Natürlicher Dienstag #11 – Domaine de Beudon 2002

Beudon Fendant 2002

Spektakulärer kann ein Weingut nicht gelegen sein. Die Domaine de Beudon hängt wie ein Adlernest über dem Felsen, zu erreichen ausschließlich mit einem Lastenaufzug. Wer jemals ein Foto der Lage gesehen hat, wie Beudon auf 800 Metern Höhe über dem Tal der Rhône im Schweizer Wallis thront, wird sich unwillkürlich fragen: Warum? Warum haben Marion und Jacques Granges dieses unmögliche Weingut im Jahr 1971 übernommen? Natürlich, es wäre eine wunderbare Wochenendhütte, ein Zweitwohnsitz. Keine Nachbarn, ein Blick von atemberaubender Schönheit, milde Sonne bis in den Abend. Aber als Weingut? Das bedeutet weitgehend Selbstversorgung, kaum Hilfe von Maschinen, kein Auto, mit dem man den neuen Kühlschrank vor die Haustür fährt, und niemand da, den man zufällig einmal treffen kann.

Domaine de Beudon Fendant 2002 – Reben im Himmel

Wahrscheinlich gehört eine große Portion Pioniergeist dazu, ein solches Unternehmen zu starten und dann auch noch über Jahrzehnte durchzuhalten. Ein bisschen vermutlich auch der Charakter von Bergbauern, die Einsamkeit und Umständlichkeiten nicht nur hinnehmen, sondern sogar schätzen. Immerhin speist das Wasser, das von den Bergen herabkommt, ein winziges Elektrizitätswerk, ausreichend für Haus, Weinkeller und Seilbahn. Wer hier lebt und gern lebt, der möchte das im Einklang mit der Natur tun. Die isolierte Lage begünstigt dabei eigene Ansätze im Weinbau, schließlich gibt es wirklich weit und breit keine Nachbarn, deren andere Anbauphilosophie in irgendeiner Weise „überspringt“ auf die eigenen Reben. Und so werden seit 1993 alle Felder und Weinberge zertifiziert biodynamisch bewirtschaftet.

Jacques und Monique waren schon immer der Meinung, dass man ihre Weine zur Not auch jung trinken kann. Gerade beim Fendant, der ja aus 100% Chasselas sprich Gutedel besteht, dürfte dies praktisch immer der Fall gewesen sein. Allerdings bedeutet „zur Not“, dass eine längere Lagerung diesen Weinen noch besser zu Gesicht steht. Schließlich wurden sie ja auch in jeder Etappe ihrer Werdung mit Umsicht und entsprechender Langsamkeit bedacht.

Wie schmeckt der Wein?

Ein einziges Mal habe ich explizit über einen Chasselas berichtet auf meinem Blog in den bisherigen neun Jahren seines Bestehens. Ansonsten habe ich natürlich die wirklich spannenden Gutedel von Ziereisen getrunken sowie ein paar weniger memorable bei meinen Eltern. Aber einen Wein ausgerechnet aus dieser Rebsorte nicht etwa drei bis vier, sondern ganze 17 Jahre lang aufzuheben, klingt (parson, „tönt“) das vernünftig? Wohl kaum. Andererseits geben die Voraussetzungen Anlass zur Hoffnung: großartige Lage, biodynamischer Anbau, geringer Ertrag, Spontangärung, langes Hefelager, keine Filtration.

Im Glas steht dann ein goldgelbes Getränk, das farblich an eine gereifte Riesling-Beerenauslese erinnert. Der Naturkork ist komplett intakt, und die Nase zeigt dann auch: gereift sehr wohl, hinüber keinesfalls. Es gibt Apfelnoten, gelb, gebacken, Apfelschale, getrocknete Mango, getrocknete (mitteleuropäische) Gartenkräuter, ein bisschen Firn, aber nur sehr wenig. Am Gaumen wird der Wein von einer mittleren Säure getragen, die aber frischer wirkt, weil es keinen Restzucker gibt. Für 11 vol% ist das ganz schön viel Wein, gleichzeitig sehnig und entspannt, was ich als Beschreibung nicht oft wählen würde. Ich schmecke weiter gelbe herbstliche Früchte ohne Gerbstoffe, auch Apfelkuchen, Zimt ohne Zucker.

Es ist: Die Empfindung von reifem Getreide, von getrockneten Gräsern und Kräutern in einer felsigen Schlucht.

Dieser Wein präsentiert sich natürlich gereift und entwickelt, aber keineswegs zu alt, sondern vielleicht erst jetzt mit echter Würde ausgestattet. Trockener ist er als Chenin und Riesling es je sein würden (mit wenigen Ausnahmen), dazu frischer und leichter als Marsanne und Roussanne es je sein könnten. In Wirklichkeit handelt es sich aber nicht um die Abwesenheit von etwas anderem, sondern vielmehr um die Anwesenheit von Chasselas, von Gutedel. Auf diese Weise kennt die Rebsorte kaum jemand – außerhalb von Schweizer Liebhaberkreisen, nehme ich an. Und das ist schade, denn man freut sich beim Trinken wirklich auf den nächsten Schluck.

Wo kann man ihn kaufen?

Morges La Couleur du Vin

Gekauft habe ich den Fendant von Beudon in Morges am Genfer See, und zwar beim sichtlich farbfreudigen Caviste La Couleur du Vin. Leider gibt es diesen Laden nicht mehr, dafür aber drei andere Niederlassungen in Lausanne, Givisiez und Bulle. Vermutlich existieren außerhalb der Schweiz überall ein paar kleine Verkaufsstellen (ich habe die Beudon-Weine schon an erstaunlichen Orten gesehen, Japan eingeschlossen), der eine große Distributor ist mir allerdings nicht aufgefallen. Das mag aber auch mit den begrenzten Mengen zu tun haben – es sind nur 6 ha Reben oben auf den Felsen. Den 2004er Fendant habe ich im Netz bei der Vinoteca Maxima in Kehl für 29 € gefunden, den Müller-Thurgau gibt es bei Delinat für 17,80 €.

Schweiz Genfer See Wein

Als ich mit dem Zug am Genfer See zurückfahre in Richtung Zürich, blicke ich über die Weinberge von Epesses und Dézaley zu den Bergen auf der anderen Seite. Da hinten links irgendwo, da muss die Domaine de Beudon sein, denke ich mir. Vielleicht liegt ja schon Schnee auf den Reben… Unterhalb des Felsens hat das Weingut übrigens auch noch ein paar Felder, hauptsächlich mit Obstbäumen bestanden.

Als der 2002er Fendant abgefüllt wurde, war noch alles in Butter auf Beudon, ebenso wie viele Jahre danach. Leider änderte sich dies schlagartig, als im Frühsommer 2016 Jacques Granges mit seinem Raupenfahrzeug abstürzte und sich tödlich verletzte. Seitdem führt seine Witwe Marion das Weingut allein weiter. Es bleibt nur zu hoffen, dass dieses einmalige Weingut im Geist der beiden Pioniere noch lange besteht.

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3 Kommentare zu Natürlicher Dienstag #11 – Domaine de Beudon 2002

  1. Tobiad sagt:

    siehe auch bei ScalaVini – ScalaGusti unter http://www.s-fabrik.ch – auch alte Jahrgänge erhältlich

  2. Werner Werder sagt:

    Hallo Matze

    Sehr schöner, liebevoller und sorgsamer Bericht über ein einmaliges Schweizer Weingut, einfach vielen Dank dafür!
    Marion Granges sucht ja übrigens immer noch einen würdigen Nachfolger…

    Liebi Grüess us der Schwiiz
    Werner

    • Matze sagt:

      Dankeschön! Ja, ein bisschen schade, dass man außerhalb der Schweiz so wenig von solchen Dingen erfährt. Das Wallis ist ja ohnehin schon einmalig, das Weingut umso mehr!

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