Spätburgunder – die Ahr im Stil-Test

Ahr Titel Steilterrassen Schiefer

Die Ahr, das heißt steil, steinig und spektakulär. Wir alle vergessen nicht den Tag vor gut fünf Jahren, als der kleine Fluss starkregenerfüllt durch enge Tal geschossen kam, viele Menschenleben und nicht wenige Existenzen forderte. Aber die Fokussierung auf diese Katastrophe lässt manchmal fast ein bisschen übersehen, dass die Ahr als Weinbaugebiet komplett einmalig ist und wir den Blick nach vorn richten sollten. Ich schreibe in diesem Jahr für den Falstaff Weinguide den Ahr-Einstiegsartikel, und ich werde auch die GGs in Wiesbaden verkosten. Deshalb bin ich als Vorbereitung Ende Juli schon einmal an die Ahr gefahren und habe mir von dort Verkostungsweine mitgebracht.

Besuch im Tal der Ahr

Ahr Blick auf Dernau

Es ist Sonntag, und die meisten Weingüter sind geschlossen. Dafür gibt es einen Haufen Tagesausflügler aus dem nahen Rheinland, die auf dem Rotweinwanderweg oberhalb der Weindörfer unterwegs sind. Die Orientierung im zentralen Bereich der Ahr ist dabei extrem einfach. Unten sind die Orte mit den Weingütern, in diesem Fall Dernau. Dann folgen die Weinberge, die prinzipiell in Richtung Süden ausgerichtet sind, immer von mehr oder weniger steilen Flurwegen durchzogen. Oben auf der Kuppe schließt der Wald alles ab. Die Luftlinie beträgt zwischen Wald Nord und Wald Süd oft nicht mehr als 500 Meter. Bei Ahrweiler als Zentrum beginnt der Spaß und zieht sich dann über Walporzheim, Dernau, Rech und Mayschoss bis nach Altenahr.

Ahrtal Tourismus Radfahrer Rotweinwanderweg

Immer dabei im Tal sind die Regionalbahn und die B267. Wie gesagt, perfekt erschlossen, wie gemacht für Ausflügler und Kurzurlauber.

Ahr Anbau steile Weinberge

Wenn wir einfach mal sagen, das »richtige« Ahrtal beginnt in Ahrweiler, dann sprechen wir fast ausschließlich von Steillagen. Obwohl jetzt im rekordtrockenen Sommer 2026 alles Grün in den Zeilen verdorrt ist, bin ich überrascht, wie sich das gegenüber der Zeit geändert hat, als ich selbst in Köln wohnte. Damals gab es praktisch keinen Bewuchs außer den Reben selbst. Alles andere wurde mit Herbiziden aus der Parzelle verbannt – mit entsprechenden Folgen bei erosionsfördernden Regenfällen. Das scheint jetzt ein bisschen anders zu sein, aber sagt mir gern, wenn ich mich täusche.

Ahr Gärkammer Neuanpflanzung

Was mir auch auffällt: Neuere Anlagen werden fast immer im alten Stil quer zum Hang gezeilt und seltener längs, wie es vor 20 Jahren noch üblich war. Auch das ein Wandel in der Anbauphilosophie bei Steil- und vor allem Steilstlagen, die man ohnehin nur manuell bewirtschaften kann. Oben seht ihr eine ziemlich spektakuläre Neuanlage in der Walporzheimer Gärkammer, dem zentralen Bereich des Kräuterbergs. Beides sind GG-Lagen, wobei die Gärkammer eine Monopollage von J.J. Adeneuer ist.

Holz an der Ahr

Amerikanisches Holzfass

Was mich früher an den Ahrweinen, gerade den hochwertigen, immer wieder gestört hat, war die Philosophie, mit der hier an den Spätburgunder herangegangen wurde. Als die deutschen Winzer das Barrique entdeckten, packten sie nämlich schlicht alles hinein. Auch das, was von der Substanz her nicht in der Lage war, die Röstaromen entsprechend zu fressen und zu integrieren. Der Spätburgunder ist das Eleganteste, was man an Wein überhaupt machen kann (wobei die einzelnen Klone oder auch Massenselektionen da natürlich eine große Bandbreite aufweisen). Entsprechend braucht man viel Fingerspitzengefühl auch beim Holzeinsatz. Zugekleistert mit Vanille, Grillgewürz und Kokosnuss macht mich so ein Wein unhappy.

Kommt dann noch die (bis vor kurzem) größte deutsche Panik hinzu, nämlich jeden Sonnenstrahl bis zum Äußersten auszukosten, brachten die Ahr-Plumper dank ihrer Zuckerreife gern mal 14,5 vol% auf die Waage.

Zugegeben, obwohl es solche Weine gegeben hat und ich sie auch probiert habe, war natürlich nicht alles schrecklich in der guten alten Ahr-Zeit, denn es gab auch damals schon ein paar feine und ausgewogene Exemplare. Nachdem aber in den letzten Jahren eine wahre Pinot-Revolution durch Deutschland gezogen ist mit unglaublich vielen tollen, gleichzeitig finessereichen und dennoch nicht mageren Spätburgundern, war ich sehr gespannt auf das, was die Ahr mittlerweile zu bieten hat.

Vielleicht vorab noch die notwendigen Infos: Ich habe alle Weine bei Volker Danko gekauft. Es gibt ein Ladengeschäft in Ahrweiler, es gibt aber auch den Onlineversand. Funktioniert beides tadellos. Weil ich einen Stilvergleich anstellen wollte, habe ich mich auf Gutsweine und Ortsweine konzentriert. Zum einen sind die Lagenweine an der Ahr nicht gerade günstig, zum anderen wissen wir ja alle, dass sich ein großer Winzer und eine große Winzerin in ihren vermeintlich kleinsten Weinen offenbaren.

Gutsweine

Gutswein Stodden Deutzerhof Meyer-Näkel

Bei den Gutsweinen habe ich gleich etwas falsch gemacht. Ja, alle stammen aus dem Jahrgang 2023, aber während die Exemplare vom Deutzerhof (13 €) und Meyer-Näkel (20 €) echte VDP.Gutsweine sind, habe ich von Alexander Stodden den »Nepomuk«-Wein aus Zukaufstrauben erstanden (17 €). Der eigentliche Gutswein dort heißt J und kostet 23 €.

Frisch geöffnet verströmt der Stodden-Wein zunächst tatsächlich diese Röstigkeit und Reife zwischen Rumtopf und Gelee. Deutlich am meisten Würze der drei – und für mich am wenigsten als Solowein geeignet. Mit mehr Luft geht das allerdings wirklich ins Burgundische. Der Deutzerhof überrascht mich sehr positiv, zumal zu diesem Preis. Da gibt es ebenfalls leichte Holznoten, vor allem aber durchaus Tiefe und eine gute Frische. Etwas altmodisch in seiner leicht balsamischen Frucht, aber angenehm wenig Extraktion, trinkt sich ausgesprochen gut. Meyer-Näkel brilliert schon in der Nase mit Rotfruchtigkeit, es kommt aber etwas dazu, das sich auch am nächsten Tag und bei den Speisenkombis voll durchzieht. Und das ist ein grünlich-kräuteriger Touch nach frischen Basilikumblättern, der sehr attraktiv ist. Frisch gibt es hier ein bisschen sehr junge, leicht klebrig-himbeerige Frucht, aber am dritten Tag steht der Wein super.

Mein Verdikt: Stodden mit »klassischem« Ahr-Stil und Côte Chalonnaise-Pfefferwürze, Deutzerhof mit allen Ansätzen der großen Weine minus harten Tanninen, Meyer-Näkel hellfruchtiger, verführerisch, der »leckerste« Wein im absolut positiven Sinne. Ich bin wirklich angetan.

Ortsweine

Ortswein Adedeuer Bertram-Baltes Sermann

Bei den Ortsweinen bin ich ein bisschen aus dem VDP-Kanon hinausgegangen und habe mich neben dem Ortswein Ahrweiler von Adeneuer (18,50 €) für den Dernauer Ortswein von Bertram-Baltes (24 €) und den Mayschosser Ortswein von Lukas Sermann (16,50 €) entschieden. Die letzten beiden machen ein bisschen ihr eigenes Ding, 2023 ist aber wiederum der Jahrgang bei allen.

Der Adeneuer erinnert mich sodort an den Deutzerhof aus der Runde davor. Das ist Holz mit Tiefe, nicht im angesagten hellfrischen Somm-Style, sondern ein bisschen abgehangen, ganz still in der Nase, sehr ernsthaft. Efeu, Stein, Brombeertiefe, die Reife der Ahr. Bertram-Baltes wie immer mit dem Reduktionsstinker frisch nach dem Öffnen, Rauch, Zündplättchen. Dahinter ahnt man aber schon eine sehr attraktive Johannisbeerfrucht, die sich dann gemeinsam mit Schwarzkirsche und diesem seltsam samtigen Gefühl des Unfiltrierten im Mund einstellt. Das passt faszinierend gut zum leicht schwefeligen Mild Jaffna Mix, selbst wenn die Rauchigkeit noch da ist. Der Sermann hingegen zeigt in seiner Frucht eine deutliche Verwandtschaft zum Meyer-Näkel, ist heller, erdbeeriger, jugendlicher. Rotfruchtig, sehr animierend und spürbar leicht gehalten. Interessant übrigens auch die Alkoholwerte: 11 Vol% bei Bertram-Baltes, 12 vol% bei Sermann und 13 vol% bei Adeneuer.

Mein Verdikt: Wieder eine faszinierende Diversität in diesem Flight. Weine wie Bertram-Baltes macht niemand sonst an der Ahr. Weil ich die Arbeit der beiden vor allem im Weinberg extrem schätze, exerziere ich das immer bis zum Ende durch. Schon letztes Jahr für den Falstaff-Guide und diesmal wieder. Frisch geöffnet kannst du deine tatöwierte Somm-Cousine begeistern, nach vier Tagen in der wiederverkorkten Flasche darf auch der konservative Großonkel sich etwas davon einschenken. Dann ist die Reduktion nämlich weg und die pure Frucht da. Adeneuer ist schon frisch geöffnet etwas für Großonkel, für Wildbret und Leberwurst. Der Mayschosser Ortswein war meine erste Sermann-Erfahrung, da lohnt es sich definitiv, tiefer einzusteigen.

Die Faszination der Jahrgänge

Ahrwein verschiedene Jahrgänge

Letzter Dreiertest, und diesmal wollte ich wirklich Äpfel mit Birnen vergleichen. Oder vielmehr, ich wollte eigentlich gar nichts vergleichen, sondern nur unterschiedliche Jahrgänge und Philosophien spüren. Den ersten Wein, einen 2012er Heimersheimer Berg vom Weingut Jakob Sebastian, hatte ich direkt aus dem Keller meiner Eltern. Aktuell gibt es im Weingut den 2022er, den der Winzer selbst mit »feinfruchtig, milder Spätburgunder mit würzigem Burgunderbukett« beschreibt. Vom Weingut Erwin Riske, einem vielleicht ein bisschen unterschätzten, auf Langlebigkeit setzenden Erzeuger, hatte ich den 2022er Schieferfels ausgesucht (18 €). Und dann schließlich noch ein ganz junger Roter aus dem Jahrgang, aus dem die allermeisten GGs jetzt in Wiesbaden auf mich warten dürften. Es handelt sich um den 2024er Gutswein vom Weingut H.J. Kreuzberg (12 €). Eine bunte Mischung also.

Sehr hellfarbig ist der Jakob Sebastian, deutlich gereiftes Granatrot. Im Mund dann reif, rumtopfig, brombeerig, sehr herbstlich, aber trotz der nicht gerade frischen Aromen nicht zu schwerfällig. Das ist ein Wein für Cevapcici nach meinem Dafürhalten, passt wunderbar, ist ansonsten natürlich ein bisschen aus der Zeit gefallen. Der Riske-Wein wirkt moderner, aber in einem »neuweltlichen« Ansatz der Moderne mit spürbar Neuholz. Im Mund dann mit Abstand der kraftvollste, viskoseste Wein des Tests, gerade so im Diesseits vor der Überreife. Braucht vermutlich noch deutlich Zeit auf der Flasche, 2022 war ohnehin auch ein reifer Jahrgang. Das komplette Kontrastprogramm dann beim Kreuzberg-Gutswein aus dem Jahrgang 2024. Geradezu überfrisch mit leichtfüßigen Erdbeer- und Himbeernoten, Verbena, Nana-Minze, sehr belebende Säure. Ein Top-Sommerprodukt, aber wer einen flkexiblen Speisenbegleiter haben möchte, sollte 2024 vielleicht doch zu den hochwertigeren Spätburgundern greifen.

Was heißt der Ahr-Test für meine GG-Erwartung?

Mein erstes Fazit lautet, dass die Ahr trotz ihrer geringen Ausdehnung und der einen bedeutenden Rebsorte dennoch eine sehr schöne Bandbreite an stilistischen Interpretationen liefert. Ob das immer so war, kann ich nicht sagen, hier ist es mir jedoch sehr deutlich geworden. Da ich maximal auf Ortswein-Level gegangen bin, kann ich Genaueres zum Holz-, vor allem aber zum Tannin-Management noch nicht sagen. Holz ist selbst bei den wertigen Gutsweinen immer ein Thema, zum Glück aber eins, das sich im Rahmen des Angenehmen hält. Ob das bei den Großen Gewächsen genauso sein wird, ist ein Punkt, auf den ich sehr gespannt bin.

Der etwas gediegene Ahr-Stil, den ich bei Adeneuer, beim Deutzerhof und auch bei Stodden verspürt habe, ist für mich tatsächlich ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Da steht die Frucht nicht im Vordergrund, da ahnt man gedanklich schon die Speisenempfehlungen aus dem Bonnefoit. Gerade der »kleine« Gutswein vom Deutzerhof hat mich aber wirklich abgeholt, und es ist ja gerade die Vielfalt, welche die Weinwelt so spannend macht.

Meine anderen beiden Favoriten waren der Meyer-Näkel und der Bertram-Baltes, wobei das wieder zwei unterschiedliche Planeten sind. Meike Näkel chaptalisiert in aller Regel. Sie sagt, das verhilft den Weinen zu einer besseren Harmonie, und diese Harmonie zusammen mit dem feinen Basilikum-Kick war bereits in ihrem kleinsten »echten« Wein spürbar. Julia und Benedikt hingegen chaptalisieren nie, die Alkoholgrade können sogar mal am Einstelligen nagen. Dass das trotz der unbestrittenen Kernigkeit nicht mager wirkt, ist schon eine Kunst an sich.

Letztes Fazit also: Die GGs können kommen, ich bin bereit!

[Für Freaks: Hier meine GG-Notizen der VDP-Vorpremiere vom letzten Jahr.]

Dieser Beitrag wurde unter Wein abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.