Sander Sauer Kiefer – Grünfränkisch ist wieder da!

Grünfränkisch 2018

Auf dieses Tasting habe ich mich schon eine ganze Weile gefreut. Angekommen waren bei mir drei Flaschen 2018er Weißwein aus Deutschland. Das allein für sich wäre allerdings, ihr könnt es euch denken, noch kein Grund, jubelnd an die Decke zu springen. Das Besondere an diesen Weinen ist nämlich ihre Rebsorte. Grünfränkisch. Auch dieser Name hört sich nicht sonderlich spektakulär an, aber er ist es. Bis vor wenigen Jahren galt diese uralte Rebsorte nämlich als ausgestorben. Per Zufall wiederentdeckt, gibt es mittlerweile wieder ein paar wenige Winzer, die Grünfränkisch anbauen. Drei dieser Weine möchte ich euch hier vorstellen. Wie schmeckt Grünfränkisch also?

Was ist Grünfränkisch?

Rebzeilen

Viel ist über die Rebsorte Grünfränkisch nicht bekannt. Laut DNA-Analyse ist es vermutlich eine natürliche Kreuzung aus den Rebsorten Auxerrois und Kövidinka. Kövidinka ist eine Rebsorte, die hauptsächlich im Grenzgebiet zwischen Ungarn, Serbien und Kroatien angebaut wird, und zwar schon seit sehr langer Zeit. Auxerrois hingegen gehört zur Pinot-Familie, erhielt seinen Namen von der mittelalterlichen Grafschaft Auxerre, stammt aber wahrscheinlich aus Lothringen. Rebforscher Andreas Jung, der im Rahmen eines Forschungsprojekts die Grünfränkisch-Reben 2008 im Weinberg von Heiner Sauer entdeckt hatte, geht davon aus, dass aus dieser Rebsorte (und nicht etwa aus Riesling) einstmals die „echte“ Liebfrauenmilch gekeltert wurde. Im 16. Jahrhundert wurde der Name Grünfränkisch auch als Rebsorte in der Südpfalz erwähnt. In den letzten 200 Jahren gab es aber keine Spuren mehr davon.

Heiner Sauer Grünfränkisch Böchinger Rosenkranz 2018

Sauer Grünfränkisch 2018

Genau hier nahm die Wiederentdeckung des Grünfränkisch ihren Anfang. Der Weinberg von Biowinzer Heiner Sauer wurde im Jahr 1965 angeblich mit Weißburgunder bestockt. Jedenfalls war das die bestellte Rebsorte. Er wurde auch jahrzehntelang als Weißburgunder verkauft, bis Heiner Sauer die Sache ein bisschen merkwürdig vorkam. Und in der Tat: Andreas Jung, der im Rahmen eines Projekts deutschlandweit nach historischen Rebsorten suchte, stellte schnell fest, was es nicht ist. Weißburgunder nämlich. Die andere Seite des Suchens war dann natürlich deutlich aufwändiger, denn worum könnte es sich in Wirklichkeit handeln? Gut, ihr wisst es mittlerweile. Mit dem Jahrgang 2013 wusste es auch das Etikett auf dem Sauer’schen Wein. Aus rechtlichen Gründen muss dort allerdings weiterhin „aus Versuchsanbau“ stehen, auch wenn das Versuchsstadium nach 54 Jahres des Gedeihens der Reben so langsam beendet sein dürfte.

Im Rahmen einer wunderbaren ersten Probe historischer Rebsorten hatte ich schon einmal die Gelegenheit, diesen Wein zu testen. Ganz ohne Frage war das einer der Sieger des Abends, weshalb ich überhaupt erst auf die Idee gekommen bin, mich auch mit den anderen Weinen aus dieser Rebsorte zu beschäftigen.

2018 war ein extrem heißes und trockenes Jahr, und das ist an dem Böchinger Rosenkranz von Heiner Sauer nicht spurlos vorbeigegangen. 14 vol% bringt der Brummer auf die Waage. Ein blasses Zitronengelb zeigt sich im Glas, in der Nase relativ zurückhaltend mit steinigen und kräuterigen Noten, dazu grüner Apfel, bittere Limette und etwas Ananas. Frisch geöffnet erscheint die Säure nur mittelstark, die Aromen recht dezent nach Ananas, Fenchel und weißer Pflaume. Weil ich manchmal allerdings das Experiment liebe, schaue ich mal, wie sich der Wein über die nächsten Tage verändert. Zunächst kommt etwas mehr Süßholz mit ins Spiel, leicht vanillige Töne und irgendetwas wie eingedoste Früchte, Ananas, weißer Pfirsich. Die Materie bleibt die ganze Zeit über sehr dicht und sehr reif. Auch am letzten Tag meines Experiment, dem einundzwanzigsten (!) fällt hier nichts auseinander. Immer bleibt die Frucht auf der hellen Seite, immer auch spürt man die Kraft des Jahrgangs.

Jonas Kiefer Grünfränkisch 2018

Kiefer Grünfränkisch 2018

Jonas Kiefer ist so ein bisschen der „Hauswinzer“ der Rebschule von Ulrich Martin, die sich auf den Erhalt historischer Rebsorten spezialisiert hat. Wer sich dafür interessiert, was unsere mittelalterlichen Vorfahren so alles getrunken haben (wenngleich vermutlich in wesentlich zweifelhafterer Qualität), dem sei dringend die Website des Projekts Historische Rebsorten empfohlen. Dort wird nicht nur aufgeführt, welche Sorten es gibt, sondern vor allem auch, wer sie derzeit wieder im Anbau hat. Dieser Wein stammt aus den Rebmuttergärten der Rebschule, wurde aber von Jonas Kiefer auf seinem eigenen Weingut gekeltert und ausgebaut. Als Fassprobe hatte ich den Wein schon vor ein paar Monaten im Glas – aber dies ist ja der abgefüllte Ernstfall.

Jonas Kiefer hat die Kraft des Jahrgangs ein bisschen anders interpretiert. Sein Wein hat bei 13 vol% nicht nur 5,8 g Säure, sondern auch 15,4 g Restsüße pro Liter. Ein halbtrockenes Schätzchen also. Fast könnte man an die „wahre“ Liebfrauenmilch denken, aber ein derartig südlicher Jahrgang wird auch zur mittelalterlichen Warmzeit nicht dringewesen sein. Was mir sofort auffällt, ist die sehr wertige Ausstattung. Farblich haben wir hier ein mittleres Gelb vor uns, den mit Abstand dunkelsten Jungwein der Reihe. In der Nase gibt es viel gelbe Früchte, Mango, Aprikose, aber auch etwas Kräuteriges wie Brennessel. Im Mund wird schnell klar, dass es sich nicht um einen Leisetreter handelt. Hohe Pikanz, spürbare Viskosität, Aprikose, sehr cremig, fast ein bisschen in Richtung Vanillepudding. Also von den Aromen her, nicht von der Konsistenz. Am 21. Tag ist auch hier alles noch tiptop, weiter ungeheuer tropisch im Mund, dazu weißer Pfirsich und Bourbon-Vanille.

Stefan Sander Grünfränkisch Zeitensprung 2018

Sander Grünfränkisch Zeilensprung 2018

Und dies ist der jüngste Sprössling der Grünfränkisch-Familie. Der renommierte Bio- und Biodyn-Winzer Stefan Sander aus Rheinhessen (ihr kennt sicher die Etiketten mit dem Marienkäfer) hat sich ebenfalls dieser Rebsorte angenommen. Er nennt seinen Wein „Zeitensprung“, denn einen solchen hatte der grüne Franke ja durchgemacht, nachdem ab dem Jahr 1827 niemand mehr wusste, ob es ihn überhaupt noch gibt.

Sander Weingut Amphore Grünfränkisch

Weil es aber eine derartig besondere Sorte ist, dachte Stefan sich, könnte der Wein daraus dann auch eine besondere Behandlung genießen. Und so kam der Zeitensprung in die Amphore, wie das netterweise vom Weingut zur Verfügung gestellte Foto zeigt. Aber ob sich der Ausbau auch geschmacklich auswirkt?

Zunächst einmal zeigen die technischen Werte schon, dass wir es hier mit einer ganz anderen Philosophie zu tun haben: Bei 12,5 vol% sind das 5,4 g Säure und nur 1,9 g Restzucker. Früher geerntet, nehme ich an. Farblich ist der Zeitensprung ebenso blass wie der Sauer, in der Nase dann deutlich floraler, Buschblüten, aber auch mit dem weißen Pfirsich, der sich bei allen dreien zeigt. Im Mund machen sich die Werte insofern bemerkbar, als der Wein tatsächlich am trockensten und am leichtesten wirkt. Allerdings keinesfalls mager, sondern auf eine verblüffende Weise schwebend. Walnuss, grüner Apfel, Birne, weißer Pfirsich und null freakig, sondern sehr dezent und elegant. Das ist wieder so ein Wein, der bei Parker-Brachial-Fans bereits nach dem ersten Nippen als Underperformer durchgehen könnte. Dabei ist wahrhaftig das Gegenteil der Fall. Am elften Tag nimmt die Pikanz langsam zu, der Wein beginnt sich zu entfalten. Ein faszinierender zart-eindringlicher Entwicklungswein.

Heiner Sauer Grünfränkisch Schloss 2014

Sauer Grünfränkisch 2014

Weil Heiner Sauer ja schon seit einer ganzen Weile Grünfränkisch anbaut, gibt es auch die Möglichkeit zu schauen, wie der Wein reift. Natürlich, jeder Jahrgang schmeckt anders und jeder Winzer hat einen persönlichen Stil. Aber ob Grünfränkisch prinzipiell eine Sorte ist, die Lagerpotenzial besitzt, sollte dieser Pfälzer des Jahrgangs 2014 ja schon andeuten können.

Mit 13 vol% ist auch dieser Wein nicht schwachbrüstig, aber anders als 2018 war 2014 in der Pfalz ein sehr ausgewogener Jahrgang. Farblich sind wir hier beim Gelb des Kiefer-Weins. In der Nase nehme ich erstaunlich deutlich entwickelte Noten wahr. Firn ist da, eine leichte Laktik auch, die aprikosige Frucht eher im Hintergrund. Ich befürchte schon ein etwas gezehrtes Tröpfchen, aber das ist nun wirklich überhaupt nicht der Fall. Im Mund knallt es nämlich richtig. Es gibt eine spürbar präsente Säure, gleichzeitig Viskosität und Pikanz, eine wunderbare Fruchtintensität. Sehr reife Mandarine, kernig, hocharomatisch. Mit zunehmender Luft verändern sich die Fruchtaromen etwas und gehen jetzt in eine Erdbeer-Vanille-Rhabarber-Richtung. Natürlich hat 2014 einen sehnigeren Wein hervorgebracht als 2018, aber Qualität und Entwicklungspotenzial sind derartig eindeutig da, dass einem auch für die anderen Weine nicht bange sein muss.

Mein Fazit

Grünfränkisch ist eine gute Rebsorte, eine mit Reifepotenzial, fast mit Reifepflicht, wenn man es ernsthaft angehen möchte. Die besseren Rieslinge, Chenins und Chardonnays der Welt schluckt man nicht im ersten Jahr – und wenn man es tut, verzichtet man mutwillig auf echte Größe. Die kommt nämlich erst mit etwas Reife.

Wer Grünfränkisch das Gefühl vermitteln möchte, früher zugänglich zu sein, kann es tatsächlich mit etwas Restsüße versuchen. Das schmeichelt dem Gaumen und hält zudem den Alkoholwert im Rahmen. Auch wenn die drei Winzer drei verschiedene Interpretationen vorlegen, zeigt sich die pfirsichartige, custard cream-ähnliche Note bei allen Weinen. Was die Weine noch gemeinsam haben (und ich noch gar nicht erwähnt hatte), das ist ihr Preis. 13,10 € müsst ihr ab Hof für die Version von Jonas Kiefer hinlegen, je 15 € für die Weine von Heiner Sauer und Stefan Sander. Das ist so ein Bereich, von dem ich gern behaupte, dass hier die besten Entdeckungen zu machen sind. Um einen höheren Preis abrufen zu können, fehlt nämlich manchmal allein das Prestige, und billiger macht schlichtweg keinen Sinn, weil die Weine zu gut sind, die Pflege zu aufwändig.

Insofern haben wir hier drei Vertreter vor uns, die eigentlich gar keinen Exotenbonus brauchen, um zu überzeugen. Oechsle bringt so ein Grünfränkisch offenbar genügend mit, und was man dann daraus macht, obliegt dem Winzer. Mir persönlich haben die Interpretationen von Stefan Sander und der 2014er von Heiner Sauer am besten gefallen. Beide sind zwar sehr unterschiedlich in ihrer Intensität, aber gleichermaßen präzise und faszinierend. Die 2018er von Sauer und Kiefer brauchen beide noch ein bisschen Zeit, um ihre stoffige Materie in Form zu bringen. Ich bin mir aber sicher, dass wir mit dem Grünfränkisch einen ganz spannenden Wiedereinsteiger in die Charts der besten Rebsorten Deutschlands gefunden haben.

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Ein Kommentar zu Sander Sauer Kiefer – Grünfränkisch ist wieder da!

  1. Hab ich noch nie getrunken, werde ich mal die Augen (und dann den Mund) offen halten.

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