Prowein 2018 – zehn Rebsorten, die niemand kennt

Prowein 2018 DüsseldorfDie Prowein in Düsseldorf ist mittlerweile die größte Weinmesse der Welt und damit das wichtigste Event im Jahreskalender für fast alle Menschen, die beruflich mit Wein zu tun haben. Hier werden große und kleinere Geschäfte abgewickelt, Netzwerkkontakte gepflegt, die neuesten Erscheinungen und Entwicklungen diskutiert. Beim Gang durch die Hallen wird den geneigten Besuchern schnell bewusst, dass Wein ein globales Phänomen ist und gleichzeitig eine Stufe der Sophistication erreicht hat wie kein anderes Nahrungs- oder Genussmittel. Es ist diese ungeheure Diversität, dieses Wimmelbild multipler Lokalitäten, das mich immer wieder an der Weinkultur begeistert. Deshalb habe ich einen meiner drei Prowein-Tage ganz der Suche nach Weinen aus Rebsorten gewidmet, die diese Vielfalt symbolisieren.

Prowein 2018 DüsseldorfIch weiß, ich weiß, eine Überschrift à la „zehn Dinge, die…“ erinnert auch mich sehr stark an die schrecklichen Clickbait-Beiträge, die einem immer bei Youtube oder Spiegel Online vorgeschlagen werden und die sich dann als müder und seelenlos zusammenkopierter Schwachsinn entpuppen. Und in der Tat, es ist nicht „niemand“, der die folgenden Rebsorten kennt, denn zumindest die Winzerinnen und Winzer kennen sie sehr wohl. Eingeschlossen all jene Freaks unter Euch, die sich ebenso wie ich für die Rebsortenvielfalt der Weinwelt begeistern. Aber selbst ich kannte von den zehn hier portraitierten Rebsorten vorher gerade einmal fünf, und das auch eher theoretisch als praktisch. Zählt also einfach mal mit…

Terras Gauda Caíno Prowein 20181. Terras Gauda / Spanien – Caíño blanco

Spaniens Nordwesten ist wahrscheinlich die interessanteste Region überhaupt, wenn es um geschmacksintensive Rebsorten geht, die auch unter regenreicheren Bedingungen gut gedeihen können. Das ist ja ohnehin eine der wichtigsten Eigenschaften dieser autochthonen Rebsorten: die ideale Anpassung an lokale Naturgegebenheiten. Trotzdem ist Caíño blanco (oder branco, wie es auf Galizisch auf dem Etikett steht) nicht ganz einfach zu ziehen, denn durch seine extrem späte Reife kommt er in den „Genuss“ herbstlicher Regenfälle mitsamt der Gefahr von Pilzkrankheiten. Im Oktober gibt es in Pontevedra 224 mm Niederschlag, das ist dreimal so viel wie in Trier. Andererseits liefert die Rebsorte durch ihre lange Vegetationsperiode auch eine große Ausgewogenheit und, so sagt man, den höchstmöglichen Ausdruck des Terroirs.

La Mar“ heißt der Wein aus den Rías Baixas, den Vertriebschefin Mar Dopazo hier präsentiert. Er sei Teil des Rekultivierungsprogramms alter Rebsorten. Im Jahrgang 2015, dem heißesten seit 25 Jahren, konnten die Trauben erstmals vor dem Oktober geerntet werden. Dennoch ergibt das nur 12,7 vol%, und diese Mischung aus Reife und Stringenz zeigt sich auch im Wein: in der Nase Quitte und etwas Honig, im Mund dann frisch, aber aromatisch, Grapefruit, hohe Pikanz, leicht puderige Zitronennoten. Jetzt schon schön, kann aber durchaus auch noch reifen. Preis in Deutschland knapp 15 €.

Can Majoral Gorgollassa2. Can Majoral / Spanien – Gorgollassa

Can Majoral ist ein Weingut auf der nicht ganz unbekannten Mittelmeerinsel Mallorca, und wenn man Vertriebler Jaime Sancho zuhört, dann merkt man schnell, dass hier schon immer ein wenig weiter gedacht wurde. 17 ha bewirtschaftet das Familienweingut mittlerweile, bereits seit 1979 biologisch zertifiziert, als zweites Weingut überhaupt in Spanien. 14 Rebsorten werden bei Can Majoral angebaut, darunter zwei extrem seltene lokale, die bereits fast verschwunden waren: Giró blanc und Gorgollassa. Letztere haben wir hier in der Flasche.

„Es gibt natürlich Gründe“, sagt Jaime, „weshalb Gorgollassa kaum mehr angebaut wird. Zum einen ist die Rebsorte ein bisschen kompliziert im Anbau, zum anderen ergibt sie hellfarbene Weine mit leichtem Körper. Das bedeutet, dass es schwierig ist, den Wein auf dem Markt für spanische Rotweine adäquat zu platzieren.“ Stimmt. Seit den 1990ern hatte Spanien ja insbesondere mit dichten, dunklen „Parkerlieblingen“ den internationalen Markt erobert. Der 2016er Gorgollassa trägt 13 vol% in sich und wirkt nicht nur in der Farbe hell. Auch die geschmacklichen Noten sind hellbeerig, ein bisschen Hagebutte, etwas Pfeffer, Kräuter, insgesamt fast wie ein leichter Pinot Noir, aber dann doch individuell. Und was isst man dazu? „Oh“, meint Jaime, „also ich bevorzuge asiatisches Essen, leichte japanische Küche, Reisnudeln, solche Dinge.“ Preis in Deutschland gut 15 €.

Vignerons de Saint-Pourcain Prowein 20183. Cave de Saint-Pourçain / Frankreich – Tressallier

Die Gegend in der Mitte Frankreichs, also in etwa von den Abhängen der Cévennen über das obere Loiretal bis hin zum Übergang zwischen Auvergne und Südwesten, liegt komplett außerhalb aller klassischen Weinrouten. Kaum jemand kennt die oft sehr preiswerten und ungemein essenskompatiblen Gewächse, seien es Rot- oder Weißweine. Saint-Pourçain macht dabei keine Ausnahme, obwohl es Hinweise dafür gibt, das hier schon in vorrömischen Zeiten Weinbau betrieben wurde. Eine weiße Rebsorte hat es mir dabei besonders angetan, die hier Tressallier (oder Tressalier) und weiter im Norden Sacy genannt wird. Für die AOP Saint-Pourçain ist sie allerdings nur bis zu einem maximalen Anteil von 40% zugelassen.

Christelle Laurendon von der örtlichen Kooperative weiß auch, warum das so ist: „100% Tressallier, das würde vermutlich einen zu lebendigen Wein ergeben.“ Eine nette Umschreibung für ein körperarmes und säurereiches Tröpfchen, aus dem allerdings ausgezeichneter Schaumwein bereitet werden kann. In Kombination mit Chardonnay können beide Rebsorten dafür ihre Stärken ausspielen: „Der Tressallier weckt den Chardonnay auf“, meint Frau Laurendon. Und so haben wir mit der Réserve Spéciale 2016 einen blumig-apfeligen Wein mit feiner Säure im Glas, sehr reintönig und vielseitig, ganz sicher kein Grand Cru, aber dafür umso besser geeignet für Austern und andere Meeresfrüchte. In Deutschland (noch) nicht erhältlich, in Frankreich ab Hof 7,25 €.

Mas Champart Terret Prowein 20184. Mas Champart / Frankreich – Terret blanc

Und noch so eine uralte Rebsorte, die den Hütern der Herkunftsbezeichnungen offenbar nicht mehr gefällt. Anders aber als der Tressallier in Saint-Pourçain ist der Terret blanc für die AOP Saint-Chinian überhaupt nicht zugelassen, weshalb Isabelle Champart ihren Weißen aus 70% Terret blanc und 30% Grenache gris lediglich als Landwein verkauft. Ausgebaut in Stockinger-Fässern und geerntet von 110 Jahre alten Reben, ist dies aber keineswegs ein magerer Wein, sondern einer, der rund und dicht ins Glas gleitet.

„Wir haben den Terret sehr spät geerntet, weil es eine Rebsorte ist, mit der man das machen kann. Terret blanc ist extrem hitze- und trockenresistent, also ideal für unser Mittelmeerklima.“ Früher kam viel vom Terret in den Wermut „Noilly Prat“, aber mittlerweile sind beide ein bisschen aus der Mode gekommen. Als Speisenbegleitung empfiehlt die Winzerin kräftigere Sachen, weißes Fleisch, auch etwas schärfere Küche, vielleicht von der Südküste des Mittelmeers. 13,50 € kostet der Wein ab Hof.

Matevosyan Armenia Prowein 20185. Matevosyan / Armenien – Areni

Eigentlich war ich zu den Ständen der Armenier auf der Prowein gekommen, um hier die mir völlig unbekannten Rebsorten Haghtanak, Karmahyut und Kharji zu probieren. Also habe ich bei Matevosyan auch zuerst den weißen Kharji getestet, wobei es sich (was ich vorher nicht wusste) bei der Rebsorte einfach nur um einen anderen Namen für Voskehat handelt. Dann aber kam die große Erweckung, vielleicht meine überraschendste Erkenntnis der gesamten Weinmesse: Ich fragte Frau Matevosyan nach ihrem Lieblingswein. „Nun“, druckste sie ein wenig herum, „wir trinken ja gern halbtrockene Rote, aber ich weiß ja, dass das woanders eher verpönt ist…“ Ja, zugegeben, bei lieblichen Rotweinen denke ich an Großtanten, an Machwerke à la Amselfelder, die in ihrer Blütezeit gleichzeitig dünn (weil Überertrag) und matschig waren (weil zu spät eingebracht). Und jetzt…?

Ich bekomme einen Roten aus der Rebsorte Areni ins Glas, bei der die Betonung übrigens hinten auf dem „i“ liegt. 10 vol%, die Reben auf 1.500 Meter über dem Meer gezogen, sein Name ist einfach Matevosyan Red Semi-Dry. Hellfarben ist der Wein, in der Nase zunächst eine leicht irritierende Buschigkeit, dann im Mund Kräuter, schöne frische Säure, ungeheuer zart, fragil, elegant und doch persistent. Ein Gedicht. José Vouillamoz, Mitautor des Euch möglicherweise bekannten Standardwerks „Wine Grapes“, ist übrigens der Meinung, dass es sich bei Areni um eine der besten und zukunftsträchtigsten Rebsorten der Welt handelt. Das könnte noch spannend werden…

Khareba Georgia Prowein 20186. Khareba / Georgien – Krakhuna

Khareba im Nachbarland Georgien fährt eine etwas andere Philosophie als das Familienweingut Matevosyan. Verkaufsleiter Igor sieht das so: „Wir haben 1.526 ha unter Reben. Das reicht, um genug Platz zum Experimentieren zu haben.“ In der Tat. 35 rebsortenreine Weine stellt die Kellerei her, sowohl solche auf „europäische Weise“ als auch im Qvevri ausgebaute. Schließlich hat Chefönologe Vladimer Kubiashvili seine Meriten sowohl in Georgien als auch an europäischen Universitäten verdient und kennt deshalb beide Welten ganz genau. Für meinen Rebsortentest habe ich mir den Weißwein aus der Rebsorte Krakhuna ausgesucht. Auch er trägt ausschließlich den Rebsortennamen auf dem Etikett.

Krakhuna ist eine spät reifende Varietät, was in starken und immens lagerfähigen Weinen resultieren kann. Mein Khareba-Wein ist nicht ganz so extrem, 12,5 vol% nur, aber in der Tat feurig-würzig, mit einem hohen Säuregefühl vorn und viel Pikanz in der Mitte. Ein bisschen Gerbigkeit gehört immer dazu, was die Eignung als Speisenbegleiter noch steigert. 10 € kostet der Wein in Deutschland, das ist ein sehr guter Preis, wenn Ihr mich fragt.

Poderi Morini Prowein 20187. Podere Morini / Italien – Centesimino/Longanesi

Als ich die Visitenkarte von Alessandro Morini in die Hand bekomme, entpuppt sich diese als ein dicker viereckiger Karton in Matt, auf der Rückseite eine rosa Skulptur. Auch die Etiketten sehen irgendwie anders aus als bei den meisten Weingütern. Hier haben wir es offenbar mit Menschen zu tun, die sich für Kunst interessieren und für Individualismen. Letzteres äußert sich ganz zweifellos darin, dass in diesem Weingut in der Romagna zwei rote Rebsorten quasi wiederbelebt wurden, die aber nun wirklich kein Mensch kennt. Außer einem gewissen Christoph Raffelt, denn auf dessen Artikel in der Sommelier Special bin ich zufälligerweise bei meinen Recherchen nachher gestoßen. Jetzt weiß ich auch, was er gemacht hat, während wir große Weine in Bonn probierten…

Aber zurück zu Alessandro Morini: Zwei rebsortenreine Weine hat er dabei, den Savignone aus Centesimino und den Augusto aus Longanesi. Ersterer ist ein ungemein veilchenhafter Vertreter, auch Rosenblüten kommen zum Vorschein. Eine dünnschalige Rebsorte, die erfrischende und leichte Weine hervorbringt. 10 € ab Weingut. Die zweite Rebsorte, der Longanesi, ist so ungefähr das Gegenteil davon: ungeheuer robust und tanninreich. „Der ist so aggressiv in seiner Jugend, den habe ich drei Jahre im großen Holz ausgebaut und anschließend noch vier Jahre in der Flasche reifen lassen. Das hier ist der 2010er, der aktuelle Jahrgang!“ Sauerkirschen, Kirschkern, Tannine immer noch da, aber mit samtiger Note. Ein echter Chrakterkopf, den man wahrscheinlich auch noch 30 Jahre lang lagern könnte. 18 € ab Weingut. Wirklich ganz besondere Weine.

Katogi Averoff Prowein 20188. Katogi Averoff / Griechenland – Negoska

Averoff ist kein Winzername, der sich urgriechisch anhört, und bei der Rebsorte Negoska verhält es sich ganz ähnlich. Ersteres liegt daran, dass die Familie Averoff aromunischer Herkunft und seit Ewigkeiten im nordgriechischen Metsovo beheimatet ist. Damit ist sie für mich irgendwie ein Symbol für diese kulturell fantastisch vielschichtige und gleichzeitig politisch so komplizierte Region mit ihren nicht immer freundschaftlich verbundenen Nationalstaaten. Und der Name „Negoska“ für die Rebsorte soll vom slawischen „Negusch“ für den (Weinbau-)Hauptort Naoussa stammen. Wenn man sich im Internet nach den Eigenschaften der Rebsorte erkundigt, stößt man auf Begriffe wie „weich“, „säurearm“ und „tanninarm“, „in Cuvées als Ergänzung zu Xinomavro passabel“. Offenbar ist es aber so, dass man solchen bislang eher gering geschätzten Rebsorten ausschließlich diejenigen Eigenschaften zuschreibt, die man in den bereits (meist auf einfache Weise) hergestellten Weinen findet. Wenn dann mal jemand daherkommt, der das ganze Potenzial aus der Rebsorte holt, müsste man die Bücher eigentlich noch einmal neu schreiben.

Denn der Wein, den mir Betriebsleiter Vasilis Anastasopoulos vorsetzt, hat so gar nichts mit einem harmlosen Schöpple zu tun. Er stammt aus der Serie „Inima„, was – wer hätte es gedacht – „Seele“ im heimischen Vlachiko heißt. Jahrgang 2016, 13 vol%, acht Monate im Holz ausgebaut und erst der zweite reinsortige Jahrgang, den sie überhaupt damit machen. Rote Früchte spüre ich, Unterholz, Waldbeeren – und mächtige Tannine, ganz anders als in der Rebsorten-Charakterisierung. Sehr jung wirkt der Wein, schöne Säure und ausgestattet mit einem wirklich großes Potenzial. Wenn man denn vernünftig genug ist, den Negoska länger einzulagern, was man bei weniger als 15 € für die Flasche nicht wirklich vermuten würde.

Heiner Sauer Prowein 20189. Heiner Sauer / Deutschland – Grünfränkisch

Vor gar nicht so furchtbar langer Zeit hatte ich schon einmal das Vergnügen, den Grünfränkisch von Heiner Sauer zu probieren. In der großen Schau historischer Rebsorten aus Deutschland gehörte er zweifelsohne zu den Stars. Das ist heute immer noch so, schließlich handelt es sich eigentlich in jedem Jahr um den am höchsten bewerteten Wein im Portfolio des Pfälzer Bio-Winzers. Bis zum Jahrgang 2012 stand allerdings noch „Weißburgunder“ auf dem Etikett, denn als solchen hatte Heiner Sauer die Reben im Jahr 1989 übernommen. Allerdings wurde ihm schnell klar, dass diese „Weißburgunder“-Reben doch etwas untypisch aussehen, eher wie ein Auxerrois, und dass sie dann auch noch einen weitaus knackigeren Stoff produzierten als der oft etwas behäbige Weißburgunder. Und so meldete er sich, als im Jahr 2008 Rebforscher Andreas Jung im Auftrag des BMEL Winzer anschrieb, um alte Rebsorten zu kartieren. Danach war alles klar.

Natürlich freut sich Heiner Sauer, dass er mit dem Grünfränkisch ein fast schon vergessenes Schätzchen besitzt. Aber es ist nicht nur das: „Der Wein hat mir tatsächlich etliche Neukunden beschert, die dann auch meine anderen Weine probieren. Es lohnt sich also doppelt, diese alten und seltenen Rebsorten zu pflegen.“ Und weil es so schön ist, hat er noch einmal 40 Ar neu mit Grünfränkisch bepflanzt, aus dem dann ein Schaumwein werden soll. Das passt sicher ausgezeichnet zur Rebsorte, denn bereits der Böchinger Rosenkranz Grünfränkisch, so heißt der Stillwein, hat bei weniger als 2 g Restzucker immerhin 7,3 g Säure. Das macht ihn zusätzlich lebendig, denn an Würze und Gehalt mangelt es ihm ohnehin nicht. 15 € ab Hof übrigens.

Cofco Greatwall China Longyan Prowein 201810. COFCO / China – Longyan

Eventuell liegt in Mittelchina die Urheimat der Reben schlechthin. In der Ausgrabungsstätte Jiahu in der Provinz Henan wurden jedenfalls 9.000 Jahre alte Spuren fermentierter Getränke gefunden, möglicherweise eine Art Wein. In der Neuzeit war bis zum Revival der Weinkultur Ende des 19. Jahrhunderts Traubenwein als Getränk in China allerdings ohne große Bedeutung. Und so ist auch nicht wirklich bekannt, seit wann die Rebsorte Longyan dort kultiviert wird, zumal sie fast ausschließlich zur Tafeltraubenproduktion diente. Ähnlich geht es auch den fast 100 anderen autochthonen Rebsorten, mit deren Namen wie Ju Feng, Baiyu, Beichun, Gongliang, Shuangyou, Shelongzhu oder Zuoshan auch in China kaum jemand etwas anfangen kann. Ich habe noch nie einen Wein aus einer dieser Rebsorten gesehen. Einzige Ausnahme ist die Koshu-Traube, die vor 800 Jahren von China nach Japan kam und die dort mittlerweile interessante Weißweine hervorbringt.

Jetzt hat sich das nicht gerade kleine Lebensmittelunternehmen COFCO in seiner Tochterfirma „Great Wall“ der Longyan-Traube angenommen („Drachenauge“ heißt Long Yan übrigens auf Deutsch), und dafür gebührt ihnen höchstes Lob. Lu Xin Jun, als stellvertetender Chefönologe eher im wüstenhaften Ningxia für die dortigen Weine verantwortlich, zeigt mir aber sehr gern auch die Longyan-Flasche aus der Provinz Shandong. Das ist die Halbinsel mit dem Tsingtao-Bier ganz im Osten des Landes. Ein großes Renommee haben Weißweine ohnehin nicht in China, und wenn sie nicht Chardonnay, Sauvignon Blanc oder Riesling heißen, kann man dafür auch nur verhältnismäßig wenig Geld verlangen. 2-3 € kostet der Longyan in China, Jahrgang 2016, 12 vol%. Ich schmecke einen sehr hellen, leicht parfümierten, leichten und dank der Säure auch sehr frischen Wein, vielleicht ein bisschen in Richtung Kerner. Wirklich angenehm jedenfalls, und Herr Lu meint, dass sich der Wein zu scharfem Szechuan-Essen und besonders zu Hotpot sehr gut machen würde. Das glaube ich ihm aufs Wort.

Ein kleines Fazit

Damit bin ich am Ende meiner Reise in die entlegenen Ecken der Rebsortenwelt angekommen. Ich bin mir vollkommen darüber bewusst, dass diese Rebsorten immer die Nische der Nische bleiben werden, und dass sie niemals in die Gefahr geraten, 100 Parker-Punkte zu bekommen oder in Magazinen und auf Blogs abgefeiert zu werden. Dafür sind sie aber nicht nur angenehm günstig in der Anschaffung, sondern vor allem ein so genaues und individuelles Abbild ihrer Region wie wohl kaum einer der hochgelobten Starweine. Und die Winzer und Winzerinnen, die sich mit Leidenschaft dem Erhalt dieser global so ungefragten Sorten widmen, tragen ihr Teil dazu bei, dass die Welt so vielfältig bleibt, wie wir sie uns eigentlich alle wünschen. Wenn diese Vielfalt dann auch noch schmeckt – nun, was will man eigentlich mehr?

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