Eine Woche Essen und Shoppen im Elsass

Elsass Titel

Das Elsass ist für viele die angenehmste und praktischste Möglichkeit, ein kulinarisch gelobtes Land zu erreichen. Okay, aus der Sicht von Flensburg oder Greifswald liegt es nicht gerade »ums Eck«. Aber von Franken aus ist es definitiv machbar. Erst recht, wenn man eine ganze Woche zur Verfügung hat. Genau das habe ich getan. Lest also hier von meinen kulinarischen Expeditionen vornehmlich aus dem mittleren Bereich des Elsass. Das Titelfoto zeigt übrigens links einen Blick aus der Ferienwohnung, rechts hatte ich ein Blatt aus einem aufgelassenen Weinberg mitgebracht…

Das Elsass von Süden aufgerollt

Elsass Mulhouse Markt

Vor vielen Jahren bin ich nach einer von Thomas Riedl organisierten Probe historischer Rebsorten zusammen mit Josef Engelhart im Zug zurück nach Franken gefahren. Josef ist einer der großen ampelographischen Kenner und hat viele Rebsorten, die als ausgestorben galten, vornehmlich in fränkischen Weinbergen bestimmt. Unser Thema war allerdings ein anderes, nämlich Urlaub im Elsass. Josef erzählte mir, dass er seit langem begeistert zum Samstagsmarkt nach Mulhouse fährt. Seitdem wollte ich das auch machen, aber immer kam etwas dazwischen. Jetzt war ich endlich dort.

Suchmaschinen verraten einem, dass es sich mit über 300 Händlern um den größten Markt im Osten Frankreichs handelt. Was sie einem nicht verraten, ist das, was Mulhouse mindestens so stark ausmacht wie der Gugelhupf. Mulhouse war als Zentrum der Textilindustrie und später als Sitz von Peugeout und Citroën seit vielen Jahrzehnten ein Ort der Arbeitszuwanderung. Wir haben im Viertel nördlich der Altstadt übernachtet, und dort ist die multiethnische Atmosphäre sofort spürbar. Oben links auf dem Foto seht ihr ein nicht gerade brilliantes Foto von der Saucenauswahl im Indian Grill House. Ein fantastischer Ort, an dem auch der kleinste Snack noch aufwändig handgemacht wird.

Auch auf dem Samstagsmarkt ist diese erweiterte Version vom Elsass stark präsent. Erst war ich ein bisschen enttäuscht, weil die allermeisten Obst- und Gemüsestände nur Großmarktware anboten und es weniger echte Produzenten gab wie oben auf dem Foto. Aber dafür könnt ihr hier ausgezeichnetes tunesisches Gebäck oder senegalesische Teigtaschen erstehen, und wenn ihr möchtet auch sämtliche From nose to tail-Stücke vom Halal-Metzger. Ja, es gibt auch Würste, Pfirsiche aus dem Garten und Bio-Brot. Aber ich fand tatsächlich spannender, hier etwas zu bekommen, was man auf den Dorfmärkten im Elsass eben nicht findet.

Hitzeflucht in die Vogesen

Vogesen Lac de Gérardmer

Die nächsten drei Tage waren leider geprägt von der unglaublichen Hitze des Sommers 2026, an die sich hoffentlich noch genug Leute erinnern, wenn es wieder kälter geworden ist und politische Entscheidungen anstehen. Weil man bei 36 Grad weder gern durch die Weinberge noch durch die Kleinstadt schlendert, sind wir hoch in die Vogesen gefahren – die alte Sommerfrische-Taktik.

Gérardmer (ausgesprochen: Géramé) ist ein ausgesprochen touristischer Ort mit allerlei Bembel-Geschäften und langweiligen Cafés. Vor allem aber am Südufer des Lac de Gérardmer kann man ausgezeichnet baden, wenn einem danach ist. Die Wasserqualität ist jedenfalls sehr gut. Im Ort selbst wollte ich eigentlich zu Vosges Terroir, einem Laden mit regionalen Spezialitäten, aber der hatte leider geschlossen.

Vogesen Bistrot de Pays

Das Einkehren zur Mittagszeit verlief dann ungeplant. Wegen einer Straßensperrung mussten wir einen ziemlich großen Umweg nehmen, kamen aber zufällig um 11:50 Uhr an diesem Ort mitten im Nirgendwo vorbei: der Cuisine des Arrentès, einem Bistrot de Pays. Ich hatte vor ewiger Zeit anlässlich eines Besuchs in der Provence schon einmal über das Konzept der Bistrots de Pays geschrieben, das Ganze gilt weiterhin und ist weiterhin großartig. Erwartet an einem solchen Ort keine Luxusprodukte. Erwartet aber eine herzliche Aufnahme, eine extrem kurze Wartezeit, viel Lokalkolorit und ein wirklich komplett preisgünstiges Menü im allerbesten Sinne. Wer auf sowas steht: dicke Empfehlung!

Vogesen Tarte de Myrtilles

Ebenfalls absolut empfehlenswert ist der Besuch des Cellier des Montagnes in Lapoutroie, nur ein paar Kilometer von Kaysersberg entfernt. Das ist eine Art Hofladen, in dem nicht weniger als 15 bäuerliche Hersteller ihre Produkte verkaufen. Und noch ein Tipp: die Holzbude auf dem Col du Louschbach. Nicht immer stimmen die Öffnungszeiten hundertprozentig, aber die Heidelbeer-Tarte und der Tannenhonig sind schlicht wunderbar.

Nr. 5 im Elsass – Sélestat

Elsass Sélestat Markt Käsestand

Sélestat, Schlettstadt auf Deutsch, ist tatsächlich die fünftgrößte Stadt im Elsass. Und eine mit viel Historie, besucht unbedingt die Bibliothèque Humaniste. Am Dienstag findet am Rand der Innenstadt der gut besuchte Markt statt. Am besten kann man sich übrigens immer noch mit Hilfe der Seite Jours de Marché orientieren, wo denn in der Nähe gerade Märkte stattfinden. Ignoriert einfach die nervige Werbung auf der Seite und fokussiert euch auf die Ergebnisse. Mein Lieblingsstand auf dem Markt war dieser hier von der Ferme Didion aus den Vogesen. Monsieur Didion hat nur eine Handvoll Produkte anzubieten, darunter einen großen Laib mittelalten Bargkass, also Bergkäse. Der aber zieht einem echt die Schuhe aus. Der Käse duftet wahnsinnig nach Kuhstall, nach trockenem Gras, und er schmeckt auch ungemein intensiv würzig. Großartig, aber definitiv nichts für Anfänger!

Sélestat Pâtisserie Kamm La Fabrique Givrée

Ein Must in Sélestat ist der Besuch der Pâtisserie Kamm. Mathieu Kamm hat drei Jahre lang die Pierre Hermé-Boutique in Tokio geleitet und dort auch seine Frau Mina kennengelernt. Jetzt zeigen die beiden in ihren beiden Elsass-Läden, was sie können. Ich bin schon sehr gespannt auf die neue Winter-Kollektion!

Eine Erfolgsstory ist auch die der Fabrique Givrée, ursprünglich von drei Freunden in Tournon gegründet, also gegenüber von Tain-l’Hermitage an der Rhône. Das ist schlicht unglaublich gutes Eis, und ich war auch schon in mehreren Eisdielen der drei. Da man Eis immer so schlecht transportieren kann, hatten sie zunächst eine Kooperation mit der Gefrierkette Thiriet gestartet, bevor letzterer die Eiser dann 2024 endgültig übernahm. Der Vorteil für uns: Es gibt seitdem die Eiscremes in den 180 Thiriet-Niederlassungen in ganz Frankreich. Eine davon befindet sich in Sélestat am Kreisel im Süden der Stadt. Folgt ausnahmsweise mal einem meiner Tipps und kauft euch ein, zwei, drei Eisbecher. Ihr werdet es nicht bereuen.

Elsass Maison Hirose

Letzte Station in Sélestat ist das kleine Geschäft des Maison Hirose in der Innenstadt. Das Unternehmen wurde vor zehn Jahren vom aus Japan stammenden Bäcker Naoto Hirose und dem ehemaligen Biocoop-Filialleiter Paul Petersen gegründet. Sie haben zwar drei wirklich winzig kleine Boutiquen in Sélestat, Colmar und Orschwihr, in denen ihr auch einkaufen könnt. Vielleicht ist mittlerweile aber die Versorgung der Sterneküche das wichtigste Standbein. Auf dem Bild rechts könnt ihr eine Haeberlin-Tüte mit zwei Hirose-Croissants sehen. Die Brote und Backwaren von Hirose gibt es nämlich in Illhaeusern auch für diejenigen, die nicht in der Auberge de l’Ill essen oder im Hôtel des Berges absteigen…

Das Phänomen Illhaeusern

Elsass Illhaeusern Atelier Haeberlin

Ein berühmtes Restaurant, das genussbereite und zahlungskräftige Kundschaft von weither anlockt, kann ein wahrer Segen für ländliche Räume sein. Das merkt man besonders stark an wirklich absolut abgelegenen Orten wie beim Maison Bras im Aubrac, das mit einer Vielzahl neu gegründeter Top-Qualitäts-Erzeuger in der Umgebung zusammenarbeitet. Ambitionierte junge Leute können so in der Region bleiben oder kommen erst dorthin.

Nun ist das Elsass weder besonders abgelegen noch besonders einkommenschwach. Trotzdem merkt man beim Besuch von Illhaeusern sofort, dass hier ein anderer Wind weht. Das liegt auch daran, dass es mittlerweile nicht nur das Restaurant selbst, sondern auch eine Boutique gibt, das Atelier Haeberlin. Dort könnt ihr schicke Kochschürzen und allerlei Merch erstehen, aber eben auch ausgesuchte Gourmetprodukte von nah und fern. Die Gebäcke des Maison Hirose hatte ich schon erwähnt, jetzt ab Oktober kommen auch die Pâtisseriewaren hinzu. Wer sich auskennt, wird oben auf dem Foto die unverkennbar rot etikettierten Gewürze vom Maison Rœllinger entdecken.

Illhaeusern Fisch essen

Gegessen haben wir dann aber nicht unter dem Sternenhimmel, sondern etwas profaner am anderen Ufer der Ill. Das Restaurant À La Truite war früher, so verrät ein Schild, der katholische Gasthof, während beim Haeberlin-Vorgänger die Protestanten speisten. Dem Namen entsprechend hat sich das Restaurant auf Flussfisch spezialisiert. Ich habe das sehr schmackhafte Fisch-Choucroute genommen. Wer etwas länger im Voraus plant, sollte aber die berühmte Matelote vorbestellen mit fünf Fischsorten, darunter Hecht und Schleie. Den Hecht kann man im klaren Wasser der Ill übrigens gut beobachten.

Sterne auch in Kaysersberg

Kaysersberg Nasti Bäckerei

Noch ein bisschen größer als das Haeberlin-Imperium in Illhaeusern ist jenes von Olivier Nasti in Kaysersberg. Auch hier gibt es zwei Sterne im Restaurant Chambard, daneben die Winstub als eine Art rustikaleres Bistrot. Auf der Karte findet sich auch mindestens ein originaler Gang aus dem Hauptrestaurant. Wer nur mal hineinschnuppern oder etwas mitnehmen möchte, findet die hauseigene Bäckerei Levain ein paar Meter die Hintergasse hinein. Man kann dort einen Croissant mit Messer und Gabel verspeisen (nur Spaß), aber auch Brot für daheim mitnehmen. Selbiges gilt auch für die Chocolaterie Skulptur schräg gegenüber, die ebenso zum Chambard-Komplex gehört. Hungrig und enttäuscht werdet ihr das Elsass also auf keinen Fall verlassen.

Wein kaufen im Elsass

Mittelwihr Colmar Caviste

Fehlt nur noch die Sache mit dem Durst. Ich sollte vielleicht darauf hinweisen, dass das Elsass als einstmaliges Bierzentrum nach ein paar bedauerlichen Jahrzehnten mittlerweile wieder eine sehr lebendige Brauszene besitzt. Nicht weniger als 75 Brauereien sollen hier inzwischen ansässig sein. Allerdings wirkt selbst diese Zahl ein wenig mager, vergleicht man sie mit den knapp 1.000 selbst abfüllenden Weinbaubetrieben. Wer im Elsass Wein einkaufen möchte, hat also eine ungeheuer große Auswahl, und es gibt garantiert immer irgendwen, der irgendeinen Geheimtipp auf Lager hat, den sonst kaum einer kennt.

Wenn ihr allerdings einen größeren Überblick haben möchtet, empfehle ich euch im mittleren Elsass genau drei Weinläden. Der erste ist touristisch nicht zu verfehlen. Es handelt sich um La Sommelière in Colmar, direkt gegenüber von St-Martin.

Die praktischste Variante ist Ill Vino in Sélestat. Unglaublicherweise im Gebäude des Intermarché gelegen, kommt man entsprechend leicht mit dem Auto hin und kann sich dann volladen. Beziehungsweise beraten lassen, Inhaber Stéphan Maure spricht ausgezeichnet deutsch. Und es gibt 1.500 verschiedene Referenzen, darunter… Na, ihr werdet es selbst sehen, ich kaufe jedes Jahr hier ein.

Dritter und (noch) Geheimtipp ist La Salle des Fêtes in Mittelwihr. Vor knapp einem Jahr verwirklichte sich die Sommelière und RVF-Journalistin Caroline Furstoss gemeinsam mit drei anderen einen Traum. Ein heruntergekommener Gemeinde-Festsaal wurde umgewandelt zu einem genialen Ort mit Restaurant und Weinhandlung. Den Weinbereich betreut Didier Thaler, und wenn ihr aus dem Elsass einen noch geheimeren Geheimtipp sucht, fragt ihn. Ich habe dort zum Beispiel den Sylvaner Linsenland von Yuki Akita erstanden. Von den 1.800 Flaschen gehen fast alle nach Japan und in die USA. Und ein paar zu Didier.

Die wahren Ziele: Weinberge und Dörfer

Elsass Weinberge Grand Cru Hengst

Neben dem ganzen kulinarischen Einkaufen und dem Einkehren bietet das Elsass aber vor allem etwas für Menschen, die eine wirklich wunderbare Weinlandschaft schätzen. Zugegeben, Orte wie Ribeauvillé, wie Riquewihr und noch einige andere leiden unter akutem Overtourism. Manchmal leidet auch die elsässische Geschmackssicherheit mit. Aber es gibt selbst im Epizentrum zwischen Sélestat und Guebwiller immer noch genügend kleine und berückend hübsche Orte, die man auch ohne Gänsemarsch durchschreiten kann.

Dasselbe gilt für die Weinberge, die manchmal gar nicht so stark überlaufen sind wie befürchtet, bewegt man sich ein paar hundert Meter vom Dorf weg. Oben seht ihr zum Beispiel den Grand Cru Hengst, und ich habe dort exakt niemanden getroffen.

Und schließlich wird auch abgebrühten Großstädtern aus Nord und Ost warm ums Herz, wenn sie einfach mal einen Abendspaziergang um den Ort machen. Wilde Gärten mit Pfirsich- und Feigenbäumen, raschelnde Büsche, Vogelgesang, Abendglocken, bukolisch, paradiesisch, fast ein bisschen zu romantisch. Aber wer wollte sich darüber beschweren? Es ist nämlich wirklich so schön im Elsass, dass man immer wiederkommen muss. Falls es eines Beweises bedurft hätte, diese Woche hat ihn jedenfalls erbracht.

Elsass Dörfer Gärten

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