Natürlicher Dienstag #45 – Marco De Bartoli

Marco De Bartoli Rosso

Ich treffe Sebastiano De Bartoli bei der ProWein. Gehört hatte ich von dem Weingut zwar schon, aber wie besonders es tatsächlich ist, war mir bis dahin nicht bewusst. Jetzt sitzt mir ein freundlicher Mann von gut 40 Jahren gegenüber, plaudert ein bisschen und schenkt mir dabei einen unglaublichen Wein nach dem anderen ins Probenglas. Die Weinfarben starten bei einem hellen Weißgelb und enden bei einem tiefen Mahagoni. Alles ist gleichzeitig komplett altmodisch und avantgardistisch, aber irgendwie auf eine überhaupt nicht bemühte Art. Was ich seinerzeit nicht probieren konnte, das war der Rotwein, der einzige, den das Weingut herstellt. Deshalb steht er jetzt vor mir auf dem Tisch, auf dem Etikett die Silhouette eines alten Alfa Romeo.

Marco De Bartoli Rosso di Marco Pignatello

Das Weingut heißt zwar immer noch Marco De Bartoli, wird aber seit fast zehn Jahren von seinen Kindern geführt. Marco war in jungen Jahren übrigens Rennfahrer und hat auch später als Winzer versucht, alte Alfas wie diese Giuletta Spider zu kaufen. Seine Großmutter hatte in eine alteingesessene Marsala-Dynastie eingeheiratet, aber der legendäre oxidative Wein war Ende der 1970er Jahre auf seinem qualitativen und reputationsmäßigen Tiefpunkt angelangt. Die DOC-Bestimmungen ließen damals noch eine Aromatisierung mit Bananen, Eigelb oder Sahne zu, und dieses schauderhafte Zeug schaffte es dann auch spielend, alle Weininteressierten dauerhaft abzuschrecken. Marco wollte das ändern, und er tat es, single-handedly sozusagen. Mitte der 1980er Jahre kaufte er auch noch einen Weinberg auf der Insel Pantelleria. Seitdem gibt es einen großartigen süßen Passito im Portfolio.

Auch wenn das großartige Weine sind, handelt es sich natürlich trotzdem um Nischenprodukte. Mitte der 1990er Jahre stiegen Marcos Kinder Renato, Sebastiano und Giuseppina mit ins Weingut ein – und änderten gleich mal ein paar Dinge. „Mein Vater hielt nie etwas von der Bio-Zertifizierung, das war ihm irgendwie suspekt“, erzählt Sebastiano, „aber heute sind wir zertifiziert, die Käufer wollen da mehr Sicherheit.“ Außerdem würden sie mittlerweile wesentlich mehr „normale“ Stillweine verkaufen. Aber was heißt schon normal? Vom gehaltvollen Speisenbegleiter bis zum wilden Natural Wine ist alles dabei.

In Rot gibt es allerdings nur einen einzigen Wein, und zwar aus der lokalen Rebsorte Pignatello. Auf der Insel eigentlich unter dem Namen Perricone bekannt, war das vor der Reblauskatastrophe eine wichtige Rebsorte. Ganz untergegangen ist sie nie, aber das Exemplar von De Bartoli ist trotzdem eines der wenigen reinsortigen auf dem Markt. Vor zwei Jahren hatte ich zwar schon einmal einen Perricone von den Tenute Orestiadi getrunken. Irgendwie hat es der Wein dann aber doch nicht in den Artikel der zehn unbekannten Rebsorten geschafft…

Wie schmeckt der Wein?

Gepflanzt worden sind die Reben erst Ende der 1990er Jahre. Vorher machte Marco einen Roten aus Cabernet Sauvignon und Merlot, wie es zu dieser Zeit so Mode war. Mit dem Wiederentdecken lokaler Rebsorten kehrte allerdings auch der Pignatello in die De Bartoli’schen Weinberge zurück. Die Reben stehen auf den roten Lehmböden der Provinz Trapani ganz im Westen der Insel. Geerntet Mitte September, wurden die Trauben erst einmal manuell selektiert und dann im Stahltank spontan vergoren. Nach zwölf Monaten in französischen Fuderfässern und einem halben Jahr Flaschenreife kam der Wein auf den Markt. 34 mg SO2, also leicht geschwefelt bei der Füllung, 13 vol% auf dem Etikett, real eher noch etwas darunter.

Verschlossen ist die Flasche mit einem Diam 10. Ein bisschen Haltbarkeit wird ihm offenbar zugetraut. Ich spüre einen leichten Stinker in der Nase, etwas Kuhstall, etwas Zündholz, dann balsamische Noten. Ja, ein gewisses Faible für Naturweine sollte man schon mitbringen, wenn man den Rosso di Marco frisch geöffnet trinken möchte. Am Gaumen ist das tatsächlich kein schwerer Wein, sondern einer, der mit Frische und allerhöchstens mittlerem Körper punktet. Die Frucht erscheint eher bläulich mit Heidelbeere, etwas Schlehe vielleicht, Unterholz, trockene Kräuter. Passt wirklich hervorragend zu Salumi. Am dritten Tag (ich hatte die Flasche geöffnet stehen gelassen) sind Stinker und Wildheit praktisch verschwunden. Jetzt kommt eine schwarze Pflaumenfrucht stärker durch, deutlich Rosmarin, aber alles bleibt weiterhin herzhaft und immens trinkig. Interessant, dass der Wein je nach Trinkzeit sowohl das Vin Naturel-Publikum als auch die Freunde italienischer Regionalcharaktere abholen kann.

Wo habe ich ihn gekauft?

Sizilien Sferracavallo

Gekauft habe ich den De Bartoli Rosso nicht beim Weingut selbst, sondern im Internet bei Vinaturel. Es gibt ihn aber auch bei ein paar anderen Weinshops. Preislich liegen wir hier bei etwa 15 €. Die Beschreibungen in den meisten Shops lesen sich allerdings weniger wild und kernig, als sich der Wein direkt nach dem Öffnen bei mir präsentiert hat. Mir persönlich gefällt jedenfalls dieser frisch-rustikale Stil sehr gut.

Auf dem Foto oben seht ihr, nun ja, Sizilien aus der Luft. Allerdings nicht die De Bartoli-Weinberge, sondern die Küstenstadt Sferracavallo etwa eine Stunde nordöstlich davon. An den Gestaden des Mittelmeers zu stehen, ist derzeit eher keine Option für uns. Aber zum Glück gibt es ja Weine wie diesen, die uns ein bisschen mitnehmen können in ihre Heimat…

Dieser Beitrag wurde unter Natürlicher Dienstag, Wein abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.