Natürlicher Dienstag # 52 – Wittmann Silvaner Natural

Silvaner Wittmann Natural

Natürlicher Dienstag # 52, und diesmal gibt es garantiert keinen Geheimtipp. Als solcher lässt sich nämlich das Weingut Wittmann beim besten Willen nicht mehr bezeichnen. Manchmal sollten wir uns allerdings bewusst machen, dass die Rheinhessische Weinrevolution™ noch gar nicht so lange zurückliegt. In meinem ollen Schinken von Robert M. Parker Jr. heißt es nämlich noch im Jahr 2002 über Rheinhessen: „Wer Weine aus dieser Gegend kauft, macht in der Regel einen großen Fehler.“ Würde man so etwas heute behaupten, angesichts solcher Weingüter wie Wittmann, Keller, Wagner-Stempel, Battenfeld-Spanier, Kühling-Gillot und etlicher anderer, man dürfte zu Recht der kompletten Ahnungslosigkeit bezichtigt werden. Aber auch hier geht es immer weiter oder vielmehr einen Schritt quer auf die Außenbahn. Philipp Wittmann, Spitzenwinzer und VDP-Aushängeschild, hat mir nämlich diesen veritablen vin naturel auf den Tisch gestellt: „Hier, probier mal!“ Und das werde ich tun.

Der Neue: Wittmann Silvaner Natural 2019

Das ist also das New Kid on the Block. Anders aber als jene schandhafte Casting-Boygroup steht der Silvaner Natural sicherlich nicht für den Mega-Kommerz, sondern für den Spaß am Experimentieren im Keller, für das Vorwagen in ein anderes Feld. Die Trauben an sich sind ganz gewöhnliche Silvanertrauben aus den Wittmann’schen Weinbergen. Gut, gewöhnlich bedeutet in diesem Fall bio-zertifiziert mit biodynamischer Wirtschaftsweise seit 2004. Der Unterschied zum normalen Wittmann-Silvaner beginnt aber erst im Keller (wobei es auch für diesen Wein eine längere Probephase gegeben hat).

Die Trauben für den Silvaner Natural werden dabei zunächst einzeln von Hand abgebeert und dann auf der Maische vergoren. Der Vorlaufmost (also ohne Pressung) wird dann nach der Gärung abgezogen und geht für acht Monate ins Halbstückfass. Auf die Flasche kommt der Natural seinem Namen gemäß unfiltriert, ungeschönt und ungeschwefelt. Ein vin naturel im engen Begriffssinne – und gerade noch rechtzeitig für die GROSSE SILVANER-SCHAU.

Silvaner-Schau

Wie schmeckt der Wein?

Das ist die spannende Frage für mich. Womit kommt so ein renommierter VDP-Betrieb heraus? Mit einem wilden Wein? Mit einem gerbigen Wein? Oder doch eher zahm, so als Teaser für Stammkunden? Eine Sache hat der Wittmann-Silvaner jedenfalls schon mal nicht gemacht: die Qualitätsweinprüfung. Formell ist das also ein Landwein vom Rhein.

Ins Glas kommt ein mittelgelber, aber nur leicht trüber Saft, weit weg von manchen Qvevri-Geschöpfen. In der Nase ziemlich intensive Noten, die primär der Jugend geschuldet sind. Hefig ist der Wein noch mit leicht apfeligen Gärverweisen, aber mit zunehmender Luft kommen dann etwas Quitte und ein Hauch Vanille. Diese ganzen Elemente werden sich mit Sicherheit im Verlauf der Reifezeit ändern. Im Mund bin ich ehrlich gesagt erst einmal froh über 2019. 11,5 vol%, gut präsente Säure, ein ausgewogener Trinkfluss, das gibt Hoffnung auf things to come. Weil es sich um den ungepressten Vorlaufmost handelt, sind die Gerbstoffe nur ganz zart spürbar, etwa im Stil eines Premier von Benzinger, der ja auch ausschließlich so bereitet wurde. Soll heißen: Ein „richtiger“ Orange Wine ist das nicht.

Aber es ist ein richtiger Naturel, was man im Mund spürt. Apfel, leicht Zimt, etwas Rauch, eine gewisse pfeffrige Würze, so soll das sein in diesem Segment. Dabei ist der Silvaner Natural komplett sauber ohne jegliche Fehltöne oder unangenehm starke flüchtige Säure. Das deutet alles auf viel Umsicht bei der Weinbereitung hin.

Wo habe ich ihn gekauft?

Den Silvaner Natural 2019 gibt es direkt beim Weingut für 14,90 €. Weil er so neu ist (und es vielleicht auch nicht allzu große Mengen gibt), habe ich ansonsten nur den Weinbär als Bezugsquelle im Internet gefunden. Es dürften aber noch mehr werden. Jedenfalls sind wir preislich hier in einem Bereich, den ich sehr begrüße, vor allem bei der Reputation des Erzeugers.

Was die Speisenbegleitung anbelangt, ist das für mich ein äußerst vielseitiges Produkt. Der Silvaner Natural passt natürlich sehr gut zu vegetarischen Gerichten. Das allerdings nicht primär deshalb, weil es sich um einen verwandten philosophischen Ansatz handeln würde. Vielmehr ist die Kombination aus leichter Gerbigkeit, wenig Primärfrucht und kaum vorhandener Restsüße ideal geeignet für allerlei Gemüsebereitungen. Besonders gut gefällt mir ehrlich gesagt die indische Version mit Curry-Gemüse und Papadams.

Mein Fazit ist also ziemlich klar: Der neue Silvaner Natural vom Weingut Wittmann ist ein Wein zweier Welten. Einerseits kann man klar den vin naturel-Charakter erkennen. Andererseits bewegt sich das Weingut in puncto Wildheit auch nicht so weit weg von der VDP-Schule, als dass es sich um eine totale Revolution handeln würde. Ob das die Stammkunden genauso sehen, vermag ich nicht einzuschätzen. Mir hat der Wein jedenfalls wirklich gut gefallen. Und glaubt mir, wenn man mehr von solchen Weinen trinkt, fällt es einem gar nicht mehr so leicht, freiwillig zu „konventionelleren“ Geschmäckern zurückzukehren…

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5 Kommentare zu Natürlicher Dienstag # 52 – Wittmann Silvaner Natural

  1. Thomas Riedl sagt:

    Hallo Matthias, hallo liebe Leser*innen,

    ach, Parker ist so plakativ! 2002 war es schon geraume Zeit KEIN Fehler mehr, Weine aus Rheinhessen zu trinken und zu kaufen. Die hochwertigen Rieslinge und Burgunder, die damals schon erzeugt wurden, sind heute in gutem Reifezustand.
    Believe me. It’s true. The rest is history.

    Aber jetzt mal ernsthaft zur Sache: Ich finde die Idealisierung von Orange-Weinen und Naturweinen unsachlich und auch irreführend.
    In der Fachzeitschrift „Der Deutsche Weinbau“, Nr. 14/2016 erschien auf den Seiten 12-15 ein Artikel von Johannes Burkert et. al. von der hier schon öfter genannten LWG Veitshöchheim mit dem Titel „Orange: Maischegärung bei Weißweinen“. Darin erklären die Autoren eigentlich alles, was Winzer*innen zum Thema wissen müssen. Ich gehe nur auf Punkte ein, die Bezug zum Blogtext haben:
    Das Lesegut muss reif sein, damit aus den ja mitvergorenen Kernen und u. U. Rappen keine grünen Phenole in den Wein geraten. Das Mostgewicht muss außerdem hoch sein, da die Alkoholausbeute bei offener Maischegärung erheblich niedriger ist. (Die oft gelobte Leichtigkeit von Orange Wines ist also kein leberschonender Kunstgriff des Winzers.) Die Trauben müssen aus einer vollständig gesunden Parzelle kommen, weil sonst die mikrobiologische Belastung der Trauben mit Bakterien und Nicht-Saccharomyceten so hoch ist, dass das Lesegut und damit der spätere Wein sensorisch negativ beeinflusst werden. Handlese ist zwingend, um alle beschädigten Trauben aussondern zu können. Durch die erforderliche hohe Reife des Lesegutes liegt der pH-Wert der Maische abhängig von der Rebsorte allerdings meist über 3,4,. Das ist an sich zu hoch für eine sichere Spontangärung. Deshalb wird entweder mit Reinzuchthefe oder einem zuvor bereiteten Gäransatz gearbeitet und/oder die Maische muss angesäuert werden. Ferner heißt es wörtlich: „Das Quetschen der Trauben bzw. der Beeren ist (…) absolut notwendig, damit der Zucker frei im Saft vorliegt. Noch geschlossene Beeren nach der alkoholischen Gärung stellen ein mikrobiologisches Risiko dar. Denn häufig geht die alkoholische Gärung bei Orange Wines aufgrund hoher Gärtemperaturen und hoher pH-Werte direkt in den biologischen Säureabbau über. Lösen sich die Beerenhäute im Laufe der Lagerung auf und es liegt wieder freier Zucker vor, so können durch die AKtivität der Milchsäurebakterien aus Zucker nicht unerhebliche Mengen an flüchtiger Säure produziert werden.“

    Für einen guten Orange-Wein oder einen guten Vin naturel kann man also NIE „ganz normale Trauben“ nehmen. Aus dem Zitat wird auch deutlich, warum das Team bei Wittmann die Trauben von Hand abbeert. Denn Winzer wie Phillip Wittmann und ihre Teams (Außenbetriebsleiter*in, Lesehelfer*innen, Önologische/r Berater*in, Kellermeister*in usw.) wissen das alles en detail, BEVOR sie einen Silvaner natural erzeugen.
    Viele andere Winzer*innen wissen das leider nicht oder sie halten sich nicht dran und darum sind nach wie vor so viele der Vins naturels schlicht fehlerhaft oder völlig unharmonisch.

    Um Rebsortentypizität geht es bei Orange-Weinen sowieso nicht mehr.
    Ich habe letzte Woche den hoch bewerteten Roten Gutedel „Unterirdisch“ von Ziereisen probieren dürfen. Ist natürlich ein interessantes Projekt. Sehr stylisch abgefüllt in einer Steingut-Flasche. Da kann der Hipster augenrollend mit glänzen. Aber niemand der erfahrenen Runde am Tisch hatte eine Ahnung, was da im Glas war, niemand fand es wirklich gut, denn der Wein war unharmonisch! Und ich zweifele, ob der mit mehr Flaschenreife besser wird. Kostet aber 45 €. Da hört für mich persönlich die Liebe auf.

    Da trinke ich lieber einen handwerklich blitzsauber gemachten SIlvaner aus dem Appenheimer Eselspfad mit langer Maischestandzeit von J. Bettenheimer oder den Silvaner maischevergoren von Lauffer.

    Abschließend Frage an alle Leser*innen: Welche maischevergorenen Silvaner kennt Ihr und findet Ihr warum gut?

    Schönen Gruß

    Thomas

    • Matze sagt:

      Ja, Parker war natürlich schrecklich plakativ, vor allem für die betroffenen Winzer, seinerzeit hat er die Texte ja auch noch selbst verantwortet. Das ganze Buch steckt voller harscher Werturteile, sowas gibt es heute in Zeiten von Stephan Reinhardt & Co. selbstverständlich nicht mehr. Würde ich dir zeigen, welche Weingüter Parker in Rheinhessen damals gut fand, es würde ziemlich klar werden, dass ihm ein genereller Überblick komplett fehlte 😉

      Was Orange und Natural Wine im engeren Sinne anbelangt, sind da in der Tat die von dir genannten Dinge zu beachten. Gesundes Lesegut ist absolut essentiell. Ich habe aber die Erfahrung gemacht (und kann da zumindest für die RAW sprechen, auf der ich ja eine große Menge solcher Weine verkostet habe), dass sich dieses Wissen auch peu à peu durchsetzt. Vor einigen Jahren habe ich jedenfalls in diesem Segment noch weit mehr Weine mit unangenehmen Eigenschaften (Mäuseln, starke Flüchtigkeit etc.) probiert.

      Was den Geschmack allgemein anbelangt, ist das interessanterweise tatsächlich Geschmackssache. Es soll ja Leute geben, die beispielsweise Punkmusik mögen, OBWOHL es Mozart gibt. Dabei ist Punk handwerklich schlechter, unharmonischer, ungepflegter. Das wird vermutlich niemand bestreiten. Ich habe auch darüber nachgedacht, ob man diesen Ansatz auf Wein übertragen kann. Also ob es ein bisschen Ausdruck des eigenen Lebensgefühls sein kann, was man mag und trinkt. Oder ob es da stärker als in Musik, Kunst oder Mode einen definierten Idealtyp gibt, an dem sich die anderen Weine messen lassen (müssen). Zumindest bis zu einem gewissen Grad, der eben eher handwerklich als künstlerisch vorgegeben ist.

      Für mich persönlich habe ich dabei festgestellt, dass ich bestimmte definierte (handwerkliche) Elemente haben möchte und andere nicht. Flüchtige Säure also nur bis zu einer gewissen Grenze, bei Mäuseln bin ich ziemlich empfindlich, bei Trübheit oder auch Gerbstoffen hingegen nicht. Das ist dann für mich eher der künstlerische Ausdruck. Die Weine, die ich beim „Natürlichen Dienstag“ vorstelle, sind nach meinem persönlichen Geschmack diesseits der handwerklichen Grenze. Ich maße mir aber nicht an, das irgendwie allgemeingültig zu formulieren. Es ist und bleibt halt doch ein gewisses Quantum Subjektivität im Weinempfinden 😉

    • Hallo Thomas,

      der Silvaner wurde reif, aber so geerntet, dass er nun 11,5 % Alkohol hat. Das „Sehr Reife“ muss nicht sein, wenn man im Weinberg arbeitet, wie es die Wittmanns tun. Wenn die Kerne refi sind, kann gelesen werden und das muss wirklich keine Spätlese sein …

      liebe Grüße
      Christoph

  2. Thomas Riedl sagt:

    Hallo Matthias,

    da ich ja das Vergnügen hatte und hoffentlich weiter haben werde, mit Dir gemeinsam und real Weine zu verkosten, weißt Du im Grunde, dass ich Deinen Gedanken absolut folgen kann. In der Formulierung bist Du mir um Längen voraus, weil das schlicht Dein Tagwerk ist und meins ein ganz anderes.
    Dein Vergleich von PUNK und Mozart gefällt mir. Als musikalisches Kind der 1980er habe ich den natürlich auch gehört und höre ihn gelegentlich noch. John Peel auf BFBS war ein must!
    Aber heute höre und trinke ich lieber Jazz. Diese „Kategorie“ oder Stilebene gibt es ja bildlich verstanden auch beim Wein.
    Spontangärung ist jazzig, Maischegärung und Abfüllung ohne Kältestabilisierung, Pasteurisierung und Filterung ist auch Jazz. Da bleibt ein Element des Zufalls, der Schrägheit, der Improvisation, des Wagens aber trotzdem stimmt das Timing und das harmonische Zusammenspiel der Elemente dank guter, klassischer Ausbildung der Musiker.
    (Ich soll nicht mehr Musiker*innen und Winzer*innen schreiben, wurde ich privat eindringlich gebeten.)

    So geht es mir dann auch beim Wein. Es gibt Weine, die berühren mich emotional ganz intensiv, wie manche Musikstücke. Da geht es ÜBERHAUPT NICHT um den Alkoholgehalt. Ich erfahre das auch bei Kunstwerken oder Essen, völlig unabhängig von der Stilrichtung. Das passiert einfach. Kennst Du auch, glaube ich.
    Und das ist natürlich VÖLLIG subjektiv. Die Idee eines „Idealtyps“ an dem alles gemessen wird, ist eine fürchterliche. Egal wo und um was es geht. Die Idee des „Ideals“ führt meiner Meinung nach in letzter Konsequenz zu Zensur und in den Faschismus.
    Ja, das ist jetzt schon Philosophie. Na und? Das ist doch eine der tollen Seiten der Weinleidenschaft bei Produzenten und Konsumenten (Ich soll nicht mehr…):
    Dahinter steckt immer und notwendig Neugier, Internationalität, Begegnung, Gedanken-, Rede- und Handlungsfreiheit, Austausch, Wissen, Bildung.

    Und ich finde es toll an Deinem Blog, dass hier auch mal solche Diskussionen Raum haben dürfen. Vielen Dank und herzliche Grüße!

    Thomas

    • Matze sagt:

      Ja, hier kannst du dich so auslassen, wie du möchtest! Solange alles im menschenfreundlichen Bereich bleibt, versteht sich 😉

      Lustigerweise ist ja Jazz technisch genauso hochkarätig wie Mozart, nur halt anders, was die Priorität von Harmonie und Rhythmus anbelangt.

      Und was den Idealtyp angeht, tja… Das Vorhandensein von Bewertungen durch Punkte suggeriert doch irgendwie, dass es so etwas geben müsste. Also allein vom philosophischen Ansatz her. Jetzt können die Anhänger von Punktesystemen natürlich sagen, okay, die 100 Punkte kannst du auf verschiedenen Wegen erreichen, so ähnlich wie du Rom auch auf vielen Wegen erreichen kannst. Aber letztlich hast du trotzdem je definierter Kategorie (sagen wir: Spätlese von der Mosel) diese Vorstellung von einer optimalen Leistung. Musst du haben, sonst würdest du deinen probierten Wein nicht dort irgendwo punktemäßig verorten können.

      Ich habe ja in meiner Jugend Leichtathletik gemacht und fand das super, dass ich nicht wie beim Eiskunstlauf von irgendwelchen Bewertungen abhängig war. Wer im Ziel vorn war, hatte gewonnen, auch bei einem miserablen Laufstil à la Michael Johnson. Aber für Wein, für alles Geschmackliche und Künstlerische allgemein, finde ich es wie du mittlerweile schwierig, die Produkte auf mechanistische Weise zu betrachten. Trotzdem ist mir selbstverständlich bewusst, dass es für schnelle Orientierung oft nichts besseres gibt als eine Kennzahl. Irgendwie müsste es etwas „beyond figures“ geben, eine Möglichkeit, verständlich einzuordnen, aber ohne so ein Alte-Weiße-Männer-Kram wie Ranglisten 😉 . Vielleicht erfinden wir ja noch was…

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