Natürlicher Dienstag #32 – Handwein Paradox I

Handwein Paradox Dornfelder

Eric Carstensen ist kein Winzer, und Mannheim ist kein Weinbauort. Aber Eric ist dem Winzerdasein genauso nah wie Mannheim dem Wein, nämlich weitaus näher, als man erst einmal denken könnte. Ich muss gestehen, als ich das erste Mal von dem Projekt Handwein gehört habe, dachte ich spontan Folgendes (kleiner Ausflug in die Vorurteilskiste): Eric Carstensen, aha, ein Weinprojekt. Na, das wird ein BASF-Manager aus Norddeutschland sein, der gern Wein trinkt. Vielleicht ist er ein echter Fan, aber vielleicht möchte er auch für die Steuer ein bisschen Verlust einfahren. Also nichts dagegen, man kann wahrhaftig Schlechteres mit seinem Geld anfangen, als in die Winzerei zu investieren. Aber ob ich wirklich darüber berichten muss…? Ja liebe Leute, so geht das mit dem Schubladendenken. Und gut, wenn man mal so richtig daneben liegt, denn das hindert einen daran, nächstes Mal in dieselbe Kerbe zu hauen.

Handwein Paradox I – Was ist das?

Also, wo fange ich an? Am besten bei Eric Carstensen selbst. Eric ist in Frankreich geboren und – wie er selbst sagt – „als Kind einer Bretonin und eines Friesen in der Pfalz aufgewachsen“, Weinkontakte inklusive. Vor gut zehn Jahren hatte ein Freund ein altes Weingut aufgekauft, und er hat dann in Weinberg, Keller und Vertrieb mitgemacht. Das Weingut gibt es nicht mehr, wohl aber Freunde im Weinbereich wie Andreas Durst und Daniel Aßmuth. Mit denen zusammen (deshalb das „&“ als Zeichen, es heißt höchst offiziell „& Handwein“) hat Eric in Kleinstauflagen Weine hergestellt. Dazu gehört auch dieser Rotwein, gemeinsam mit zwei Weißen, die aber schnell ausverkauft waren.

Der Handwein Paradox I ist ein reinsortiger …Dornfelder. Genau, die Grand Cru-Edelsorte. Die Reben stehen im Dürkheimer Nonnengarten, werden biologisch bewirtschaftet (Bioland) und wurden Mitte September mit kalibrierten 86° Oechsle eingebracht. Handwein als Name kommt dabei nicht von ungefähr, denn selektive Handlese, Spontangärung, Barriqueausbau, 26 Monate Hefelager, ohne Filtration und Schwefel auf die Flasche – ja, das ist doch wohl Handwerk. Ebenso individuell ist das Etikett „La Bonne Sœur“ im latenten Gothic-Style (finde ich jedenfalls), ein Werk des Künstlers Alexander Horn. Womit wir wieder bei Eric Carstensen wären, dem Nicht-BASF-Manager. Er ist nämlich auch Künstler, Fotograf, Musiker, Galerist-Mastermind bei Strümpfe, dem – wie sie selbst sagen – „Supper-Artclub“ in Mannheim. So. Auf die Weise passt dieses Naturel-Zeugs dann auch irgendwie besser.

Wie schmeckt der Wein?

Diese Frage wollte ich diesmal nicht im Alleingang beantworten und bin deshalb mit der Flasche zur Weinstelle gegangen, wo die Kumpels von Gastgeber Flo für einen Blindtest bereitsaßen. Dunkel ist der Wein, jungdunkel, im Dezember erst abgefüllt, medium purple. In der Nase kommt gleich die Vanille vom Holzfass, dann Kirsche und etwas schalig-Eingemaischtes, eher pflanzlich. Auf jeden Fall hat der Wein keinen Stinker, den die einen für funky, die anderen hingegen für ein Ausschlusskriterium halten. Im Mund kommt gleich eine große Frische. 7,6 g Säure bei 0 g Restzucker, das ist konsequent. Das Holz bleibt deutlich spürbar, und es gibt ganz viel Frucht, Sauerkirsche vor allem, aber auch Brombeere. Der Gastwirt in der Runde tippt auf Frankreich, weil der Wein zu viel Charakter und zu wenig Weichlichkeit für einen deutschen Wein habe. Außer, wenn es „einer von diesen neuen Lembergern“ sei.

Alle sind sehr davon angetan, wie sauber der Wein ist. Das Ungeschwefelte macht den Roten ein bisschen freier, führt aber nicht zur Polarisierung. „Kein Punk“, finde ich und meine damit sowohl das Präzise als auch den Holzeinfluss, den ich ganz persönlich lieber etwas dezenter hätte. Aber er zeigt auch, dass der Materie eine entsprechende Wertschätzung entgegengebracht wurde. Die dunkelbeerige Note gefällt dem Metzger, der gleich seine Wildschwein-Salami auspackt. Passt super. Ich enthülle das Etikett, allgemeine Begeisterung. „Der kann nicht billig sein“, glaubt der Medienmensch. Auf Dornfelder war niemand gekommen, aber die Nennung der Rebsorte schockt andererseits auch nicht wirklich. „Ja, sowas kann man daraus wirklich machen“. Der Wein ist frisch, dunkelfruchtig, schlank, kein Burner in Sachen Alkohol und Würze, aber vielleicht gerade deshalb umso edler beim Zechen.

Wo habe ich ihn gekauft?

Eric hat 580 Flaschen von dem Wein abgefüllt, und oben seht ihr die beiden Fässer bei ihm im Keller (Credits an den Winzer höchstselbst für das Foto). Der Paradox I La Bonne Sœur 2017 von & Handwein, dieser präzise Naturwein aus der Pfalz, ist bei Eric Carstensen selbst über den Facebook-Kontakt oder im Strümpfe in Mannheim erhältlich. Und er kostet 24 €. „Mutig für Endverbraucher“, meint der Weinhändler, „dafür dass den Winzer keiner kennt“. Stimmt. „Aber hör mal“, entgegnet ein anderer, „wenn du keine 20 € für so eine Mini-Handwein-Auflage verlangst, brauchst du den Wein gar nicht erst zu machen.“ Stimmt auch. Das ist viel Mühe, viel Herzblut, viel Risiko, viel Exklusivität.

Ob das für immer derartig exklusiv bleiben muss, da bin ich mir gar nicht so sicher. Eric hat nämlich einen alten Weinkeller in Mannheim aufgetan, denn in der Tat ist in früheren Zeiten in dieser Stadt durchaus Wein produziert worden. In diesem Keller startet er jetzt seine echte Urban Winery. Wie in Brooklyn oder Marseille, ich berichtete davon. Das ist auf jeden Fall eine sehr spannende Sache, an der es sich lohnt dranzubleiben. Eric wird in knapp zwei Monaten beim Weinsalon Natürel in Köln dabei sein, und mal schauen, ob er da schon etwas Neues berichten kann…

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4 Kommentare zu Natürlicher Dienstag #32 – Handwein Paradox I

  1. Markus sagt:

    Letztes Wochenende beim Wenewichteln getrunken. Kam bei der Fraktion der traditionellen Weintrinker nicht so gut an. Aber auch die mussten anerkennen, dass der Wein völlig frei von Fehltönen und funky-ness ist, die man bei Naturals gern mal erwartet. Der Preis…für mich etwas arg drüber, muss ich sagen.

    • Markus sagt:

      #winewichteln sollte es heissen 😉

    • Matze sagt:

      Nun, es ist immer noch Dornfelder und wird auch immer einer bleiben 😉 Was den Preis anbelangt, ist es natürlich schwierig, denn wo willst du einen Barrique-Dornfelder Natural mit Mini-Auflage einordnen? Mal abwarten, wenn das städtische Weingut in Mannheim an Volumen zulegt, dann gibt’s da vielleicht auch entsprechende Mengenrabatte 😉

  2. Pingback: Natürlicher Dienstag #35 - Staffelter Hof - Chez MatzeChez Matze

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