Einmal im Trend sein – Weinrundgang durch Seoul

Seoul

Nachdem ich in diesem Jahr heimatnah schon eine ganze Menge über deutsche, gar fränkische Weine und Orte geschrieben habe, soll es in diesem Artikel mal wieder hinausgehen in die weite Welt. Seoul, die Hauptstadt Südkoreas, kann kaum als traditioneller Ort des Weins bezeichnet werden. Beerenweine interessanter Sorten spielen zwar seit jeher eine große Rolle in Korea, Wein aus Trauben ist jedoch ein relativ junges Phänomen. Wer schon einmal in Seoul war, weiß allerdings, dass Trends zu setzen oder zu folgen eine der größten Leidenschaften der Koreaner/innen ist. So ist das auch beim Wein. Kommt also mit auf meine kleine Runde durch die Weinläden der Stadt. Auch wenn ihr noch nie hier wart, ist es vielleicht ganz interessant zu sehen, wie man eine Weinkultur quasi aus dem Nichts aufbauen kann.

Meine koreanische Kollegin, die etwas außerhalb der Stadt in einem Forschungszentrum arbeitet, meinte beim letzten Mal, dass ihr dieses Tempo oft ein bisschen zu viel sein würde. Sie erinnerte aber auch daran, dass Südkorea noch gar nicht lange Teil der modernen Welt sei. In den 1960er Jahren gab es nach dem Koreakrieg noch Hungersnöte und bittere Armut. Die Olympischen Spiele 1988 in Seoul waren sozusagen der erste öffentliche Auftritt eines damals noch eher gewünschten als realen modern Korea. Im Grunde geht hier erst seit den 00er Jahren so richtig die Post ab.

Mittlerweile gehört Seoul in vielen Bereichen zum Dynamischsten, was ich je gesehen habe. Ein kleines Beispiel: Im Frühsommer 2017 machte mit der Bar Big Lights der erste Ort auf, an dem explizit Vins Naturels ausgeschenkt wurden. Jetzt (also gerade einmal zwei Jahre später) habe ich nicht weniger als 34 dieser Orte gezählt. Damit wird klar, dass mein Rundgang nicht als „ultimativer Guide“ verstanden werden kann, sondern eher als eine Art Momentaufnahme.

1. Hyundai Department Store Apgujeong

Seoul Hyundai Apgujeong

Ja, Hyundai baut nicht nur Autos. Hyundai ist ein so genannter Jaebeol, ein Mischkonzern ähnlich wie Lotte oder Samsung, die beide weiter unten mit ihren Department Stores noch folgen werden. An der Architektur des Gebäudes kann man schon sehen, dass es sich hier im besten Sinne um einen Konsumtempel handelt. Im Untergeschoss gibt es die Food Hall, in der jetzt am Samstag Nachmittag hauptsächlich Koreaner/innen gehobenen Alters einkaufen, die ein bisschen ex-diplomatisch aussehen. In der Weinabteilung steht eine große Zahl livrierter Angestellter, die aber sehr zurückhaltend sind und nur kommen, wenn man sie anspricht.

Der billigste Wein, den ich finde, ist ein Chilene für umgerechnet 8 €, der teuerste ein Grand Cru aus dem Burgund für knapp 300 €. Bordeaux steht natürlich in den Regalen, aber viel weniger als gedacht, vielleicht nur ein Zehntel der Auswahl. Stattdessen gibt es eine repräsentative Reise durch die gesamte Weinwelt. Nur mit Deutschland sieht es mager aus, es gibt (im Moment) ausschließlich Vollrads. Interessant finde ich auch die Auswahl in der Food Hall, die eine Art „Supermarkt der Menschheit“ ist. Wer sich öfter in asiatischen Department Stores herumtreibt, kennt so etwas natürlich. Aber es gibt in Deutschland nicht annähernd einen solchen Ort mit einer solchen Auswahl teils gehobener, teils „regulärer“ Lebensmittel aus wirklich aller Welt. Nein, auch nicht das KaDeWe, selbst wenn das am ehesten vergleichbar erscheint.

2. Winetime

Seoul Winetime

Nach dem Überbordenden des Hyundai Department Store geht es als nächstes zu einem Kontrastprogramm. Zu Anfang gab es bei Winetime einen einzigen Shop, mittlerweile gibt es sieben davon. Wir befinden uns hier übrigens im Gangnam-Hinterland, einer ganz erstaunlichen Gegend. SUVs in Massen bevölkern die Straßen, aber man kann sehen, dass dies hier eine Mischnutzungsgegend war und teilweise immer noch ist. Es gibt kleine alte Läden, Werkstätten, Wohnungen, aber allmählich kommen luxuriösere Boutiquen in die sehr roh konstruierten Neubauten.  Die Verkäuferin bei Winetime spricht kein Englisch, ich kein Koreanisch, also schaue ich mich nur ein wenig um. Es gibt eine Rubrik „Cult Wines“, und wie bei vielen empfohlenen und beworbenen Sachen hier in Seoul scheint gerade das ungeheuer begehrt zu sein. Die Hälfte der Weine dieser Rubrik ist ausverkauft.

Seoul Special Edition

Pétalos de Bierzo Special Edition

Dafür findet ich ein Großes Gewächs von Balthasar Ress aus dem Rheingau für umgerechnet stolze 106 €. Die Preise sind ohnehin so eine Sache. Einfuhrsteuer, Weinsteuer und geringe Mengen lassen die Weinpreise im Laden gern mal auf das Dreifache des Ab Hof-Preises schnellen, selbst wenn es sich nicht um Kultprodukte handelt. Später komme ich jedoch auch an Orte, wo dies nicht der Fall ist. Sehr nett fand ich auf jeden Fall diese Flasche. Es handelt sich um die guten alten Pétalos del Bierzo aus Spanien, hier mit einem Sonderetikett zur 120-Jahr-Feier der Seoul National University. Die Pétalos (mit Originaletikett) sah ich übrigens noch in vielen anderen Läden; es muss einer der beliebtesten Weine in Seoul sein.

3. Red Tongue

Seoul Wein Red Tongue

Schräg gegenüber von Winetime befindet sich noch ein Weinladen, nämlich Red Tongue. Ich spreche mit der Verkäuferin und erfahre, dass sie erst vor kurzem eröffnet haben. Das ist in Seoul nichts Erstaunliches, und der Laden riecht auch noch ein bisschen nach neuem Holz. Es gibt hier jeden Freitag die Möglichkeit, Wein zu probieren, und zwar nicht den schlechtesten. Obwohl kein Freitag mehr ist, fragt mich die nette Dame, ob ich trotzdem noch die beiden Freitagsweine versuchen möchte, die natürlich professionell vakuumiert sind. Es sind zwei Zinfandels aus Kalifornien, einmal Josh Legacy, ein softbeeriger und eher unspannender Wein, und einmal der Turley Old Vines Zinfandel. Jener ist weitaus besser, sogar sehr gut, viel frischer, balancierter, mit mehr Tiefe und Eleganz.

Ohnehin ist Red Tongue sehr stark bei amerikanischen Weinen. So haben sie (so wie ich das sehe) das komplette Sortiment von Sine Qua Non, das in einer Magnum für 2.800 € gipfelt. Diese Weine habe ich ansonsten nirgends in Seoul gesehen – und auch in keinem deutschen Weinladen. Zwei unterschiedliche Halsetiketten zur Unterscheidung bestimmter Weine gibt es übrigens bei Red Tongue: „organic wine“ und „natural wine“. Das sind offenbar Kategorien, nach denen Kunden fragen. Aus Österreich gibt es im Laden Salomon Undhof, aus Deutschland – gar nichts.

4. Bordo

Seoul Wein Bordo

Bordo ist ein Laden am achtspurigen „Boulevard der Autohäuser„. Wir sind übrigens weiterhin auf dem südlichen Ufer des Han-Flusses im Stadtviertel Gangnam. Bordo ist aber überhaupt kein modischer oder luxuriöser Laden, sondern eher eine Art Wein-Supermarkt mit kompletter Selbstbedienung. Zwar gibt es selbstverständlich Bordeaux, aber auch hier ist das kein Schwerpunkt. Gleich am Eingang steht ein Tisch mit Weinen zwischen 7 und 23 €, und darum geht es hier. Es gibt Henkell trocken, aber auch Schloss Johannisberg Grünlack, die Schaumweine sind teils stark reduziert, der Kassierer trägt eine Baseball Cap und macht gerade ein Online-Spiel.

Das alles soll zeigen (und tut das ja auch erfolgreich): Wein ist nicht nur etwas für reiche Leute und Kenner, sondern geht auch für die ganz normale Mittelschicht. Viel Wert wird übrigens auf fancy Etiketten gelegt, und das ist etwas, was beispielsweise die Australier begriffen haben.

5. Jungsik Bar & Café

Seoul Jungsik Bar

Die Jungsik Bar war einer der ersten Orte, an denen man in Seoul richtig interessante Weine trinken konnte. Das Jungsik ist einerseits ein Zwei Sterne-Michelin-Restaurant mit „New Korean Cuisine“, und man kann auf der Website auch die aktuelle Weinkarte herunterladen. Mittlerweile gibt es sogar einen Ableger in New York. Das Jungsik existiert aber auch als Jungsik Café, das ziviler bepreist ist und immer wieder überraschende Weine anbietet. Es gibt eine Reihe von Vins Naturels wie den La Luna von Bruno Duchêne aus dem Roussillon, aber auch einen feinen Riesling Kabinett von Willi Schaefer. In der Nachbarschaft befindet sich übrigens der einzige mit einem Goldvorhang verzierte Starbucks, den ich kenne.

6. Wine House

Seoul Wine House

Im Wine House gibt es Champagner, das zeigt schon das Werbeplakat für den immer noch in Gangnam gelegenen Laden. Die drei Jungs machen übrigens Fortbildung auf moderne Art: Sie gehen in den Laden, fotografieren etliche Etiketten und verlassen den Ort wieder. Die Verkäuferin an der Kasse zeigt sich darüber völlig ungerührt. Im Eingangsbereich gibt es ein paar Weine zu niedrigeren Preisen, aber in Wirklichkeit stehen hier Spitzenweine around the world. Ich finde das unheimlich spannend, weil ich in Deutschland oder gar in Frankreich so etwas noch nie gesehen habe: Nehmt den kleinen Johnson, schreibt alle Vier-Sterne-Güter heraus und versucht, eine repräsentative Auswahl von Weinen für euren Laden einzukaufen.

Bei Wine House gibt es Seña aus Chile, die wichtigen Barolo-Güter aus Italien, Flor de Pingus aus Spanien, dazu Mollydooker, Killibinbin und Two Hands aus Australien, die wegen ihrer farbig-gegenständlichen Etiketten auch in vielen anderen Läden stehen. Aus Deutschland sind dabei Egon Müller, Dönnhoff und Clemens Busch. Hinten an der Wand kommt noch der französische Luxus mit Romanée-Conti und Coche-Dury. Insofern kann ich die Jungs vom Foto sehr gut verstehen: Wer erst einmal lernen möchte, welche Weine in der großen Welt als (hochwertige) Repräsentanten ihrer Gegend angesehen werden, kann sich an solchen Orten orientieren.

7. Gourmet 494

Seoul Gourmet 494

Bis auf den Hyundai ganz vom Anfang waren die anderen Läden hier Einzelgeschäfte, in die man wirklich nur des Weins wegen geht. Das sieht beim Gourmet 494 ein bisschen anders aus. Zwar gibt es auch einen eigenen Eingang mit Rolltreppe, aber der Laden gehört zum Gebäudekomplex der Luxury Hall West. Wer sich dafür interessiert, welche Shops hier ansässig sind, kann sich durch den Floor Guide klicken. Gourmet 494 ist nach eigenen Angaben ein „Grocerant„-Konzept, also Grocery und Restaurant, in dem man die neue Esskultur erleben könne. Es gibt Gebäck und Gegrilltes, es gibt in der Restaurant- /Kantinen-Ecke Hummer und Hummus, Burger, Pizza, Torte und natürlich auch eine große Auswahl asiatischer Küchen. Untermalt wird das Ganze mit dezentem Softjazz.

Seoul Gourmet 494

Das Weinangebot ist ähnlich weitgefächert. Es gibt einen „normalen“ Weinshop, in dem wiederum fünf behandschuhte Angestellte auf Kundschaft warten. Ich gehe in die klimatisierte Extrakammer und schaue mich ungestört um. Burgund gibt es mehr als Bordeaux, Kalifornien mehr als Burgund. Italien ist immer gut dabei, beispielsweise mit dem Brunello von Biondi-Santi. Deutsche Weine in der Klimakammer? Fehlanzeige.

8. Shinsegae Department Store

Seoul Shinsegae

Shinsegae ist die Kaufhauskette von Samsung, womit klar wird, dass Samsung eben auch ein echter Mischkonzern ist. Es gibt mehrere Filialen in Seoul, aber ich habe mich für das Haupthaus im Zentrum entschieden. Ab hier werde ich nördlich des Han-Flusses unterwegs sein, was hinsichtlich Identität und Zugehörigkeit eine große Rolle spielt. Selbstverständlich ist es nicht überall südlich neureich im Gangnam Style und nicht überall nördlich traditionell. Aber im Allgemeinen stehen die Tempel und Paläste im Norden, die Schönheitskliniken und Spitzenrestaurants jedoch im Süden.

In der Weinabteilung gibt es wieder viele Angestellte, wenig Käufer, viel Luxus aus aller Welt ohne verpflichtenden Schwerpunkt. Die Auswahl deutscher Weine ist bislang am größten, 15-20 verschiedene sehe ich. Das Spektrum reicht von solchen, die das untere Ende des Segments beschließen (Römerkellerei) bis zu Klassikern wie Fritz Haag. Überhaupt bedeutet Deutschland in Seoul weintechnisch Mosel und Rheingau. Das ist ein bisschen wie Mozart und Beethoven, große Meister, aber keine aufregenden Nischen.

Seoul Shinsegae Selosse

Fast hätte ich für andere Länder dasselbe behauptet, aber es gibt immer wieder Ausnahmen von der Regel. So wie diese schöne Range an Einzellagen-Champagnern von Anselme Selosse. Extrem schwer zu bekommen in Frankreich, Bückware im Grunde genommen. Betteln hilft da wenig, wenn die eigene Nase dem Ladeninhaber nicht passt. Das ist einer der Unterschiede zu Asien: Zwar sind Weine hier sehr teuer und damit insofern erst einmal eine undemokratische Erscheinung per se. Luxus aus einer fremden Welt. Aber die Ausprägung der Demokratie ist hier eine andere: Jeder, der hat, darf. Wer in den Laden kommt und das notwendige Geld besitzt, kann die Sachen kaufen. Ungerührt wird der seltenste und teuerste Wein aus dem Regal gezogen, die Kreditkarte genommen, die Flasche verpackt, vielen Dank und bis zum nächsten Mal!

9. Lotte Department Store

Seoul Lotte Department Store

Wer Shinsegae sagt, muss auch Lotte sagen. Die beiden größten Department Stores in Seoul liegen nur wenige Meter auseinander, und ich kann gar nicht genau sagen, worin jetzt exakt der Unterschied hinsichtlich Sortiment und Klientel besteht. Neben dem üblichen, sehr breit aufgestellten Portfolio finde ich im Lotte auch ein paar Jura-Weine und die Nord-Burgunder der Domaine de la Cadette. Das sind bezahlbare und individuelle Gewächse mit sehr wenigen Interventionen, die in Deutschland bei so einschlägigen Händlern wie Vins Vivants, Cool Climate in Frankfurt oder Origine in München zu haben sind. Deutlich mehr Inhalt als Prestige also und insofern ungewöhnlich für einen neuen Weinmarkt wie Korea. Aber vielleicht waren die sehr schönen Etiketten im Linolschnitt-Stil der entscheidende Faktor bei der Einlistung. Wahrscheinlich sogar.

10. Nenia Biomarkt

Seoul Nenia Bioladen

Nenia ist ein Bioladen im nördlichen Teil der Stadt, also in unmittelbarer Fußweite zu den beeindruckenden Palästen. Wer schon öfter in Ostasien war, hat möglicherweise in Korea (und mehr noch in Japan) festgestellt, dass es als dezente Gegenkultur zu Prunk, Protz und zunge-hechelnden Modernismen den organic lifestyle gibt. Das umfasst als Philosophie das gesamte Leben, und es würde diesen ohnehin schon enorm schlanken Artikel noch erheblich verlängern, würde ich darauf näher eingehen. Health spielt dabei jedenfalls eine große Rolle, das heißt, die „Gesundheit“ von Geist und Körper und Umwelt. In Tokio gibt es im Frühjahr beispielsweise die Health Industry Show, die enorm spannend und horizonterweiternd klingt, sich aber terminlich leider teilweise mit der ProWein überschneidet.

Korea hat eine lange Tradition ländlicher Genossenschaften, und in solchen Läden wie eben dem Nenia oder dem Dure-Coop werden viele dieser in kleinen Betrieben erzeugten Gemüsesorten, Früchte, Tofu, Tee und ähnliches verkauft sowie Naturkosmetik. Zum organic lifestyle gehört aber auch Genussfreude mit Bewusstsein, und vielleicht deshalb finde ich im Nenia im Kühlregal original französische Vins Naturels, unter anderem von Henri Milan aus der Provence.

11. Emart

Emart Korea

Back to normal. Ähnlich wie in Deutschland wird in Seoul der meiste Wein nicht im exklusiven Fachgeschäft, sondern im Supermarkt verkauft. Deshalb habe ich mich zum Schluss noch einmal aufgemacht in die Outskirts, um mit dem Emart Mia ein bisschen mehr Alltagskultur zu erleben. Als ich aus der U-Bahn aussteige, wird mir zunächst einmal bewusst, dass diese Stadt zehn Millionen Einwohner hat und das Zentrum eines geschlossenen Ballungsraums von nicht weniger als 25 Millionen Einwohnern darstellt. Dies hier ist nämlich weiterhin Großstadt, also nichts mit echtem Outskirts-Feeling. Dennoch gibt es hier visuell keinen einzigen Nicht-Ostasiaten. Das Programm ist allein dadurch ganz sicher null auf Expats ausgerichtet.

Emart Korea Wein

Die wunderbare Ungestörtheit in der Weinabteilung verführt mich dazu, einfach mal durchzuzählen. Der durchschnittliche Preis für eine Flasche Wein liegt hier bei knapp 15 €, wobei das Segment unter 10 € ganz klar von Chile (und in Teilen Argentinien) dominiert wird. Ganz oben gibt es eine einzige echte Prestigeflasche, nämlich Guigals Château d’Ampuis für knapp 100 €. Gegenüber den Preisen, die ich aus Europa gewohnt bin, gibt es hier den geringsten Aufschlag aller bislang besuchten Läden, was aber natürlich auch mit den Abgabemengen und der Marktmacht bei Verhandlungen zu tun haben dürfte. Das Verhältnis von Alter zu Neuer Welt hält sich in etwa die Waage, während das bei Rot zu Weiß anders aussieht: Auf eine Flasche Weißwein kommen neun Rote.

Fazit: Wein in Seoul

Seoul House Gangnam Style

Wer bis hierhin durchgehalten hat: Fabelhaft und dankeschön! Für alle anderen Weininteressierten folgt an dieser Stelle das Fazit meiner Tour durch die Stadt:

  • Korea und insbesondere Seoul bieten die großartige Möglichkeit, die Entwicklung eines Weinmarkts from scratch zu beobachten.
  • Dabei befinden wir uns im 21. Jahrhundert nicht im luftleeren Raum. Guides wie der Kleine Johnson listen auf, welche Weingüter als besonders prestigeträchtig für die jeweilige Region gelten – und danach richten sich Einkäufer wie Kunden.
  • „Etikettentrinker“ bedeutet aber keineswegs nur, dass teure und prestigeträchtige Weine getrunken werden, sondern in der Tat auch solche, die mit möglichst farbigen und gegenständlichen Etiketten auf sich aufmerksam machen. Das Auge kauft mit. Gerade in einem enorm an Trends und Moden orientierten Land wie Korea ist das Visuelle ein entscheidender Faktor.
  • Hinsichtlich der Herkunft gibt es in Korea, ähnlich wie in vielen Nicht-Produktions-Ländern, hingegen keine großen Scheuklappen. In Frankreich steht zu 95% französischer Wein in den Regalen, ebenso wie italienischer Wein in Italien oder spanischer Wein in Spanien. In Seoul ist die ganze Welt zu Hause, bunt gemischt. Rot dominiert dabei allerdings Weiß.
  • Auch bei den deutschen Weinen wird primär klassisch eingelistet: Mosel und Rheingau sind vorn, tatsächlich sogar lieber in Trocken als in Fruchtsüß. Insgesamt ist die Auswahl an deutschen Weinen aber relativ gering.

Instagram und Weinmoden

Auf eine Sache bin ich bislang noch nicht explizit eingegangen, und das ist die Präsentation von Weinläden und Restaurants. In einer Stadt wie Seoul, die an vielen Stellen kostenloses WLAN eingerichtet hat, spielt die Welt des Prints praktisch keine Rolle mehr. Auch Websites sind nicht so wichtig. Was zählt, sind Tempo, Neuigkeiten, Visuelles, und das funktioniert am besten auf solchen Plattformen wie Instagram. Egal ob Läden wie der Red Tongue Wine Store oder Bars wie das Jungsik Café, der Gastro Pub Mirror oder das erstaunliche Thai-Restaurant Soi Mao, anhand der abgebildeten Etiketten kann man sich auf diese Weise am leichtesten orientieren, welche Art Wein dort angeboten wird. Und dann geht man hin oder eben nicht.

Neulich hatte ich mit Bini Lee vom spanisch-koreanischen Restaurant Kochu Karu in Berlin über meine Beobachtungen gesprochen. Sie bestätigt, dass der Weinmarkt in Seoul gerade durch die Decke geht. Aber sie hat auch sehr interessante Einschätzungen, was die nähere Zukunft anbelangt. Einerseits sei es ja toll, meint Bini, dass die Koreaner so aufgeschlossen sind, denn sonst hätte sich der Wein gar nicht oder jedenfalls nicht so schnell ausbreiten können. Andererseits bestünde die Gefahr, dass die Trend-Karawane irgendwann weiterziehe, solange Wein mehr Modeerscheinung sei. Da fehle es ein bisschen an der Verankerung, an dem Überwinden der Schwelle zur Etabliertheit.

Damit das passiert, braucht es Bildung. Aber nicht nur auf so sture Weise, dass dabei zwar Sommelier-Weltmeister herauskommen, die normale Bevölkerung aber unberührt bleibt. Sondern mit Spaß, mit Infotainment. Es gibt mittlerweile einen Komiker, der den Leuten die Materie mit Hilfe witziger Szenen im Manga-Stil näher bringt. Natürlich ist er für Monate im Voraus ausgebucht. Ja, mit solchen Ideen kann es funktionieren. Im November werde ich auf jeden Fall wieder in Seoul sein. Mal schauen, was sich bis dahin alles getan hat…

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