Spätburgunder-Herbsttest

Traube Pinot Noir und Etikett Rotwein

Der Herbst ist gekommen, die Blätter haben sich rot gefärbt, und genau das soll auch unsere Weinfarbe sein. Ich habe zwölf Spätburgunder respektive Pinot Noirs aus den Tiefen meines Kellers und frisch aus dem Laden geholt. Die lasse ich gegeneinander antreten. Preislich liegen wir hier zwischen 13,50 € und, tja, 320 €. Was bei sowas herauskommen kann? Lasst euch überraschen…

Spätburgunder aus Deutschland und Frankreich

Wahrscheinlich muss ich niemandem erläutern, dass Spätburgunder als die Rebsorte gilt, aus der man die elegantesten Weine der Welt bereiten kann. Gerade im Fall von »echt« burgundischem Pinot Noir bedeutet das auch die teuersten Weine der Welt. Im Prinzip überrascht dass, denn Finesse und Mondpreise sind zwei Dinge, die eigentlich nur selten zusammenpassen. Tun sie wahrscheinlich auch hier nicht, denn es ist die Historie, das Rare, der Kult, der die Weine so begehrt werden lässt und nicht wirklich ihr (wunderbarer) Geschmack.

Unten seht ihr Pärchen, die ich für diesen Artikel zusammengefügt habe. In Wirklichkeit hatte ich alle Weine zunächst blind probiert und beschrieben, dann offen nachverkostet und das in aller Regel über mehrere Tage. Da konnte dann tatsächlich mal ein entsprechendes Preis- und Altersgefälle innerhalb weniger Sekunden entstehen. Es war aber super spannend und hat auch Ergebnisse gebracht, die ich so nicht erwartet hätte. Gelagert waren die älteren Weine übrigens alle im Gewölbekeller. Soweit sie einen Korkverschluss hatten, waren alle Körke intakt und ohne Ausdünstungen. Los geht’s.

Ehrlenbach 2022 vs. Stadt Klingenberg 2012

Spätburgunder Ehrlenbach vs Stadt Klingenberg

Churfranken vs. Tauberfranken zum Start. Links der Spätburgunder Ortswein Reicholzheim von einem Weingut, das viele sicher noch nicht kennen, weil es erst seit einigen Jahren existiert. Florian und Philipp Ehrlenbach sind Brüder und bewirtschaften gut 4 ha Rebfläche an der Mündung der Tauber in den Main. Philipp arbeitet hauptberuflich als Industriemechaniker, Florian als Kellermeister beim Weingut Fürst. Die Richtung ist also klar. Ich hatte 18 € für den Wein bezahlt.

Rechts seht ihr auch einen Spätburgunder Ortswein, auch aus Churfranken, aber das waren dann die Gemeinsamkeiten auch schon. Der 2012er Großheubach stammt noch aus der Ära von Benedikt Baltes, und das Schätzchen hatte ich seinerzeit direkt in Klingenberg für 16 € erstanden. Mittlerweile heißt das Weingut Steintal und macht sich trotz VDP-Mitgliedschaft ein bisschen rar. Die Weine sind teuer, aber alles, was ich in letzter Zeit von ihnen hatte, war gut.

Das Tasting: Leichtfüßig und ein wenig rauchig kommt der Ehrlenbach daher. Kirsche, etwas Cranberry, etwas Holzeinfluss, wirklich charmant, aber ohne großes Beeindruckungspotenzial. Was hatte der Vinum gegeben, 89 Punkte? Ja, das passt, sympathisch, aber da kommt sicher noch mehr. Noch mehr ist das richtige Stichwort, denn das liefert der Großheubacher. In der Nase Rumtopf und gekochte Pflaume wie ein Frühburgunder, dann aber total anders im Mund. Dunkle Frucht, richtig dunkel, gute Säure, viel Elan noch (null Reduktion übrigens), sehr schön ausgewogen. Auch das ist keine Bomba, aber ein äußerst gut gereifter Speisenwein. Leichter Vorteil Churfranken, würde ich sagen.

Krebs 2021 vs. Oliver Schell 2022

Spätburgunder Krebs vs Schell

Von Jürgen Krebs aus der Nordpfalz hatte ich vor fünf Jahren zum ersten Mal ein paar Weine probiert, nachdem sie mir in einer Blindprobe wegen ihrer Dichte und Tiefe aufgefallen waren. Seitdem hat sich einiges geändert, aber sicher nicht die Weinqualität. Spätburgunder ist hier immer eine Bank, und den Glimmer hatte ich hier in Bamberg beim Edelfrei für 17,25 € erstanden.

Daneben seht ihr einen Spätburgunder von der Ahr, konkret von Oliver Schell. Nachdem ich mich jahrelang mit den Ahr-Weinen nicht so richtig anfreunden konnte, habe ich mir dieses Jahr einen Ruck gegeben. Ich bin hingefahren, ich habe mit Winzern gesprochen, ihre »kleinen« Weine probiert und dann auch gleich den Falstaff-Regionstext geschrieben. Kommt demnächst. Hier gibt es jetzt den Großen Mönchberg, für den ich 24 € hingelegt habe. Das ist durchaus bescheiden an der Ahr.

Das Tasting: Holla, was ist denn da los? Super expressiv schon in der Nase, der zwackende Krebs, rauchig, Himbeere, Neuholz. Im Mund hält er dafür auch, was er verspricht. Ja, es gibt Extraktsüße und modernes Holz, aber auch ein dichter Fruchtkern, eine ganz individuelle Würze und sogar Eleganz. Toller Wein, Hut ab! Auch der Große Mönchberg kann mit Power aufwarten. Mit 13,5 vol% ist das der analytisch zweitstärkste Wein im ganzen Test. In der Nase geht es noch ziemlich laktisch zu, also Butterkaramell neben welker Rose. Helle Frucht dann im Mund, die durchaus gut zu herzhaftem Essen passt, mir aber insgesamt ein bisschen zu kraftbetont angelegt. 2022 war natürlich auch weitaus heißer als 2021. Vorteil Jürgen.

Ziereisen 2023 vs. Drei Zeilen ohne Jahrgang

Spätburgunder Ziereisen vs Drei Zeilen

Das Weingut Ziereisen braucht man kaum noch vorzustellen, auch wenn es sich in der allerletzten südwestlichsten Ecke Deutschland befindet. Bevor hier der erste Wein entstand, hatten Edeltraud und Hanspeter wahrscheinlich schon tausend teure Burgunder probiert, um zu ahnen, wohin die Reise gehen könnte. Das Faszinierende für mich sind hier immer die Einstiegsweine, weil sie zum kleinen Preis (hier waren es besagte 13,50 €) schon so viel bieten. TS ist der Tschuppen – so muss man’s halt verbergen bei Landweinen.

Das Weingut Drei Zeilen hat auch keine jahrhundertealte Historie, sondern fing mit, nun ja, drei Zeilen an. Heute sind es bei Alexandra und Christian schon ein paar Zeilen und ein paar Flaschen mehr als die 25 vom ersten Jahrgang. Wahrscheinlich muss man die beiden und ihre vier Hektar um Rödelsee herum aber immer noch als Geheimtipp bezeichnen. Stilistisch ist das super konsequent, aber ich habe selbst ein Weilchen gebraucht, um alles zu verstehen. Diese Spätburgunder-Jahrgangscuvée (jedenfalls steht keiner drauf) hat mich 16 € gekostet.

Das Tasting: Der Ziereisen wirkt schon in der Nase komplett anders als die beiden davor. Das ist waldwürzig, vom Holz eingefangen, erdgebunden. Im Mund kommen Schwarzkirsche, leicht pflaumige Anklänge und eine schwungvolle Säure. Manchen mag das ein bisschen herb vorkommen, aber zum gekochten Rindfleisch geht es super. Die große Überraschung der ganzen Probe ist aber für mich der Dreizeiler. Was schreiben sie da aufs Etikett? Vollmundig fruchtig und rustikale Art? Nein, das ist heller Hochland-Grenache, erst viskos, dann fast in Richtung Edel-Rosé, der unglaubliche Kracher zu Kartoffelsalat und Enten-Rillettes. Und das geht über Tage ganz lang weiter mit Nachhall und einer gleitenden Fläche. Ja, muss man mögen, aber ich mag das total. Vorteil Rödelsee, wer hätte das gedacht?

Egly-Ouriet 2007 vs. Marcel Deiss 2017

Pinot Noir Egly-Ouriet vs Deiss

Im linken Wein steckt ganz viel Erinnerung. Der Ambonnay Rouge vom weltberühmten Champagnerhaus Egly-Ouriet war einer der ersten hochwertigen roten Stillweine der Region. Ich hatte ihn seinerzeit für 65 € erstanden im legendären Cave des Oblats im belgischen Liège, wo ich bei Henris samstäglichen Tastings wahnsinnig viel über den französischen Wein gelernt habe. Heute kostet so eine Flasche deutlich über 300 € (den aktuellen Jahrgang gibt’s für etwas weniger) – also machen wir sie auf!

Rechts auch ein Wein mit (meiner) Historie. Ich war im Elsass beim Weingut Marcel Deiss und hatte natürlich nur die extrem individuellen Weißen auf dem Schirm. Dann aber hatte ich die Chance, den Roten von St-Hippolyte zu probieren, der von zwei unterschiedlichen Parzellen stammt, die mir Mathieu auf der Karte einzeichnete. Der Wein war komplett anders als die Weißen, ungeheuer kernig, dicht, jungfruchtig. Schauen wir also, was daraus geworden ist. Ich hatte damals 21 € bezahlt, aktuelle Jahrgänge liegen bei gut 30 €.

Das Tasting: Ein fast 20 Jahre alter Wein, da muss mein Spezial-Korkenzieher her. Wäre aber nicht nötig gewesen, hier ist alles perfekt verarbeitet. Der Ambonnay zeigt sich enorm duftig und verführerisch in der Nase. Da gab es sicher mal viel Neuholz; ich bin froh, so lange gewartet zu haben. Im Mund dann ätherisch, zart, der Höhepunkt an Eleganz, genial ausgewogen bei allerdings relativ geringem Druck. Absolut köstlich. Jetzt aber der Haken: Ich lasse noch was drin in der Flasche, und am vierten Tag geht gar nichts mehr. Um zehn Jahre gealtert. Mein Learning: Alt und zart bedeuten so wenig wie möglich Luft. Der Deiss-Wein hingegen kommt wirklich rustikal daher, nicht nur in diesem Vergleich. Viel Tannin, kräuterig, erdig, extrem altmodisch, dunkel, fest und ehrlich gesagt wenig Charme. Meine Empfehlung wäre jung zu Grünkohl, aber in diesem Vergleich ist die Champagne klar vorn.

Shelter 2009 vs. Bernhart 2010

Spätburgunder Shelter vs Bernhart

Die Shelter Winery war einige Jahre lang mal eine ganz angesagte Nummer. Protagonisten aus Paderborn und vom Harzrand, der Bunker zum Weinausbau – und natürlich die sensationelle Qualität für solche weintraditionellen No Names. Das machte die wenigen Weine ziemlich gesucht. Dieses Fläschen hatte ich beim ebenfalls legendären Hammers in Berlin-Kreuzberg für 16,50 € erstanden. Es war der letzte Jahrgang des nach dem Klon benannten Weins. Ab dann gingen und gehen die Trauben in die hochwertigen Cuvées ein.

Rechts hingegen ein Spätburgunder vom Weingut Bernhart, den ich (au weh) im Internet erstanden hatte. Bei Belvini, auch das gibt’s nicht mehr. Und 2010 wurde von irgendeinem Österreicher damals als »Arschjahr« tituliert. Fingergasse und Rädling, von denen die Trauben für diesen Wein stammen, stehen übrigens tief auf französischem Staatsgebiet. Damals hatte mich der Kalkmergel 16,90 € gekostet, heute sind es für den aktuellen Jahrgang immer noch unter 20 €. Das nennt man eine moderate Steigerung.

Das Tasting: Hier haben wir den alkoholstärksten Spätburgunder des Tests. 14 vol% für den Shelter des Jahrgangs 2009. Man hat »damals« natürlich auch noch rausgeholt was ging, die Philosophie sieht heute ein bisschen anders aus. Dank des Schraubers (ein Pionier) wirkt die Nase aber erstaunlich jung und fruchtattraktiv. Im Mund wird es dann aber doch deutlich gereifter, ein bisschen mürbe, viel Würze, den hätte ich vielleicht etwas früher öffnen sollen. Der Bernhart geht nasenmäßig dagegen ganz anders los, unheimlich dunkelpflaumig, dunkel und gedeckt. Im Mund gibt es Brombeere und schwarze Johannisbeere, ein bisschen dieses Katjes-Waldbeeren-Gefühl. Der Wein hat sich trotz Kork aromatisch viel jünger gehalten, schöne Frucht, aber ein bisschen simpel. Beide eher im unteren Drittel des Tests.

Wittmann 2024 vs. de Montille 2023

Pinot Noir de Montille vs Wittmann

Zum Abschluss noch diese beiden Jungweine, die jeweils aktuellen Jahrgänge der nämlichen Weingüter. Links seht ihr den Spätburgunder Westhofener Steingrube vom Weingut Wittmann. Wer an Wittmann denkt, denkt natürlich in erster Linie an die großartigen Rieslinge aus Morstein oder Brunnenhäuschen. Letzteren hatte ich in diesem Jahr bei der GG-Probe in Wiesbaden im Glas, einer meiner Favoriten. Rotwein ist bei den meisten noch nicht so auf dem Schirm, aber bei der Herkunft und immerhin 52 € ab Hof (ich hatte den Wein zugeschickt bekommen) lohnt sich ein Test allemal.

Rechts steht der Monthélie 2023 der Domaine de Montille, endlich ein waschechter Burgunder. Wie Wittmann auch nicht nur bio-, sondern biodyn-zertifiziert, die Weine gingen gemäß der Charta sogar als »natural wines« durch. Das ist aber nicht ihr Hauptargument, denn dieser Villages zeichnet sich ja ansonsten durch eine Volnay-artige Finesse aus. Keine Ganztrauben übrigens hier und kein neues Holz, also auch komplett auf Eleganz vinifiziert. Gekauft habe ich ihn bei Kierdorf für 34,40 €.

Das Tasting: Frisch ins Glas gibt es bei Wittmann eine richtig helle Farbe. Röstiges Holz und reife Himbeere gibt es in der Nase, im Mund dann viel Schlankheit. Leider ist das aber nicht mit der Tiefe des Egly-Ouriet ausgestattet, sondern kommt fast harmlos daher. Rätseln und weglegen. Zweiter Wein, totaler Kontrast: Relativ tanninstark, vor allem aber brodelnd heiß, breite Frucht, dazu Küchenkräuter. Warum das, heute ist doch gar kein Wurzeltag? Des Rätsels Lösung liefert Tag 9. Ja, genau, neun Tage lang wiederverkorkt in der Flasche. Die beiden Weine sind nämlich viel zu jung zum Trinken, und beide besitzen auch keine kaschierende Leckerfrucht. Der Wittmann macht sich nach all den Tagen schlicht genial zu einem Snack aus (ungerösteten) Pinienkernen, der Montille will es herzhafter mit Schweinehack. So leert sich die Wittmann-Flasche im Nu, die ich anfangs noch gar nicht wollte…

Mein Fazit für den privaten Spätburgunder-Kauf

Das letzte, nominell so hochwertige Pärchen führt mich gleich zu meiner ersten Erkenntnis. Es sind nicht immer die Gerbstoffe, die einen Rotwein am frühen Genuss hindern. Ich bin froh, dass ich bei der Steingrube so lange gewartet habe, denn jetzt weiß ich, dass da aromatisch und harmonisch noch einiges kommt. Logisch: Kraftvoll und dicht wird der Wein nie sein. Aber eben so fein, dass man mit Appetit noch ein zweites Gläschen trinkt.

Wenn ich jetzt drei Favoriten nennen müsste, denen ich in diesem Zustand und frisch geöffnet die meisten Punkte hätte geben sollen, wären das der Egly-Ouriet gewesen (okay, der steht jetzt nicht auf jedem Einkaufszettel), der Glimmer von Krebs und der Rödelseer von den Drei Zeilen. Der Egly besaß diese unsagbare Finesse, wie ich sie auch bei großen Burgundern kaum je in dieser Form gespürt habe. Dass er dann so schnell abgebaut hat, schreibe ich mal dem Jahrgang zu. 2008 oder 2012 wären vermutlich länger gelaufen.

Die eigentlichen Sensationen waren für mich aber die hellfarbenen, im positiven Sinne zähen, gar nicht so fruchtintensiven, aber ungemein langlaufenden Spätburgunder von Jürgen Krebs und Christian Ehrlich. Ja, das ist natürlich subjektiv, aber sowohl im moderneren Pfälzer als auch im traditionellen Franken habe ich dieses Subtile gespürt. Dieses Element, das den Dunkelfrucht- und Kraft-Trinker erstmal überhaupt nicht anspricht. Aber wenn man sich mal darauf einlässt, übt es eine ganz eigenartige Faszination aus.

Die feinsten Weine brauchen nicht die feinsten Speisen, um zu brillieren.

Letztes Fazit: Das war ein wunderbarer Test mit so vielen unterschiedlichen Eindrücken aus einer einzigen Rebsorte. Zarte Rote schmecken eigentlich immer, aber zur Zeit der fallenden Blätter passen sie vielleicht besonders gut…

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