Brüssel-Tagebuch – Die Märkte von Brüssel

Brüssel Markt Morcheln

In vielen (kleineren) Städten gibt es „den einen“ Wochenmarkt, meist auf dem namensgebenden Marktplatz, auf dem sich alle treffen. Vielleicht ist Brüssel bereits zu groß für eine solche Konzentration. Vielleicht ist das historische Zentrum aber auch zu touristisiert, zu wenig von echten Bewohnern aus der unmittelbaren Umgebung frequentiert, um dort den zentralen Markt stattfinden zu lassen. Für Kurzbesucher könnte das zu dem Trugschluss führen, dass Märkte im Allgemeinen im Leben der Brüsseler keine Rolle spielen. Interessanterweise ist das Gegenteil der Fall. Brüssel ist wahrscheinlich die nördlichste Stadt der Welt mit einer ausgesprochenen Marktkultur.

Der Markt als Ort des täglichen Lebens

Mehr als 20 verschiedene Wochenmärkte gibt es in Brüssel, von ganz klein bis ganz groß, von nachbarschaftlich bis mondän, von alltäglich bis hip. In einem meiner allerersten Posts dieses Blogs überhaupt, datierend vom August 2010, hatte ich bereits ein bisschen über den Marché du Midi geschrieben. Die Fotos waren noch sehr klein, ansonsten scheine ich aber Orte aufgesucht zu haben, an denen ich diesmal wieder war. Faszinierend ist in jedem Fall die große Bandbreite unterschiedlicher Stimmungen, die man auf den Märkten von Brüssel erleben kann. Wer sich auch nur irgendwie für das Leben in dieser Stadt interessiert, sollte nach meinem Dafürhalten mindestens drei bis vier dieser Märkte aufsuchen.

Marché du Midi

Brüssel Markt Midi

Wenn es nach der Anzahl der Stände und der Anzahl der Besucher/innen geht, gibt es in Brüssel zwei Märkte, die ganz an der Spitze stehen. Beide finden am Wochenende statt, starten gegen 6 oder 7 Uhr in der Früh und sind mittags bereits in Auflösung begriffen. Sonntags findet um den Gare du Midi (= Südbahnhof) ein Markt statt, der es interessanterweise bereits in die meisten Reiseführer geschafft hat. Dennoch ist dies ein  wenig touristischer Ort. Ähnlich wie beim zweiten der großen Märkte (Marché des Abattoirs in Anderlecht, FR, SA & SO) geht es hier um Alltag, um günstige Preise für eine weniger privilegierte Bevölkerung. Es gibt Orangen für zwei Euro das Kilo, büschelweise Minze und Koriander, Zwiebeln in Zehn-Kilo-Säcken, Kleider aus Polyester, Haushalts- und Drogerieprodukte.

Immer wieder schimmern Highlights durch wie marokkanische Pâtisseriewaren, wie flandrische Bauernwurst, italienische Pancetta oder grünes Frühgemüse vom Feld. Aber für empfindliche Feinschmecker sind diese Märkte nicht gedacht. In Anderlecht laufen echte Ponys im Kinderkarussel herum, und neben der (ausgezeichneten) rumänischen Metzgerei gibt es eine Absteige, in der die Tagelöhner die Schufterei ihrer Jobs mit Bier aus großen Krügen hinunterschlucken. Der Süden der Altstadt, Anderlecht und fast der gesamte Westen der Stadt sind noch wenig gentrifizierte, manchmal ein bisschen rohe und oft lebendige Bezirke, und das spiegelt sich in den dortigen Märkten wider.

Jeu de Balle

Brüssel Markt Jeu de Balle

Der Flohmarkt auf dem Place du Jeu de Balle im Marollen-Viertel findet immer statt, jeden Tag bei jedem Wetter. Frühmorgens, noch vor der eigentlichen Öffnung, kommen schon die Sammler. Es gibt keine Neuware hier, sondern ausschließlich das, was die Flohmarkthändler bei Haushaltsauflösungen gefunden haben. In Kartons wird wild gemischte Ware angeboten. Manches kaputt, manches lumpig, manches großartig, aber immer alles günstig, 1-2 € das Stück. Hat der Händler ein Tuch oder einen Teppich zum Präsentieren ausgelegt, wird es schon etwas teurer. Die besten Stücke sind auf Tischen arrangiert. Dort kaufen die älteren Eheleute aus den Vorstädten. In den Kartons hingegen wühlen ärmere Brüsseler und junge Leute auf der Suche nach Haushaltsaustattung oder tollen Geschenken. Hier findet man immer etwas.

Brüssel Markt Jeu de Balle Biergläser

So wie das. Es ist nicht so, dass unser Vermieter keine Gläser zu Hause hätte. Aber ich dachte mir, wenn wir belgisches Bier trinken, sollten wir das auch stilecht aus alten Gläsern tun, deren Marken längst untergegangen sind. Die Gueuze von Belle-Vue gibt es zwar noch, aber als gesüßte Massenvariante und nicht als fordernden Trank von Herrn Vandenstock aus Anderlecht. Das „Flag-Ale Spéciale“ ist hingegen ein Kind der Swinging Sixties aus dem Hause Haecht. Obergärig und mit „hoher Dichte“ war dies ein amberfarbenes und malzbetontes Gebräu. Ich mag solche Erinnerungen an vergangene Zeiten und stelle mir vor, wie es an diesen Orten ausgesehen, sich angehört und gerochen hat, als die Gläser noch jung waren.

Grand Sablon

Brüssel Markt Sablon

Die kleinere und – der Umgebung geschuldet – auch etwas edlere Variante des Flohmarkts findet nicht weit entfernt auf dem Place du Grand Sablon statt. Allerdings zu bequemeren Zeiten und ausschließlich am Wochenende. Möglicherweise haben die Händler ihre Ware alle bereits auf dem Jeu de Balle gekauft und sortiert, bevor sie hier präsentiert wird. Deshalb gibt es nicht nur „praktische“ Haushaltswaren und Zufallsfunde, sondern auch Dinge, die sich als touristische Mitbringsel eignen. Spitzendeckchen, Zinnkrüge, Antiquitäten ganz allgemein. Ich habe mir hier ein Besteck gekauft: einen kleinen versilberten Löffel, eine Gabel, ein Messer. Alles vom Anfang des 20. Jahrhunderts und von Produzenten, die es längst nicht mehr gibt. Drei Euro pro Stück übrigens, die Nachfrage für solche schönen Sachen hält sich offenbar in Grenzen.

Flagey

Brüssel Markt Flagey

Der Place Flagey ist so etwas wie das Herz von Ixelles, dem gleichzeitig schicken, hippen und schon weit gentrifizierten Viertel im Südosten der Stadt. Auf dem Wochenend-Markt gibt es etwa 20-30 Stände, die natürlich alles bieten, was man fürs tägliche Leben braucht. Aber dies wäre kein hippes Viertel, wenn es nicht auch etwas geben würde für die „bewusste Klientel“ . Sehr interessant (und original) ist beispielsweise der Stand mit Essen aus Tansania. Und natürlich dieser hier, ein wahrhaftiger Pilz-Spezialist. Natürlich gibt es auch geräucherte und getrocknete Ware sowie solche, die gezüchtet wurde. Aber es gibt jetzt im Frühjahr auch frische Morcheln, wobei die kleineren etwas teurer als die größeren sind. Dies könnte – denke ich mir – im Herbst ein sogar noch lohnenderer Ort sein.

Châtelain

Brüssel Markt Châtelain

Pierre Marcolini und René Sépul nennen den Markt auf dem Place du Châtelain in Ixelles den „Marché Rive Gauche“ , angelehnt an das bürgerlich-intellektuelle Paris des 6. Arrondissements. Sie tun dies übrigens in ihrem Buch „La Bonne Adresse“ , was nichts anderes ist als die neue Brüsseler Bibel für alle Foodies. Es lohnt sich schon für diejenigen, die genügend Französisch verstehen, um Adressen, Namen und Kategorien richtig zu interpretieren. Für alle anderen sowieso. Der Markt südöstlich der Kirche Sainte-Trinité hat für viele halbwegs Berufstätige den Vorteil, dass er Mittwoch Nachmittag stattfindet. In diesem Teil von Ixelles werdet ihr übrigens auch viele schöne Jugendstil-Fassaden, den genialen Glacier Le Framboisier Doré und den Weinhändler Basin & Marot finden. Nebst dem Markt selbst, auf dem ich mehrmals frische Pasta eingekauft habe.

Chasseurs Ardennais

Brüssel Markt Chasseur Ardennais

Noch berufstätigen-kompatibler ist dieser Ort. Und komplett untouristisch. Es geht um den Markt am Freitag Nachmittag auf dem Place des Chasseurs Ardennais. Hierhin kommen eigentlich nur diejenigen, die in der Nähe wohnen. Und weil es sich um ein recht angenehmes Stadtviertel nördlich der ganzen Euro-City-Büroklötze handelt, sind hier auch viele untergekommen, die bei EU-Institutionen arbeiten. Die Stände befinden sich im Karree um einen größeren Platz aufgereiht, der an sich nicht besonders hübsch ist, aber durch die Größe einfach auch nicht eingezwängt wirkt. Hier wird das Wochenende eingeläutet. Das bedeutet, dass es nicht nur Dinge zu kaufen gibt, die man am Wochenende kochen könnte, sondern auch Streetfood-Stände mit Sitzgelegenheiten, immerhin drei Weinbars und einfach viel Entspanntheit.

Parvis St-Gilles

Brüssel Markt Parvis St-Gilles

Deutlich mehr im Zentrum des Geschehens ist der Markt auf dem Parvis St-Gilles, dem wahrhaft angesagten Viertel, das direkt im Süden an die Innenstadt angrenzt. Der Markt selbst, der immer vormittags außer Montag stattfindet, hat ehrlich gesagt nicht so viel zu bieten. Es ist einfach ein Ort, an dem man gut, frisch, günstig oder auch gourmetig einkaufen kann. So wie auf vielen hier nicht genannten Märkten – in Stockel, in Forest, auf dem Place Jourdan, auf dem Place St-Job… Aber St-Gilles ist natürlich ein Viertel mit einer hohen Dichte an Restaurants, Bars und anderen kulinarisch interessanten Orten. Unmittelbar am Platz gibt es beispielsweise das Union oder das Verschueren für ein Bier, einen Kaffee, einen Plausch, tunesische und portugiesische Restaurants, den Neo-Bäcker Boulengier, die Bierhandlung Malt Attacks, Buchhandlungen, den kleinen polnischen Laden und die Alimentation Géniale, Bio à la Brooklyn.

Ste-Catherine: Rumänischer Frühling

Brüssel Markt Rumänischer Frühling

Und dann kam ich zufällig noch hier vorbei. Ich war auf dem Weg zum Laboureur, der letzten alten Bierpinte der Gegend, um zu erfahren, ob sie am nächsten Tag die Flandern-Rundfahrt live übertragen würden. Dann sah ich es rauchen und grillieren, weshalb ich mich zu den Ständen bewegte, die dort entlang des Quai aux Barques aufgestellt waren. Die Stände entpuppten sich als Teil des „Rumänischen Frühlings“ . Jeden ersten Samstag im Monat seien sie hier. Nicht mit Bühne allerdings, sondern nur die Stände. Es gibt rumänische Spezialitäten, es gibt Kunsthandwerk, es gibt Prospekte von Reiseregionen, die uns noch allzu unbekannt erscheinen. Und natürlich gibt es den Holzkohlengrill. Beim Blick auf die Uhr stellte ich fest, dass es nur noch eine halbe Stunde bis zu meiner Mittagessen-Verabredung war. Na gut, ein Mici wird schon gehen… „Was denn, ein einziges?!“ Die Frauen am Stand sahen mich bemitleidend an, aber ich versprach, später wiederzukommen.

Brüssel Markt Rumänischer Frühling

Und ich tat es. Gemeinsam mit meinen Brüssel-Projekt-Mitstreiterinnen Julia und Birgit, die tatsächlich schon ein richtiges Brüssel-Fazit geschrieben hat. Warm war es nicht gerade, dafür wurde aber auf der Bühne ein wahrhaft abwechslungsreiches Programm geboten. In diesem Fall eine namentlich mir unbekannt gebliebene echte Opernsängerin, die zum Warmmachen rumänischen Pop und später bekannte Arien zum Besten gab. So ein Überraschungsevent, so dachte ich mir, ist doch eigentlich genau das Richtige, um die Vielfalt der Märkte von Brüssel zu verdeutlichen. Das wird mir wirklich fehlen…

Die Daten zu den Märkten

  • Midi: Boulevard du Midi, 1000 Bruxelles, SO 7-13
  • Abattoirs: Rue Ropsy-Chaudron, 1070 Anderlecht, FR-SO 6-14
  • Jeu de Balle: Place du Jeu de Balle, 1000 Bruxelles, MO-SO 7-14
  • Grand Sablon: Place du Grand Sablon, 1000 Bruxelles, SA 9-17, SO 9-15
  • Flagey: Place Eugène Flagey, 1050 Ixelles, SA & SO 7-13:30
  • Châtelain: Place du Châtelain, 1050 Ixelles, MI 14-19
  • Chasseurs Ardennais: Place des Chasseurs Ardennais, 1030 Schaerbeek, FR 13-21
  • Parvis St-Gilles: Parvis St-Gilles, 1060 St-Gilles, DI-SO 9-13
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2 Kommentare zu Brüssel-Tagebuch – Die Märkte von Brüssel

  1. Fujolan sagt:

    Jeu de Balle ist aber schon inzwischen ein eher Tourismus-orientierter Flohmarkt geworden.
    Übrigens: Wenn Mail an die unten genannte Adresse, dann, wenn ihr wollt, als Danke fürs Mitlesen, eine Insiderführung im EU-Viertel.

    • Matze sagt:

      Ja, Jeu de Balle ist auf jeden Fall auch touristisch. Ich finde das Angebot aber immer noch sehr interessant.

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