Mensa 2000 – die beliebtesten Gerichte aus der Großküche

Mensa Fischfilet Bulgaria

Wozu ein Umzug nicht alles gut sein kann. Nicht selten – gerade heute Vormittag geschehen – finden sich dabei Sachen an, die man längst verloren glaubte. So wie diese Fotoserie, mit der ich die wunderbare Speisenfolge der Mensa dokumentiert habe. Jeweils das Standardgericht mit seinem Klarnamen ohne unnötiges künstlerisches Brimborium. Oben seht ihr zum Beispiel das Fischfilet Bulgaria. Jenes besteht aus Serbischem Bohnentopf, Panadefisch und einem fein abgestimmten Dreiklang zugesetzter Säuren. Zehn Tellergerichte, wie wir sie alle kennen und lieben. Have fun!

Die Mensa – das beliebteste Restaurant der Welt

Nein, die Überschrift ist keineswegs Klick-Bait. Vielmehr konnte ich einem Fachartikel entnehmen, dass im Restaurant Mensa jährlich nicht weniger als 90 Millionen Mahlzeiten verspeist werden. Da Beliebtheit fraglos etwas mit Quantität zu tun hat, haben wir hier also das beliebteste gastronomische Etablissement der Welt vor uns.

Ich selbst war auch lange Zeit Stammgast. In den ersten beiden Semestern als eine Art Fahrschüler musste ich die Mittagspause eher unfreiwillig dort verbringen. Später jedoch befand sich meine legendäre WG nur 50 Meter von der Mensa entfernt, ich kannte jede Menge Leute, und für weniger Geld hätte ich kaum kochen können. Ein Konglomerat also aus ökonomischen, sozialen und phlegmatischen Gründen, das mich täglich um 11:45 Uhr zum Schlangestehen an die Pforte trieb. Fast immer nahm ich das Standardessen, weil ich ohnehin fast alles zu essen pflegte – und weil ich mich nicht auch noch in meiner Freizeit mit anstrengenden Auswahlprozessen beschäftigen wollte.

Tatsächlich habe ich meinen Mensabesuchen allerlei Freundschaften zu verdanken, die teilweise sogar bis heute halten (und noch länger, wie ich hoffe…). Ein Hoch also auf die Mensa als Zentrum des Austausches, der Kreativität und der Lebensfreude! Okay, und jetzt kommt das Essen.

Broccoli-Blumenkohl-Reis-Gratin

Mensa Auflauf Montag Resteessen

Montag in der Mensa. Wobei dies ein Good Monday ist, ein ausgesprochener sogar. Montag bedeutete nämlich in aller Regel, dass die Reste der vergangenen Woche mit viel Geschick, Verve und Bindemittel zu einem in der Sterneküche als Klumpen bezeichneten Gebilde geformt wurden. Diesmal hingegen jubilierten wir, denn alle Bestandteile wurden nicht gekuttert, sondern geschichtet. Das unterstützt die Eigenständigkeit der Aromen. Zudem sind keine Bindemittel nötig, weil die dicke Käseschicht auch bei grobem Auftellern die Form perfekt absicherte.

Cannelloni Napoli

Mensa Cannelloni

Cannelloni waren auch oft ein Montagsgericht, was man zunächst nicht vermuten würde. Aber in diesen balkenfest gepressten Maultaschen lassen sich nun einmal etliche Bestandteile unauffällig unterbringen. In diesem Fall so fein gemahlen wie Erbswurst. Napoli hieß diese Variante übrigens wegen der Tomatensoße, aber es gab auch andere Interpretationen. Kleiner Hinweis noch: Merkt euch schon mal im Kopfe den rosa Pudding links oben. Ich komme später darauf zurück.

Paprika Reisfleisch

Mensa Reisfleisch

Reisfleisch – ein beliebtes Gericht zur Wochenmitte, das Stärkung versprach. Der Reis war immer wunderbar lockerkörnig, wie es nur dank gehärteter Außenhaut möglich ist. Fleisch als Zutat bot hingegen immer wieder Anlass für lockeres Schäkern über Tischgrenzen hinweg. Das Paprika Reisfleisch bestand nämlich verblüffenderweise aus dem gepökelten Kasseler, das die Nachbar-Uni gestern schon aß.

Spaghetti Bolognaise

Mensa Spaghetti

Zur Authentizität gehört auch das Beibehalten der Orthographie. Bolognaise also. Mittlerweile war ich allerdings selbst in Bologna und weiß, was sie dort tatsächlich essen. Falls ihr euch übrigens schon einmal gefragt haben solltet, wie es gelingt, frisch gekochte Nudeln über die zweieinhalbstündige Öffnungszeit der Mensa im selben Aggregatzustand zu halten – die Lösung lautet: nicht. Am oberen Rand des Fotos könnt ihr einen weichen Teilklumpen vom Topfboden erspähen. Einzelne Exemplare am Tellerrand hingegen, die um 11:30 Uhr fertig gekocht waren, haben – gut ausgehärtet – meinem Mitbewohner gegen 14:15 Uhr zu einem anschließenden Zahnarztbesuch verholfen.

Geflügelcurry

Mensa Geflügelcurry

Geflügelcurry ist wie Reisfleisch, nur anders. Lange Zeit hatte ich mich gefragt, welche süß schmeckende Frucht außer der Mohrrübe sonst noch für das Curry verarbeitet wurde. Mittlerweile weiß ich es. Ratet bitte dreimal. Wenn ihr dann auch auf die Birne kommt, herzlichen Glückwunsch, das war wirklich nicht leicht.

Frühlingsröllchen Wong

Mensa Frühlingsrolle

Wir schreiben das Jahr 2000. Vielleicht sind wir sogar noch im alten Jahrtausend. Was man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann, war damals noch an der Tagesordnung. Ganz Deutschland wusste nichts vom Rest der Welt. Das dem imaginären Spitzenkoch Wong nachempfundene Gericht bestand äußerlich aus krossem Altfett in Bratensoße. Innerlich war die Rolle gefüllt mit famosem Zartgemüse aus der Dose. Nein, nicht Erbsen, das wäre dann doch zu kurios. Eher Sellerie, Weißkohl, Mais und Mohrrüben. Chinesische Küche halt.

Nudeln mit Schinken, Tomatensauce

Mensa Schinkennudeln

Zum Wochenende hin hatten sich die Soßen der vergangenen Tage vereint. Brüder waren sie vorher eh schon. Das Gute ist, dass Spiralnudeln immer gehen. Ein bisschen Napoli, ein Löffel Paprika, Curry oder Wong-Bratensoße, die welcoming Nudel mag sie alle. Der Schinken hingegen bestand aus Streifen alter Wurst. Ähnlich wie bei der ebenfalls beliebten, hier aber nicht abgebildeten Berner Rolle: Wurst, umlabbert mit alter Wurst.

Das Geniale an den Schinkennudeln ist, dass sich die Oberflächentextur der Altwurst in der Nachspeise wiederfindet. Der rosa Pudding, ihr erinnert euch. Diese Textur kann man als seidig bezeichnen, missliebige Zeitgenossen nannten sie auch schleimig. Dass ich trotzdem so oft den „Himbeer“pudding nahm, hatte sentimentale Gründe. Es war nämlich die Lieblings-Mensa-Nachspeise meiner Freundin, die inzwischen zu einer Großstadt-Uni gewechselt war. Dort aß sie Lupinenschnitzel in der Mensa und andere hippe Sachen. Wie ihr euch vorstellen könnt, musste ich mich ganz schön anstrengen, um weiterhin angesagt zu sein.

Was bleibt?

Als ich heute früh die Fotos wiedergefunden hatte, habe ich mich wirklich riesig gefreut. Viele persönliche Erinnerungen an allerlei Mensaerlebnisse sind damit verbunden. Und insgesamt war mein Studium einfach eine wichtige und tatsächlich auch eine schöne Zeit. Das Essen als Genussfaktor hat damals ehrlich gesagt eine untergeordnete Rolle gespielt – es gab ja auch genügend andere Dinge.

Nur eins wurmt mich: Leider ist es mir nicht gelungen, den Kraftriegel der Facharbeiterin auf Zelluloid zu bannen. Aber gut, wahrscheinlich hatte ich mein Kontingent an Billigfleisch einfach schon übererfüllt…

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5 Kommentare zu Mensa 2000 – die beliebtesten Gerichte aus der Großküche

  1. can sagt:

    Mir fehlt die wohlwollende Bewertung des grünen Schleimzeugs, das immer im Schüsselchen links unten im Bild ist.

    • Thomas Riedl sagt:

      Hallo can,

      das schleimige Grünzeug würde im Rheinland „Schlaad“ genannt.
      Ich finde diese Verballhornung des Wortes „Salat“ repräsentiert auf’s Beste die Konsistenz der verschrumpelten Cellulose-Beilage.

      Über das so genannte „Dressing“ schweigen wir höflich… Eine Hauptzutat war – IST! – landauf landab Branntweinessigessenz. Damit entkalke ich nur meinen Wasserkocher.

      Beste Grüße

      Thomas

    • Matze sagt:

      Wohlwollend? Kann ich gern nachliefern: Grobe grüne Blätter mit Essig waren immer im Preis inbegriffen 😉 . Die hießen aber nicht „Schlaad“ wie bei Thomas, sondern schlichtweg „die Fietamiene“. Trotz der neuerlichen Säurebelastung des Magens habe ich sie deshalb nämlich immer gern genommen. Außerdem vermittelten sie mir das Gefühl des Besonderen. Salat als Beilage gab es in früheren Zeiten in unserer Familie nämlich in der Regel nur an Feiertagen und nie unter der Woche. Vermutlich weil mein Vater wegen seiner Schichten eh immer zu anderen Zeiten essen musste und der Salat dann so lappig geworden wäre wie er in der Mensa von vornherein war 😉

      • redge sagt:

        Da war doch sicher kein einziges trauriges Mien drin. Ich finde das schon recht bedrückend. Da lobe ich mir schon das neumodische Salatbüffeh nach Gewicht oder den klassischen Reibekuchen mit Kraut.

  2. Jörn sagt:

    Die Nachtischschalen gab es bei uns auch. Wir haben immer einen Wettbewerb daraus gemacht zu erraten, was der Nachtisch darstellen sollte, hatten wir doch den Eindruck, dass Farbe und Geschmack unabhängig voneinander in die Grundmasse gemischt wurden.

    P.S.: Vielen Dank für den Blog! Auch ohne selbst Wein zu trinken haben mir viele Einträge sehr viel Freude und Genuss bereitet.

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