Romanée-Conti – im berühmtesten Weinberg der Welt

Romanée-Conti Grand Cru unterwegs Steine Erde

Kniet ein Mann am Boden und sammelt Erde und dreckige braune Steine auf. Fehlt jetzt nur noch, dass er den Dreck in den Mund nimmt und anhand des Knirschgrads auf den Zähnen dann ausruft, »grober Schluff!«. Tatsächlich ist der knieende Mr. Seltsam niemand anders als euer guter alter Matze selbst. Sehr häufig, das darf ich euch versichern, kratze ich nicht in der Landschaft herum. Diesmal musste ich mir das aber genau anschauen, allein wegen des Orts des Geschehens. Der Romanée-Conti und seine benachbarten Grands Crus im Burgund sind nämlich die Weinberge, aus denen die mit Abstand berühmtesten, begehrtesten und natürlich auch teuersten Weine der Welt geholt werden. Schaut euch also an, ob ich hier ihr großes Geheimnis gelüftet habe…

Romanée-Conti & Co. – Muss man die kennen?

Grands Crus Burgund

Wenn ich in der Überschrift von »kennen« spreche, meine ich natürlich nicht, dass ihr alle Lagen herunterbeten sollt. Sondern, ob man diese Weine getrunken haben muss. Ich selbst brauche gerade einmal zwei Hände, um die Weine abzuzählen, die ich von den beiden berühmtesten Weingütern hier, der Domaine de la Romanée-Conti und der Domaine Leroy, jemals probiert habe.

Alexander Stodden, Spitzenwinzer von der Ahr, sagte mir vor etlichen Jahren, dass jeder wirklich ambitionierte Rotweinwinzer in Deutschland einen Romanée-Conti getrunken haben sollte. Damit er oder sie weiß, »wie hoch der Hammer noch hängt«. Und, nebenbei bemerkt, lässt sich sowas als Winzer*in vermutlich sogar als Fortbildungsmaßnahme steuerlich absetzen. Allerdings sind die Preise in den letzten Jahren in Sphären vorgedrungen, die nicht gerade vernünftig wirken.

Athenaeum Beaune

Finanziell weniger fordernd ist es, Romanée-Conti & Co. zu studieren statt zu probieren. Der gemeine Weinbergsfreak ist dabei lediglich auf geeignetes Kartenmaterial angewiesen. Olaf (Wein-Research) hat mir via Facebook die ClimaVineaApp vorgeschlagen, eine gute Idee. Ob die App allerdings parzellengenau dokumentiert, weiß ich nicht.

Im Athenaeum in Beaune finde ich, wonach ich suche – ein Weinparadies-Kaufhaus. Von allem, was es hier zu kaufen gibt, eignet sich bezüglich meiner Romanée-Conti-Tour am ehesten diese Karte, in der die Besitzer der einzelnen Parzellen eingetragen sind. In Jasper Morris’ »Inside Burgundy« (zweite Auflage 2021) sind ebenfalls einige dieser Karten abgedruckt. Bis vor kurzem nahm auch die Zeitschrift »Bourgogne Aujourd’hui« in jeder Ausgabe eine bestimmte Lage mit Parzellenkarte unter die Lupe, aber seit vielleicht zwei Jahren ist das nicht mehr so.

Last but in no way least, möchte ich noch auf das großartige Online-Angebot von weinlagen-info.de hinweisen. Das funktioniert meiner bescheidenen Meinung nach am PC zwar etwas bequemer als auf dem Handy, aber dennoch: Hier ist (fast) alles aus den vorher genannten Quellen eingetragen. Für mich ein absolut unerlässliches Tool.

Kleiner Rundgang durch Vosne-Romanée

Domaine Leroy

Vosne-Romanée ist eine Gemeinde mit exakt 339 Einwohnern, was bedeutet, dass ein Rundgang nicht allzu viel Zeit in Anspruch nimmt. Ich parke also mein Auto am Rathaus (ja, es gibt in Frankreich noch 35.000 selbständige Gemeinden, eine komplexe Angelegenheit) und schaue gleich einmal bei der Domaine Leroy vorbei. Es sind Menschen zu Hause, aber nicht Lalou, denn die wohnt etwas weniger exponiert oberhalb von St-Romain.

Domaine Mugneret-Gibourg

Schräg gegenüber von Leroy befindet sich die Domaine Confuron-Cotetidot. Nah beim Rathaus sehe ich, dass Anne Gros auch Zimmer vermietet, dann komme ich an der Domaine Mugneret-Gibourg oben auf dem Foto vorbei. Ein weltberühmtes Weingut nach dem anderen.

Vosne-Romanée

Was aber den ganzen Ort prägt, das ist dieser Duft nach gärendem Most, der wirklich überall in der Luft liegt. Auch ansonsten herrscht eine Betriebsamkeit wie in einem pfälzischen Weindorf. Kleine Trecker liefern die Trauben an, die Hoftore sind offen, Fässer werden gerollt, fast alle Gärgeschichten laufen ebenerdig ab.

Château de Vosne-Romanée, Domaine du Comte Liger-Belair

Das imposanteste Gebäude von Vosne-Romanée, das gleichnamige Schloss mit der von weitem sichtbaren Zeder, ist hinter einer hohen Mauer verborgen. Hier residiert der Comte Liger-Belair.

 Domaine de la Romanée-Conti

Gegenüber der Kirche schließlich das: Wenn man diese Engelsfigur erblickt, die ein eingeheirateter Künstler erschaffen hat, weiß man, was die Stunde geschlagen hat. Das ist der Innenhof der Domaine de la Romanée-Conti. Unmittelbar an das Weingut grenzt eine große Parzelle des Grand Crus Romanée-St-Vivant. Besser als beim Romanée-Conti selbst kann ich hier schauen, was es mit der Weinbergsarbeit auf sich hat. Die Reben sind recht niedrig gestutzt, die Trauben hängen jetzt an den allerletzten Septembertagen noch.

Trauben der Domaine de la Romanée-Conti im GC Romanée-St-Vivant

Und so sehen sie aus. Ziemlich kompakte, kleine, gesund wirkende Trauben mit Beeren sehr unterschiedlicher Größe. Und einem sichtbar geringen, um nicht zu sagen winzigen Ertrag.

Am Romanée-Conti

Romanée-Conti

Ein paar Schritte weiter nach Westen komme ich an eine Wegkreuzung, an der der Romanée-Conti beginnt. Alles ist steinern gut ausgeschildert. Daneben hängt aber auch ein Schild, auf dem steht, dass sich das Weingut über Besucher an, aber bitteschön nicht in der Parzelle freut.

Wenn man sich auf die Mauer gegenüber setzt und eine kleine Pause einlegt, kann man dennoch wunderbare Szenen beobachten. Dicke Schlitten aus ganz Europa fahren vor, Menschen machen Selfies, staunen, bewundern, manche in protziger, andere in urlaubig-freudiger Pose. In den Weinberg selbst geht aber tatsächlich niemand, obwohl nichts abgesperrt ist – jedenfalls in der halben Stunde, während der ich dort war. Zwischen der Romanée-Conti-Mauer und den Reben selbst ist zudem ein knapp fünf Meter breiter Grasstreifen gelassen worden, sozusagen als emotionale Grenze.

Radler am Romanée-Conti

Nicht alle sind aber in weihevoller Stimmung hier. Mir kommt eine Gruppe Radtouristen entgegen, die währenddessen aus dem Lautsprecher pumpende holländische Kirmesschlager laufen lassen. Irgendwie witzig, und ja, man kann tatsächlich auch übertreiben mit der Romanée-Conti-Huldigung. Zumal ein paar Meter davon entfernt fast nichts mehr davon spürbar ist. An die Reben vom Richebourg pieselt der Hund, da ist kein Schild, keine Mauer – und der Wein dennoch nicht unbedingt übel.

Weinbergsphilosophie im Herzen Burgunds

Richebourg, links DRC, rechts Leroy

Hier bin ich im besagten Grand Cru Richebourg, genau an der Grenze zwischen der Parzelle der Domaine de la Romanée-Conti links und der Domaine Leroy rechts. Und der Unterschied ist wirklich krass, das hätte ich vorher nie gedacht. Bei Romanée-Conti ist es aufgeräumt und akkurat, fast ein bisschen asketisch nach dem Vorbild des Hausherrn Aubert de Villaine selbst.

Bei Leroy hingegen scheint die Laubwand fast doppelt so groß, übermannshoch. Vor einigen Jahren beschloss Lalou Bize-Leroy, dass das Zurückschneiden der Triebe der natürlichen Art des Rebstocks nicht entspricht. Also werden die Triebe nach der Blüte zunächst um den Drahtrahmen gewickelt (und nicht etwa gewipfelt). Später können sie frei herumgakeln, wodurch die Rebzeilen wesentlich stärker beschattet sind als bei allen anderen Weingütern. Nur am Rande: Alle Stickel bei DRC und Leroy sind aus Holz, nur der Drahtrahmen aus Metall, Plastik gibt es im ganzen Weinberg nicht.

Arnoux-Lachaux und die Preise

 Romanée-St-Vivant, Parzelle Arnoux-Lachaux

Ein anderes Weingut in den Vosne-Romanée-Lagen gibt es noch, das neben Leroy im Weinberg extrem ins Auge fällt. Ich bin zufällig beim Rückweg an dieser Parzelle direkt am Dorfrand vorbeigekommen, die zum Grand Cru Romanée-St-Vivant gehört. Hier werden die Reben wie Stangenbohnen an geneigten Einzelstöcken gezogen, zwischendrin gibt es immer wieder Bögen. Das ist die Parzelle der Domaine Arnoux-Lachaux.

Schlagartig beginne ich zu verstehen, weshalb deren Weine so eine Preisexplosion (um nicht zu sagen spekulative Blase) in der letzten Zeit durchgemacht haben. Vor Jahren hatte ich von ihnen mal einen einfachen Bourgogne für glaube ich 17 € gekauft und getrunken. Der aktuelle Jahrgang wird in Weinläden für 420 € angeboten. Und da sind wir nicht beim Village, nicht beim Premier und noch lange nicht beim Grand Cru. Ein Händler in Dijon erzählte mir, dass sie den 2017er noch zum »Normalpreis« verkauft hätten und sogar auf einigen Flaschen sitzengeblieben seien. Jetzt hätten sie die Weine gar nicht mehr offiziell im Katalog und Leute kämen, die den Bourgogne für 1.200 € kaufen wollten.

Tatsächlich hat Charles Lachaux seit seinem aktiven Einstieg 2014 wahnsinnig viel verändert. Sowohl im Weinberg als auch im Keller. Aber das Allerallerwichtigste ist eben, dass diese Veränderungen qua Weinberg sichtbar sind. Ich wette, dass jeder Tourist aus Singapur und jeder amerikanische Weinhändler die Romanée-St-Vivant-Parzelle gesehen und sofort gefragt hat, was das ist und wem das gehört. Das ist meisterhaftes (indirektes) Marketing. Ob die Weinpreise allerdings dauerhaft in Romanée-Conti-Gefilden bleiben, und ob es gut ist, auf diese Weise alle alten Stammkunden loszuwerden, steht auf einem anderen Blatt.

Romanée-Conti als Wanderland

Grands Crus Burgund unterwegs

Die gesamte Côte-d’Or ist ein erstaunlich bequemes Wanderland. Es gibt immer wieder Wege und kleine Sträßchen zwischen den Parzellen, und bis zu den berühmtesten Lagen in der Mitte des Hanges ist es auch überall flach. Wer nicht gerade an einem Wochenende den Romanée-Conti oder den Clos de Vougeot besuchen möchte (wo es auch schlimm zugehen kann), wird richtig berühmte Weinlagen richtig schön menschenarm vorfinden. Ein Rad hilft natürlich dabei, größere Entfernungen zurückzulegen, aber ich mag einfach die Langsamkeit und die Intensität des klassischen Spaziergangs.

Vosne-Romanée - Blick auf Romanée-Conti & Co

Oben von der Waldkante, die eher nach einem Trockenrasengebiet aussieht, kann ich die ganze Gegend überblicken – vom Musigny im Norden über Clos de Vougeot, Echézeaux, die Grands Crus auf dem Foto bis nach Nuits-St-Georges im Süden. Eben fällt mir auf, dass ich auf dem Foto das Dach bei La Tâche vergessen habe. Tant pis. Dafür treffe ich auf dem Rückweg am Abend eine etwa 90jährige, sehr einheimisch und irgendwie nobel wirkende Spaziergängerin, mit der ich ein paar Worte wechsle. Zu welchem der Häuser die Grande Dame wohl gehört?

Noch mehr Grands Crus in der Nähe

Grand Cru Musigny

Hat man einmal angefangen sich in eine Materie einzufuchsen, fällt es schwer aufzuhören. Obwohl ich also mit den Lagen um Vosne-Romanée »durch« bin, schaue ich mich noch ein wenig um. Von meinem Aussichtspunkt konnte ich schon den Anfang des Grand Crus Musigny entdecken. Völlig anders als beim Romanée-Conti befindet sich jener ganz oben am Wald und weist auch eine gewisse Steigung auf. Noch etwas steiler wird es im Nachbarort Morey-St-Denis im Grand Cru Clos des Lambrays. Trotzdem, von moselanischen Verhältnissen sind wir im Burgund weit entfernt.

Grand Cru Chambertin

Das gilt erst recht für den Chambertin, meinen letzten Besuchspunkt. Verkehrstechnisch ist dieser Grand Cru super easy zu erreichen, weil er nicht an einem Ort liegt, sondern entlang einer schmalen Landstraße. Wo der Chambertin endet, zeigt dabei das Schild. Was es nicht verrät: Dahinter beginnt der Latricières-Chambertin, auch ein Grand Cru. Spannenderweise und ohne es zu ahnen sehe ich allein am Erziehungssystem, welche Parzelle der Domaine Leroy gehört. Die wichtigsten Besitzer im Chambertin sind übrigens Rousseau und Trapet mit jeweils drei Parzellen. Die größte Rousseau-Parzelle beginnt direkt vorn am Schild.

Was bleibt?

Grand Cru Richebourg

Was bleibt nach meiner Tour zum Romanée-Conti und den anderen Grands Crus? Ganz sicher die Erkenntnis, dass die berühmtesten Weinberge der Welt nicht Teil eines landschaftlichen Spektakels sind. Wein-Uninteressierte sehen zwar alte Häuser und Mäuerchen, aber die gesamte Bedeutung dieses Landstrichs ist primär eine kulturelle, eine des »man sieht nur, was man weiß«. Das aber prägt in der Tat. Für jemanden wie mich, der oft die Namen dieser Weingüter und Weine vor Augen hat, ist es für das Ergänzen der Vorstellungskraft schlichtweg unerlässlich, alles einmal selbst zu sehen.

Mitgenommen habe ich außer einem tieferen Verständnis für das, was diese Kulturlandschaft ausmacht, allerdings nur ein paar Steine. Mergeliger Kalk. Aber von einem Boden, der seit mindestens 1.000 Jahren bearbeitet wird durch weinbauende Menschen.

Wein, das wissen wir alle, ist kein Lebensmittel, das man zu sich nimmt, weil der Körper es braucht. Wein aus Vosne-Romanée ist aber auch nur bedingt ein Genussmittel.  Denn selbst für einen übermäßig hedonistischen Genuss muss man keinen vierstelligen Betrag ausgeben. Nein, so ein Grand Cru-Wein ist eher als Kunstwerk zu verstehen, das sich jenseits aller Vernunft abspielt. Wer das verinnerlicht, kann einen Besuch im Land des Romanée-Conti vollständig genießen.

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5 Antworten zu Romanée-Conti – im berühmtesten Weinberg der Welt

  1. Alex sagt:

    Man kann es nicht besser in Worte fassen- exzellent! Herzliche Grüße

  2. ralph sagt:

    Wie immer sehr interessante Einsichten, danke!
    Gibt es eigentlich noch bezahlbare Winzer aus Vosne-Romanée? Mir fällt spontan nur Régis Forey ein.
    Gruß Ralph

    • Matze sagt:

      Ja, viele sind es sicher nicht. Bei dem, was ich gesehen habe, fängt die Liste mit Jacques Cacheux und 44 € an, dann kommt Forey mit knapp 50, dann Feuillet mit 55. An der zentralen Côte ist das bei den Ortsweinen aber fast überall so. In Marsannay sieht’s noch am besten aus, da geht es bei gut 20 € los. Bart, Collotte, Dominique Laurent, so zwischen 20 und 25… Pataille leider nicht mehr. Fournier ist mir sehr empfohlen worden, seit 15 Jahren bio, neuer Kellermeister, da geht’s bei gut 30 € los. Aber eben nicht in Vosne-Romanée…

  3. Pingback: Kulinarischer Rundgang durch Dijon - Chez MatzeChez Matze

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