Die Große Silvaner-Schau – Lagenweine 2019

Lagenweine Silvaner 2019

Das Konzept der Lagenweine ist etwas, das alle begeistern muss, die bei Nahrungs- und Genussmitteln nicht ausschließlich ans möglichst billige Überleben denken. Es geht nämlich um den sense of place, dieses Verständnis, dass an einem bestimmten Ort auch bestimmte kulturelle und naturräumliche Bedingungen existieren. Und diese wiederum dienen als Hintergrundfolie für die Erzeugung unverwechselbarer Weine. Was denn, das erscheint euch zu theoretisch und abgehoben? Dann lasst uns einfach mal vier Lagen und vier Silvaner-Lagenweine anschauen. Von Brügel, Hemberger, Walter und Brennfleck.

Silvaner-Lagenweine 2019

Dieser Artikel über die Lagenweine ist sozusagen die logische Fortsetzung des Artikels letzte Woche über die Guts- und Ortsweine. Die Lagenweine stellen nach der jetzt im Weingesetz auch festgeschriebenen Definition nämlich die nächste Ebene dar. Je kleinteiliger die Herkunftskategorie, desto hochwertiger der Wein. Das sehen die Winzerinnen und Winzer in der Regel genauso, weshalb sie ihre Lagenweine erst nach den Guts- und Ortsweinen auf den Markt bringen. Deshalb habe ich mich auch entschlossen, hier vier Silvaner aus dem Jahrgang 2019 vorzustellen, weil die 2020er erst nach und nach gefüllt werden.

Und noch etwas hatte ich beschlossen: Für diese Kategorie muss ich keineswegs die VDP-Superstars anzapfen. Dieser sense of place ist nämlich bei den eher regional orientierten Qualitätswinzern ebenso verankert. Beginnen möchte ich bei meiner kleinen Tour am Rand des Steigerwalds.

Abtswinder Altenberg

Abtswinder Altenberg

Der Abtswinder Altenberg ist zuallererst einmal ganz schön steil. Das wissen die Winzer vor Ort natürlich, aber es wird auch dem gewöhnlichen Weinwanderer bewusst, der – wie bei jeder vernünftigen Weintour – seine Expedition im Roggenfeld am Fuß des Hügels beginnt. Es gibt für Karten- und Lagenfreaks übrigens zwei schöne Websites, die ich selbst praktisch täglich konsultiere. Zum einen ist das die Seite des Deutschen Weininstituts, zum anderen die Website Weinlagen-Info, bei denen ich hier jeweils den Altenberg verlinkt habe. Auf beiden Karten könnt ihr auch erkennen, dass der Altenberg gerade einmal ein paar Kilometer von der A3 entfernt liegt. Ein idealer Ort also für ein kurzes Zwischenpicknick, wenn ihr wieder einmal dort durchrauschen solltet. Ansonsten befinden wir uns hier am Rand des Steigerwalds, also mitten im Keuperland.

Weingut Brügel – Abtswinder Altenberg Alte Reben

Brügel Silvaner Altenberg

Das 6 ha kleine Weingut von Harald und Elke Brügel hat durchaus einen Namen in Franken. Auch wenn die beiden wichtigsten Lagen, der Abtswinder Altenberg und der Greuther Bastel (kommt von Sebastian, einem historischen Besitzer), sicherlich nicht allen Weininteressierten geläufig sein dürften. Bei den Brügels steht der Silvaner ganz im Zentrum. Dabei gibt es nicht nur die nachvollziehbare Reihe von Guts-, Orts- und Lagenweinen, sondern auch noch ein paar Edelsteine und Experimente darüber. Eine maischevergorene Version beispielsweise sowie den Filetstück genannten Spitzenwein aus der besten Bastel-Parzelle.

Hier sind wir aber im Abtswinder Altenberg, und ich schrieb ja bereits, dass es mir in dieser Rubrik mehr um den Lagenausdruck geht als um die zweifellos vorhandene Winzerkunst. Und, wonach schmeckt er nun, der Altenberg? Erst einmal ist er eines ganz sicher nicht: aufdringlich. In der Nase gibt es nur ganz zarte Noten, eher würzig-pflanzlich als fruchtig. Am Gaumen zeigt sich Brügels Altenberg mit einer durchaus vorhandenen Spannung, mit Säurekick und Erdigkeit. Genau das deutet für mich aber darauf hin, dass es sich um einen Wein handelt, der hält. Keuper steht ja in Franken ein bisschen für Langlebigkeit, und so ganz falsch ist das nicht. Zum Abschluss die technischen Werte: 13,5 vol%, 13 € ab Hof.

Rödelseer Küchenmeister

Rödelseer Küchenmeister

Der Küchenmeister ist allein seines Namens wegen sicher eine der bekannteren Lagen in Franken. Auch er befindet sich auf Keuperboden, und auch er blickt nach Westen in Richtung Main, Kitzingen und zumindest gefühlt Würzburg. Im Rücken hält der Schwanberg die berüchtigten sibirischen Kaltlufteinbrüche fort. Gut leicht übertrieben, aber Wald auf der Kuppe hat ja immer einen positiven Einfluss auf Wasserhaushalt und Mikroklima. Wenn man aus Rödelsee hoch zu den besten Parzellen möchte, steigt das Gelände zum Ende übrigens wie bei einem Schüsselrand immer mehr an. Linkerhand geht der Küchenmeister dann direkt in den Iphöfer Julius-Echter-Berg über.

Weingut Hemberger – Rödelseer Küchenmeister Alte Reben

Hemberger Silvaner Küchenmeister

Direkt an der Straße zwischen Rödelsee und Iphofen befindet sich das Weingut Hemberger. Tobias Hemberger ist schon seit ein paar Jahren für den Keller zuständig, und seit letztem Jahr geht es auch draußen in Richtung Bio-Zertifizierung. Die Hembergers haben wie die Brügels einen Silvaneranteil von feinen 40% in ihren Weinbergen, was etwa 10% mehr ist als im fränkischen Durchschnitt.

Mit den Alten Reben verhält es sich ein bisschen wie mit den Alten Herren beim Fußball. Über 30 darf man mitmachen. In der Nase glaubt man den Staub des Hartplatzes schon spüren zu können – oder ist es doch der Keuper? Am Gaumen zeigt sich der Küchenmeister interessanterweise eher mellow. Da hatte der Altenberg mehr Schwung. Aber unser Freund aus Rödelsee punktet mit einer pimenthaften Würze, die tatsächlich zum Speisen einlädt. Auch hier gilt: Wartet bis zum Rückspiel in zwei Jahren. Bis dahin ein paar Zahlen: 13 vol% und 10 € ab Hof. Ja, ein Cent weniger, und der Wein hätte beim vorigen Artikel mitspielen können.

Bürgstadter Centgrafenberg

Bürgstadter Centgrafenberg Hundsrück

Der Bürgstadter Centgrafenberg ist eine der legendären Lagen in Franken. Wir sind hier in Churfranken, dem Buntsandsteinland am Spessart. Von Bürgstadt ist es ungefähr gleich weit nach Würzburg, Frankfurt und Heidelberg, die Zentralgewalt des Freistaats erscheint doch schon recht fern. Auf meinem Foto seht ihr im unteren Teil mit den Terrassen übrigens den alten Centgrafenberg. Darüber thront das, was mittlerweile als Hundsrück eine eigene Lage ist. Rechts am äußersten Bildrand, also dort, wo der Centgrafenberg seine Blickrichtung auf Südost ändert, stehen die Silvanerreben von Christoph Walter.

Weingut Josef Walter – Centgrafenberg

Walter Silvaner Centgrafenberg

Das Weingut Josef Walter ist, die churfränkische Lage deutet schon darauf hin, primär ein Rotweingut. Auf 70% der ohnehin kaum 4 ha großen Fläche steht Spätburgunder. Jener aus dem Hundsrück ist der Star im Stall, der Silvaner hingegen eher ein (wenngleich sehr geschätzer) Exot.

Ich schnuppere ins Glas und muss gleich ein bisschen lächeln. Hatte ich nicht von Churfranken als einer eigenen Welt gesprochen? Dieser Wein unterscheidet sich eklatant von seinen beiden Vorgängern. Stoffig bereits in der Nase, ein wenig laktisch vom biologischen Säureabbau (nehme ich jedenfalls an), Orangennoten, Mandarine. Auch im Mund ist das ein Weißwein eines Rotweinwinzers. Keine showy Primärfrucht, sondern Textur, ganz trocken (1,1 g Restzucker), wirklich interessant. Eigentlich wirkt der Wein gar nicht wie ein Produkt aus Deutschland, sondern, tja, vielleicht wie ein imaginärer Auxerrois aus Burgund. Das ist der Stein, das ist der Winzer, und für beides zusammen sage ich: Respekt. Zum Schluss noch die Zahlen: 13 vol% und 11 € ab Hof.

Sulzfelder Maustal

Sulzfelder Maustal

[In Kooperation mit dem Weingut Brennfleck] Zu guter Letzt geht es noch einmal zurück ins Maindreieck. Ich stehe hier auf halber Höhe im Sulzfelder Maustal. Unter mir Muschelkalk, vor mir hinter den Wiesen versteckt der Main, dann der Ort Marktsteft und am Horizont der Schwanberg von vorhin mit den Keuperlagen um Iphofen und Rödelsee. Gerade eben – das könnt ihr auf dem Foto natürlich nicht sehen – bin ich hintereinander einem Rehbock und einem Fuchs begegnet. Das Maustal, ein Ort, an dem sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen? Nun, weinbezogen nicht unbedingt, denn hier gibt es seit ein paar Jahren eine ganz schöne Dynamik.

Weingut Brennfleck – Sylvaner JHB Sulzfelder Maustal

Brennfleck Silvaner JHB Maustal

Und einen Teil der Dynamik seht ihr auf diesem Foto. Hugo Brennfleck hat mittlerweile nicht weniger als 31 ha unter seinen Fittichen. Und auf 60% der Weinbergsfläche steht Silvaner. Obwohl er auch Reben im Iphöfer Kronsberg, im Rödelseer Küchenmeister und im Escherndorfer Lump besitzt, holt Hugo Brennfleck seine besten Silvaner doch aus dem Maustal. Und schenkt ihnen ein Y als zweiten Buchstaben. Ansonsten steht auf dem Flaschenetikett eine Menge. Man erfährt, dass es sich um eine spezielle Edition handelt, nach dem Sohn des Hauses Johann Hugo benannt, und dass der Wein spontan vergoren wurde. Was nicht dort steht, ist die Ganztraubenpressung und der Ausbau im Holzfass. Letzteres reicht vom neuen Doppelstückfass bis zum 50 Jahre alten Methusalem.

Spannend: Schon wieder kein Wein, der die Primärfrucht nach vorn stellt. Ich spüre einen Zitrus- und Kräutertouch, aber keine vanilligen Holznoten. Hier hat jemand die Eiche sehr zart interpretiert. Am Gaumen ist das wahrscheinlich der kompletteste Wein der Reihe. Es gibt ein wenig Zitrusfrucht, es gibt animierende Säure, vor allem aber auch Struktur und Tiefe. Das ist ein Wein, der sicher gut reifen wird, aber Ungeduldige werden auch jetzt schon Spaß damit haben. Falls ich es noch nicht erwähnt haben sollte, das Weingut Brennfleck wird demnächst auch auf Bio-Anbau umgestellt. Ab letzten November machen sie schon Begrünungsversuche mit 70 verschiedenen Gebirgskräutern. Eine gute Sache. Für den JHB Sylvaner hingegen gilt: 13 vol% und 15 € ab Hof.

Mein Fazit

Die Erfindung von Lagenbezeichnungen für Weinherkünfte ist für mich als Geograph so ungefähr das Großartigste, was ich mir vorstellen kann. Weil Wein aber nunmal auch (andere behaupten: primär) ein Kulturgut ist, stellen solche Lagenweine immer eine Kombination aus dem Charakter der Lage und dem Ansatz des Winzers dar. So auch hier.

Die beiden Keuper-Silvaner präsentieren sich eindeutig zurückhaltender in den Aromen. Die Würzigkeit schon da, aber diese gelbe, leicht schwefelig anmutende Note, die Keuperweine oft so typisch macht, kommt wahrscheinlich erst mit zunehmender Reife.

Sehr interessant fand ich Christoph Walters Interpretation aus dem Centgrafenberg. Viele Silvaner von dort kenne ich leider nicht, weshalb ich nur vermuten kann, dass der orangenfruchtige Touch wie in der Pfalz ein Charakteristikum des Terroirs ist.

Der JHB vom Weingut Brennfleck aus dem Sulzfelder Maustal schließlich kommt wahrscheinlich am ehesten dem nahe, was sich Weinfans idealtypisch unter einem anspruchsvollen Franken-Silvaner vorstellen. Dank des Muschelkalks insgesamt offener gehalten, dank des Ausbaus aber mit entsprechendem Nachhall versehen.

Mein Fazit in Kurzform: Lagenweine – die Quintessenz der Weinkultur.

Silvaner-Schau 2021

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5 Kommentare zu Die Große Silvaner-Schau – Lagenweine 2019

  1. Bodo sagt:

    Hallo Matthias,
    sehr interssantes Silvaner Line-up! Die Silvaner vom Buntsandstein sind tatsächlich eine Welt für sich.. insbesondere der Silvaner von Walter, den ich auch immer wieder bei Silvaner-Blindproben dabei habe. Der kürzlich probierte 17er hatte bei niedriger Säure und viel Mundgefühl eine prägnate, an Salbei erinnerde Würze. Ein sehr eigenständiger Sortenvertreter! Sehr hochwertige Buntsandstein-Silvaner kommen auch vom Weingut Kremer in Großheubach, das im Bischofsberg über 70 Jahre alte Parzellen besitzt. Auch das ist Buntsandstein, aber doch wieder anders als das Exemplar von Walter. Als Tipp: der maischevergorene 17er (kein Freakstoff) für 11,50 EURO oder der im Granitfass ausgebaute 2016er (15 EURO). Silvaner ist und bleibt halt spannend…

    • Matze sagt:

      Du sagst es, superspannend. Und danke für den Tipp! Ja, Churfranken ist tatsächlich ein bisschen eine eigene Welt. Was natürlich umso schöner ist, weil es die Vielfalt noch erhöht. Aber zeitmäßig braucht man von hier ungefähr genauso lang bis nach Großheubach wie an den Tegernsee 😉 . Nicht dass es am Tegernsee annähernd so schöne Weinterrassen geben würde wie in Großheubach natürlich…

  2. Thomas Riedl sagt:

    Hallo Matthias,

    danke für diese interessante Fortsetzung Deiner Silvaner-Schau, die mich allerdings ermuntert, mit zwei Thesen eine kleine Diskussion zu eröffnen.

    These 1: Lagen werden überbewertet.
    These 2: Lagenweine sind ungeeignet, um Bodenunterschiede zu riechen und zu schmecken.

    Zur Begründung von These 1: Die Namen von Weinlagen stellen nach meinem Verständnis die Quintessenz von einigen Jahrhunderten Erfahrung der jeweils ortsansässigen Winzer dar: Auf einem begrenzten Stück Boden wurden die Trauben des historisch meist gemischten Satzes sicherer reif als auf einem anderen Stück Boden. Hier war die Sonneneinstrahlung besser, dort speicherte der Boden auch in trockenen Jahren besser Wasser, der Wind trocknete die Trauben nach Regen schneller ab, weshalb es weniger Fäulnis gab. Oder Wald auf der Kuppe sorgte für kühle Nachtluft und besseren Erhalt der Säure, schützte vor Kaltlufteinfluss, eine Hügelkette schützte vor zu viel Regen usw.
    Zur Identifikation, zur Abgrenzung von Eigentumsverhältnissen und zu Zwecken der Vermarktung bekamen diese Stücke dann Namen. Du hast ja auf Deinem Blog in vielen Artikeln immer wieder erklärt, wie einzelne Lagenbezeichnungen entstanden sind.
    Das solche Parzellen sortenrein bestockt wurden, ist historisch eine relativ junge Entwicklung. Manche Lagen wurden schon im 18. Jahrhundert sortenrein bestockt, eine ganze Reihe im 19. Jahrhundert nach Einzug der Pilzerkrankungen und die meisten erst bei der Wiederbestockung nach der Reblauskatastrophe im 20. Jahrhundert. Vorher standen da gemischte Sätze.
    Die Frage, ob eine Rebsorte wie Silvaner oder Riesling „das Terroir abbilden“ oder „die Lage erkennen lassen“ kann, ist also eine relativ junge. Dazu gleich noch mehr.

    Du schreibst zu Recht: „Weil Wein aber nunmal auch (…) ein Kulturgut ist, stellen solche Lagenweine immer eine Kombination aus dem Charakter der Lage und dem Ansatz des Winzers dar.“
    Das wird auch dadurch bestätigt, dass in den letzten 30 Jahren eine ganze Reihe Winzer*innen Lagen „wiederentdeckt“ haben oder zuvor unbeachteten Lagen durch die Qualität ihrer Weine Aufmerksamkeit und Renommée verschafft haben. Das Sulzfelder Maustal und der Abtswinder Altenberg sind meines Erachtens Beispiele.
    Aber auch aus unbedeutenden Lagen machen gute Winzer*innen tolle Weine. Franziska Schömig aus Wo-in-aller-Welt-liegt-Rimpar hast Du selber gerade erst vorgestellt. Oder wir erinnern uns an wer-in-Bacchus-Namen ist Uwe Gessner, dessen im Tonneaux vergorener 2017 Weißburgunder „Veritas“ ohne Lagenkennzeichnung für nur 9.50 € im Jahr 2019 Großes Franken-Gold gewann vor den VDP-Winzern Wirsching und Rainer Sauer.
    Umgekehrt gibt es auch Lagen, die eigentlich beste Voraussetzungen für die Erzeugung sehr guter Weine bieten, deren Potential aber einfach kein Weinbaubetrieb nutzt – und die Qualität dann auch medial ins Bewusstsein der weinaffinen Öffentlichkeit hebt. An der Mosel fallen mir spontan der Schweicher Annaberg oder die Thörnicher Ritsch ein. In Franken galt das lange für den Gambacher Kalbenstein, was sich allmählich durch Stefan Vetter und Klaus Höfling ändert.
    Seit letztem Jahr darf ich mit Freude mitwirken bei der Wiederbelebung des völlig in Vergessenheit geratenen Dattenberger Gertrudenbergs.“Was? Wo?“ werden jetzt die meisten Leser fragen. Diese nördlich von Linz am Rhein befindliche Lage gehörte im 19. Jahrhundert zu den zehn besten Lagen des Mittelrheins.
    Der Bioland-Winzer Kay Markus Thiel konnte den konkav nach Südwesten exponierten Hang mit vulkanischem Boden und dünner Humusschicht nun pachten, saniert die verwachsenen, 50 Jahre alten Rieslingreben und stellt den zuvor mit Glyphosat u.a. misshandelten Weinberg auf biologische Bewirtschaftung um. Die verbuschte Hangkuppe will er außerdem neu bestocken mit Weißburgunder und Sauvignon blanc. Mal schauen, was sich daraus ergibt.
    Man kann aber noch weiter argumentieren: Bekannte Spitzenlagen werden aufgrund des Klimawandels in absehbarer Zeit zu Problemzonen werden. 2016 habe ich dazu einen überzeugenden Vortrag gehört von Hans Reiner Schultz, dem Präsidenten der Hochschule Geisenheim. Er zeigte auf, dass zahlreiche Grosse Lagen des VDP für Riesling und andere Sorten schlicht zu heiß und zu trocken werden.
    Der Bürgstädter Centgrafenberg, der Klingenberger Schlossberg, der Escherndorfer Lump, der Würzburger Stein, der Julius-Echter-Berg, der Winninger Uhlen, Winninger Röttgen, die Rüdesheimer Lagen, der Bopparder Hamm und der Ihringer Winklerberg gehören für mich dazu.

    Das Renommée einer Lage als gedankliches Konstrukt von Weinkonsument*innen erwächst aus der medialen Vermittlung von topographischen, geologischen, hydrologischen und klimatischen Gegebenheiten einerseits, und von sensorisch erlebbaren Ergebnissen der Arbeit von Winzer*innen in Weinberg und Keller andererseits. Und hier ist viel Raum für Manipulation, um die Preise hoch zu treiben.

    Zur Begründung von These 2: Silvaner und Riesling sind in der Tat Rebsorten, an deren Weinen man im Vergleich feststellen kann, auf was für einem Boden die Trauben angebaut wurden. Voraussetzung für diese Erfahrung ist es aber, dass ansonsten alle anderen Faktoren gleich gehandhabt wurden, die Geruch und Geschmack eines Weines beeinflussen.
    Dazu gab es in Deutschland sowohl für den Silvaner als auch für den Riesling überzeugende, aber sehr aufwändige Ringversuche. Einige Literaturhinweise:
    Daniel Sauer, Hermann Mengler, Johannes Burkert: Spontan- und Maischevergärung bei Silvaner von verschiedenen großen Lagen, 2008
    Daniel Sauer, Hermann Mengler, Johannes Burkert: Silvaner von Muschelkalk und Keuper sensorisch differenzieren. Dem Faktor X auf der Spur. In: Rebe & Wein, 9/2010, S. 20-22.
    Andrea Bauer: Terroirausprägung bei der Rebsorte Riesling: Korrelation sensorischer, chemischer, bodenkundlicher und klimatischer Parameter. Dissertation, Braunschweig 2008.
    Ulrich Fischer: Terroir. Den Boden schmeckbar machen. In: Weinwelt, 2/2013, S. 22-27.
    Andrea Bauer nennt in Ihrer Dissertation zahlreiche weitere Studien aus Europa und Übersee, die sich für eine ganze Reihe von Rebsorten mit dem Thema befasst haben.

    Als Weinkonsument*in kann man Bodenunterschiede bei einer Rebsorte meiner Erfahrung nach nur annähernd erriechen und erschmecken, indem man sich Guts- oder Ortsweine mit Bodenbezeichnung (Keuper, Muschelkalk, Buntsandstein u.v.a.) EINES Jahrgangs von EINEM Weingut beschafft, das die Trauben annähernd zeitgleich gelesen und die Ausgangsmoste im Keller identisch behandelt hat.

    Bei Riesling geht das nach meiner Erfahrung sehr gut mit Weingütern in Weyher in der Südpfalz. Dort liegen die Bodenformationen des Rheingrabenbruchs nahe beieinander und mehrere Weingüter, denen es um die Repräsentanz dieser Unterschiede geht, bieten Rieslinge von verschiedenen Böden an.

    Bei Silvanern habe ich das in der Bonner Weinrunde vor Jahren mal gut nachvollziehbar mit Kabinetten des Juliusspital demonstriert. In Franken liegen die Triasformationen ja recht weit auseinander und nur wenige große Betriebe verfügen über Lagen mit Buntsandstein und Muschelkalk, bzw. mit Muschelkalk und Keuper. Brennfleck bietet z.B. je einen Silvaner S vom Muschelkalk und Keuper, das Juliusspital aktuell den Würzburger bzw. Iphöfer Silvaner Ortswein.
    Zwei Lagen, in denen sich der Bruch vom Buntsandstein zum Muschelkalk findet, sind der Homburger Kallmuth und der Gambacher Kalbenstein. Hier könnte man vielleicht Betriebe finden (Höfling?), die die Unterschiede herausarbeiten.
    Wenn man jedoch Weine verschiedener Betriebe direkt vergleicht, muss man vorher genau recherchieren, wieviel Alkohol, Restzucker und Gesamtsäure die Weine aufweisen, wie hoch die Erträge waren und wie die Moste verarbeitet wurden. Denn hohe Erträge, Botrytisbefall und vor allem kellertechnische Verfahren überdecken sehr schnell den Faktor Boden.

    Und deshalb ist es meiner Meinung nach fast ausgeschlossen, bei Weinproben LAGENtypizität zu demonstrieren. Stellt man nämlich bei einer Verkostung verschiedene Lagensilvaner verschiedener Erzeuger ein- und desselben Jahrgangs aus dem Rödelseer Küchenmeister, dem Iphöfer Kronsberg und dem Iphöfer Julius-Echter-Berg an, fallen die unterschiedlichen Arbeitsweisen und Kellerstile der Weingüter sensorisch viel stärker ins Gewicht, als die drei Keuper-Lagen.
    Das gilt meines Erachtens identisch für analoge Vergleiche mit Lagenweinen anderer Bodenformationen.

    Ich wäre überrascht, wenn sich nun jemand zu Wort meldete, weil sie/er andere Erfahrungen gemacht hat.

    In gespannter Erwartung und mit herzlichen Grüßen

    Thomas

    • Matze sagt:

      Weißt du, was mich an Politikern manchmal so nervt (rhetorische Frage, klar 😉 )? Wenn man zwei Thesen aufstellt, zu denen sie Stellung nehmen sollen, stellen sie statt einer Antwort gleichmal eine dritte These auf. Insofern, meine folgt gleich 😉 .

      Aber zu deiner These mit der Nicht-Vergleichbarkeit von Lagen. Ja, ich stimme dir zu. Ganz allgemein ist es ja so, wenn du an so etwas wie Wein empirisch rangehst, musst du eigentlich scheitern. Es sei denn (und du hast die Versuche ja auch zitiert), du wählst einen Versuchsaufbau, bei dem du alle Parameter komplett kontrollierst. Und nicht etwa im Nachhinein feststellst, hm, schmeckt unterschiedlich, woran könnte das liegen? In der Realität gibt es einfach viel zu viele Einflussfaktoren, die du in ihrer Wertigkeit gar nicht richtig bestimmen kannst. Was es gibt, sind natürlich Ähnlichkeiten, also Näherungsergebnisse, aber so richtig valide wird die ganze Sache nie.

      Weil du ja Recht hast mit deinen Thesen, gleich mal meine dritte These als Ergänzung: Geschmack als Kriterium für Wein wird überbewertet.

      Nein, nicht dass Geschmack überhaupt nicht zählt, aber es ist halt nur ein Puzzleteilchen des Ganzen. Warum mag jemand Fußballmannschaft A lieber als Fußballmannschaft B? Weil sie mehr Angriffsfußball spielen, Underdogs sind, mein Lieblings-Fußballer da mitmacht, sie ein Image haben, das mir mehr behagt, sie aus meiner Heimatregion kommen, was weiß ich. Jedenfalls ist es nicht nur eine Frage der Punktzahl am Saisonende, sondern da spielt wahnsinnig viel Subjektives mit hinein. Und ich denke, beim Wein ist das genauso. Wie bei allen Dingen, die an sich überflüssig sind, denen man sich aber des Vergnügens wegen widmet. Die sympathische Rebsorte, der Bezug zur Region, zum Weingut, die hübsche Winzertochter, der fesche Winzersohn, der spektakuläre Fels, das Fass vom Großvater, die wunderbare Aussicht aus dem Weinberg am frühen Morgen, irgendeine andere Geschichte, die Emotionen hervorruft. Auch da tausend verschiedene Einflussfaktoren, und wir sind noch gar nicht beim Weinbaulichen und Önologischen, was ja (auch emotional) nochmal einen riesigen Unterschied ausmachen kann.

      Nur wenn ich überhaupt keine Ahnung von dem Wein vor mir habe, wenn niemand da ist, der mir irgendwas erzählt, wenn ich den Wein einfach solo probieren soll, dann würde der Geschmack das alleinige Kriterium sein. Aber auch dann wäre es mein Geschmack, der sich an dem orientiert, was ich bislang kennengelernt und eingeschätzt habe.

      Soll heißen: Wir brauchen uns gar nicht vorzumachen, als würden wir uns hier in einem Bereich bewegen, bei dem objektiv Messbares entscheidet. Vielleicht ist das gar der Grund dafür, weshalb es immer noch so viele Rebsorten gibt (und auch die alten wiedererweckt werden, as you know 😉 ), weshalb es so viele verschiedene Lagen gibt, die Weinwelt so wahnsinnig vielfältig, kleinteilig, differenziert trotz allem geblieben ist. Ich finde die Lagen in erster Linie eine romantische Idee, die mir gefällt. In zweiter Linie spielen naturwissenschaftliche und kulturelle Einflussfaktoren mit hinein. Und – nur zum Abschluss, ist ja ein riesiges Thema – ja, die alte Vorstellung von Ideallagen, die deshalb welche sind, weil dort der Schnee als erstes schmilzt, wird unter anderen klimatischen Rahmenbedingungen Brüche bekommen.

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