BiolebensmittelCamp 2018: Im Donut-Land

Landgut Stober„Das Land Brandenburg“, so Ahmet Altuntabak vom Cluster Ernährungswirtschaft, „müsst Ihr Euch auf der Karte wie einen Donut vorstellen, und in der Mitte ist Berlin.“ Also da, wo beim Donut nichts ist. Ein sehr anschauliches Bild auf jeden Fall, an das ich noch oft denken musste beim BiolebensmittelCamp 2018, das letztes Wochenende auf dem Landgut Stober in Groß Behnitz stattfand. Jenes befindet sich dann logischerweise auf der Schokoladenseite des Donuts. Lest also meinen Bericht von einer Veranstaltung, bei der mir wieder bewusst geworden ist, wie vielseitig das Thema „Bio-Lebensmittel“ ist – und welche Chancen, welche Hindernisse es gibt auf dem Weg zu einer besseren Welt.

Bessere Welt? Darf man das so ziemlich eindeutig und undifferenziert sagen? Ich denke schon. Vor allem dann, wenn man vorher mal einen Blick in die andere Welt geworfen hat. Häufig bezeichnet man diese Welt als „konventionell“, auch wenn sie mit der eigentlichen Wortbedeutung des Konventionellen, nämlich herkömmlichen Traditionen, nicht viel zu tun hat.

Hühnerfarm BrandenburgHier zum Beispiel: Unten von der Erde sieht man ein paar Häuschen in einem kleinen brandenburgischen Dorf, Wiesen, Hausgärten, Obstbäume, den Waldrand. Was man nicht sieht, sondern meistens nur riecht, ist hingegen im Wald versteckt, am Eingang eine Schranke, drum herum ein Zaun. Warum gibt man sich so geheimnisvoll, so abweisend? Werden hier etwa Chemiewaffen hergestellt? Naja, fast. Es handelt sich um eine Fabrik für Hühner, die ich vor einiger Zeit bei einem Hubschrauberflug von oben gesehen habe. So richtig gern würde wahrscheinlich keiner von uns wissen, was dort unten alles geschieht.

Ökodorf BrodowinDass man derartige Betriebe auch mit einer ganz anderen Philosophie führen kann, sehen wir bei der Pre-Convention-Tour, die vor der eigentlichen Eröffnung des BiolebensmittelCamps stattfindet. Wir besuchen dabei das Ökodorf Brodowin, eine ehemalige LPG, nun in drei rechtlich voneinander getrennten Bereichen unterwegs, biodynamisch wirtschaftend, Demeter-zertifiziert – und auch nicht gerade klein. Aber was neben einer ganz anderen Verwendung von Mitteln und Methoden den großen Unterschied zum Hühnerbaron ausmacht, das ist die Diversität: 1.200 ha Ackerland werden bearbeitet, Gemüse angebaut, Milchkühe gehalten, Ziegen, Hühner, es gibt eine eigene Molkerei, Käserei, Veranstaltungen, einen großen Hofladen, eine Stiftung und vieles mehr. 115 Menschen arbeiten mittlerweile auf Brodowin, und weil dieses Modell des diversifizierten und nachhaltigen Wirtschaftens anziehend wirkt, kommen jedes Jahr 70.000 BesucherInnen auf den Hof, darunter viele Gruppen wie wir. Ich vermute, das ist beim Hühnerbaron ein wenig anders.

SchlüsselwandIn Eberswalde besuchen wir eine spektakuläre Schlüsselwand. Dieses Böhrt, wie es bei uns heißen würde, hängt in der Ökodorf-Packzentrale in Eberswalde und ist nicht deshalb so groß, weil man dort so viele Türen hätte. Die Türen befinden sich nämlich bei all den Kundinnen und Kunden, die im Großraum Berlin von hier aus mit Ökokisten beliefert werden. Aber Brodowin wäre nicht Brodowin, wenn es an diesem Ort nur um Logistik ginge. In der kleinen Küche werden nämlich aus allen möglichen im Ökodorf erzeugten Lebensmitteln wirklich interessant klingende Fertiggerichte und Zubereitungen frisch gekocht und in Gläser abgefüllt. Da gibt es Curries und Tomatensuppe, den Märkischen Topf und die Schwarzbiersauce, alles in kleinen Auflagen. Damit wird das haltbar gemacht, was ansonsten vielleicht weggeworfen werden müsste. Denn wer möchte in der Saison schon zwei Wochen lang jeden Tag Schnippelbohnen essen?

BiolebensmittelCamp Bertram VerhaagZurück auf dem Landgut Stober, wo die Sache erst so richtig losgeht. „Big Bang Bio“ heißt das Motto des BiolebensmittelCamps in diesem Jahr, wieder souverän organisiert von Wolfgang Falkners Camp Company. Die erste Keynote hält jemand, der in seinen Filmen weniger auf den Big Bang als vielmehr auf Überzeugungsarbeit setzt, Michael Moore in subtil sozusagen. Dass der Wikipedia-Eintrag zu Bertram Verhaag nicht weniger als 35 Filme auflistet, das jedoch ausdrücklich als „Auswahl“ bezeichnet, zeigt, mit welch ungeheurem Schwung er nach wie vor dabei ist. Interessant fand ich die Aussage von Bertram, nach fünf Filmen über Wackersdorf/Atomkraft und zehn Filmen über Gentechnik gemerkt zu haben, dass es ihm irgendwie nicht gut tut, sich ausschließlich mit negativen Dingen zu beschäftigen. In seinen nächsten zehn Filmen hat er deshalb nach Beispielen für gute, nachhaltige Landwirtschaft gesucht und wirklich faszinierende Menschen getroffen. Sein bekanntester Film ist sicherlich „Der Bauer und sein Prinz“, eine Dokumentation über das ökologische Engagement von Prinz Charles, mit deren Ausstrahlung der Hof dann doch nicht einverstanden war. Aus unserer Sicht sagt der Prinz natürlich nur vernünftige Dinge…

BiolebensmittelCampNach dieser ersten Keynote gibt es eine kleine Vorstellungsrunde, die bei 125 angemeldeten Teilnehmenden naturgemäß dann doch ein bisschen länger dauert. Mehr als jede vierte Person hatte sich im Vorfeld des Camps ein Sessionthema ausgedacht, zu dem er oder sie sich gern mit den Anwesenden austauschen möchte. Das ist selbstverständlich großartig, denn so ein interaktives Format wie das Camp lebt ja davon, dass alle irgendwie etwas dazu beitragen wollen. Andererseits können aus praktischen Gründen nur die 18 Sessions mit den meisten, basisdemokratisch erreichten Punkten durchgeführt werden. Schade, dass dadurch manch interessantes Thema auf der Strecke bleibt, aber so ist nun mal der Modus.

Dorf BrandenburgEine Session hatte ich selbst angeboten, und damit ist auch die Katze aus dem Sack, was das Thema anbelangt, dem ich mich künftig widmen werde. Es heißt „Neu auf dem Land“, ist ein Interview- und Reportageprojekt und beschäftigt sich mit Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen neu in ländliche Regionen gezogen sind und jetzt von ihren Erlebnissen des Ankommens berichten. Ihr könnt auch schon fleißig auf die Website klicken, aber vor dem Projektstart am 1. Mai wird dort noch nicht viel zu sehen sein.

Oben seht Ihr wiederum aus der Luft ein wenigstens aus dieser Entfernung traumhaft wirkendes Dorf im Brandenburgischen. Alte Vierseithöfe, Dorfteich, Dorfkirche, viel Grün, viel Platz, kein Durchgangsverkehr. In meiner Session mit dem Titel „Wer will denn heute noch auf dem Land leben?“ haben wir über beide Seiten der Medaille berichtet. Für junge Leute nach der Schulzeit fühlt sich das Dorf manchmal an „wie ein Aquarium“, wie ein Teilnehmer sagte, aus dem man unbedingt raus wolle, um zu sehen, wie es im Rest der Welt aussieht. Fehlende Arbeitsplätze und schlechte Infrastruktur sind in vielen ländlichen Regionen ein zusätzliches Manko. Die meisten Sessionteilnehmer waren sich aber einig darin, dass das Leben auf dem Land in unterschiedlichen Lebensphasen nun einmal unterschiedlich attraktiv sei. Gerade „Bioleute“ mit einer ausgeprägten Naturliebe, einer guten Ausbildung und persönlichem Schwung könnten in einer späteren Lebensphase als Rückkehrer oder neu Zuziehende für Impulse sorgen.

BiolebensmittelCamp Georg Kaiser BiocompanySehr stark ist diese regionale Komponente auch in der Philosophie der Bio Company verhaftet, deren Geschäftsführer Georg Kaiser für die zweite Keynote sorgte. Im Jahr 2006, da gab es die Bio Company immerhin schon seit sieben Jahren, seien sie auf die Idee gekommen, dass „Bio“ allein als Philosophie nicht reiche. Deshalb hätten sie die so genannte Regionalpartnerschaft mit Herstellern in der Region ins Leben gerufen. Heute gibt es mehr als 100 Regionalpartner, die einerseits den Großraum Berlin bedienen (und damit auch für die Prosperität der Bio Company sorgen), andererseits gibt es auf diese Weise zuverlässig Arbeitsplätze bei den Herstellern auf dem Land, und das auch noch in einer nachhaltig wirtschaftenden Branche. Klassisches win-win, würde ich sagen.

Biolebensmittel HandelAllerdings sieht sich der Fachhandel nicht nur in seiner Exklusivität, sondern zunehmend auch in seiner Existenz bedroht, weil große Supermärkte und Discounter auf den Bio-Zug aufspringen. Erst einmal sei das ja nicht schlecht, sagt Georg Kaiser, weil wenigstens eine Zeitlang damit „Masse generiert“ werden könne, also insgesamt mehr Menschen die Bioidee verinnerlichen. Das mögliche Dilemma deutet allerdings schon ein wenig die (von mir lumpig abfotografierte) Folie auf dem oberen Bild an: Im Vergleich zum Naturkost-Fachhandel hat der Discounter eine verschwindend geringe Auswahl an Bioprodukten im Angebot, und das vielleicht nur von einer Handvoll an Herstellern. Dass damit weder Diversität noch Regionalität gesichert werden, liegt auf der Hand. Und wenn Aldi damit wirbt, umsatzmäßig der „führende Biohändler Deutschlands“ zu sein, macht das die Marktmacht der Discounter deutlich. Riesige Mengen von wenigen Herstellern am untersten Ende der gesetzlich verankerten Biobedingungen. Preislich und vom Werbebudget her kann der klassische Fachhandel dem schlichtweg gar nichts entgegensetzen. Was also tun?

BiolebensmittelCamp SessionUm diese Frage ging es in einer spontan zusammengelegten Session von Claudia Bschor und Hassaan Hakim. Ist Fachhandelstreue unter diesen Bedingungen also noch zeitgemäß? Claudia von Sonnentor sprach sich dafür aus, einfach weil ihr Unternehmen von seiner ganzen Philosophie her dem Fachhandelsgedanken seit Jahrzehnten verhaftet ist. „Ohne den Fachhandel und dessen Unterstützung“, sagt sie, „wären wir heute niemals dort, wo wir sind.“ Hassan von der Werbeagentur Yool hingegen meint, dass früher die Biomarken und der Fachhandel gar nicht zu trennen waren, aber das habe sich geändert. Gerade junge Leute, die nachhaltig orientiert sind, kaufen im One-Stop-Sinne eben alle Lebensmittel im Supermarkt, also die Biosachen gleich mit. Die Biomarken könnten, wenn sie denn beispielsweise im Edeka gelistet seien, einen stärkeren Einfluss und eine größere Marktmacht erreichen und damit das ganze System mehr in Richtung Nachhaltigkeit verändern, als wenn sie in der Nische blieben.

In der lebhaften Diskussion kamen dann noch so viele unterschiedliche Ideen und Aspekte hinzu, dass man allein zu diesem Thema mindestens einen eigenen Artikel schreiben könnte. Einer meinte, letztlich sei Fachhandelstreue ja gar kein großes Thema in der Praxis, weil der Hauptumsatz im Fachhandel im Frischesegment gemacht wird, also Obst, Gemüse, Kühltheke. Eine andere entgegnete, dass die starken Marken aber oft Anlass dafür seien, den Bio-Supermarkt überhaupt erst zu betreten. Deshalb müsse man versuchen, sie zu halten. Und eine dritte Stimme wies darauf hin, dass eigentlich nur der Fachhandel StartUps und regionalen Herstellern die Möglichkeit eines Markteinstiegs bieten könne. Private Labelling, Schaffen von Einkaufserlebnissen, Standortfragen, Kundenerweiterung auf unterrepräsentierte Gesellschaftsgruppen, Wachstumszwänge – alle diese Themen wurden angeschnitten und auch nach dem Ende der Session noch fleißig weiterdiskutiert.

BiolebensmittelCamp Landgut Stober Und so ähnlich wurden auch in den vielen anderen Sessions Themen nicht etwa abgehakt, sondern Impulse gegeben, Argumente ausgetauscht, sich kennengelernt, Pläne geschmiedet. Anders als beim Donut ist in der Mitte dieser Stuhlkreise nämlich volle Luft, angereichert mit Gedanken aus den verschiedensten Blickwinkeln. Interessant fand ich beispielsweise die Session von Gerd Hofielen zur Gemeinwohlökonomie, die selbstverständlich eine hervorragende Sache ist. Mir war aber nicht bewusst, dass es – wenn ich das so sagen darf – einen regelrechten Markt der Nachhaltigkeitsreporting-Anbieter gibt, die alle eigentlich eine ganz ähnliche Grundhaltung besitzen. Ist doch, so dachte ich bei mir, ganz ähnlich wie bei den Siegeln.

Spannend auch die Session mit Tobias Stieber von der Triodos-Bank, die nachhaltig wirtschaftende Unternehmen mitfinanziert. Jedenfalls dann, wenn sich die Anleger von dem Modell überzeugen lassen. Weil das aber – gerade bei wirklich neuen Ideen – nicht immer der Fall zu sein scheint, wurde aus der Runde vorgeschlagen, Triodos möge doch einen Risikofonds aufsetzen und das den Anlegern entsprechend schmackhaft machen. Andererseits, so eine andere Stimme, sei bei Triodos doch das genossenschaftliche Prinzip das Rückgrat. Warum sollte also ausgerechnet so ein Unternehmen mit Risikokapital arbeiten? Alles sehr vielschichtig, eben wie im restlichen Leben auch. Da führen manchmal viele Wege nach Rom, manchmal führt aber auch ein einziger Weg in mehrere Roms. Wer über die anderen Sessions mehr wissen möchte, die ich mangels Selbstteilung nicht besuchen konnte, kann das natürlich auf der Website des BiolebensmittelCamps tun.

Das alles fand in einer Location statt, die sich schlichtweg ideal für derartige Veranstaltungen eignet. Im Sommer dürfte es hier am See allerdings noch wesentlich netter sein. Diesmal gab es nämlich statt Frühlingsgrüßen eher einen schneidenden Wind mit Schneeflocken.

Für mich persönlich hat das BiolebensmittelCamp noch einmal aufgezeigt, wie breit die Thematik ist, wie viele fachliche, unternehmerische und gesellschaftliche Fragen damit verbunden sind. Nach 85 Teilnehmenden im letzten Jahr waren diesmal zur zweiten Auflage wie schon erwähnt 125 Menschen dabei. Beim ersten Mal hatte ich mich ehrlicherweise vorher gefragt, was mir eine solche Teilnahme denn bringen soll. Und dann war ich von der Menge an Inspiration überrascht. Jetzt beim zweiten Mal hatte sich zumindest eines entscheidend geändert: Ich war danach nicht mehr überrascht.

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2 Kommentare zu BiolebensmittelCamp 2018: Im Donut-Land

  1. Stephan Humpert sagt:

    Alles Gute mit dem neue Projekt! Ich war schon sehr gespannt.
    Stephan

    • Matze sagt:

      Ach nein, jetzt warst Du in den Spamordner gekommen! So ein Mist, tut mir leid (ist natürlich die Technik, ich kann auch nichts dafür… aber ich hätte mal nachschauen können). Vielen Dank auf jeden Fall! Wir können uns ja mal auf ein Bier treffen, wenn’s angelaufen ist. Du bist doch noch in N, oder?

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