Natürlicher Dienstag #28 – Champagner Marie-Courtin

Champagner Marie-Courtin

Jetzt haben wir es fast geschafft, dieses seltsam unrunde Jahr 2019. Und weil das so ist, möchte ich am letzten Tag des Jahres jemanden vorstellen, der es auch geschafft hat. Symbolisch jedenfalls. Dieser Jemand heißt Champagner. Champagner als Weintyp, die Champagne als Herkunftsregion, das sind weltbekannte Marken geworden. Hier geht es um eine natürliche Version der Idee vom edlen Schaumwein. Champagne Marie-Courtin ist das kleine, aber feine Projekt von Dominique Moreau, Winzerin an der Côte des Bar. 326 Einwohner hat übrigens ihr Heimatdörfchen Polisot und ist trotzdem eine selbständige Gemeinde mit Bürgermeister, Verwaltung und allem Drum und Dran. Ist das vernünftig? Nein, aber französisch.

Champagner zu Silvester?

Wenn ich jemanden nach einer möglichst logischen Verknüpfung zweier Begriffe fragen würde, wären „Champagner“ und „Silvester“ als Kombination sicher ziemlich weit oben auf der Liste. Jedenfalls habe ich noch niemanden in meinem Freundeskreis getroffen, der das seltsam findet. Und interessanterweise beschränkt sich diese Kombination aus „Feiern“ und „Schaumwein“ keineswegs auf meine eigene Blase. Von der Professorin über den Rapper bis zum Zahnluckerten, alle verbinden damit das Gefühl des Wohlseins und des sich einmal Gönnens. Neulich habe ich von einer Studie gelesen (ich glaube, es war im New Yorker, aber ich finde den Link leider nicht mehr), die empirisch erarbeitet hat, dass Champagner das am wenigsten diskriminierende alkoholische Getränk ist. Weil nämlich die ganze (Alkohol konsumierende) Welt damit Feierlaune verbinde, sei es quasi für alle Ethnien, Geschlechter und Altersgruppen (ab 18) möglich, mit einer Schampusflasche in der Hand gesichtet zu werden.

Nun gut, die allgemeine Gleichmacherfreude kennt schon eine Grenze, und die bestimmt der Geldbeutel. Champagner ist nämlich teuer, wenn man einmal andere weinhaltige Getränke als Vergleich heranzieht. Aber wie immer bei Luxus, den kein Mensch zum Überleben braucht, darf oder muss es marketingmäßig sogar relativ teuer sein, denn sonst wäre es ja kein Grund zum Feiern.

Hatte ich Champagner in meiner adoleszenten Phase noch wegen seiner Bling Bling-Ausstrahlung abgelehnt, gibt es auch in der öffentlichen Wahrnehmung eine weiterhin zunehmende Kategorie, die es bedingungslosen Ablehnern nicht mehr so leicht macht. Winzerchampagner heißt das Zauberwort. Keine der großen Marken in der Hand von weltweiten Spekulanten, sondern echte dreckhandige Leute. Leute, die vielleicht nur ein paar Hektar haben, keine Kolonnen von Billiglöhnern beschäftigen, nicht die ganze Umwelt verpesten und schlichtweg attitude besitzen. Das ist die Welt von Dominique Moreau.

Wie schmeckt der Wein?

Dominique ist die Partnerin von Roland Piollot, der das (allerdings auch nur 8,5 ha kleine) Champagnergut Piollot führt. Dominique wollte allerdings eine etwas freiere Interpretation wagen und besorgte sich erst einen, mittlerweile 2,5 ha Weinberge direkt daneben. Sie benannte das Mini-Weingut nach dem Namen ihrer Großmutter Marie Courtin und legte gleich zu Anfang ganz konsequent los. Demeter-zertifiziert, hauptsächlich Pinot Noir, alles sélection massale, keine Dosage, kaum Schwefel (10 mg bei diesem Wein), alles Einzelparzelle, in aller Regel auch Einzeljahrgang. Natürlich steht nichts davon auf dem Etikett oder höchstens verklausuliert als Zahlenkombination, aber das scheint mir fast Methode zu sein. Dies sind nämlich Champagner, die keinen demonstrativen Stil vor sich hertragen.

Der Résonance ist sozusagen der Einstiegs-Champagner, aber unter den gegebenen Rahmenbedingungen wäre eine solche Bezeichnung irreführend. Abweichend von ihren anderen Champagnern hat der Résonance allerdings kein Holz gesehen. Zusammen mit der fehlenden Dosage macht ihn das extrem pur. Dass das dennoch nicht abweisend oder allzu akademisch daherkommt, hat vielleicht auch etwas mit der Rebsorte zu tun. Nach dem Öffnen zeigt sich eine feine Perlage. In der Nase gibt es die typischen Briochenoten, aber nicht heavy, sondern jung und leicht hefig. Im Hintergrund duftet ein rotbackiger Apfel. Im Mund spüre ich sofort die Säure, aber das ist auch klar, weil kein puffernder Zucker enthalten ist. Dennoch kommt auch hier nichts Strenges zum Vorschein, sondern alles bleibt (gerade für einen Pinot Noir) fein und elegant. Die „Schwefelarmut“ ist dabei überhaupt nicht spürbar. Man braucht also keine erhöhte Funkiness-Toleranz, um diesen Champagner genießen zu können. Dafür aber ein Verständnis für die leisen Töne.

Wo habe ich ihn gekauft?

La cave des Papilles Paris

Gekauft habe ich den Champagner Résonance von Marie-Courtin im Cave des Papilles in Paris. Zu Fuß war ich mehrere Kilometer hierhin gelatscht, der Streik, ihr wisst schon. Diesen wunderbaren Weinladen in der nicht weniger großartigen Rue Daguerre hatte ich hier auf dem Blog schon einmal vorgestellt. Weil ich mich bei der riesigen Auswahl nicht entscheiden konnte, habe ich einfach den Verkäufer nach einem persönlichen Tipp gefragt. Das ist übrigens das, was ich an einem wirklich guten Fachhandel schätze. Dass er nämlich in der Lage ist, sowohl absolute Freaks als auch absolute Beginner gleichermaßen freundlich zu beraten.

Interessanterweise kann man ja mittlerweile auch in Deutschland ziemlich gut Champagner kaufen. Wenn ihr wisst, dass diese elegante Pinot Noir-Interpretation genau euer Fall ist, dann könnt ihr den Résonance auch problemlos bei Champagne Characters erwerben. 39,90 € kostet der 2015er dort (also der Jahrgang, den ich getrunken habe). Selbstverständlich ist das viel zu spät für den Jahreswechsel heute Abend, aber bitteschön, irgendwann wird es ja sicher wieder etwas zu feiern geben…

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