
Bitte entschuldigt, aber wie ihr sehen könnt, verrate ich in der Überschrift bereits alles. Oder auch gar nichts. Ich habe mich nämlich ein bisschen an einer Lokalzeitung und einer Radsportseite orientiert, die ich gern online lese. Leider sind da die Überschriften ähnlich. »Bekanntes Team verpflichtet neue Sensation aus Frankreich«. »Beliebte Brauerei in fränkischem Dorf schließt ihre Pforten für immer«. Okay, zugegeben, bei mir könnt ihr auf dem Foto schon sehen, um welche Weine es geht. Schlecht gemacht also für ein Clickbait. Jetzt wird nur noch ein echter Riesling-Freak auf »weiter« klicken…
Wie kommt der Riesling-Freak an solches Zeug?

Eigentlich bin ich nur ein halber Riesling-Freak. Ich respektiere Riesling als großartige Rebsorte, die ausgesprochen charakterstarke Weißweine hervorbringen kann. Außerdem ist es fast ein bisschen unser deutsches USP auf einem immer diverser werdenden Weltmarkt. Dennoch: Mit viel Säure und viel Süße und viel Frucht fällt es dem Riesling manchmal ein bisschen schwer, bei Tisch solche begleitaffinen Rebsorten wie Chardonnay oder (natürlich) Silvaner zu verdrängen.
Aber zur Auflösung der Frage, wie der Riesling-Freak an solches Zeug kommt: am besten frisch. Das meine ich ernst. Oder höchstens vom Weingut selbst. Leider gibt es ja keinen top-vertrauenswürdigen Zweitmarkt, bei dem man wirklich weiß, ob der wunderbare Riesling nun seit der Markteinführung im Gewölbekeller gelegen hat oder aber viermal mit umgezogen wurde, aufrecht stehend, unter Neonlicht, korkvertrocknend.
Insofern hier meine damaligen Bezugsquellen (ist auch als historische Rückschau ganz spannend): Den Frauenberg hatte ich im Januar 2010 im Weinladen Schmidt in Berlin für 29 € erstanden. Den FX Pichler habe ich für 33,50 € im Internet bei Grubis Weine gekauft. Und den Schlossberg schließlich fand ich wiederum im Internet, und zwar bei Vinaturel, 22,50 € für die Halbflasche. Das sind immer noch gute Adressen, wenngleich nur teilweise mit den neueren Jahrgängen der von mir getesteten Weine.
Battenfeld-Spanier Riesling GG Frauenberg 2008

Erster Wein, gleich der dunkelste der Bande, ihr könnt es vielleicht oben auf dem Gläserfoto erkennen. Den Frauenberg als Lage kannte ich damals nur theoretisch, mittlerweile bin ich auch dort gewesen. Dank Flurbereinigung und 71er Weingesetz viel zu groß geraten, befindet sich das eigentliche Herzstück dort, wo auf Charlies Karte der linke gelbe Punkt eingezeichnet ist. Das ist auch der Ort an der Abbruchkante, den man aus dem Bauch heraus ohnehin aufsuchen würde. Das Weingut Battenfeld-Spanier braucht man mittlerweile keinem Riesling-Freak mehr vorzustellen. Seinerzeit konnte H.O. »erst« drei Sterne im Gault-Millau vorweisen und bekam 92 Punkte für diesen Wein. Spannend übrigens: 2008 galt in Deutschland als eher kühler, zarter Jahrgang.
In der Nase unverkennbar gereifter Riesling, dominiert von dunkleren Tönen, kandierter Orangenschale, Kumquat, reifem Pfirsich – und kaum »typischen« Alterungsnoten. Interessanterweise perlt der Wein nach dem Öffnen immer noch leicht. Es gibt Mandelplätzchen im Mund, leicht hefige Töne, eine reife Orange und dazu eine tiefe Erdigkeit. Das ist spannend, vielleicht sogar ein ganz bisschen wild, aber jedenfalls so, dass es jeden Riesling-Freak begeistert. Von der Saftigkeit vorn hätte ich auf mehr Restsüße getippt, aber tatsächlich endet der Frauenberg komplett trocken. Die Pikanz ist eher unterdurchschnittlich, aber das wiegt diese dichte, flächige Note mehr als auf. Ein Riesling als großartiger Speisenbegleiter, na, wer sagt’s denn!
FX Pichler Riesling Smaragd Loibner Berg 2008

Im Jahrgang 2008 hatte glaube ich der echte alte Franz Xaver noch das Sagen bei den Pichlers. Das war auch noch vor dem Jahrgang 2011, den die Wiener Kritiker damals so niedermachten. Es gab Unfrieden, Intrigen und all das Opernbällische, das uns aus der Ferne betrachtet bei den Österreichern immer so erstaunt. Aber gut, bei uns wird man an der Tankstelle auch nicht als Magister und/oder Hofrat angesprochen. Was den Wein anbelangt, Loibner Berg ist synonym mit Loibenberg zu verstehen. Ab wann die Bezeichnung endgültig umgestellt wurde, weiß ich allerdings nicht. Es handelt sich auf jeden Fall um eine steile Südlage, die normalerweise sehr warm ist. Peter Malberg sagte mir allerdings einmal, dass 2008 sehr schwierig an der Wachau gewesen sei wegen feuchter Witterung und frühem Botrytisbefall.
In der Nase wesentlich weniger expressiv als der Frauenberg, kommen auch hier Orange, Haselnuss mit einem tiefen, leicht pflanzlichen Ton zu tragen. Dazu gibt es etwas Schwarztee und einen leichten Kelleranklang, den ich von Altweinen kenne. Allerhöchstens hier könnte ein wenig Botrytis versteckt sein. Dass es sich aber nicht um einen dicken Brummer handelt, wie man ihn damals an der Wachau hätte befürchten können, zeigt sich im Mund. Der Smaragd wirkt nämlich überraschenderweise gleichzeitig leichter im Körper und etwas säurereicher als der Rheinhesse. Das ist idealtypisch Riesling, finessenreich, am kräuterigsten von meinen drei Protagonisten und erst auf den zweiten Schluck dann auch stoffig. Absolut köstlich und für einen Riesling-Freak, der auf Ausgewogenheit Wert legt, vielleicht sogar der schönste hier.
Domaine Weinbach Riesling GC Schlossberg Cuvée Ste-Catherine 2008
Die Domaine Weinbach der Familie Faller ist eines der legendären Weingüter im Elsass. Ebenso wie Zind-Humbrecht und Albert Mann sind sie seit Jahren biodynamisch zertifiziert. Bei Blindproben fand ich (grosso modo natürlich nur) Zind-Humbrecht meist am kräftigsten, Albert Mann am schlanksten, »deutschesten« und Weinbach in der goldenen Mitte. Einen schlechten Wein habe ich von Catherine Faller noch nie getrunken. Die Reben für die Cuvée Sainte-Catherine stammen dabei vom mittleren Teil des Schlossbergs mit dem ältesten Bewuchs. 2008 galt übrigens im Elsass bereits kurz nach der Ernte als einer der besten Jahrgänge überhaupt, und ich glaube, diese Einschätzung hat sich auch nicht geändert.
In der Nase erst einmal Verblüffung. Ist da wirklich Riesling im Glas? Ich kann gar nichts riechen. Orange und Walnuss kommen auch hier nach einer Weile, aber gaaanz dezent. Im Mund spüre ich zunächst viel Nougat, dann aber zeigt sich ein ganz feiner Trunk, fast sphärisch. Dies ist der forderndste, vielleicht gar säurereichste, pikanteste der drei. Es gibt ein winziges bisschen Botrytis-Ahnung und einen ebenso winzigen Touch Flüchtigkeit, aber wirklich nur für Leute, die da extrem empfindlich sind. Charakterlich ist dies hier der »nördlichste« Wein. Natürlich nicht ultraschlank, aber doch ziemlich straight gehalten. Und ebenso gut wie die beiden anderen.
Mein Fazit als verkappter Riesling-Freak

Das war ein sehr großes Vergnügen. Ich hatte es ja schon in der Überschrift angekündigt, aber tatsächlich: Riesling Freak-Heaven. Und nicht nur das. Selbst Leute, die mit Riesling als Rebsorte ein bisschen fremdeln (und von denen scheint es neuerdings mehr zu geben als man denkt; fragt im Restaurant oder eurem Lieblingsladen…), werden damit glücklich. Die harmonische Reife bringt mehr Flächigkeit mit hinein, die Spitzen sind abgeschliffen, der Charakter der Mitte tritt stärker hervor.
Dass ausgerechnet der Rheinhesse hier den kraftvollsten, erdig-südlichsten Ton besaß, hat mich ein bisschen überrascht. Ebenso wie die große Eleganz des Wachauers und die fast fordernde Pikanz des Elsässers. Wer jetzt eine Reihenfolge haben möchte, muss einfach seine eigenen Vorlieben befragen. Qualitativ war das für mich alles auf demselben Level.
Interessantes Detail zum Abschluss dieser wunderbaren Verkostung: Analytisch besaßen alle drei Rieslinge zwischen 13 und 13,5 vol% Alkohol. Das ist viel für heutige Verhältnisse. Schnell mal den aktuellen Jahrgang nachgeblättert, und da steht Battenfeld-Spaniers Frauenberg GG mit 12,5 vol% in der Liste, Bürklin-Wolfs GCs ebenso, Wittmann und Christmann sind gar bei 12,0 für ihre GGs. Und das nicht nur im Jahrgang 2024, sondern auch im wirklich heißen 2022. Wegen der allgemein höheren Temperaturen wird vermutlich deutlich früher gelesen, aber dennoch fällt das bewusst niedrigere Mostgewicht auf. Obwohl es also heißer wird, werden die Weine analytisch schlanker. Sowas nennt man Mode, wenn ich mich nicht täusche. Und daran ist: überhaupt nichts verkehrt. Man sollte sich dessen bloß bewusst sein.
Riesling-Freak-Epilog
P.S. Ich hatte als verkappter Riesling-Freak vom Jahrgang 2008 einen ganzen Haufen Weine eingekauft und schön im Gewölbekeller gelagert. Ein paar sind auch noch dort drin. Die anderen habe ich im Verlauf der Zeit schon verkostet. Und zwar hier (Riesling Froehn hängt Racknitz und Kühns Landgeflecht ab) und hier (der kleine Halenberg beherrscht die Kategorie unter 20 €) und hier (Diel im Blindtest vorn) und hier (Florian Weingart zeigt den anderen die Hacken) und hier (Zweitweine Horst Sauer gegen Koehler-Ruprecht) und schließlich hier (Künstler Weiß Erd gegen Alzinger Liebenberg). Alles immer super spannend – und to be continued…

