Brüssel-Tagebuch – Rob, der Luxus-Supermarkt

Rob Brüssel

Da sich Berge so ungern bewegen, ist es sinnvoller, wenn der Prophet zum Berg kommt. Daran musste ich denken, als ich mit U-Bahn und Tram weit in die Außenbezirke Brüssels hinausgefahren bin. Dabei meine ich mit dem beweglichen Propheten nicht etwa mich, sondern Rob. Und der Berg, das sind seine (ein ganz klein wenig unbeweglichen) Kunden, zu denen er gehen musste. Verwirrend? Nun, vielleicht sollte ich erst einmal kurz erklären, was Rob überhaupt ist.

„Rob“ war – warum auch immer – der Spitzname von Charles-Marie Ierna, der im Jahr 1946 seine erste Epicerie in Ixelles aufmachte. Nachdem der Erfolg immer mehr zunahm, ließ er 1972 auf der damals noch völlig grünen Wiese am Stadtrand einen 6.000 m² großen Supermarkt errichten. Auf dem Titelfoto könnt ihr das Gebäude im Stil der damaligen Zeit sehen, das mittlerweile fast als eine Art Klassiker gelten kann. In der Folgezeit konzentrierte sich Rob immer mehr auf die Etablierung des neuen Supermarkts im Luxussegment. 1988 wurde das Unternehmen von GB gekauft, und mit der Übernahme von GB erhielt wiederum Carrefour aus der Erbmasse nicht nur 140 gewöhnliche Supermärkte, sondern eben auch Rob. Im Überschwang beschloss Carrefour im Jahr 2016, dass ein zweiter Rob in Uccle errichtet werden soll, aber das wurde später wieder rückgängig gemacht.

Rob nennt sich mittlerweile „The Gourmets‘ Market„, und ich habe ihn besucht. Wenn ihr das auch tun wollt und über kein Auto in Brüssel verfügt, fahrt mit der Metro bis Roodebeek und steigt dann um in die Tram 8, die direkt vor Rob hält (Haltestelle Bronnenpark/Parc des Sources).

Unterwegs bei Rob

Rob Brüssel

Der Eingang zum Paradies befindet sich nicht etwa vorn an der Straße, sondern auf der Rückseite des Gebäudes beim Parkplatz. So ist das nun einmal im 20. Jahrhundert. Hat Rob von außen noch wie ein dreistöckiges Kaufhaus gewirkt, relativiert sich das beim Eintreten. Man befindet sich quasi in der Haupthalle im Mittelgeschoss. Eine Rolltreppe führt in den (Wein)Keller, und auf der Galerie befindet sich das durchaus besuchte Restaurant. Alles ist mit schwarzen Elementen sichtlich neu gestaltet. In der Mitte der Halle gibt es gewöhnliche Supermarktgänge, außen kommen zunächst Obst und Gemüse, bevor reihum Bedientheken folgen: Wurst & Schinken, Käse, Fleisch, Fisch, Backwaren.

Auch in den gewöhnlich anmutenden Gängen sind nicht primär gewöhnliche Supermarktwaren untergebracht. Zwar gibt es auch „das Nötigste“, aber noch ein bisschen mehr. Vor einigen Jahren (ich weiß nicht genau, wie es sich heute verhält) bestand der Umsatz bei Rob zu 80% aus Waren, die es ansonsten eben nicht in gewöhnlichen Supermärkten gibt. Ein paar Beispiele gefällig?

Bier + Schokolade = Belgien

Rob Brüssel Bier

Wer sich ein bisschen mit belgischen Bieren und namentlich solchen aus Spontangärung auskennt (hier noch einmal der Hinweis auf den Artikel über meinen Besuch bei Cantillon), wird auf diesem Foto fast alles finden können, was das Herz begehrt. Oude Gueuze gibt es beispielsweise von Cantillon, Drie Fonteinen, Hanssens, Boon, Oud Beersel, Tilquin, Timmermans, Lindemans und Mort Subite. Bei den echten Frucht-Lambics gibt es auch ein paar Schätzchen wie das Schaarbeekse Kriek von Hanssens oder die Zwetschge von Tilquin.

Rob Brüssel Schokolade

Auch die Schokoladenauswahl lässt wenig Wünsche offen – egal ob es um Bean to Bar-Tafeln oder geschenkgeeignete Pralinen geht. Mary, Marcolini, Darcis und noch ein paar mehr, alles in einem wohltemperierten Regal. Dieselbe Wohltemperiertheit gilt für einen eigenen Kaffeeschrank, in dem die verschiedenen Sorten der ausgezeichneten Innenstadt-Rösterei Corica auf Käufer warten. Sehr beeindruckt war ich auch von einem Produkt, das ich eigentlich täglich konsumiere, wenngleich nicht in dieser Variante: Die Joghurts der nordfranzösischen Bauernhof-Molkerei Sire de Créquy sind schlichtweg der Hammer. Am liebsten hätte ich alle der vielleicht 15 hochkreativen Sorten einmal ausprobiert, aber ich habe mich dann doch nur für eine entschieden, nämlich „Frische Minze“. Das ist für mich das Tolle am Luxus im Alltagssortiment: Ein Rolls Royce, ein Designer-Anzug, eine Kiste Romanée-Conti – alles nicht meine finanzielle Kragenweite (unabhängig vom Stil). Aber ein kleines Glas mit weltbestem Joghurt macht mich nicht arm und trotzdem glücklich.

Weinkeller

Rob Brüssel Wein

Bereits im ebenerdigen Supermarkt gibt es Weine, die im schnöden Regal eigentlich nichts zu suchen haben. Ein Pinot Noir von Au Bon Climat, ein Château-Chalon von Berthet-Bondet, das GG Herrenberg von Maximin Grünhaus, solche Sachen. Im Keller allerdings wartet eine noch größere Überraschung auf mich: Ich bin (fast) allein und kann nach Herzenslust die gut 2.000 verschiedenen Etiketten abklappern. Der Verkäufer a.k.a. Sommelier bleibt artig am Tresen, kennt aber seine Weine und ihre Zusammensetzungen ganz genau. Ohnehin ist es so, dass Rob rund 200 Menschen Arbeit bietet. Und das sind nicht nur Etikettenkleber im Lager, sondern Fachkräfte in ihren jeweiligen Bereichen.

Rob Brüssel Ardoisières

Ich entscheide mich schließlich für einen Rotwein aus den französischen Alpen. Der Argile Rouge der Domaine des Ardoisières stammt aus biodynamischem Anbau von einem Steilhang nicht weit von der einstigen Winterolympiastadt Albertville entfernt. Die Zusammensetzung wechselt je nach Jahrgang immer ein bisschen. Hauptrebsorte ist aber immer Gamay, dann folgen die savoyardischen Rebsorten Mondeuse (manchmal auch nicht) und Persan. Die Trauben werden nicht entrappt, spontan vergoren und im Stahltank ausgebaut. Für einen (hauptsächlichen) Gamay, und dann auch noch hellrot und erfrischend, mehr als 20 € auszugeben, kann man für übertrieben halten. Aber es ist ein Rotwein, wie ich ihn mag. Sehr handwerklich und bewusst, aber eben nicht aufdringlich, sondern laid-back.

Für wen ist Rob gedacht?

Fragt sich zum Abschluss natürlich, weshalb es Rob überhaupt gibt – und zwar ausgerechnet hier. Ich schaue mich ein bisschen um, wer denn mit mir zusammen einkauft. Das sind – wen würde es überraschen – hauptsächlich gutsituierte ältere Menschen. Tatsächlich also der 75jährige Herr im Alltagsanzug mit Krawatte oder das Mittfünfziger-Pärchen, das verschiedene Muttersprachen hat und vielleicht im EU-Umfeld arbeitet. Was ihnen noch gemeinsam ist: Sie kommen alle mit dem Auto und wohnen am Stadtrand im Südosten. Vielleicht haben sie noch niemals öffentliche Verkehrsmittel benutzt (ja, das gibt es häufiger, als manche denken), und die Fahrt in die Innenstadt zum Besuch der Original-Boutiquen wäre mit viel Zeitaufwand und möglicherweise gar Ärger verbunden. Für diese Kundschaft also ist Prophet Rob gedacht.

Delitraiteur und Cru/Cuit

Delitraiteur Brüssel

Aber es gibt in Brüssel noch mehr Supermarkt- oder vielmehr Versorger-Konzepte, die nicht (wie, sagen wir mal, ein Rewe bei uns) „auf alle“ setzen, sondern die sich mit den Bedürfnissen spezieller Kundengruppen auseinandergesetzt haben. Delitraiteur zum Beispiel, das zu der „Rundumversorger“-Gruppe Louis Delhaize gehört. Die Läden liegen auch nicht im Stadtzentrum, sondern dort, wo Menschen wohnen und nach der Arbeit zurückkehren. Oder dort, wo es Büros gibt mit Mittagsbedarf.

Delitraiteur Brüssel

Es gibt bei Delitraiteur natürlich auch ein paar Basics und ebenso ein paar frische Sachen. Im Prinzip werden hier aber Single-Haushalte, Mittagspäusler, junge Leute, Vielarbeiter angesprochen, die weder Lust noch Zeit haben, sich abends lange zum Kochen hinzustellen. Und bei denen es auch nicht das alte Modell der daheimgebliebenen Hausfrau gibt. Zusätzlich zur großen Auswahl an bereits vorgekochten und vorpräparierten Speisen arbeitet Delitraiteur mit Deliveroo und Uber Eats zusammen, um auch diejenigen zu erreichen, die gar nicht mehr im Shop vorbeischauen wollen.

Die Zukunft des Supermarkts

Jetzt kann ich natürlich schimpfen und greinen ob der neumodischen Welt, in der die Menschen das Essen zwar immer mehr zum Kult erheben, selbst aber kaum noch kochen. Ich kann allerdings auch zur Kenntnis nehmen, dass es im urbanen Kontext mit all seinen gutbezahlten Jobs gar nicht mal so selten ist, dass beide Partner erst abends um 20 Uhr wieder auf der gemeinsamen Matte stehen. Übrigens habe ich mich testweise im Delitraiteur mit verschiedenen Sachen eingedeckt, und die Qualität war wirklich immer sehr gut.

Für die Einkommensgruppe darunter hat selbst Discounter Colruyt mittlerweile ein Testmodell aufgezogen. Es nennt sich Cru/Cuit, befindet sich in Overijse vor den Toren von Brüssel und ist eine Kombination aus Frische-Supermarkt und Kantine für kleine Speisen, aber auch mit Broten zum Selbstbelegen. Weitere Cru-Ableger gibt es in Antwerpen und Gent.

Und was passiert bei uns?

Ich habe das Gefühl, dass wir tatsächlich in einer Zeit leben, in der Umbrüche in substanziellen Bereichen stattfinden oder sich zumindest ankündigen. Da geht es um die Auswirkungen der Digitalisierung, um Teilhabe, um Mobilität, um Versorgung. Und das alles geht uns und unsere Lebensführung etwas an. Vieles läuft dabei vernetzt ab, oft als Teil einer globalen Kette, und der verführerischste Servicegedanke setzt sich durch. Oder der mit der meisten finanziellen Power dahinter. Andererseits gibt es für andere Lebensentwürfe zunehmend das Komplementärprinzip der stark lokalen Ausrichtung, der sinnstiftenden Selfmade-Philosophie. Interessanterweise entdecke ich solche neuen Konzepte meist dann, wenn ich unterwegs bin. Ob es das bei uns (noch) nicht gibt?

Ich habe ja bis vor einiger Zeit auch in einer Stadtrand-Bürosiedlung gearbeitet. Und einer der Gründe, weshalb mir das nicht mehr gefallen hat, lag tatsächlich in der schlechten Versorgungslage. Es gab eine miese Kantine mit Fleisch aus Billigproduktion und einen Bäcker, bei dem man belegte Brötchen kaufen konnte. Keinen Delitraiteur, keinen Cru/Cuit, keine Bio-Kantine eines Anbaukollektivs. Und natürlich auch keinen Rob. Zugegeben, den hätte ich sicher kaum täglich aufgesucht, aber vielleicht im Wechsel mit den anderen Anbietern. Denn glaubt es oder glaubt es nicht: Besseres Essen macht das Leben für mich einfach schöner.

Dieser Beitrag wurde unter Alltag, Food, Unterwegs, Wein abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Kommentare zu Brüssel-Tagebuch – Rob, der Luxus-Supermarkt

  1. Fujolan sagt:

    Hmm. Warum würdest du Colruyt Discounter nennen? Das Konzept ist eine elegante Mischung aus Metro Carrefour und Aldi. Da gibts z.T. Topqualität – und Discounterware.
    Rob’s hat so einen morbiden Charme des vorigen Jahrhunderts, was sich auch im Publikum spiegelt

    • Matze sagt:

      Ich stimme Deiner Definition von Colruyt zu, wobei ich mir nicht sicher bin, ob „elegant“ im Zusammenhang mit Metro und Aldi die das treffendste Adjektiv ist 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.