Natürlicher Dienstag # 75 – Neue Kategorien

Kategorien Naturwein Chez Matze

Heute ist Dienstag, natürlich, und an den vergangenen 74 Dienstagen habe ich hier jeweils einen Wein vorgestellt. Aber diesmal: no wine today. Dafür habe ich nachgedacht, was prinzipiell ja auch nichts Schlechtes bedeuten muss. Und zwar habe ich darüber nachgedacht, wie ich die Welt der Naturweine irgendwie so in Kategorien einteilen kann, dass sie für Leser/innen auf den ersten Blick Orientierung bietet.

Von Parker-Punkten und Glou Guide

Ausgangspunkt war wieder einmal eine Diskussion über Punktbewertungen anlässlich der neuen Ausgabe des Guides der RVF. Das ist der wichtigste französische Weinguide, und da französische Weine nun mal nicht zu den unbedeutendsten Weinen der Welt gehören, hat auch der RVF-Guide eine gewisse Relevanz über Frankreich hinaus. In der neuen Ausgabe sind sie dabei von dem herkömmlichen französischen 20-Punkte-System zum internationalen (oder vielmehr: amerikanisch geprägten) 100-Punkte-System übergegangen. Das Ergebnis ist subjektiv betrachtet wenig überzeugend, weil jetzt alles so eng beisammen liegt, dass ich ehrlich gesagt ohne die entsprechende Weinbeschreibung gar keine großen Unterschiede wahrnehmen kann. Unter 90 Punkten gibt es nämlich praktisch keinen Wein in diesem Buch, und zwischen 93 und 94 Punkte, zumal einfach aus der Hosentasche gegriffen, passt nun wirklich gerade mal ein Blatt Papier.

Andererseits: Wie schafft man es, ohne dieses elende Punktesystem, das ja diesen scheinbar objektivierbaren Leistungsgedanken in sich trägt, Leserinnen und Leser möglichst schnell über einen Wein zu informieren? Ohne ellenlange Texte. Und ohne den schlaumeierischen Hinweis, man möge doch bitte probieren und einzig dem eigenen Geschmack folgen.

Im Glou Guide, einem Gemeinschaftswerk dreier französischer Blogger, der mittlerweile in der dritten Ausgabe vorliegt, hat man sich von Anfang an seine Gedanken gemacht. Dort gibt es fünf Kategorien, in die die Weine eingeteilt werden. Und auch Weinhändler sind nicht untätig in dieser Hinsicht. Jaja in Berlin haben beispielsweise einen sogenannten Funkyness-Faktor eingeführt. In beiden Fällen geht es nicht darum, in einer Tabelle irgendwelche Werte aufzulisten. Und es geht auch nicht darum, eine Reihenfolge der Leistungsstärke festzulegen. Das einzige Ziel ist eine möglichst knackige Charakterisierung der Weine. Und das möchte ich jetzt auch tun.

Die neuen Kategorien

Die Welt der Weine dits naturels ist ja unglaublich vielseitig. Vieles hängt von der Weinbereitung ab, also ob maischevergoren, gefiltert, geschwefelt oder eben nicht. Aber nicht alles lässt sich daran festmachen. So habe ich zum Beispiel schon öfter Weine getrunken, die definitiv ohne Schwefelzusatz waren und „trotzdem“ ganz klassisch geschmeckt haben. Auch umgekehrt ist das möglich.

Also werde ich in Zukunft (wenn ich Zeit habe, werde ich das auch für die bereits beschriebenen Weine machen) einfach einen Buchstaben in das jeweilige Foto vom Wein einfügen. Damit ihr schon auf den ersten Blick erkennen könnt, wie ich den Wein empfunden habe. Das Subjektive ist und bleibt natürlich entscheidend in diesem Zusammenhang, denn dank langjähriger gemeinschaftlicher Trinkerfahrung weiß ich, dass auch bei ähnlich erfahrenen und ähnlich gut ausgebildeten Leuten die Empfindungen durchaus auseinandergehen können.

However, hier sind also die vier neuen Kategorien:

C = Classique

Wie schmeckt Wein eigentlich? Ein bisschen fruchtig natürlich, Kirsche-Brombeere oder Apfel-Zitrone, ein bisschen scharf wegen des Alkohols und je nach Typ würzig, süß oder gerbig. Das ist jetzt sehr allgemein ausgedrückt, aber alle, die schon öfter Wein getrunken haben, wissen, was sie so ungefähr erwartet. Kategorie C beim Natürlichen Dienstag bedeutet also Classique, klassischer Wein. Es gibt natürlich bestimmte Voraussetzungen, die der Wein erfüllen muss, um hier zu erscheinen. Nämlich mindestens biologisch zertifiziert, in aller Regel spontanvergoren, oft unfiltriert. Sonst wäre das Natürliche im Natürlichen Dienstag nicht erfüllt. Ansonsten ist dies jedoch ein Wein, der auch Leuten gefallen müsste, die es mit dem ganz wilden Natural-Zeug nicht so haben.

L = Lässig

Lässige Weine sind intern im Haushalt unter der Bezeichnung Suffwein bekannt, weil sie zu großen Schlucken einladen. Andere würden vielleicht mit einem Begriff wie Trinkigkeit kommen, aber der hat schon ein bisschen Staub angesetzt. Also lässig. Inspektor Columbo im Trenchcoat, der Dub von King Tubby, schon cool, aber nie aufgesetzt. Stil aus Versehen. Lässig als Wein heißt bei mir in der Regel leicht im Alkohol, gern auch mal ein bisschen perlend, wenig Holz oder andere komplexe Geschmäcker, dafür aber durchaus gern mit Säure, Frucht und Pepp. Minimal schräg darf so ein lässiger Naturwein auch sein, das gehört ja zur Attraktivität dazu.

A = Anspruch

Lexikon der Philosophie, Band 11, Pla-Sok. Ein bisschen danach fühlt sich ein Wein der Kategorie Anspruch an. A wie Ambition könnte man auch sagen. Hier haben wir keinen Leckerschmecker vor uns, sondern einen Wein, auf den man sich einlassen soll. Er erzählt von Maischegärung, von Florhefe, von langen Jahren im Holzfass, von Menschen, Zeiten und Landschaften. Anspruchsvolle Weine können in der Nähe des Klassischen liegen, sind aber komplexer. Sie können auch Elemente des Hardcore besitzen, zeigen diese aber auf eine subtilere Art. Denkt vielleicht an Vin Jaune, an Orange Wine oder auch an einen 30 Jahre alten Romanée-Conti. Ja, ein großer Teil davon wurde bereits damals biodynamisch bearbeitet.

H = Hardcore

Ich erinnere mich noch gut an das sehr schöne Interview mit RAW Wine-Gründerin Isabelle Legeron im letzten Jahr (lest es euch mal durch, habe ich auch gerade getan, wirklich spannend). Da fragte ich sie nämlich, ob sie nicht vielleicht auch derartige Kategorien zwecks besserer Orientierung einführen wollte. „Nein“, meinte sie, das mache sie lieber nicht, denn „vielleicht ist dein funky ja nicht mein funky.“ Stimmt natürlich. Hier ist also mein funky, und ich nenne es Hardcore. Weine dieser Kategorie müssen weiterhin diesseits meiner Linie der Genussfreude sein, aber sie dürfen schon ziemlich nah daran entlangschrappen. Ein bisschen flüchtige Säure ist okay, ein reduktiver Böckser beim Öffnen, trüb und mit Kohlensäure eh kein Problem. Hardcore sind solche Weine, die in Teilen der Szene Begeisterung hervorrufen, weil sie so klar für eine gewisse counter culture stehen. Wer hingegen nur Classique liebt, sei hiermit auf diesen Umstand zumindest aufmerksam gemacht.

So, Kategorien festgelegt. Jetzt bleibt nur noch die Entscheidung, welche Weine in welche Kategorie fallen. Mal schauen, welche bereits getrunkenen Protagonisten ich für meine Titelfoto-Collage auswähle…

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Ein Kommentar zu Natürlicher Dienstag # 75 – Neue Kategorien

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