Natürlicher Dienstag #147 – New Kitz & Friends

Titel New Kitz & FriendsVor ein paar Tagen war ich in Kitzingen bei einer kleinen Weinmesse. Präsentiert haben sich die »New Kitz«, zusammen mit ein paar gleichgesinnten Freunden. Obwohl es sich um einen Montag handelte und ausschließlich Fachpublikum in das nicht gerade hochgradig urbane Kitzingen eingeladen wurde, war es richtig voll. Was noch dazu kommt: Kaum einer der »etablierten« Weinkenner in Deutschland dürfte von den hier vertretenen zehn fränkischen Weingütern viel gehört haben. Aber wie sagte mir ein Gast beim Plaudern: »Genau deshalb bin ich hier. Endlich mal vorn dran sein.« Kommt also mit zu den New Kitz und schaut, was sie zu bieten haben.

Wer sind die New Kitz?

Kitzingen war einst eine bedeutende Weinhandelsstadt. Im Jahr 1482 wurde hier das erste »Weingesetz« erlassen, das die weit verbreitete Panscherei begrenzen sollte und vom Bodensee bis nach Sachsen galt. Später etablierten sich bedeutende Weinunternehmen. Anfang des 20. Jahrhunderts galt Kitzingen sogar als »Stadt der 100 Weinhändler«. Die Hälfte davon war jüdisch, und ihr könnt euch angesichts der uns allen geläufigen Ereignisse der Nazizeit vorstellen, was das für Kitzingen bedeutete. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Stadtelite umgebracht oder vertrieben, die Kultur tot, die Wirtschaft am Boden, und nur wenige Weinhändler berappelten sich mehr oder minder. Michael Völker von den 2Naturkindern stammt aus einer solchen Kellerei- und Weinhandelsfamilie.

Als sich Melanie und er entschieden, 2012 wieder zurückzukommen nach Kitzingen, waren sie zwei intellektuelle Freaks, die Philosophie und Judaistik studiert hatten, in Heidelberg, New York und London im Verlagswesen gearbeitet, in der Londoner Szene der frühen 2010er Naturwein kennengelernt. Zwei Wesen von einem anderen Stern, die aber ein Ort wie Kitzingen so dringend brauchte. Als Quereinsteiger in schlichtweg allem taten sich sich vermutlich nicht leicht. Aber die ehemalige Weinkellerei Bernhard Völker bot viel Platz im Keller, und wie der stete Tropfen den Stein doch irgendwann zu bearbeiten beginnt, sprach sich das herum, was die beiden taten. Nach und nach fühlten sich auch andere davon angezogen und animiert, es auf ähnliche Weise zu versuchen.

Die New Kitz sind neben Melanie Drese und Michael Völker Simon Haag, Martin Hirsch und Thomas Patek. Alles Quereinsteiger, die ganz woanders gearbeitet hatten, räumlich wie fachlich. Jetzt haben sie ein Dach gefunden, einen Keller, und sie helfen sich gegenseitig. Am Abend davor hatten die New Kitz den Weinladen des Kollektivs eröffnet, jetzt folgte die kleine Fachmesse zusammen mit Gleichgesinnten.

Kleiner Hinweis: Die Reihenfolge der Weingüter ist die Reihenfolge meines zufälligen Rundgangs. Kitz & Friends gemischt sozusagen.

Wein Goutte, Hüttenheim

Wein Goutte

Emily Campeau und Christoph Müller gehören zu den »Friends«. Die beiden haben auch einen leicht abenteuerlichen Parcours hinter sich. Kennengelernt hatten sie sich in Österreich beim Weingut Weninger, wo Christoph arbeitete und Emily bei der Lese half. Offensichtlich fanden sie sich soweit ganz gut. Christoph stammt aus Baden-Württemberg und Emily aus der kanadischen Provinz Quebec. Als sich dann die Möglichkeit ergab, gemeinsam mit dem Ehepaar Haßold in Hüttenheim ein kleines Weingut zu bewirtschaften, gingen sie nach Franken. Weil Emily bis 2023 weiterhin remote den Weinbereich des Restaurants Candide in Montreal leitete, wurden die ersten Flaschen von Wein Goutte ausschließlich exportiert. Ich konnte ausnahmsweise ein Bottelchen vom Apfel-Cidre ergattern. Jetzt gibt es die Weine der beiden aber auch hier.

»Schlado«. Wisst ihr, was das heißen soll? Ich hatte keine Ahnung und musste mir diese urdeutsche Abkürzung von der Franko-Kanadierin Emy erklären lassen. »Scheiß Langer Donnerstag« heißt das, und es kam auf als Spruch im Einzelhandel, nachdem 1989 die Ladenschlusszeiten gelockert wurden. Das Verkaufspersonal musste dadurch nämlich donnerstags bis 20:30 Uhr arbeiten und konnte sich erst danach ein Weinchen genehmigen. Der super goutte Schlado 2023 besteht aus Regent, Domina, Schwarzriesling und noch ein paar anderen Stöcken. Weitgehend fußgestampft, teils im Holz und teils im Stahl ausgebaut, 20 mg Gesamt-SO2, unfiltriert, bio-zertifiziert. Der Wein ist hellrot, leicht, feinwürzige Himbeerfrucht, null Tiefgang, aber oh, welch Verführer, man muss ihn lieben! Ihr werdet es auch tun.

Simon Haag, Kitzingen

Simon Haag New Kitz

Wenn man sich mit Simon Haag unterhält, spürt man sofort, wie dankbar er dafür ist, dass so etwas wie das New Kitz existiert. Oder vielmehr: er Teil davon ist. »Ich war Ingenieur in Hamburg in der Industrie. Jetzt bin ich finanziell völlig vom Wein abhängig, habe 7,5 Hektar um Kitzingen herum. Aber woher sollte ich wissen, wie man guten Wein macht?« Dabei helfen ihm jetzt die anderen Kitz, und er hilft ihnen. Was ich krass finde: Simon hat keine Website (Korrektur: gaaanz neu), nur einen mittelgepflegten Instagram-Account. Und trotzdem kennt man ihn. Der Bruder meines Nachbarn, der in Rosenheim lebt, ist genauso begeistert wie Frank, der die Weine in Berlin importiert. Das ist echt eine neue Welt.

Natürlich habe ich alle Weine von Simon probiert, aber hier stelle ich ja von jedem Weingut nur einen Wein vor. Und das ist in diesem Fall der Sauvignon Blanc 2023 mit dem Namen »It’s like a jungle sometimes«. Na, wer vollendet? »It makes me wonder how I keep from goin’ under.« The Message von Grandmaster Flash. Ihr dürft mich gern Opa nennen, aber ich müsste davon irgendwo noch die Maxi-Single haben. Wie auch immer, der zugehörige Wein stammt vom Escherndorfer Fürstenberg, ist handgelesen, spontanvergoren, im 500 Liter-Tonneau ausgebaut, ungefiltert und besitzt etwa 20 mg freies SO2. Simon sagt, er schwefelt leicht des Risikos wegen, aber nachdem der 2024er Jahrgang jetzt so völlig problemlos durchgegoren ist, wartet er erstmal ab. Der Wein besitzt eine wahnsinnig klare Cassis-Note an Gaumen, ist sonst schlank, smooth, wirklich null kitschig. Sehr spannend.

Thomas Patek, Kitzingen

Thomas Patek New Kitz

Thomas Patek ist auch so ein ehemaliger Ingenieur aus dem Entwicklungsbereich. Wer das genau wissen möchte und ein bisschen mehr Zeit hat, sollte sich auf jeden Fall die Genuss im Bus-Folge von Wolfgang Staudt anhören. Da sprechen die beiden geschlagene 90 Minuten miteinander. Ich hatte Thomas schon bei den Weinfreundschaften in Iphofen getroffen, seinen Silvaner im Freispiel Franken-Artikel dabei und seinen Rosé im Keller. Als ich ihn nach dem Rosé frage, meint er, »ah, der 22er! Na, da hab ich 2023 was anderes probiert«. Aus 2023 hat er aus den Domina-Trauben nämlich erst einen hellen Roten und dann noch einen dunklen Roten gemacht (die Flaschen seht ihr auf dem Foto links im Hintergrund). Was soll ich sagen? Keep on movin’!

»Gleich« geblieben ist sozusagen der Silvaner. 35 Jahre alte Reben auf Muschelkalk, kurze Maischestandzeit, zwei gebrauchte 500 l Tonneaux und eine 320 l Amphore, spontan vergoren, ein Anteil Amphore mit zehntägiger Maischegärung, 10 Monate auf der Hefe, unfiltriert, geringe Schwefelgabe, 12,5 vol%. Soweit das Technische. Der Wein ist dann gleichzeitig schmeichelnd im Mundgefühl und kernig in seiner Säurestruktur. Hat mir sehr gefallen. Die Mär, dass Silvaner keine Säure halten könnte, scheint tatsächlich eine zu sein.

Martin Hirsch, Sulzfeld

Martin Hirsch new Kitz

Martin Hirsch gehört ebenfalls zu den New Kitz. Er arbeitete in der Medienbranche in Frankfurt und kam zur Corona-Zeit zurück aufs Land, wo sein Vater einen kleinen Weinbaubetrieb führte. Vorher wollte Martin damit wenig zu tun haben, und auch jetzt wäre der konventionelle Ansatz gar nicht sein Ding gewesen. Nachdem sein Vater aber überlegte, auf Bio umzustellen und er selbst (Trink)Erfahrung mit Naturwein hatte, kamen schon mal zwei Sachen zusammen. Martin hatte nebenher in der Gastro gearbeitet, kündigte jetzt aber und ging voll ins Risiko. Dass es sich lohnt für ihn, hoffe ich von Herzen. Dass es sich lohnt für uns, wird spätestens beim Probieren klar.

Der Silvaner »Plateau« 2022 stammt vom Muschelkalk, handgelesen, fußgestampft, kurze Maischestandzeit, spontanvergoren, 18 Monate auf der Vollhefe im Stahl, ungefiltert, 16 mg Gesamt-SO2, 12 vol%. Unheimlich rauchig-reduktiv riecht der Wein in der Nase, Wildleder, das ist in der Kombination verblüffend attraktiv, glaubt es mir einfach. Im Mund gibt es nicht wenig Extrakt, fast kann man eine leichte Süße zu spüren, die aber wahrscheinlich eher von der Hefe stammt. Hinten schließt sich eine flächig-apfelige Säure an, schon wieder ein wirklich richtig interessanter Wein.

Stephan Krämer, Auernhofen

Stephan Krämer

Wenn von den New Kitz die Rede ist, haben wir hier ein Old Kid vor uns. Stephan Krämer ist ja »eigentlich« Bio-Landwirt in Auernhofen, aber uneigentlich hat er eine besonders große Leidenschaft für seine Weine, die im Taubertal wachsen. Ich kenne Stephan und seine Weine schon länger. Seine Website ist nie so gepflegt wie seine Reben, die öffentlich abrufbaren Informationen stets äußerst dürftig. Hier werden Prioritäten gesetzt. Die Reben stehen übrigens im Tauberzeller Hasennestle und im Röttinger Feuerstein, zwei richtig guten Lagen, die aber nie auf den Etiketten erscheinen dürfen. Stephan möchte sich mit seinen trüben Gewächsen nicht mit der Administration herumärgern, und »Taubertäler Landwein« ist ja auch eine schöne Herkunftsbezeichnung.

Ich weiß nicht, ob heute biodynamischer Fruchttag war, aber irgendwie hatte ich bei Stephans gesamter Kollektion den Eindruck, dass die Weine noch nie besser waren. Statt also solch exklusives Zeug wie den Flor hier vorzustellen, möchte ich »ganz unten« in wahrhaft angebrachten Gänsefüßchen anfangen. Der kleine Wein heißt schlicht »Taubertal Weiß« 2022 und enthält alles an Rebsorten und Vinifikationselementen, die das Weingut zu bieten hat. Handlese, Spontangärung, ungeschönt, unfiltriert, Holzausbau, ein Teil IZ ist auch mit drin, 11,5 vol%. Wer dem Wein zuhört, wird feststellen, dass er unheimlich komplex ist. Man spürt das Holz ein wenig, dann kommt aber auch eine reine Traubigkeit durch, Grip gibt es, Saft, einen freiapfeligen Ton ebenfalls. Wenn das der Einstieg ist, muss man das Wort nochmal neu definieren.

Virgilios Erbe, Iphofen

Virgilios Erben

Der schräge Schnitt eint bei Virgilios Erbe Flasche und Winzer. Virgilios Erbe ist Nick Hanel, und Virgilio heißt sein Großvater aus Kampanien. Nick arbeitet bei Andi Weigand (kommt später noch) und hat das Weinprojekt eigentlich nebenbei begonnen. Dass Virgilio einstmals Silvaner angebaut hat, darf bezweifelt werden. Aber vielleicht hatte er einen ähnlichen Ansatz zwischen Naturvertrauen und Präzision.

Nick hat genau einen Wein mitgebracht, er macht auch nur jeweils einen pro Jahrgang. Dieser heißt »Liquid Love« und ist ein reiner Silvaner aus dem Iphöfer Kronsberg. Direktpressung, ein Jahr Ausbau, teils Edelstahl, teils Holz, ungeschönt, unfiltriert, ungeschwefelt und nach der Abfüllung noch zwei Jahre Flaschenreife abgewartet. Ich finde es spannend, wie Nick hier mit den Ansätzen spielt. Das Etikett besteht aus selbst besprühtem und zurechtgeschnittenem Papier, während der Wein klassisch natural, tief und wertig erscheint. 2021 ist die striktere Variante, 2022, sagt Nick, sei vom Ausdruck her entspannter.

Max sein Wein, Dertingen

Max sein Wein

»The odd one out«, das ist Maximilian Baumann auf dieser Messe. Warum? Nicht wegen seines Ansatzes oder seines Weins (in meiner alten Heimat würde man »ihn saan Waan« sagen, pardon »såen«), sondern weil er formal aus Baden stammt. Die Reben stehen nämlich in Dertingen, Tauberfranken. Dort gibt es wiederum formal nur eine einzige Lage, den Mandelberg. Aber wer die Karte betrachtet, stellt fest, dass unter dem Namen mindestens fünf grundverschiedene Berge vereint sind. Vielleicht aus diesem Grund macht Max für einen Naturwein-Winzer extrem viele Weine. Ich glaube gar, ein ganzes Dutzend oder gar noch mehr, und das bei 3,5 Hektar. Logischerweise sind die Mengen gering.

Ausgewählt habe ich hier den Silvaner rechts auf dem Foto. Wer da jetzt »Nürnberg« ergänzt, sollte lieber nochmal Lückendiktat üben. Hier braucht man nämlich nur einen einzigen Buchstaben zu kaufen, das E, und schon kommt »Neuenberg« heraus, die genaue Herkunftsangabe. Die Reben sind 45 Jahre alt, handgelesen, der Wein ist unfiltriert, mehr als 12 vol% werden es auch hier nicht. Aber mehr braucht es auch nicht. In der Nase fast klassisch nussig, etwas Bratapfel, am Gaumen dann viel Feuer, leicht Rauch, dazu weiter die Apfelfrucht. Das ist ein erstaunlich dichtes Exemplar, das mich spontan an einen Jura-Savagnin erinnert – nur mit weniger strikter Säure.

2Naturkinder, Kitzingen

2Naturkinder New Kitz

Hier sind sie, Vater und Mutter Naturwein in Kitzingen, Melanie Drese und Michael Völker. Ihnen ist es zu verdanken, dass es die New Kitz gibt. Und nicht nur das. Jedesmal, wenn ich mich mit Michael unterhalte, hat er nämlich wieder irgendeine verblüffende Erkenntnis aus der Welt des Weinbaus zu bieten. Das liegt nicht nur daran, dass die 2Naturkinder immer weiter mutig ausprobieren, selbst wenn ihre Range mittlerweile international sehr gut dasteht. Sondern es liegt auch daran, dass die beiden beobachten können, systematisch beschreiben, dokumentieren, Schlüsse daraus ziehen, übertragen. Sowas lernt man (es tut mir leid, aber so ist es einfach) in einem geistes- oder sozialwissenschaftlichen Studium. Dabei spielt es meiner Erfahrung nach keine große Rolle, wie das Fach genau hieß, denn es ist ja ein durchgängiges Prinzip. Wenn Leute also glauben, sowas könnte man später in anderen Berufen nicht gebrauchen, haben sie schlicht keine Ahnung.

Aber zum Wein der 2Naturkinder. Probiert habe ich sie eigentlich alle schon einmal, und mein all-time favourite bleibt der »Weinschwärmer«, eine kühne Cuvée aus Riesling und Grauburgunder. Hier seht ihr aber den Klassiker der 2Naturkinder. Ich weiß nicht, ob es ihr erster war, aber der Silvaner »Heimat« existiert schon ganz schön lange. Das Linolschnitt-Etikett ist hingegen recht neu. »2022 hat eine tolle Phenolik«, sagt Michael, »das zieht sich durch alle Weine. Nasse Jahre werden uns manchmal ein wenig zu fruchtig im Ausdruck«. Die Heimat bringt 11,5 vol% auf die Waage, ungeschwefelt. Zunächst gibt es viel Grip, der Wein zeigt sich noch sehr jung und etwas unzugänglich. Dann kommt aber eine unterschwellige Seidigkeit, die für die kommenden Jahre enorm viel verspricht.

Stefan & Katja Vetter, Gambach

Stefan Vetter

Waren Melanie und Michael symbolisch Vater und Mutter der New Kitz, haben wir mit Katja und Stefan Vetter die, tja, vielleicht gar deutschlandweiten Pioniere der Naturwein-Bewegung vor uns. Obwohl ich glaube, dass die beiden weder die Absicht noch das Selbstverständnis hatten, Teil einer Szene oder einer Mode zu sein. Die Vetter’schen Weine sind einfach seit Jahren so, wie die Schöpfer sie haben wollen. Das war mal ein ganz krasses Alleinstellungsmerkmal, das die Weinwelt gespalten hat. Aber mittlerweile gibt es hier und da immer mehr Leute, die ihre Trauben bewusst früh einbringen und schlanke Weine mit viel Spannung erzeugen. Die Kunst dabei ist halt, doch eine gewisse innere Reife mitzugeben und nicht lediglich Hipster-Verjus zu produzieren. Wer mal gereifte Weine der Vetters probiert hat, weiß, dass sowas geht.

Ich probiere bei Stefan zum ersten Mal seinen großen Roten, den Spätburgunder SCB 2021. Was »SCB« bedeutet, darf er zwar nicht aufs Etikett schreiben, aber man darf es sagen: Klingenberger Schlossberg. Nicht weniger. Im kühlen Jahrgang 2021 bringt der Wein lediglich 9 vol% mit, aber das ist im Weingut ja keine Ausnahme. Schlank kommt der Spätburgunder deshalb daher, aber mit einer hohen Duftigkeit in der Nase, die sich gleich mit in den Mundeindruck hineinzieht. Jener wird geprägt von einer sehnigen Präzision, die ich überhaupt nicht als herb bezeichnen würde. Der Holzeinfluss ist spürbar, auf der anderen Seite zeigt sich zart eine beginnende Würze. Ich glaube, trotz des geringen Alkohols ist das ein Wein, der noch Jahre reifen kann bis zum harmonischen Höhepunkt. Das wird immer ein eher ätherisches Gewächs bleiben, aber eben in sich ruhend.

Andi Weigand, Iphofen

Andi Weigand

Letzte Station bei den New Kitz-Freunden. Andi Weigand, ich hatte mich letztes Jahr lange mit ihm unterhalten, ist so ein Typ, den man auch gern mal falsch einschätzen kann. Es gibt sicher Leute, die denken, das ist so ein Laissez-Faire-Eigenbrötler, dem vieles einfach wurscht ist. Tatsächlich aber arbeitet Andi enorm viel, kontrolliert alles ständig und hat es durch diesen strengen Ansatz geschafft, seine ausschließlich ungeschwefelten Weine immer sauber zu halten. Okay, wir sind hier im Naturwein-Spektrum, das ist natürlich eine andere Art der Frucht als im »konventionellen« Bereich. Aber Mäuseln oder eine zu hohe Flüchtigkeit habe ich noch bei keinem Weigand-Wein erlebt, der auf den Markt kommt.

Selbstredend gilt das auch für den Wein rechts auf dem Foto. »Skin« ist ein reinsortiger Silvaner aus 50 Jahre alten Reben, spontanvergoren und neun Monate auf der Maische belassen im original georgischen Kvevri, mit der Korbpresse sanft gepresst, unfiltriert und wie erwähnt ungeschwefelt auf die Flasche. 11,5 vol% und bio-zertifiziert. Apfel, Rauch, ideale Säure und etwas, das ich als »Silvanersubstanz« bezeichnen würde, eine unschwere Dichte. Das Tannin ist zwar vorhanden, aber enorm zart, was man gar nicht glauben würde bei neun Monaten Maische. Aber ich weiß von meiner Georgien-Reise im September, dass es das auch dort gibt. Oder vielmehr, das zeichnet gute Kvevri-Weine sogar aus.

KarSey Winemaking, Buch bei Ebrach

KarSey Winemaking

Cris war als Besucher auf der Messe dabei, und weil ich auf meinem Rückweg nach Bamberg eh fast daran vorbeikomme, dachte ich mir, fahre ich doch mal zu KarSey Winemaking. Hinter diesem Namen verbirgt sich das Geisenheim-Ingenieurs-Paar Pia Karamarko (Gartenbau) und Christopher Karamarko-Seybold (Weinbau). Die beiden haben in ihrer Scheune in Buch bei Ebrach (Kreis Bamberg!) richtig spannende Weine in Holzfässern stehen. Teilweise vom Kirchschönbacher Mariengarten, teilweise vom Handthaler Stollberg. Beide Lagen befinden sich direkt am Hang des Steigerwalds, man spürt den Einfluss der Bäume fast. In Umstellung auf Bio sind sie auch, und selbst wenn das bislang nur nebenberuflich mitgelaufen ist, dürften da künftig sehr spannende Sachen herauskommen.

Ich probiere ein paar Fassproben, unter anderem einen Grünfränkisch, in dem sich noch ein Teil Adelfränkisch befindet. Das wird ein echter Bringer, da bin ich mir sicher. Für den Moment bleibe ich jedoch bei der konservativ-fränkischen Variante, was ja nur heißen kann: Silvaner. Der Pure Silvaner 2022 wurde selbstverständlich handgelesen (die beiden haben eh keine Maschinen), eingemaischt, mit der alten Korbpresse ausgewrungen, spontan vergoren, im gebrauchten Tonneau ausgebaut, unfiltriert, 20 mg SO2. Im Glas sehe ich sofort, was »unfiltriert« hier bedeutet, nämlich richtig trüb und richtig kraftvoll in der Farbe. In der Nase die leichte Mostigkeit, typisch für Naturwein, dann aber auch Nougat vom Holz und eine reife Orangenfrucht. Genau das bleibt im Mund bestehen, Nougat, Nuss, Bratapfel, Orangenzeste, ganz trocken, feine Säureader, und das alles bei nur 11 vol%. Jawoll meine Lieben, so kann es weitergehen!

Mein Fazit: The Kitz are alright

Das sind sie definitiv. Erst einmal gilt das für das Endprodukt, also die Weine. Alle zeichnen sich aus durch geringen Alkohol, eine meist herzhafte Säure, eine innere Dichte und damit einhergehend ein, ich nenne es mal so, Transparenzgefühl trotz des vorhandenen Trubstoffs.

Was man auch spürt, ist eine gewisse Schule, eine gewisse Beherrschung und Beachtung wichtiger Elemente der Weinbereitung. Damit man einen »belassenen« Naturwein machen kann, muss man nämlich vorher unheimlich aufmerksam arbeiten. Erstmal im Weinberg, Stichwort gesunder Boden und gesunde Trauben. Alle Weingüter hier sind auch entweder schon bio-zertifiziert oder befinden sich in Umstellung. Dann bei der Lese, beim Verarbeiten, auch bei Sorgfalt und Sauberkeit im Keller. Hier darf nämlich nicht mit Aktivkohle oder Doppelsalzentsäuerung oder Gummi Arabicum gearbeitet werden, wenn einem das Ergebnis nicht gefällt.

Das Ergebnis wiederum unterscheidet sich trotz der nicht vorhandenen Weinfehler (eigentlich dürfte die Qualitätsweinprüfung nichts zu meckern haben) aromatisch und im Ausdruck deutlich von herkömmlichen Weinen. Stephan Krämer erzählte mir von einem Tasting mit hochkarätigen Weinen, die ihm irgendwie ganz lasch vorgekommen seien. Das kann ich nachvollziehen. Diese Weine haben Spannung und Zug, dafür keine Tropenfrucht. Das muss man mögen, oder man tastet sich heran.

Schließlich, und das ist für mich einer der entscheidenden Punkte der New Kitz, gibt es hier nicht nur ein Gemeinschaftsgefühl, sondern echt hands on. In fortschrittlich denkenden Kreisen anderer Industrien ist es im Moment angesagt, Dinge ganz bewusst gemeinsam mit der »Konkurrenz« zu machen. Weil (wie die Band Kante auch wusste) das, was dabei herauskommt, mehr ist als die Summe der einzelnen Teile. Das bleiben ja eigene Betriebe mit eigenen Kalkulationen. Aber die Strahlkraft eines Gemeinschaftswerks, und das auch noch unter einem superleicht merkbaren Namen wie eben New Kitz, überwiegt das Herunterdimmen der einzelnen Egos.

Summe summarum: Ich finde es großartig, dass hier in Franken solche Ansätze möglich sind, sowohl was die Weinphilosophie als auch die Unternehmensphilosophie anbelangt. Und ich bin mir sehr sicher, dass die New Kitz noch ziemlich weite Kreise ziehen werden. In ihrer Nische natürlich. Aber Bewegungen können ja manchmal eine größere Bedeutung bekommen, als man das zu Anfang gedacht hätte…

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5 Antworten zu Natürlicher Dienstag #147 – New Kitz & Friends

  1. EC sagt:

    …ganz schön viel Fachpublikum auf dem Bild, schade, daß ich da nicht dazugehöre! Aber zum Glück gibt’s ja Dich als verläßlichen Chronisten, vielen Dank dafür!

    • Bodo sagt:

      Schöner Bericht ! Ich war am Sonntag davor bei der “kleinen” Hausmesse” und habe mich durch das Völker`sche Haussortiment probiert. Da waren richtig gute Sachen dabei (mein Favorit der 19er Wilde Heimat vom 2Naturkinder), wobei es auch in puncto Sauberkeit der Weine praktisch nichts zu bemängeln gab. Lediglich 1 Wein hat für mich etwas “gemäuselt”.

    • Matze sagt:

      Gern geschehen (tausend Jahre später 😉 …). Wie Bodo schon schrieb, am Tag davor haben die New Kitz ihre Weine für alle präsentiert. Ich weiß allerdings nicht, ob es ein ähnliches Line-up war. Aber ab jetzt gibt es die Weine der New Kitz freitags zwischen 13 und 18 Uhr im Gebäude der 2Naturkinder zu probieren (und vermutlich auch zu kaufen).

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