Natürlicher Dienstag # 103 – U Stiliccionu

Domaine U Stiliccionu

Es ist Sommer, und es lockt das Meer. Wir verlassen also das gemütliche Silvanerfranken und machen uns für diesen Natürlichen Dienstag auf nach Korsika. Sébastien Poly-Casabianca stammt zwar von der Mittelmeerinsel, hatte sie aber aus Ausbildungs- und Arbeitsgründen wie so viele schon in jungen Jahren verlassen. Er studierte zunächst Ökonomie in Toulouse und dann Landwirtschaft in Cahors, arbeitete im Weinbau in Neuseeland und im ungarischen Tokaji. Dann aber starb sein Großvater François Casabianca, und Sébastien erbte 4,5 ha Land mit Reben, Olivenbäumen und Bienenstöcken – die Domaine U Stiliccionu.

Refugium in Korsikas Westen – die Domaine U Stiliccionu

Wir schreiben das Jahr 2006, in dem Sébastien auf die Insel zurückkehrte. Sein Großvater hatte sich um die lokale Kultur verdient gemacht und ausschließlich autochthone Rebsorten gepflanzt. Allerdings versorgte er mit seinen Weinen praktisch nur eine lokale Kundschaft, die in sein table d’hôte zum Essen und Trinken kam. Sébastien musste U Stiliccionu also ein bisschen aufstocken und umstrukturieren, um auch künftig über die Runden kommen zu können. Zunächst erwarb er zusätzliche 3 ha Land, stellte den ganzen Betrieb auf biologische, später auch biodynamische Bewirtschaftung um (zertifiziert Demeter) und erwarb sich so langsam Aufmerksamkeit in französischen Weinkreisen.

Die Cuvée Antica, die ich euch hier vorstellen möchte, stammt zu 100% aus der heimischen Rebsorte Sciaccarellu (= Mammolo). Neben Niellucciu (= Sangiovese) ist das die zweite mengenmäßig und qualitativ bedeutsame Rebsorte auf Korsika. Daneben gibt es noch eine ganze Reihe anderer alter Rebsorten, die zunehmend wieder ins Rampenlicht geraten. Während die Weine jener Sorten aufgrund nicht ganz zeitgemäßer Appellationsregularien hingegen oft nur als Vin de France auf den Markt kommen, sind die Weine der Domaine U Stiliccionu als AOP Ajaccio gelabelt. Die Reben für den Antica stammen aus dem Jahr 1990 und wachsen auf Schiefer und vor allem Granit. Die achtsame Arbeit aus dem Weinberg setzt sich im Keller fort. Der Antica ist dabei der kleinste Rote. Die Trauben werden entrappt, der Wein im Edelstahl spontan vergoren und ausgebaut. Nach zehn Monaten kommt der Antica dann ohne Schwefelung auf die Flasche.

Wie schmeckt der Wein?

Die Weine von Sébastien Poly sind bekannt dafür, dass sie sich eine erstaunliche innere Frische erhalten, die man bei dem heißen Klima gar nicht erwarten würde. Ob es mich an das „neue Roussillon“ à la Gauby, Matassa oder Danjou-Banessy erinnern würde? Ich war gespannt.

Ein mittleres Rubinrot fließt ins Glas, nicht allzu dunkel. In der Nase gibt es zunächst einen minimalen Reduktionston, aber wirklich mini. Dann setzen sich Nuancen von Unterholz, von Pfeffer und dominierend Holunder durch, vor allem Holundermark. Am Gaumen ist das ein Wein mit mittlerem Körper und ebenso gefühlt mittlerer Säure. Die zitierte innere Frische erschließt sich mir vor allem im Vergleich mit anderen mediterranen Roten. Insgesamt ist das nämlich keinesfalls ein nordisch anmutendes Produkt oder eins, das aus bewusst früh geernteten Trauben stammt. Vielmehr sind da für mich drei Elemente charakterbildend: das Holunderige in der sehr schön präsenten Frucht, die pfeffrige Würze und die vielen trockenen Garrigue-Kräuter, besonders im Nachhall. Oregano, Salbei, etwas Minze, das passt alles exakt in die Region.

Ich persönlich finde den Wein vielleicht tatsächlich ein bisschen zu fruchtbetont, aber in aller Regel beschwert sich darüber niemand. Wer ansonsten Angst vor Naturweinen hat, kann sich hier völlig entspannen. Alles ist harmonisch, keine flüchtige Säure, keine freakigen Töne, sehr klassisch und offenbar auch sehr sauber gearbeitet.

Wo habe ich ihn gekauft?

Gekauft habe ich den Wein, tja, irgendwo in Frankreich. Präziser kann ich leider nicht werden, weil mir die zugehörige Excel-Datei vor einiger Zeit abgeschmiert war. Aufmerksam geworden war ich auf U Stiliccionu allerdings schon vorher. Und zwar bei Jürgen Hammer und Manuela Sporbert in der legendären Weinkostbar in Berlin. Dort hatte ich die große Cuvée Sottu Scala erstanden, die immer noch bei mir im Keller schlummert.

Wenn ich mich nicht täusche, gibt es allerdings mindestens einen Ort, an dem ihr die Cuvée Antica 2016 in Deutschland erwerben könnt, und das ist Passion Vin von Sébastien Visentin. Dort kostet der Wein 26,50 €.

Erdbeerbaumfalter

Ansonsten ist Korsika natürlich eine Insel, die einen Besuch und ein Probieren vor Ort immer lohnt. Gut, viel zu verkaufen gibt es bei U Stiliccionu natürlich nicht, aber das Meer mit dem Sandstrand von Tenutella ist nur zehn Fahrminuten entfernt, die prähistorische Stätte von Filitosa sogar nur einmal über den Nachbarhügel. In Ermangelung eines eigenen Fotos der Gegend zeige ich euch hier mal einfach den Erdbeerbaumfalter. Den gibt es dort nämlich, und mit etwas Glück werdet ihr ihn auch so sehen können wie ich. Mit anderen Worten: Auf nach Korsika! Im nächsten Mai, würde ich vorschlagen…

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