Natürlicher Dienstag #77 – Sylvie Augereau

Sylvie Augereau Réjouissances

Sylvie Augereau ist Madame Dive-Bouteille, die Organisatorin der wahrscheinlich bekanntesten Naturweinmesse in Saumur. Sie ist aber auch Winzerin, und ich möchte hier ihren roten Réjouissances vorstellen. Réjouissances heißt übersetzt so etwas wie Feierlichkeiten oder Freuden. Gerade in dieser durchaus miesepetrig daherkommenden Zeit scheint mir ein Wein mit einem solchen Namen doch das geeignete Getränk zu sein. Reisen wir also an die Loire und schauen nach, was Sylvie dort macht.

Réjouissances rouge von Sylvie Augereau

Loire Anjou

In einem Interview wurde Sylvie gefragt, was denn ihr Lieblingsort in der Gegend wäre. „Die Loire„, hat sie da geantwortet. „Die Inseln, der Sand, im Boot auf dem Fluss.“ Die Reben ihres 1,5 ha kleinen Weinguts reichen auch fast bis an die Loire heran. Beinahe 20 Jahre hatte sie darauf gewartet, einen bestimmten alten Weinberg ihrem Besitzer abkaufen zu können. Im Jahr 2014 war es dann soweit. Vier Rebsorten stehen hier traut vereint, die jüngsten Reben sind diejenigen für den Réjouissances. 50 Jahre alte Grolleau– und Pineau d’Aunis-Stöcke, die historischen und mittlerweile zweitrangigen Rebsorten an der Loire. In Anjou und Touraine sind Cabernet Franc bei den Roten und insbesondere Chenin Blanc bei den Weißen zu Superstars der internationalen Kennerszene geworden. Von Pineau d’Aunis spricht hingegen kaum einer.

Loireinsel Anjou

Während ihr oben die durchaus seltsame Vegetation auf einer der Loireinseln betrachten könnt, kurz noch etwas zu Sylvie Augereau. Sie ist natürlich nicht nur Messeveranstalterin und Winzerin, sondern auch Buchautorin. Oben auf dem Titelbild seht ihr Sylvies Buch Le Vin (von denen, die ihn machen für die, die ihn trinken), das mit tollen Fotos und in animierender Aufmachung sehr dicht an den Winzerinnen und Winzern dran ist. Leider praktisch überall vergriffen, wenngleich zurecht. Zusammen mit den Sachen von Wine Folly ist das für mich nämlich ein Beispiel dafür, wie man Inhalte so verpackt, dass sie auch für die Generation Instagram interessant sind.

Aber zurück zum Weingut. 7.000 Stöcke stehen also in Le Thoureil auf halbem Weg zwischen Angers und Saumur. Bearbeitet wird alles rein per Hand und nach biodynamischen Prinzipien. Der Ausbau findet bei Sylvies Partner Nicolas Reau statt, auch ein bemerkenswerter Winzer in his own right.

Wie schmeckt der Wein?

Die Trauben für den Réjouissances vergären spontan und werden ein Jahr lang in gebrauchten Holzfässern ausgebaut. Abgefüllt wird ohne alles, zéro-zéro sozusagen. Dies ist also ein Naturwein im engen Sinne ohne Filtration oder Schwefelung.

Die Flasche ist mit Naturkork und Wachsdeckel verschlossen. Ins Glas fließt ein trüber Stoff mittlerer Rubinfarbe. In der Nase nehme ich sofort sehr deutlich gärige Noten wahr, welche die kleinen roten Beeren dahinter ziemlich dominieren. Insgeheim denke ich spontan, „das wird wohl ein Wein der Hardcore-Kategorie„.

Interessanterweise bestätigt sich dieser Eindruck am Gaumen aber nicht. Der Réjouissances ist total sauber, nicht gärig, nicht flüchtig, nicht mäuselnd, nicht brizzelnd, nicht freakig. Stattdessen besitzt er einen anderen Charakterzug, der vielleicht ebenso vielen Weinsüpplern Schwierigkeiten bereiten dürfte: Er ist ultra-straight. Eher schlanker Körper, viel Säure, vor allem Sauerkirsche, die zuerst pointiert, dann aber zunehmend samtig daherkommt. Das ist sozusagen das Gegenteil eines schwer-schwarzen südlichen Rotweins. Stattdessen fühle ich mich eher an Stefan Vetters Gewächse erinnert. Allerdings würde ich den Wein nicht allzu lang offen stehen lassen. Am Ende des zweiten Tages halten dann doch die Brauntöne langsam Einzug.

Ich persönlich ordne den Réjouissances von Sylvie Augereau in die Kategorie L wie Lässig ein. Mir machen solche säurebetonten Roten nämlich viel Spaß, die lassen sich selbst aus anspruchsvoller Weinbereitung einwandfrei weggluckern. Ich bin mir aber wie gesagt dessen bewusst, dass es da auch andere Vorlieben gibt. Wer auf Ribera del Duero oder australischen Shiraz steht, wird mit diesem Loire-Gewächs eher fremdeln.

Wo habe ich ihn gekauft?

Gekauft habe ich den Réjoussances 2015 mit dem schönen Retro-Etikett im Cave des Papilles in Paris. Ich nehme aber an, dass weder ihr noch ich da in nächster Zeit vorstellig werden können. Glücklicherweise gibt es aber auch hierzulande einen Online-Shop, der diesen wirklich ebenso raren wie attraktiven Wein anbietet. Bei Vins Vivants gibt es den Nachfolgejahrgang 2016 für 20 €.

Alex Zülch hat allerdings auch zwei andere Weine von Sylvie Augereau auf Lager, darunter den Chenin Blanc Pulpes quasi von seinem Urort. Schriften aus dem schon ein Weilchen zurückliegenden Jahr 845 deuten nämlich an, dass der Chenin damals schon auf den Feldern der Abbaye St-Maur-de-Glanfeuil angebaut wurde. Von dort sind es vielleicht drei Kilometer bis zu Sylvies Parzelle.

Steine aus der Loire Anjou

Wie viel Geschichte und Geschichten die Loire ansonsten zu erzählen hat, erahnt man eigentlich schon, wenn man sich auf ihren sandigen Inseln einmal auf Schatzsuche begibt. Auf ihren 1.000 Kilometern kommt sie an so vielen Orten vorbei, von den Vulkanen der Auvergne über die Kreide und die Feuersteine von Sancerre bis zu den Schlössern der Touraine. Oben seht ihr ein paar der Funde, die ich in vielleicht zehn Minuten zusammengetragen habe.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber wenn ich mir all diese Dinge anschaue, dann kann ich nur eins in meinen Kalender 2021 schreiben. Endlich mal wieder an die Loire fahren! Bis es soweit ist, muss ich mich allerdings mit den Weinen von dort begnügen. Es gibt schlimmere Schicksale.

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