Natürlicher Dienstag # 85 – Deutschlands erste Wein-Solawi

Wein Solawi JPB Bleeke

Heute soll es beim Natürlichen Dienstag auch um Wein gehen. Wieso auch, werdet ihr jetzt fragen. Es geht doch hier sonst ausschließlich um Wein. Stimmt. Aber diesmal spielen die Rahmenbedingungen der Erzeugung die Hauptrolle. Im Mittelpunkt steht nämlich die allererste Wein-Solawi in Deutschland. Ins Leben gerufen von Jan-Philipp Bleeke, Halbzeit-Mitarbeiter beim Weingut Staffelter Hof in Kröv an der Mosel, und seit dem Weinjahr 2020 eben solidarischer Winzer. Was ist aber jetzt eine Wein-Solawi? Und was befindet sich in den Flaschen auf dem Titelbild? Auflösung beim Weiterlesen…

Jan Philipp Bleekes erste Wein-Solawi Deutschlands

Was ist also eine Solawi im Allgemeinen und eine Wein-Solawi im Besonderen? Nun, Solawi ist nichts anderes als die Abkürzung für Solidarische Landwirtschaft. Und das wiederum ist eine spezifische Form des Wirtschaftens. Auf der Startseite des Netzwerks Solidarische Landwirtschaft wird das Ganze kurz und einfach definiert: „In der Solidarischen Landwirtschaft“, heißt es da, „tragen mehrere private Haushalte die Kosten eines landwirtschaftlichen Betriebs, wofür sie im Gegenzug dessen Ernteertrag erhalten.“ In unserem Wein-Fall bedeutet das, dass es eine Gruppe von Menschen gibt, die erst einmal für ein Jahr die Erzeugungs- und Lohnkosten für Jan und seine kleine Weinparzelle tragen, also Risiko-Teilhaber sind. Im nächsten Jahr erhalten sie dafür einen Teil des Weins.

Was bisher geschah

Als ich Jan vor genau einem Jahr bei der Millésime Bio in Montpellier zum ersten Mal traf, war er noch in der Planungsphase. Wenig später suchte er dann Leute, die gern als Teilhaber bei seiner Wein-Solawi mitmachen wollten. Schließlich gab es für die Interessierten eine so genannte Bieterrunde, bei der er sein Modell vorstellte. 25.000 € mussten für ein Jahr zusammenkommen, damit sich alles tragen kann. Die Bieter*innen konnten dann anonym bestimmen, wie viel Geld sie beitragen wollten (nur Jan sah die Beträge logischerweise), und nach einer Weile war alles zusammen.

Im Prinzip ist es bei diesem Ansatz sinnvoll, wenn sich die Beiträge am eigenen Einkommen orientieren. Im Grunde geht es nämlich um zwei Solidaritäten: zum einen mit dem Produzenten, zum anderen innerhalb der Gruppe. Am Ende erhalten nämlich alle denselben Anteil an der Ernte. Unabhängig vom jeweils persönlich eingezahlten Betrag, unabhängig auch davon, wie viel die einzelnen bereit sind, im Verlauf des Jahres mitzuhelfen.

Arte Wein Solawi

Wie das Ganze während des Jahres dann ablief, könnt ihr euch (zumindest noch die nächsten drei Wochen) in der Arte-Mediathek anschauen. Da gibt es nämlich einen sehr schönen Beitrag über das Projekt. Oben seht ihr einen Screenshot aus der Doku, der den Blick aus der Parzelle zeigt, um die es geht. Kröver Steffensberg, Blick auf die Mosel und den Ort Wolf, Einzelstockerziehung, biodynamisch bewirtschaftet.

Wein Solawi Zoom

Mittlerweile ist das Jahr also rum, die Moste blubbern noch im Keller. Deshalb bleibt also Zeit für ein gewisses Wrap-Up, eingebettet in eine Online-Weinprobe. Die drei Getränke der Probe haben allerdings nur mittelbar etwas mit der Wein-Solawi zu tun. Ja, sie wurden auch vom Team des Staffelter Hofs gemacht. Der Cider kam von Kosie van der Merwe, der trockene Riesling von Jan Matthias Klein und der feinherbe Riesling schließlich von Jan-Philipp Bleeke. Aber wie gesagt, die Solawis selbst sind noch nicht abgefüllt. Deshalb meinte ich ja oben, dass es diesmal lediglich auch um Wein gehen soll.

Wie schmecken die Weine?

Drei Getränke haben die Staffelter an uns verschickt. Das erste ist nämlich kein Wein, sondern ein Cider mit ein bisschen Perry, also ein klassischer Apfel-Birnen-Most à la Viez (so heißt das an Mosel und Saar). Früher hatten die meisten Winzer zusätzlich Obstbäume, und deshalb winkt der Cider auch um die Ecke und sagt, „schafft wieder eine größere Biodiversität in der Kulturlandschaft“. Kosie’s Cider ist total unbehandelt. Also so ähnlich, wie ich das seinerzeit versucht hatte. Herstellung und Stil zeigen viel eher nach Kent als in die Normandie (für die Freaks unter euch). Sehr trocken, sehr straight – und auch ein bisschen empfindlich. Solltet ihr frisch geöffnet trinken.

Der Wein links, der trockene Riesling Schieferstein aus dem Jahrgang 2018, war eigentlich für das Hotel Bad Minden gedacht, als Exklusivabfüllung. Aber wir wissen ja alle, wie es in der Gastro aussieht… Heiß war der Jahrgang, ertragreich, viel Stoff, wenig Säure. Vergleichsweise gesehen, denn das ist natürlich immer noch ein Riesling von der Mosel. Frisch geöffnet finde ich den Schieferstein ein bisschen matt, das typische Problem des Jahrgangs. Am nächsten Tag sieht das viel besser aus. Mein Tipp also: Lasst ihn stehen, der kann durchaus Luft und Zeit vertragen.

Der dritte Wein schließlich stammt von Jan-Philipp Bleeke selbst, bereitet und abgefüllt natürlich auch auf dem Staffelter Hof. Der feinherbe Riesling kommt aus dem Piesporter Treppchen und aus dem Jahrgang 2019. Das bedeutet (gegenüber dem trockenen 2018er) mehr Zucker, mehr Säure, aber natürlich auch eine jung-hefige Note. Sowas ist überklassisch Mosel, das gibt es auf diese Art nur hier. Als Speisenbegleiter ein bisschen tricky, als Soloschlürfer dafür umso angenehmer. Schmeckt pikant nach Granny Smith und weißer chinesischer Pflaume.

Wie geht es weiter?

Die Wein-Solawi 2020 ist Geschichte. Aber die 2021er Ausgabe läuft bereits an. Vor allem durch den Bericht auf Arte hat Jan so viele Anfragen bekommen, dass er eine viel größere Solawi aufmachen könnte. Aber das will er nicht, denn hier geht es ja auch um das Persönliche, den Umgang miteinander, die Übersichtlichkeit. Für seine anderen Weine (die Solawi finanziert sozusagen eine 50%-Stelle) wollte Jan eigentlich eine Art Händler-Solawi aufmachen, weil er selbst gar nicht mehr auf dem freien Markt verkaufen möchte. Aber das hat noch nicht ganz geklappt. Jedenfalls ist da vieles in Bewegung, und das ist schlichtweg großartig, oder? Mittlerweile gibt es im Breisgau auch eine zweite Wein-Solawi bei Andreas Dilger mit einem leicht abgewandelten Konzept. Und da sind wir schon bei meinem persönlichen Zwischenfazit.

Was ich so spannend finde an dieser Herangehensweise ist nämlich nicht nur eine alternative und mitnehmende Sicht auf Produktion und Markt. Sondern das ist auch die prinzipielle Offenheit, die in dem System Solawi steckt. Ich kann die ganze Geschichte pur jus machen, bei der sich die „Geld-Vorschießer“ regelmäßig zum gemeinsamen Jäten und Gießen treffen. Dadurch erhält das Ganze ein stark kommunitaristisches Element. Es gibt auch die Möglichkeit, das mit bestimmten Anbauformen zu verbinden, Biodynamie, Permakultur, Agroforesterie, bodenverbessernde Maßnahmen jeglicher Art.

Auf der anderen Seite könnte es im Extremfall auch so sein, dass die bezuschusste Person schlichtweg alles selbst macht und die Geldgeber letztlich nur die Ernte bekommen. Damit haben sie ebenfalls bei einer marktunabhängigen und solidarischen Produktion mitgeholfen, aber eben ohne aktiven Teilhabeaspekt.

Bei „unserem“ Projekt wird es übrigens drei Weine geben. Einen PetNat, einen Naturwein und einen klassischen Kabinett. Abfüllung im März.

Und zum Schluss…

Team Weingut Staffelter Hof

Und zum Schluss geht es auch um Lebenswelten von Menschen. Die meisten, die bei solchen Solawis Geld geben und mitmachen, leben in der Stadt, oft gar in der Großstadt. Viele stammen vom Dorf, vermissen ein bisschen die Natur, die starke Bindung an Jahreszeiten, „mussten“ das Dorf aber verlassen. Nicht nur, weil es dort keine Uni und keine qualifizierten Jobs gibt. Sondern auch, weil sie etwas anderes sehen wollten, eine offenere soziale Umgebung.

Oben seht ihr einen Teil des Teams vom Staffelter Hof. Links Kellermeisterin Yamile aus Peru, die auch mit Kombucha experimentiert. Dann Jan-Philipp „Solawi“ Bleeke. Dann Fabien, der auf der Messe (wir sind hier bei der Millésime Bio) mit seinem Französisch geholfen hat. Und schließlich rechts Jan Matthias Klein, den Chef der Truppe. Jans Bruder ist Musiker, weshalb es öfter Konzerte gibt auf dem Hof. Dann gehört noch Kosie aus Südafrika dazu, der den Cider macht. Und Jamie aus Neuseeland, der sich mit Permakultur und Böden beschäftigt. Alles das in Kröv, also quasi auf dem Dorf.

Bei Studien und Fachtagungen (kürzlich war ja die digitale Grüne Woche) wird gern mal vergessen, dass das Leben auf dem Land auch von solchen individuellen sozialen Konstellationen beeinflusst wird. Hätte es solche Leute wie Jan und sein Team in unserem Dorf gegeben, vielleicht wären meine Schwestern und ich ja wieder zurückgekommen…

 

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