Natürlicher Dienstag #34 – Radikon Oslavje

Natürlicher Dienstag Radikon Oslavje

Der erste vin naturel, den ich jemals getrunken habe, war ein Wein von Stanislao „Stanko“ Radikon. Jahrgang 1997. Ich hatte schon viel Sensationelles darüber gelesen, begeisterte wie abschreckende Berichte. Und dann stand ich da im Weinladen meines Vertrauens. „Lohnt sich der?“, fragte ich ganz scheinheilig. Die Antwort des Weinhändlers war ermunternd: „Hm. Kommt drauf an.“ Natürlich habe ich ihn gekauft, das teure Schätzchen, und noch am selben Abend geöffnet. Mit der in jugendlichen Jahren noch weitaus spontaneren Urteilskraft schrieb ich dann ins Weinbuch: „Ganz schön viel Geld für einen Most.“ Ich war deshalb sehr gespannt, was ich jetzt, fast 20 Jahre später und eventuell auch weiser, dazu sagen würde…

Oslavje – die Orange-Cuvée von Radikon

Zwei Jahre vor dem von mir erworbenen 1997er hatte Stanko Radikon zum ersten Mal etwas ausprobiert, das sein ganzes Winzerleben radikal ändern würde: Er vergor seine Ribolla Gialla-Trauben sieben Tage lang auf der Maische. Wie sein Großvater. Aber wie sonst niemand in der modernen Weinwelt. Sein Nachbar Josko Gravner, exakt 450 Meter die Landstraße runter, tat es dann ebenfalls. Stanko, der im Jahr 2016 starb, sagte in einem seiner letzten Interviews: „Es gibt zwei Momente, in denen du bereit sein solltest, große Veränderungen vorzunehmen: Entweder wenn es richtig schlecht läuft. Oder wenn es richtig gut läuft.“ Bei den Radikons war es davor richtig gut gelaufen. Jetzt aber verloren sie die Hälfte ihrer angestammten Kundschaft, später noch mehr. Stanko und seine Frau Suzana liebten die neuen Weine allerdings, und sie blieben standhaft. Nach und nach kamen neue internationale Kunden, und heute ist der Name Radikon in der Naturwein-Szene nicht wegzudenken.

Mittlerweile hat Sohn Saša den 17 ha großen Betrieb direkt an der Grenze zwischen Italien und Slowenien übernommen. Bei den Weinen hat sich aber nichts geändert. Im Weinberg wird seit vielen Jahren biologisch, aber (natürlich) weiterhin unzertifiziert gearbeitet. Oslavje oder Oslavia, die Lage des Weinguts, ist zwar offiziell ein Stadtteil von Gorizia, aber die Stadt liegt rund 7 km entfernt. Der Oslavje könnte deshalb so eine Art Ortswein sein, wenn man will. Er handelt sich um eine Cuvée aus 40% Chardonnay, 30% Pinot Grigio und 30% Sauvignon. Die Trauben werden nach der Ernte entrappt und können dann ohne Eingriffe tun, was immer ihnen beliebt. Gären zum Beispiel. Bis zum Ende des Jahres bleiben Trauben und Schalen zusammen, bevor der Wein abgezogen wird. Nach drei Jahren im Fass und einem in der Flasche kommt der Oslavje schließlich auf den Markt. Als purer vergorener Traubensaft.

Wie schmeckt der Wein?

Radikon Oslavje Kork

Ich nähere mich auf Umwegen: Als ich elf Jahre alt war, wollte ich ich Buch von Thomas Mann lesen, warum und welches weiß ich leider nicht mehr. Meine Mutter meinte zwar, dass das vermutlich noch nichts für mich sei, gab es mir aber trotzdem. Ich las mich durch lange Sätze, stieß auf unbekannte Wörter und komplexe Situationen. Ganz anders als die Mickymaus-Comics. Ganz anders auch als die Heldengeschichten bei Karl May. Alles verstand ich tatsächlich nicht, aber ich probierte ein paar der neu gefundenen Wörter in Schulaufsätzen aus. Und langsam setzte sich Stück für Stück eine erweiterte Welt zusammen.

Daran musste ich wieder denken, als ich den 2010er Oslavje von Radikon probierte. Das ist nämlich immer noch eine ziemlich radikale Interpretation, vor allem für Leute, die Weine nur primärfruchtig kennen. Ich öffne die 0,5-Liter-Flasche und ziehe einen Kork heraus, der dünn ist wie ein Stab. Farblich erscheint der Wein erst in leuchtendem Orange und geht später in ein tiefes Amber über. In der Nase spüre ich etwas Lösungsmittel, Verbena, gelbe Pflaume und Kräutermalz, mithin nicht gerade das, was einen Wein im herkömmlichen Sinne attraktiv macht. Am Gaumen gibt es tatsächlich die erschnüffelte flüchtige Säure, von der ich nicht weiß, ob sie Teil des Gesamtpakets ist oder doch eher auf mittelprächtige Lagerung zurückgeht. Nicht beschwerdetauglich, aber ähnlich wie bei Patrick Meyer schon an der Grenze dessen, was ich haben möchte. Die „normale“ Säure ist ebenfalls beachtlich, die Tannine hingegen nicht hart, sondern gut eingebunden. Ich schmecke saure Mandarine, weiter Kräutermalz, einen Ton wie vertrocknete Margeriten und einen Anklang an Hojicha.

Solo ganz eindeutig ein intellektuelles Vergnügen.

Wo habe ich ihn gekauft?

Eataly München

Gekauft habe ich den Oslavje von Radikon an einem für derartige Weine eher überraschenden Ort, nämlich dem Eataly in München. Ich war ja kürzlich dort zur Präsentation des Slow Wine Guides und der entsprechenden Weine (meine Favoriten waren dabei die Baroli von Cavallotto, aber das ist ein ganz anderes Thema). Neben einer großen Zahl konventionellerer Produkte gibt es in den Regalen immer wieder ein paar „andere“ Weine. Aus der Karstwein-Orange-Fraktion zum Beispiel jenen hier von Radikon (34,90 € die Flasche), einige von Movia und Čotar aus Slowenien und auch von Gravner, über dessen Amphorenwein ich vor längerer Zeit schon einmal geschrieben hatte. Ganz klar: Massentauglichkeit sieht anders aus, sowohl preislich als auch stilistisch. Aber das dürfte auch nicht das Ziel von Stanko Radikon gewesen sein – und zwar von Anfang an nicht.

Interessanterweise gibt es dann aber doch einen Moment beim Oslavje, der ihn in die bekannte Welt einbettet, nämlich beim Essen. Zu schärferen Gerichten wirkt er dabei nämlich überraschend harmonisch. Die Frucht kommt stärker heraus, und die Säure ergänzt alles mit einer Pickles-artigen Pikanz. Mehr Luft, mehr Wärme, mehr Frucht, mehr Harmonie insgesamt. Aber selbst wenn das jetzt nicht funktioniert hätte, bin ich froh, den Oslavje gekauft und getrunken zu haben. Manchmal mag ich nämlich einfach solche persönlichen Grenzüberschreitungen. Denn insgeheim hoffe ich darauf, bei diesen Entdeckungen auf neue Wörter im eigenen Weinuniversum zu stoßen – so wie damals bei Thomas Mann.

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