Natürlicher Dienstag #40 – Azul y Garanza

Azul y Garanza Naturaleza Salvaje

Ich bin ein Etikettentrinker, und für den Beweis habe ich selbst gesorgt. Neulich war ich nämlich mal wieder im schönen Nürnberger Gewerbegebiet unterwegs, um Wein bei K&U zu kaufen. Ich fragte Christoph Schlee erst einmal, was es denn Neues gibt, stach dann aber zielgerichtet auf das Etikett mit der Distel zu. „Was ist das denn?“ „Spanischer Wein“, sagte Christoph, „Garnacha aus der Amphore, schön frisch.“ Mein Kommentar dazu: „Sieht super aus, nehme ich!“ Auf diese Weise kommt ihr in den Genuss eines Beitrags über Azul y Garanza. Hätte ich über den Wein nur schwarze Buchstaben gelesen, ich hätte ihn bei dem großen Angebot wahrscheinlich gar nicht gekauft. Etikettentrinker, visuell manipulierbar, ich sagte es ja schon.

Azul y Garanza Naturaleza Salvaje – Grenache aus der Amphore

Azul y Garanza sind keineswegs die Namen der verantwortlichen Winzer. Vielmehr heißt Azul Blau, und Garanza heißt Karminrot. So wirken und schmecken nämlich die Weine von María Barrena Belzunegui und Dani Nogué Sánchez. Im Jahr 1999 konnte Marías Vater eine alte Genossenschaftskellerei in Carcastillo erwerben, die schon etliche Jahre leer gestanden hatte. Wir befinden uns im Norden Spaniens, in Navarra, etwa eine Stunde mit dem Auto entfernt von der Regionshauptstadt Pamplona. Dass hier der Bär steppt, würde man nicht unbedingt behaupten. Dafür gibt es eine weite und trockene Landschaft, begrenzt von einigen Tafelbergen. Es ist sogar so trocken, dass die Weinberge an die Bardenas Reales grenzen, eines der wenigen echten Wüstengebiete Europas. Der Untergrund besteht aus Kalkmergel, und die Felsen formen eine Landschaft, die an eine Mischung aus Utah und den Erdpyramiden am Ritten erinnern.

Bewässert wird trotz der Trockenheit bei Azul y Garanza nicht. Die 300 mm Niederschlag, die im ganzen Jahr 2018 hier fielen, reichen gerade so aus. Jedenfalls dann, wenn es sich wie in unserem Fall um über 60 Jahre alte Buschreben handelt, die im Laufe ihres Lebens schon so manche Trockenperiode überstanden haben. Der Vorteil dieses harten Klimas, das auch noch von starken Temperaturgegensätzen zwischen Tag und Nacht geprägt ist, liegt für María auf der Hand: Wegen der ariden Bedingungen würde es praktisch keine Krankheiten geben. Wer bereit ist, mit niedrigen Erträgen zurecht zu kommen, kann hier ohne Probleme Bioanbau betreiben.

Naturaleza Salvaje heißt Wilde Natur. María und Dani stellen unter dieser Bezeichnung zwei Weine her, einen Weißen und einen Roten, die beide in die Amphore kommen. Nach einer relativ kurzen (spontanen) Gärperiode bleibt der werdende Wein erst für sechs Monate in der erwähnten Amphore und kommt dann noch einmal für weitere sechs Monate in gebrauchte Holzfässer.

Wie schmeckt der Wein?

Kühle Nächte im ansonsten heißen Sommer sind im kontinentalen Klima Spaniens ja das große Plus, wenn es um den Erhalt der Säure in den Beeren geht. Natürlich kann da auch önologisch in jeder denkbaren Hinsicht „nachgebessert“ werden, aber eben nicht bei María und Dani. 30 mg SO2 bei der Füllung, das ist alles, was es an kellertechnischen Eingriffen gibt. Das Ergebnis ist ein Wein mit schönen 5,5 g Säure, der tatsächlich azul-y-garanza-haft ins Glas fließt.

In der Nase spüre ich viel Kirsche, und zwar eher Sauerkirsche und Schwarzkirsche. Minimale Gärnoten gibt es noch, aber es handelt sich ja auch um einen ziemlich frisch abgefüllten Wein. Am Gaumen setzen sich diese Eindrücke fort. Das Kirschige bestimmt weiterhin die Szenerie, die Frische ist wirklich beachtlich, und die Gerbstoffe sind nur sehr leicht und fein. Was ich dann noch schmecke, ist eine Note, bei der ich ein Weilchen überlege, wie ich sie am besten beschreiben kann. Es ist etwas Pflanzliches, so eine Kombination aus Wacholder, Lorbeer und getrockneten Piniennadeln. Wirklich super angenehm zu trinken. Wenn einem Würze und Tiefe weniger wichtig sind.

Die Garnachas aus dem spanischen Hochland sind ja seit einiger Zeit ziemlich im Trend. Schaut mal unter Bernabeleva oder Comando G, falls euch so etwas interessiert. Das sind Weine aus alten, unbewässerten Reben mit niedrigsten Erträgen, die weit weg sein sollen von den schwarzen Holz-Marmeladen-Monstern, mit denen uns die Spanier um die Jahrtausendwende genervt haben. Mir persönlich sind sie aber manchmal trotzdem aromatisch noch zu jung, und ich fände es schade, sie zu früh zu trinken. Das kann man von dem Azul y Garanza-Wein hier nicht behaupten. Frische und Trinkfluss sind King und Queen.

Wo habe ich ihn gekauft?

K&U Weinhandlung Nürnberg

Wo ich den Wein gekauft habe, hatte ich ja bereits beim Einstieg verraten. K&U im Norden Nürnbergs, euer treuer Weinversand in virenhaften Zeiten. Die Hausmesse, auf die ich mich wie jedes Jahr auch diesmal wieder gefreut hatte, findet natürlich nicht statt. Dafür gibt es aber weiterhin solche Entdeckungen wie die Weine von Azul y Garanza. 15,90 € kostet der 2018er Naturaleza Salvaje und ist damit der teuerste Wein des Weinguts. Wer es noch etwas abenteuerlicher mag, für den gibt es auch die weiter oben schon angekündigte weiße Version aus Grenache Blanc, aber das ist in Wirklichkeit ein (wenngleich nicht allzu extremer) Orange Wine.

Gern würde ich auch mal wieder eine kleine Tour durch Spanien selbst unternehmen. In Andalusien war ich ja letztes Frühjahr schon, wenngleich sehr kurz. Aber Navarra oder auch den galizischen Nordwesten kenne ich ehrlich gesagt nur von der Landkarte. Und das wird, seufz, erst einmal auch so bleiben. Ein Glück, dass man beim Weingenuss wenigstens im Kopf ein bisschen reisen kann. Tut es mir also gleich, genießt den feinen Roten und haltet euch wacker.

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7 Kommentare zu Natürlicher Dienstag #40 – Azul y Garanza

  1. Conne sagt:

    Lieber Matthias

    Navarra und Galizien sind mehr als lohnende Ziele, der ganze Norden Spaniens eh. Aber eine Lehnstuhlreise ist nun auch was Schönes. Aber irgendwann musst da hin, mit Sicherheit! Den Wein besorge ich mir jedenfalls.
    Schönen Gruß aus dem Casteller Frühling, der unbeeindruckt vom Geschehen einen vollen Anlauf nimmt….
    Cornelius

    • Matze sagt:

      Schöne Grüße zurück! Ja, Gärten, Dachterrassen, Landspaziergänge, das sind die Dinge, die uns Städtern jetzt fehlen. Hier ist ja sogar unser einziger Park in der Gegend abgesperrt. Ich bin ja mal gespannt, ob nach dem Ende der Maßnahmen gleich der große Exodus stattfindet und alle Welt SOFORT verreisen möchte. Mir würde es wahrscheinlich so gehen… Bis dahin gilt es aber noch einige Flaschen Wein zu probieren 😉

  2. Michael Holzinger sagt:

    Hallo werter Matze!

    Any Spain is better than mainstream Spain!

    Nachdem die größten Spanien-Händler in Deutschland längst Millionen-Umsätze mit Schrott-Massenweinen machen, mittels Lohn-Abfüllungen, verkauft unter eigenen bzw. No-Name-Labels, und somit gruselige, alkoholische Flüssigkeiten in die Kehlen der breiten Verbraucher-Menge kippen, ist es eine Wohltat, dass jüngst immer wieder mit solchen Entdeckungen, wie hier genannt, ein Stück innovativer Weinbau Spaniens auch hierzulande aufblitzt.

    Und dazu gibt es in wohl allen Regionen des Landes in den rund letzten 5-7 Jahren einen großartigen Boom, den man auf keinen Fall übersehen darf. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob es naturverbundene, informierte Quereinsteiger sind, oder ein Generationswechsel in einem Wein-Betrieb den Ausschlag gibt. Die Weine gewinnen an Transparenz und Luftigkeit, sind dem Boden näher als der Technologie, haben Kontur und eine klare Traube im Saft!

    Dieser Boom wird derzeit leider kaum erfasst und in der Handels-Landschaft aufgeschlossen abgebildet. Zu leicht wird bisher mit den spanischen „Billig-Marken“ das dicke Geld verdient. Wie auch, wenn sich die ganze Kunst des Einkaufes der großen Versender nur noch auf eine reine Margen- und Deckungsbeitrag-orientierte Wirtschaftlichkeit beschränkt, also auf ein komponiertes „Zusammenschütten“ diverser Tank- und neutral-toter Fass-Weine, die es in Millionen Liter bei Spaniens Großbetrieben und Abfüllern ultra-billig, unterhalb jeder Schamgrenze, zu kaufen gibt: für die nächste „Experten“-Cuvée dann als Eigenmarke.

    Dabei sind Kalkulationen von 400, 500 und auch 700 % oder noch mehr, nicht die Ausnahme, sondern die Regel! Das ist im Massenwein-Geschäft derzeit ein einzigartiges „Spanien-Phänomen, und z. B. bei französischen oder italienischen Wein-Importen, bis auf wenige Ausnahmen, in dieser Breite nicht zu realisieren.

    Da gibt man dann gerne als Getränkehändler, lautstark auf allen Kanälen, 45 – 50 % Dauer-Rabatt, als vermeintliche Aktion. Die Unternehmensführung und das Management solcher Handelsgrößen dürften diese fantastischen Elixiere wohl sicher nicht selber trinken.

    Ein ganzer Geschmacksinn einer recht großen Käuferschicht wird so auf sprichwörtlich billigste Wein-Art dauerhaft vergewaltigt. Und nachhaltig geschädigt.

    Um so mehr freut es dann, wenn Weine, und z. B. Händler, wie hier als Quelle erwähnt, dann einen anderen Blick ins Geschehen der Iberischen Halbinsel werfen, und damit wirklich lohnend Neues entdecken, und auch ins Programm nehmen!

    Vielen Dank für diese weitere Anregung, die auf so spannende, neue Wein-Charaktere und Charakter-Köpfe aus Spanien hinweist. Das lässt hoffen!

    Mit besten Grüßen

    Michael Holzinger

    • Matze sagt:

      Oh ja, ich denke, wenn man über den spanischen Weinbau ganz allgemein spricht, müsste man tatsächlich beim feudalen Hacienda-System anfangen. Viele Dinge, die du beschreibst, haben meiner Meinung nach dort ihren Anfang genommen. Massenwein gibt es halt primär da, wo es kleine Weinbauern gibt, die ihre Trauben für extrem günstige Preise abgeben (müssen). Oder halt (was auch nichts anderes ist), wenn Großbetriebe mit extrem schlecht bezahlten Landarbeitern wirtschaften. Gut also, dass es da auch inzwischen andere Ansätze gibt.

  3. Sven Helmut Weller sagt:

    Wie immer, eine schöne Info über einen Wein. Danke für deine immer gute Auswahl an interessanten Weinen und Reiseberichten.
    Gruß aus Schweden von Sven Helmut
    ( bin mit Weinen- aus eigenem Weinberg und von Freunden gut versorgt, der Pinot Weinberg in Schweden benötigt noch Zeit, es wird aber hart. Gestern -9 Minus )

  4. Michael Holzinger sagt:

    Das ist ein ausgezeichneter Gedankensprung!

    Dem möchte ich gut und gerne folgen. In Europa sieht man wohl nur noch in Spanien derart deutlich die unschönen Überbleibsel des Feudalismus, als immer noch Wirtschaft und Markt bestimmend. Die Hacienda als historisches wie gegenwärtiges Wirtschaftssystem. Im weiteren sonst noch in Chile, teils Argentinien, Urugay, und aktuell auch in Venezuela. Aber das ist eine andere, wenn auch verwandte Geschichte.

    Wenn man das kurz im Zeitraffer durchspielt:

    Ab der Zeit der Romanisierung der Halbinsel (Hispania Beatica und Lusitania) entstanden bereits riesige Latifundien für den gewinnträchtigen Distanzhandel mit Agrarfrüchten, wie Wein, Öl, Getreide im großen Stil. 16 Jahrhunderte später: Landgaben der Krone an Adel und honore Konquistadoren, rapid expandierender Großgrundbesitz, Plantagen, Ausbeutung, Sklaverei, Leibeigenschaft, Pacht-, Unterpacht-, und Erbpachtwesen.

    Desarmortisation ab 1800 und der Verkauf der Enteignungen, wieder an Privat (konkret an bereits Reiche und Großgrundeigner), machten den Weg frei für riesige, beherrschende Hacienden.
    Napoleon, Franco; springt man direkt bis in die Gegenwart, so leidet Spaniens Wirtschaft heute immer noch sichtbar unter dem Erbe des Erben-Systems, voran im Agrar-Sektor, gefolgt vom Bankwesen.

    Die skurrile Herzogin von Alba z. B. übergab nach dem Ableben 2014 ihrem Sohn über 30.000 Hacienden-Hektar. Der Herr von Adel nun räumt, wie schon seine Mutter zuvor, jährlich EU-Subventionen in Millionenhöhe ab. Ihm folgen ein paar Dutzend spanische Familias Nobles, die u. a. sehr wohl wissen, wie man ein undurchsichtiges Agrar-Betriebsgeflecht installiert, um an Fördergelder zu kommen. Geld schwimmt nach oben, und Schokolade bekanntlich auch.

    Es ist ein Flächenbrand, trotz systematischer Vergiftung der Böden bis zum Brachliegen, Ausbeutung der Tagelöhner, Abgabenbetrug, konsequenter Verstoß gegen alle Arbeitsschutzrichtlinien, abgerechnet wird hemmungslos in Milliardenhöhe – die EU zahlt und zahlt und zahlt. In diesem System sind – für die Inlandspresse nicht schwer zu recherchieren – so gut wie ausnahmslos die Reichsten der Reichen Spaniens beteiligt. Die ältesten, „feinen“ Familien darunter, mit Siegelring und Wappen an der Hoftür.

    Die Bankenkrise; 2013 dann die weitere, ganz spezielle spanische Immobilienkrise, wo Land und Geistersiedlungen endgültig verscherbelt wurden. Ein Durchschnittspreis der Weinunmengen von ca. 1,20 Euro pro Liter (2018) macht es möglich, bei entsprechendem Volumen sogar noch günstiger einzukaufen. Das geht aber schon seit Jahren so. Mir sind im Scheingespräch auf einer Kontakt-Messe bereits 2016 alle Varianten angeboten worden. Mit Flasche, ohne Flasche, mit Wunsch-Etikett, oder mit eigenem Etikett, dann zugeliefert. „Was brauchen Sie, mehr Garnacha, Merlot, oder mehr Cabernet?“ Von 1,- bis 1,20 Euro: „No Problem. No Problem.“

    Arbeitslosigkeit, Wanderarbeiter, Migranten, Lohndumping, Überproduktion, Konkurrenzdruck, sinkender Inlandsverbrauch – die Dinge greifen bestens ineinander, sind ein El Dorado für Handelsgrößen und Einkäufer, die ihr Kerngeschäft im Billigwein-Segment bestreiten wollen.
    Die breite Menge schluckt es, sprichwörtlich.

    Der reine Traubenbauer ist dem schutzlos ausgeliefert, ein funktionierendes Kammer- oder Verbands-System, wie wir es kennen, ist dort kaum eine Hilfe. Die Macht der Großen diktiert den Trauben-Kilopreis der insgesamten Überproduktion. So aber ist auch die sehr große Zahl der im ganzen Land vorhandenen kleineren und mittleren Betriebe, die auf Qualität setzen, permanent schwer unter Druck, um beständige Käufer zu finden und einen gesunden Export-Anteil dauerhaft im Geschäft zu etablieren.

    Und für die Traubenbauern ist der Schritt in die Selbstabfüllung, als rettender Ausweg, schwerer denn je. Kreditzugang ist derzeit in Spanien für Kleinbetriebe und Existenzgründer unerhört schwer. Umso bewundernswerter, dass es meist junge Menschen mutig riskieren, irgendwie trotzdem ihren Traum vom eigenen, kleinen Weingut zu verwirklichen, um die Traube mit einer klaren Idee von Qualität als auskömmlichen Lebensunterhalt zu bewirtschaften.

    Dafür ein paar Euro mehr auszugeben, lohnt sich immer.

    Mit besten Grüße

    Michael Holzinger

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