Die besten Weine Frankreichs – der neue RVF-Guide 2021 ist da!

RVF Weinguide 2021

Jedes Jahr warte ich sehnsüchtig auf das Erscheinen des „Grünen“, wie wir hier den Guide des Meilleurs Vins de France nennen, herausgegeben von der RVF, dem einzig übrig gebliebenen derartigen Printmagazin in Frankreich. Diesmal musste ich ein bisschen länger warten. Wegen des Total-Lockdowns in Frankreich konnte die Redaktion im Frühjahr nämlich kaum testen, später standen die Druckereien still. Deshalb gibt es den Guide statt Anfang September eben jetzt erst im November. Dafür wartet der Guide mit einem für seine traditionellen Verhältnisse riesigen Paukenschlag auf.

Revolution 100 Punkte-Schema

Statt mit 20 Punkten, werden die allerbesten Weine jetzt mit 100 Punkten bewertet. Was die alten Franzosen dazu meinen, weiß ich noch nicht, warte aber gespannt auf die Leserbriefe in der nächsten RVF-Ausgabe. Ja, Leserbriefe und Telefonnummern, wir sind schließlich in Frankreich. Das 100 Punkte-System hat übrigens auch eine mittlerweile 45jährige Tradition. Erstmals eingesetzt wurde es im Decanter 1975 und dann im Wine Spectator 1976. In den 1990er Jahren hat es sich dann als „Parker-System“ international etabliert. Die Franzosen hingegen arbeiteten bis 1990 gar nicht mit Punkten, sondern nur mit beschreibenden Aussagen. Un bon vin. Erst dann kam ein 10 Punkte-System, und seit 2008 arbeitete die RVF mit dem 20 Punkte-Schema. Warum jetzt also der Wechsel?

Redaktionsleiter Denis Saverot erklärt in der Novemberausgabe der Zeitschrift den Schritt. Vorher entsprachen ja 20 Punkte bei der RVF 100 Punkten bei Parker. Bei bislang 15 Punkten in der RVF, meint er, würden neun von zehn Personen denken, dass das 75 Punkten nach dem „Parker-System“ entspreche – weil einfach weiterhin mit fünf multipliziert. 15 Punkte sei ein beachtlicher Wert in Frankreich, während 75 Punkte in den USA schlichtweg eine gräusliche Brühe signalisiere. Da Wein für Frankreich bekanntermaßen sehr wichtig ist, auch und vor allem für den Export, hätte natürlich kein Winzer mit den RVF-Punkten international auftreten können.

Die Überlebenssicherung der RVF

Und, was er nicht sagt, Winzer bezahlen ja den Eintrag in der Hoffnung, mit dem dort gefällten Gottesurteil Werbung machen zu können. Diese Werbung qua Punkte wiederum erscheint dann in Supermärkten und erzählt einer breiteren Kundschaft von dem Guide beziehungsweise der Zeitschrift. Und nur, wenn viele Winzer mitmachen und sie über gute Punkte ihre Weine besser verkaufen können, kommt überhaupt genügend Geld herein, um ein aufwändig hergestelltes Print-Produkt in der heutigen Zeit überhaupt realisieren zu können.

Und wie wird das umgerechnet?

Jetzt also 100 Punkte im Guide der RVF, und ich muss mich ehrlich gesagt immer noch ein bisschen daran gewöhnen. In der Umrechnungstabelle wird nämlich klar, dass 15 alte Punkte nicht etwa 75 neuen, sondern 90 neuen Punkten entsprechen. 16 sind dann 92, 17 sind 94 und 18 sind 96, nebst den Schritten dazwischen. Mir persönlich wird dadurch noch mehr bewusst, wie eng gelegt dieses generös aussehende 100 Punkte-Schema eigentlich ist, und wie stark man in die Spirale in Richtung der 100 gerät. Unter 95 will dann keiner mehr sein, womit die Bewertung eigentlich (bis auf die 100 selbst) zunehmend obsolet wird. Wer mal bei so etwas wie dem Beurteilungssystem für Beamte mitgemacht hat, weiß, wovon ich spreche.

Die besten (aufgestiegenen) Weingüter

Wie auch immer, neben dem Aufreger 100 Punkte gibt es natürlich auch weinliche Neuigkeiten. Neu im Club der Drei-Sterne-Winzer (die höchste Kategorie) sind vier Weingüter, die man als Fan schon lange kennt. Es handelt sich um Chandon de Briailles im Burgund (Vorväter- und -mütterhafte Tradition des Lagerweins), Clos Canarelli auf Korsika (die Intensität der autochthonen Rebsorten), die Ferme de la Sansonnière an der Loire (seit zwei Jahrzehnten eine konsequent eigene Linie) und Clos des Papes an der Rhône (nur ein roter und ein weißer Châteauneuf aus allen Rebsorten). Alles also Weingüter, die unbeirrbar ihren Weg gegangen sind und weiter gehen. Für mich sind das sehr nachvollziehbare Entscheidungen. Dass drei davon biodynamisch und eines biologisch arbeitet, ist nur logisch. Nicht wegen des spirituellen Überbaus, sondern einfach deshalb, weil sie ihre Weinberge so aufmerksam und schonend wie möglich bewirtschaften wollen.

Die Hundertpünkter

Die 100 Punkte-Weine kommen übrigens weiterhin aus den einschlägigen Regionen von den einschlägigen Weingütern. Im Bordelais gibt es beispielsweise die volle Punktzahl für Léoville Las Cases 2016, Mouton Rothschild 2016 und d’Yquem 2016 und 2017. Im Burgund sind es deutlich mehr Weine. Lalou Bize-Leroy räumt mit der Domaine Leroy (mehrmals probiert in Tokio) und der Domaine d’Auvenay gleich zehnmal die 100 ab. Romanée-Conti ist dreimal dabei, Armand Rousseau und Laurent Ponsot je einmal. Und dann gibt es noch Rayas von der Südrhône, allerdings nicht etwa mit einem 2019er, sondern mit einem 2007er.

Was den Guide für mich so lohnenswert macht, sind natürlich nicht die Superstars mit ihren latent spekulativen Preisen auf dem Zweit- und Drittmarkt, sondern die vielen alten Bekannten und neuen Entdeckungen. Aus Elsass, Loire, Jura oder Roussillon, fair bepreist, individuell bereitet im jeweiligen Charakter der Region. Die beiden Weingüter auf dem Titelfoto sind definitiv auch dabei. Und den Granges von Matthieu Baudry gibt es tatsächlich für ein Zehnerle. Eines in Papier-, nicht in Münzform, versteht sich. Viel mehr kann ich leider noch nicht sagen, denn bis ich bei einem solchen Wälzer durch bin, dauert es noch bis zum Ende des Lockdowns. Zum Glück.

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7 Kommentare zu Die besten Weine Frankreichs – der neue RVF-Guide 2021 ist da!

  1. Tja, ein Paradigmenwechsel, den ich nachvollziehen kann, aber nicht goutiere. Wie Du schon sagst, dreht sich die schraube beim 100-Punkte-System schneller. Und ich habe die RVF immer dafür gemocht, dass sie zurückhaltend im 20-Punkte-System bewertet hat. Einer mit 18 oder 19 war dann auch wirklich etwas sehr besonderes. Das wird sich so wahrscheinlich nicht halten lassen. liebe Grüße, Christoph

    • Matze sagt:

      Ja, so sehe ich das auch. Es ist irgendwie auch ein weltweites Dilemma (wenn ich das mal so halbdramatisch ausdrücken darf), dass niemand mehr glaubt, mit Bescheidenheit und ein bisschen Demut einen Blumentopf gewinnen zu können. Es geht nur im Superlativ und im Supersuperlativ. Jedenfalls im Mainstream. Ich bin mal gespannt, wie das in 20 Jahren aussehen wird. Ob es da genug Leute gibt, denen diese Spirale so auf die Nerven gegangen ist, dass sie sie abschaffen wollen. Und etwas anderes Kreatives dagegensetzen, denn Meckern allein ist ja wahrhaft nicht kreativ 😉

  2. Martin B. sagt:

    Als jemand der in Frankreich zur Schule gegangen ist und mit eben jener 20 Punkte Skala bei den Schulnoten groß geworden ist, bedauere ich diesen Schritt sehr! Ein Notenschnitt von 14/20 Punkten gilt dort bereits als sehr gut, 15/20 gar als ausgezeichnet und 17/20 und mehr als exzellent (und de facto unerreichbar). Das musste man sich beim Lesen der RVF immer vor Augen halten.

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass es im Zuge des Umstellens auf die 100 Punkte Skala (die, seien wir ehrlich, doch eigentlich nur von 89 bis 100 reicht) nicht zu massiven Werteverschiebungen kommen wird. Der Rest der Weinwelt assoziiert mit einem 90 Punkte Wein nun mal etwas ganz anderes als der RVF Mikrokosmos mit einem 15/20 Punkte Wein.

    • Matze sagt:

      Ich muss zugeben, dass mir die von dir angesprochene Werteverschiebung jetzt schon beim reinen Durchblättern aufgefallen ist. Da stehen rechts irgendwelche Punkte, die alle mit der Ziffer 9 beginnen und die dann irgendwie von 93 bis 97 reichen. Es kann sein, dass ich mich noch daran gewöhne, aber rein psychologisch ist das für mich kaum eine Differenzierung. Nach der vierten Seite habe ich schon gar nicht mehr hingeschaut.

      Das Argument war allerdings ja auch der Exportmarkt. Aber selbst da bin ich mir ehrlich gesagt gar nicht sicher, ob die RVF in den USA oder in China als Punktequelle überhaupt Chancen hat. Die Hoffnung scheint zu sein, dass die dortigen Unternehmen die RVF-Bepunktung verwenden, weil sie a) hoch ist, b) vergleichbar und c) weil die potenziellen Käufer sie als renommiert erkennen. Aber ist das mit einer ausschließlich auf Französisch erscheinenden Publikation so? Außerhalb der Freak-Szene? Wie auch immer, ich lasse mich mal überraschen, ob einem demnächst alle Weinhändler außerhalb Frankreichs mit RVF-Punkten entgegenspringen 😉 . Zum Glück gibt es aber für Nicht-Punktefans im Buch wieder ein paar schöne Sachen. Sieben neue Weingüter allein im Beaujolais!

  3. Stefan Krimm sagt:

    Das ist ein dorniges Gelände:
    Der Weinjournalismus ist in den letzten Jahren unter enormen Druck geraten. Beachtet und zitiert werden nur noch Werte ab etwa 92/93 „Parker-Punkten“. In Parkers „Wine Buyers Guide“, der das System in Europa mit installiert und erklärt hat, stand zur Erläuterung jahrzehntelang:

    „90 – 100 entspricht einem A und wird an herausragende Weine vergeben. Weine in dieser Kategorie sind die allerbesten ihres Typs. Es gibt eine große Differenz zwischen 90 und 99 aber beides sind Spitzenbewertungen. Wenige Weine schaffen es aktuell in diese Top-Kategorie, einfach weil es nicht so viele wirklich große Weine gibt.

    80 – 89 entspricht einem B in der Schule und ein solcher Wein, insbesondere in der 85 – 89 Gruppe ist sehr gut. Viele Weine, die in diese Kategorie fallen sind oft ebenfalls große Werte. Ich habe viele dieser Weine in meinem persönlichen Keller.“ (Übersetzung SK)

    Soweit ich sehe, wurde dieses auf die amerikanischen Schulnoten bezogene System nie revidiert. Aber schon bei der Bewertung relativ einfacher spanischer Weine durch einen Vertrauten Parkers, die wegen ihrer aufgedeckten finanziellen Aspekte einen Skandal ausgelöst hat, konnte man bemerken, wohin die Reise geht. Mittlerweile sind die Dinge außer Rand und Band geraten, nicht zuletzt auch durch Traumnoten, die ein italienischer “Kritiker“ vergleichsweise bescheidenen Tropfen, die man beim Discounter kaufen konnte, vergeben hat.Letztes Jahr adelte er einen ziemlich lieblichen, unausgewogenen Primitivo Salento, der bei einer der Marktgrößen zum Preis von 4,99 € angeboten wurde, mit sage und schreibe 96 Punkten. Teilweise werden diese Phantasiewerte auch auf den Flaschen abgedruckt.

    Die Journalisten, die zitiert werden wollen, müssen sich tendenziell allerdings diesem Bewertungs-„System“, das auf einer plumpen Verschiebung der Bewertungsskala beruht, anschließen, um wahrgenommen zu werden. Jetzt leider auch die der sonst erfreulich nüchternen und verlässlichen RVF samt ihrem grünen Guide. Ein Trauerspiel!

    • Matze sagt:

      Ja, in der Tat, das ist das Dilemma der Spirale. Letztlich sitzen ja alle im selben Boot, und es geht um Wahrnehmung, die sich nur über Mittun (oder bewusst inszeniertes Abstrafen – auch nicht besser) erreichen lässt. Die einzige Lösung wäre, dass ein solches System irgendwann bedeutungslos wird, weil es alle entnervt hat. Aber bis dahin müsste man etwas Alternatives erfunden haben, das den Kunden eine andere Möglichkeit der schnellen Orientierung bietet.

      Ich habe mir übrigens tatsächlich den Guide von Luca Maroni gekauft, weil ich wissen wollte, was der Mann sich denkt, wenn er einem Strohwein aus Apulien, der anonym von einer riesigen Kellerei im Trentino abgefüllt wird, 99 Punkte gibt. Das ist nämlich gleichzeitig absurd und wirklich interessant. Maroni drückt sich zwar ziemlich verschwurbelt aus, aber im Grunde geht es ihm ausschließlich um die Abbildung der Frucht. Deswegen hasst er Holz, Mineralität, Gäraromen und wasweißich noch und gibt entsprechend einem hochwertigen Barolo wesentlich weniger Punkte. Ein wirklich (vorsichtig ausgedrückt) individueller Ansatz, in seiner latenten Spleenigkeit aber nicht uncharmant. Und tatsächlich kann man über alternative Bewertungsmaßstäbe diskutieren. Hätten die Asiaten nicht alle in Bordeaux studiert, würden sie intuitiv vielleicht auch ganz andere Aspekte im Wein in den Vordergrund stellen. Das Blöde ist halt bloß, dass Leute im Supermarkt dank der unerklärten Maroni-Punkte nicht wissen, dass dieser Mann mit 99 Punkten nicht einen Romanée-Conti für 4,99 €, sondern eine besonders dichte Erinnerung an süßen Traubensaft meint. Ein Weinhändler in Singapur (kleine Anekdote, fällt mir grad ein) benutzt übrigens sehr gern die Maroni-Punkte. Nicht primär, weil sie so hoch wären, sondern weil er festgestellt hat, dass der Maroni-Geschmack (süßer Traubensaft) bei seinen Kunden viel Anklang findet.

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