Natürlicher Dienstag # 111 – Sylvaner Handwein

& Handwein Sylvaner 2020

Schon bei der diesjährigen GROSSEN SILVANER-SCHAU (hier nochmal der Link zum Abschlussartikel) hatte ich festgestellt, dass der Silvanerrebe in der Pfalz eine besondere Liebe entgegengebracht wird. Das hört sich zunächst ein bisschen absurd an, denn alle wissen, dass einzig in Franken der Silvaner als Rebsorte ein hohes Renommée genießt. In der Pfalz hingegen spricht man kaum über Silvaner, weil viele Flächen inzwischen sogar gerodet und anderweitig bestockt sind. Und das soll Liebe sein? Nun ja, nicht allumfassend und flächendeckend. Aber wie so oft ruft ein starker Mainstream (in diesem Fall der Silvaner-Ignorierer) eine gewisse Gegenbewegung auf den Plan. Leute, die gezielt nach vergessenen Parzellen mit alten Rebstöcken suchen und daraus dann etwas Besonderes machen. Hier auf dem Blog kamen sie schon mehrfach vor: das Nussbaum.Projekt, Collective Z, Andreas Durst – und eben Eric Carstensen von & Handwein.

Sylvaner La Montagne Sacrée 2020 von & Handwein

Eric Carstensen ist eigentlich Künstler und lebt in Mannheim. Ich hatte seinen Dornfelder schon einmal vor anderthalb Jahren hier gefeatured. In dem Artikel hatte ich auch über Erics Werdegang und Ansatz geschrieben. Unter anderem plante er damals, eine kleine Urban Winery mitten in Mannheim einzurichten, in der er seine Weine ausbauen kann. Anderthalb Jahre sind natürlich keine lange Zeit für einen Winzer – eine einzige Ernte lag zwischen dem ersten Artikel und diesem hier. Aber jemand, der sich leidenschaftlich mit dem Thema beschäftigt, kann in der Zwischenzeit doch einiges auf die Beine stellen. So geschehen bei & Handwein.

Interessanterweise scheinen sich alle zu kennen, die sich westlich des Rheins wirklich ernsthaft mit Silvaner beschäftigen. Innerhalb dieser Sylvaner-Connection (alle benutzen die alte Schreibweise mit Y) hilft man sich auch gern einmal untereinander. Die Trauben für Erics zweiten Sylvaner-Jahrgang stammen aus der Montagne Sacrée, was selbstverständlich nichts anderes ist als der Maikammer Heiligenberg. Bewirtschaftet wird die Parzelle mit organisch-biologischen Methoden, und die Handwein-Lese erfolgte am 25. September. Ein Tag Maischestandzeit half den traditionell pektinreichen Silvanertrauben, den Saft loszuwerden. Spontangärung im Barrique und zehn Monate Ausbau auf der Feinhefe schlossen sich an – und zwar tatsächlich in der Mannheimer Urban Winery! Abgefüllt wurde dann aber unfiltriert und ungeschwefelt bei Lukas Krauß. Man kennt sich, ich schrieb es ja schon.

Wie schmeckt der Wein?

Eric schrieb mir, dass der Wein erst vor vier Wochen gefüllt worden sei, weshalb er noch etwas wild wäre. Und ja, das ist er tatsächlich, als ich die handverkorkte Handwein-Flasche öffne. Erst dachte ich, dass sich eventuell der Barrique-Ton stärker zeigen würde, aber überhaupt nicht. Es dominiert die wilde Naturel-Art mit ihren Rauch- und Gäraromen. Am Gaumen ist der Sylvaner ebenfalls noch sehr jugendlich. Ein mittleres Säuregefühl (bei analytisch 5,9 g Säure und 0,1 g Restzucker), ein leichtes Perlen, dann aber eine beachtliche Viskosität und Dichte. Nach und nach gesellt sich zu den naturelligen Mostnoten ein feiner Birnenton.

Das zusammen mit der Dichte und Spannung lässt mich ahnen, dass in diesem Wein ein erhebliches Potenzial schlummert. Ob ich die Reifung künstlich forcieren kann? Ich lassen den Rest in der Flasche offen über zwei Tage bei Zimmertemperatur stehen. Das ist nicht ganz ohne Risiko bei ungeschwefelten Weinen, aber ich finde mittlerweile, dass echt gute Exemplare diesen Stabilitätstest überstehen sollten.

Tatsächlich hat der apfelmostige Eindruck in der Nase stark nachgelassen. Es gibt jetzt gelbe Pflaume, Quitte, einen minimal zimtigen Anteil und etwas pflanzlich Pikantes mit leichter Schärfe, Fenchel, Ingwer, Alkohol. Im Mund kommen Säure und Stoffigkeit auch wesentlich schöner zum Tragen. Der Wein ist komplett sauber geblieben, keine Flüchtigkeit, kein Mäuseln, so soll das sein. Mit anderen Worten: Gebt dem Handwein Zeit = ein paar Jahre – wie guter Sylvaner sie ohnehin bekommen sollte.

Wo kann man ihn kaufen?

300 Flaschen gibt es von Eric Carstensens Sylvaner La Montagne Sacrée 2020 nur. Oder vielmehr gab es, denn eine ist ja hier bereits geleert. Wer also a) total handwerklich gemachte Mini-Auflagen schätzt, ebenso b) Aufwand und Risiko einer kellertechnischen Nicht-Behandlung (geht ja nur mit top-gesundem Lesegut) und c) genügend Geduld besitzt, so ein schönes Exemplar auch angemessen reifen zu lassen (okay, das ist jetzt nur meine Vorgabe), …kann den Wein käuflich erwerben.

Im Handel gibt es den Sylvaner bei Torben Buntes Vin Pur (aktuell noch der Vorgängerjahrgang im Shop gelistet). Den Laden muss ich wahrscheinlich nicht weiter vorstellen. Es gibt hier (soweit ich weiß) schlichtweg das größte Angebot an deutschen Naturweinen überhaupt. Dann kann man den Wein natürlich auch direkt beziehen bei Eric Carstensen und im Mannheimer Supper-Artclub Strümpfe. Der Preis ist überall gleich: 24 €. Wenn ich mich nicht täusche, gehen 100% des Erlöses an eine Branche namens „Kunst & Kultur“. An deren Existenz kann ich mich zwar auch kaum noch erinnern, aber vor Corona war da irgendwie mal was, und ich glaube, ich fand das auch ganz gut…

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