für den sehr freundlichen Kommentar, und du darfst dich sehr gern an der Diskussion beteiligen!

      Preise bei Weinen sind immer eine schwierige Sache, und ich denke auch, dass Orange Wines von diesen Leuten auf diese Weise in dieser Menge hergestellt niemals ein totales Massenprodukt werden können. Es gibt da einfach eine Preisuntergrenze, die – wie du ja auch begründest – nicht unterschritten werden sollte, wenn man seiner Arbeit treu bleiben will.

      Andererseits habe ich auf den Fotos Orange Wines abgebildet, deren Preisspektrum von 11-60 € reicht, also schon eine gewisse Spannweite. Und wenn ich mir zum Beispiel den Indigenius von Manfred Rothe anschaue, dann ist das einfach ein sehr guter Wein unabhängig von seiner Machart. Ich bin jedenfalls froh, dass es solche Weine gibt, weil sie zeigen, dass in der Weinwelt auch nicht nur alles auf Besitzstandswahrung ausgerichtet ist.(That having said, echte Klassiker finde ich natürlich trotzdem großartig, nur sollte nicht die ganze Welt ausschließlich aus Klassik bestehen 😉 ). Geschmacklich fremdelt man hier in Deutschland noch ein wenig mit Orange, vielleicht ist das ja in Frankreich anders. Wobei ich dort das Gefühl hatte (du kannst mich aber gern korrigieren), dass es ziemlich fixe Lager gibt, die fast ein bisschen unversöhnlich wirken…

      • Karl Ernst Brunk sagt:

        Ich hoffe „fixe Lager“ und „unversöhnlich“ richtig zu verstehen.
        Es kann sehr oft so wirken und für einen Interessierten dann auch recht unerfreulich sein, etwas schroff behandelt zu werden. Aber ich breche da mal eine Stange für die „Jungs“ und versuche eine Erklärung zu geben.
        Ich hatte im Kommentar nicht ohne Grund die politisch-soziale Komponente angesprochen. Für mich war das Fehlen eines gelebten verantwortlichen sozialen Tuns und eindeutigem Auftretens dafür der Grund, aus Deutschland hier runter in den Süd-Westen zu ziehen. Nicht weit weg ist das Zentrum der militanten Bauern um José“ Bové und der Confédération paysanne. Das wird in Deutschland oft überhaupt nicht richtig verstanden und wie heute die Bewegung der Gilets jaunes in die Ecke Radaubrüder geschoben. Aber es geht um massiven Einsatz gegen soziale Missstände, die eine Grenze überschritten haben.
        Nun muss man den Kern der Vin naturel Bewegung auch unter dem Aspekt sehen. Es geht nicht nur um Wein machen und verkaufen. Es herrscht ein breites Misstrauen gegenüber unbekannten Kunden, die ohne „Empfehlung“ kommen. Deswegen können sie oft mit Leuten an ihren Ständen, die vorrangig nur den Kauf/Verkauf oder NUR den Wein im Blick haben – egal wie interessiert auch immer – nicht richtig warm werden.
        Um das zu verdeutlichen will ich noch eine andere Provokation einstreuen : kann ein konservativ rechts orientierter Geschäftsmann überhaupt solche Weine machen? Ich will nicht so weit gehen und fragen, ob er überhaupt gute Weine machen kann. Klingt auch schon sehr unversöhnlich arrogant, aber es soll nur mal zum in Ruhe darüber Nachdenken anregen.
        Die Sache wird sofort anders, wenn man deutlich klar Stellung bezieht, das auch im Privaten zeigt und ein wenig Geduld hat. Diese Winzer wissen meist, wie geduldig Worte sind. Warm mit ihnen werden kann meist nicht in 20 Minuten geschehen.
        Wenn das soweit ist, erfährt man eine außergewöhnlich unaufgesetzte Herzlichkeit und Unterstützung. In der Szene fehlen wichtige Momente der normalen Geschäftswelt. Etwa Konkurrenzdenken, Schutz von „Betriebsgeheimnissen“ oder Fachwissen. Auf der anderen Seite gibt es noch so alte – in der heutigen Welt fast undenkbaren – Dinge, wie Handschlaggeschäfte oder freien Lagerzugang um danach – oder auch später – einen Zettel mit den mitgenommenen Menge abzugeben. Keine Verträge, keine Lieferscheine, keine Unterschriften. Und es funktioniert. Das soll nur zeigen, dass es nicht nur um Wein machen geht. Man muss den Gedanken von biodynamisch, was ja zu 90% in der Szene auch ohne Label gemacht wird, genau so umfassend sehen, wie Steiner das gedacht hat. Es ist ein ganzheitliches System und das umfasst eben nicht nur das Produzieren.
        Tut mir leid, wenn das jetzt wieder weit hergeholt und als ideologischer Schwachsinn erscheint, aber diese Szene in Frankreich kann nur verstanden werden, wenn man das immer im Hinterkopf hat.
        Natürlich kann das nicht für alle gelten, die unter der Flagge herumschippern. Es gibt genug Trittbrettfahrer und auch genug schlechte Winzer.
        Es ist auch nur aus einem deutschen Denken heraus zu verstehen, warum immer wieder die Diskussionen aufkochen, was denn vin naturel überhaupt sein soll. Es gibt keine verbindlichen und anerkannten Richtlinien (auch wenn die Dame aus Köln, die Du ja gut kennst, das oft behauptet), also kann doch jeder machen, was er will…
        Auch da müssen wir anders heran gehen. Die Verankerung dieses gesamt-sozio-politischen Aspekts im Innersten des Winzers bestimmt sein Tun. Deswegen ist unser Vorliebe für Label, Medaillen und Auszeichnungen als Orientierung hier ungeeignet. Wir müssen dem Winzer auf den Nerv fühlen um zu erkennen, wie ernst wir seinen Wein nehmen müssen. Das ist Aufwand und verlangt auch ein gewisses Maß an Offenheit und Distanz gleichzeitig.
        Ich habe 1998 Köln nach 18 Jahren Bioladen verlassen wegen der Streikmentalität und der EU-Bio-Richtlinien. Letztere waren der Tod der Bioszene, egal wie „shiny“ die Biosupermärkte heute sind. 80% der Ware haben da nichts drin zu suchen. Alle Grauzonen der Richtlinien werden genutzt um ominöse Waren mit dem EU-Siegel zu markieren. Und ich würde prophezeien, dass wenn es eine „Vin-naturel-Richtlinie“ geben wird, die eine Etikettierung ermöglicht, dann werden das Weine sein, die nicht hier besprochen wurden. War wieder zu dick aufgetragen – ich weiß.
        Eigentlich hätte ich auch einfach nur sagen können : nein – ich muss dich nicht korrigieren. Fixe Lager – auf jeden Fall, und beim unversöhnlich hast Du ja auch das wirken hinterhergeschoben – also auch da passt es.
        schöne Grüße

        • Matze sagt:

          Naja, ich meinte mit den „fixen Lagern“ natürlich beide Seiten. Wenn eine Seite sagt, „was, du schwefelst und verwendest Reinzuchthefe? Das ist falsch!“, vini veri, gell, und die andere Seite sagt, „ihr seid grüne Spinner, und wir würden immer noch in Höhlen leben, wenn wir auf solche Leute wie euch gehört hätten“ (alles etwas überspitzt formuliert), dann ist das für einen Diskurs nicht wirklich hilfreich. Und wenn ich eine Sache verkaufen möchte, weil ich von ihrem Erlös meinen Lebensunterhalt bestreite, dann ist eine gewisse Freundlichkeit ebenfalls ein gutes Mittel, um potenzielle Käufer von meinem Produkt und auch meiner Idee einzunehmen. Das sage ich jetzt nur ganz grundsätzlich, weil es mir ehrlich gesagt NOCH NIE passiert ist, dass sich Winzerinnen und Winzer mir gegenüber brummig und abweisend gezeigt haben, wenn ich mich für ihre Produkte interessiere.

          Was ich im Zusammenhang mit Labeln und Richtlinien sehr interessant finde: Ich habe mir vor einiger Zeit ein Buch gekauft, das du ganz sicher kennst: „Grandeur Nature“ von Evelyne Malnic. Darin hat sie 43 Winzerinnen und Winzern, die mehr oder weniger der Vins Naturels-Szene angehören, eine Reihe von standardisierten Fragen gestellt und dann einfach unkommentiert abgedruckt, was diese gesagt haben. Eine dieser Fragen ist: „Sollte Vin Naturel definiert und/oder zertifiziert werden?“ Die riesige Bandbreite der Antworten und Meinungen auf diese Frage finde ich sehr erhellend. Da sind viele durchdachte Sachen dabei, schlüssige Argumente dafür, ebenso schlüssige dagegen und interessante Gedanken dazwischen. Ich meine, solche Reflexionen bringen einen immer weiter, selbst wenn nachher dann keine explizite Entscheidung getroffen wird.

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