Weinreise Nahe, Teil 2 – meine zehn schönsten Weinberge

Weinreise Nahe Laubenheim Karthäuser

Auf der Nahe fahren keine Ausflugsschiffe. Nur wenige Burgen säumen ihren 125 km langen Lauf, und manchmal scheint sie fast unter ausladenden Uferbäumen zu verschwinden. Dafür ist ihr Einzugsgebiet mit den Nebenflüssen sehr ausgedehnt und die Landschaft enorm abwechslungsreich. Nicht nur in geologischer Hinsicht (wie in Teil 1 der Nahereise beschrieben) haben wir hier eine bunte Weinwelt vor uns, die von weltberühmten Lagen wie der Hermannshöhle bis zu verwunschenen Seitentälern mit Relikten eines einstmals wesentlich ausgedehnteren Weinbaus reicht. Zehn spezielle Weinlagen an der Nahe habe ich für diesen Artikel erwandert und fotografiert.

Weinreise Nahe Rheinhessen Rheingau Dreiländereck

Wie nahe die Nahe (haha) an anderen Anbaugebieten liegt, kann man am besten mit einem Blick vom Laubenheimer Karthäuser in Richtung Norden feststellen. Links im Bildmittelgrund befinden sich die Münster-Sarmsheimer Spitzenlagen, Anbaugebiet Nahe. Der steile Hang rechts gehört zum Binger Scharlachberg, Anbaugebiet Rheinhessen. Zwischen diesen beiden Bergen fließt die Nahe in ihrem Unterlauf hindurch. Und schließlich seht Ihr im Hintergrund jenseits des Rheins unverkennbar das Niederwalddenkmal, das über dem Rüdesheimer Berg thront. Anbaugebiet Rheingau.

Weinreise Nahe Weinterrassen

Auch wenn Weinliebhaber die Nahe fast ausschließlich mit Riesling in Verbindung bringen, wächst Riesling tatsächlich nur auf weniger als einem Drittel der Anbaufläche. Fast genauso viel nehmen rote Rebsorten ein. Aber dennoch: In allen Spitzenlagen steht vor allem Riesling, der von knochentrocken bis edelsüß alle Spielarten hervorzubringen vermag. Die Großen Gewächse von Weingütern wie Dönnhoff, Emrich-Schönleber oder Schäfer-Fröhlich stehen Jahr für Jahr in den Top Ten der renommierten Weinguides. Und doch gibt es auch die andere Seite der Nahe: Von den 328 definierten Einzellagen sind heutzutage nur noch 258 bestockt. Und selbst aus so großartigen Terrassenlagen wie der Bad Münsterer Steigerdell auf dem Foto kann man sehr kleine Weine für zugegeben auch sehr kleines Geld holen.

Wir wollen jetzt aber an der Nahe und ihren Nebenflüssen entlangreisen, und zwar ganz grob von Norden nach Süden, also vom Rheingebiet bis hinein in die Ausläufer des Pfälzer Waldes.

Bei den Lagennamen verlinke ich übrigens immer auf die fantastische Seite weinlagen.info meines Weinfreundes Charlie. Auf diese Weise könnt Ihr im Satellitenbild sehen, bis wohin die genannte Lage reicht. Wenn Ihr vor Ort Euer Smartphone anschaltet…

1. Goldloch, Dorsheim

Weinreise Nahe Dorsheim Goldloch

Ich weiß nicht, ob es in Deutschland eine Spitzenlage gibt, die noch leichter und angenehmer für den motorisierten Touristen erreichbar ist als das Dorsheimer Goldloch. Ich nehme einfach die Autobahnabfahrt Dorsheim, fahre 100 Meter nach Norden und stelle mich auf einen schattigen Parkplatz direkt zu Füßen der Weinberge. Unten am plätschernden Trollbach beginnt ein Weg auf rötlichem Untergrund, der vom Goldloch an interessant geformten Felsen entlang zum Burgberg führt. Goldloch und Burgberg sind heiße, nach Süden ausgerichtete Lagen. Die Autobahn rauscht beständig im Hintergrund, aber von hier unten kann man sie nicht sehen.

Weinreise Nahe Dorsheim Goldloch

Von oben schon. Wenn man an den Felsen den Hang hochkraxelt, wird einem schlagartig bewusst, dass Steillagenarbeit eine sehr stark körperliche Komponente besitzt. Vielleicht besitzen Winzer in Steillagen und solche auf flachen Aueböden sogar zwei ganz verschiedene Berufe. Die Steilheit der Lage und die nur dünne Lehmauflage gibt dem Wasser, welches vom Himmel kommt, allerdings auch die Gelegenheit, munter und ungestört bergab zu fließen. An vielen Stellen kann ich sehen, dass die unbewachsenen Rebzeilen im Goldloch ein gewisses Erosionsproblem besitzen.

Spitzenweine aus dem Goldloch gibt es vom Schlossgut Diel und vom Weingut Johann Baptist Schäfer (jeweils GG), ansonsten auch etliche günstigere Optionen.

2. St. Remigiusberg, Laubenheim

Weinreise Nahe Laubenheim Sankt Remigiusberg

Der St. Remigiusberg in Laubenheim ist mit ganzen 2,4 ha sogar noch deutlich kleiner als die Dorsheimer Lagen. Er befindet sich nordwestlich des Ortes, fast direkt an der Naheweinstraße. Im Süden strahlt die Sonne, an allen anderen Seiten gibt es schützende Anhöhen, dazu Vulkanboden im Untergrund. Kein Wunder, dass wir es hier ebenfalls mit einer besonders warmen Lage zu tun haben. Aber so richtig spektakulär sieht sie nicht aus. Der Remigiusberg ist pures Understatement.

Weinreise Nahe Laubenheim Sankt Remigiusberg

Vielleicht haben solche Gesellen wie der Weinstock auf dem Foto auch einen Anteil daran, den Remigiusberg zu etwas Besonderem zu machen. Immerhin holt Martin Tesch aus dieser Lage jedes Jahr seinen überall am höchsten bewerteten Wein. Die Reben sind alt und knorrig, der Untergrund grasbewachsen, Erosion ist hier kein Thema. Ich gehe noch etwas weiter auf dem Weinwanderweg zur Hügelkuppe des Laubenheimer Karthäusers. Und während hier oben der Wind ganz schön pfeift, mache ich das Titelfoto dieses Artikels und blicke weit ins Rheinhessische und zum Rüdesheimer Berg.

Als Wein aus dem St. Remigiusberg kann ich den erwähnten Riesling von Martin Tesch empfehlen, ein ebenso extraktreicher wie langlebiger Vertreter auf GG-Niveau – aber für 16 €.

3. Brückes, Bad Kreuznach

Weinreise Nahe Kreuznach Brückes

Willkommen in der wunderbaren Hauptstadt der Naheregion. Mit Straßenschäden im gesamten Stadtgebiet, auf die wir Besucher freundlich hingewiesen werden. Auch weintechnisch ist Kreuznach ein etwas zweispältiger Ort. Es gibt im Norden rund um die Stadt herum etliche kleine und besonders feine Lagen wie den Kreuznacher Brückes auf dem Foto. Aber viele große Weine werden derzeit in Kreuznach nicht gemacht (wiewohl Dönnhoff sich genau dazu anschickt).

Weinreise Nahe Kreuznach Brückes

Dabei sieht man hier, nur 50 Meter vom ersten Foto entfernt, was die Lage so besonders macht: An der Oberfläche gibt es Lehmböden, aber direkt darunter können sich die Wurzeln der Reben richtig schön in den warmen Sandsteinfelsen aus dem Rotliegend eingraben. Alte Steinbrüche gibt es hier am östlichen Ortseingang, alle mit Drahtzäunen und Mauern gesichert. Wer aus diesem potenziellen Schätzchen einen Wein probieren möchte, ist beim Weingut Gemünden vermutlich am besten aufgehoben.

4. Bastei, Traisen

Weinreise Nahe Traisen Bastei

Eigentlich gibt es so etwas gar nicht in Deutschland. Und erst recht nicht in einer Gegend, in der die höchsten Berge gerade einmal 400 Meter hoch sind. Aber das Wort „eigentlich“ verrät schon, dass diese unwahrscheinliche Landschaft doch ganz wirklich und mitten unter uns ist. Der Rotenfels bricht mit einer enormen Steilwand direkt zur Nahe hin ab, und am Hangfuß befindet sich die Traiser Bastei, eine wirklich spektakuläre Weinlage.

Weinreise Nahe Traisen Bastei

Dabei ist die Bastei mit 1,4 ha winzig klein, so klein, dass Ihr auf dem Foto eigentlich schon alles sehen könnt. Richtig flach geht es auch hier am Fuß der Vulkanfelsen nicht zu, so dass ein Spaziergang anders als in den Laubenheimer Lagen eigentlich nur bedeutet: Foto, Treppe hoch, Foto, Treppe runter. Große Gewächse holt aus dieser Lage besonders das Weingut Dr. Crusius, sozusagen der Platzhirsch der Bastei, aber auch das Gut Hermannsberg. Die fruchtsüße Spätlese von Peter Crusius kann sich ebenso sehen lassen.

5. Brücke, Oberhausen

Weinreise Nahe Oberhausen Brücke

So, jetzt haben wir es geschafft, auch wenn die Lagen davor schon nicht von schlechten Eltern waren: Dies ist meines Wissens nach die kleinste vollständig bestockte Einzellage an der Nahe. Drei kleine Weinfelder auf Grauschiefer-Untergrund zwischen Bahnlinie und Fluss bilden die Weinlage Oberhäuser Brücke. Und alle gehören dem Weingut Dönnhoff.

Weinreise Nahe Oberhausen Brücke

Obwohl ich spät dran bin, fahre ich zum Sonnenuntergang noch hinunter nach Oberhausen und überquere die Nahe auf der alten Kopfsteinpflaster-Brücke. Denn ich weiß: An diesem Ort werde ich mich kaum verlaufen und in der Dunkelheit nicht mehr zurück finden. Oberhalb der Büsche auf dem Foto befindet sich übrigens schon der Hermannsberg, noch darüber der Steinberg und rechts die Hermannshöhle. Normalerweise gibt es aus der Oberhäuser Brücke eine sehr elegante Spätlese und noch ein bis zwei weitere süße Spitzen. Aus dem Jahrgang 2017 wird allerdings auch ein Großes Gewächs verfügbar sein.

Weinreise Nahe Lemberghütte Hermannshöhle Hermannsberg Kupfergrube

Dieses Foto – vielleicht außer den Lagennamen, die ich extra eingefügt habe – kennen viele Weinfreaks im In- und Ausland. Es ist aber auch wirklich fantastisch, ganz ohne Drohnen oder Seilbahnen eine solche Aussicht haben zu können. Die Lemberghütte, von der aus ich dieses Foto gemacht habe, ist über Wanderwege oder ein schmales Strässchen ganz problemlos zu erreichen. Vor uns liegt das Riesling-Herz der Nahe, alles große Lagen mit entsprechenden Weinen. Die Großen Gewächse von Hermannshöhle (Dönnhoff), Hermannsberg (Gut Hermannsberg), Kupfergrube (Schäfer-Fröhlich, Gut Hermannsberg, Dr. Crusius), Steinberg (Gut Hermannsberg) und Felsenberg (Dönnhoff, Gut Hermannsberg, Schäfer-Fröhlich) sind natürlich alle toll, erleichtern aber auch den Geldbeutel spielend. Für die Hälfte eines GG gibt es dafür  ebenfalls sehr beachtliche trockene Rieslinge von Jakob Schneider (Hermannshöhle Magnus), von Andi Schneider und den Gebrüdern Kauer (jeweils aus dem Felsenberg).

6. Halenberg, Monzingen

Weinreise Nahe Monzingen Halenberg

Welche Lage Ihr hier vor Euch habt, werdet Ihr beim besten Willen nicht erraten. Der Halenberg befindet sich direkt im Osten von Monzingen, an seinem Fuß eine stark befahrene Bundesstraße sowie ein Gelände mit schrottreifen Autos. Und trotz dieser in Teilen eingeschränkten Romantik kommen aus diesem sehr einheitlich wirkenden Hang mit die größten Weine der Nahe. Sehr selten ist es jedenfalls, dass das Große Gewächs von Emrich-Schönleber nicht genannt wird, wenn es um die besten trockenen Rieslinge Deutschlands geht. Der „Zweitwein“, aus Bezeichnungsgründen mittlerweile „Halgans“ genannt, hatte bei mir in einem interessanten Sechserfeld trockener 2008er Rieslinge ziemlich abgeräumt. Tim Fröhlich holt ebenfalls ein ganz großes Ding aus diesem Hang.

Weinreise Nahe Monzingen Auf der Ley

Ein paar Schritte weiter sehe ich oben auf der Hügelkuppe noch ein paar Reben stehen, die sicher eine gute Sicht auf das Tal haben. Das ist – wenn ich mich nicht täusche – ein in die Weinbergsrolle eingetragenes Gewann, das bezeichnungsrechtlich ansonsten halb zum Halenberg und halb zum Frühlingsplätzchen gehört. Es heißt „Auf der Ley„, und genau von hier stammt der gleichnamige Wein von Frank und Werner Schönleber, den man sich nicht beim Weingut abholen kann, sondern bei der Versteigerung.

7. Kloster Disibodenberg, Odernheim

Weinreise Nahe Odernheim Kloster Disibodenberg

Ortswechsel, aber nicht nur das. Der Disibodenberg nördlich von Odernheim ist sicherlich einer der ungewöhnlichsten Weinberge, die ich kenne. Von der anderen Seite des Tales betrachtet, wirkt es fast so, als hätte sich da ein imaginärer Riese ein paar lange Haare über seine Glatze gelegt. Es ist kurz vor Sonnenuntergang und ganz still, als ich mein Auto unten am Berg parke.

Weinreise Nahe Odernheim Kloster Disibodenberg

Aus der Entfernung sah der Weinberg so leicht zugänglich aus, aber das Gegenteil ist der Fall. Ich klettere nicht sonderlich behende von einer Zeile zur anderen und stelle dann fest, dass der Anlage ein bestimmtes Prinzip zugrunde liegt. Man muss nämlich immer den ganzen Berg entlang zum Ende der Zeile gehen und kann dann in die nächst höhere Zeile wechseln. Ich sehe einen Mauerfuchs als letzten Sommerboten an einer der Sandsteinmauern, und nicht nur die Hildegardis-Kapelle auf der Höhe weist darauf hin, dass dies hier ein besonderer Ort ist. Ein spiritueller Ort irgendwie, und das seit sehr langer Zeit. Auf einer der unteren Terrassen fliegen noch drei Fasane auf, während ich langsam zum Auto zurückgehe.

Weine aus diesem Teil des Disibodenbergs gab es bislang ausschließlich vom Weingut von Racknitz, und ich hatte auch schon mehrfach das Vergnügen, diese Weine trinken zu können. Leider ohne den Weinberg selbst gesehen zu haben. Seit ein paar Monaten hat das Weingut Klostermühle Odernheim, das bislang schon die „normaleren“ Anlagen (im Bildhintergrund sichtbar) besaß, den gesamten Weinberg gekauft. Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt darauf, welche Weine von hier zukünftig kommen werden.

8. Silberberg, Obermoschel

Weinreise Nahe Obermoschel Silberberg

Obermoschel ist kein Ortsname, von dem ich jemals vorher etwas gehört hätte. Und genauso verhält es sich mit dem Silberberg. Warum bin ich also hergekommen in die kleinste Stadt der Pfalz, die der Moschelbach sanft durchmoschelt? Nun, es handelt sich schlichtweg um eine hervorragende Lage. Der nach Südosten ausgerichtete Silberberg (früher hat man tatsächlich Silber abgebaut) ähnelt in seiner Erscheinung ein bisschen der Hermannshöhle. Seine ganze Pracht kann man am besten vom Burghotel aus bewundern, dem Ort meines Fotos. Allerdings besser noch vom Balkon im zweiten Stock aus, mit Blick über die gesamte Moschelei.

Weinreise Nahe obermoschel Silberberg Ernte

Eigentlich war für meinen Besuchstag ja Regen angekündigt worden. Aber wie das mit dem „eigentlich“ nun einmal so ist, kann man es mit der Lese trotzdem versuchen. Es wird übrigens den ganzen Tag nicht regnen, mittags kommt sogar die Sonne hervor. Ein bisschen kann man auf dieser Frontalaufnahme vom Silberberg erahnen, wie steil es dort ist. Bis zu 63% Steigung hat es im Berg, was den Transport der wertvollen Trauben zum oberhalb gelegenen Weg sicher nicht angenehm macht. Trotzdem gibt es aus dem Silberberg bislang keine „edlen“ und teuren Weine. 6,30 € verlangt das Weingut Schmidt für seinen Riesling aus dem Mittelstück des Silberbergs. Ob das vernünftig ist, vermag ich nicht zu sagen. Aber das Schicksal der unbekannten Weinlagen ist es nun einmal, in der Regel nur auf kleinpreisige Art Abnehmer zu finden.

9. Beutelstein, Oberndorf

Weinreise Nahe Oberndorf Beutelstein

Weiter das Alsenztal hinauf, haben sich nur an besonders günstigen Stellen Weinberge erhalten. Einer davon ist der nach Süden ausgerichtete Hang des Oberndorfer Beutelsteins. Oder vielmehr, der größere Teil des Hangs, denn die oberen Zeilen gehören schon zur Lage Feuersteinrossel. Rechts ums Eck befindet sich die dritte Einzellage des Ensembles, der Aspenberg. Aus dem Aspenberg holt das Weingut Hahnmühle einen sehr interessanten Riesling. Und genau von dort fallen Schüsse, als ich hier zu früher Stunde unterwegs bin. Der Jäger aus Kurpfalz, hoffentlich versteht er sein Handwerk.

Weinreise Nahe Oberndorf Beutelstein

Im Weinberg selbst gibt es dann wieder Chormauern aus Sandstein und knorrige Rebstöcke. Hier – wie in fast allen Weinbergen, die ich an der Nahe besucht habe – hängen noch viele Trauben. Sicher werden die meisten davon in diesen Tagen geerntet, bis auf die Edelsüßen natürlich. Trotzdem bin ich ein wenig erstaunt, denn in Franken hängt jetzt Anfang Oktober fast nichts mehr. Im Beutelstein gibt es übrigens nicht nur Riesling, sondern auch Roten Traminer und Weißburgunder. Der gesamte Hang ist grasbewachsen zwischen den Rebstöcken, was zusammen mit den brach liegenden Wiesen dazwischen einen extensiveren Landwirtschaftscharakter vermittelt. Ich weiß nicht, ob alle Parzellen hier der Hahnmühle gehören. Aber sollte es so sein, könnte man von der „Oberndorfer Bioinsel“ sprechen. An der Nahe sind ansonsten Biowinzer oder gar Biodynamiker sehr rar.

10. Mittelberg, Steckweiler

Weinreise Nahe Steckweiler Mittelberg

Auf den letzten Weinberg in dieser Liste wäre ich nie gekommen, hätte ich den Wein daraus nicht bei einer denkwürdigen, von meinem Weinfreak-Mitstreiter Thomas Riedl organisierten Probe trinken können. Ein eher „undeutscher“ Wein war das, sehr dicht, mit trockener Botrytis wie ein Elsässer Riesling und der Aromatik eines Savagnin aus dem Jura. Tatsächlich war er für mich der Sieger des Abends. Thema der Probe waren die allerletzten wurzelechten Mischsätze Deutschlands, und einer dieser wurzelechten Mischsätze stand eben im Mittelberg oberhalb von Steckweiler. Ich schreibe „stand“, weil die damaligen Betreiber zwischenzeitlich aufgegeben hatten und ich gar nicht wusste, ob es diesen Weinberg überhaupt noch gibt. Zusätzlich sollte er sich als letztes Überbleibsel der Weinkultur an diesem Hang irgendwo im Wald befinden. Zeit für eine Spurensuche vor Ort.

Die Gemeinde Bayerfeld-Steckweiler liegt im oberen Alsenztal und beherbergt die letzten Weinberge dieser Gegend, bevor dann die berüchtigte „Lauterer Kältezone“ folgt. Bayerfeld und Steckweiler sind beides sehr kleine Orte, die nah beieinander liegen und beide Wege hoch in den Wald des Mittelbergs besitzen. Natürlich (das wurde mir im Nachhinein klar) nahm ich den falschen Weg. Dafür hatte ich aber die Gelegenheit, ausgiebig andere Spuren zu entdecken, die vom Weinbau kündeten. Auch wenn der Berg mittlerweile komplett verbuscht und bewaldet ist, sind überall teilweise beeindruckende Mauern aus Grauschiefer (würde ich sagen) zu sehen. Auch eine Straße mit Leitplanke führte hier einstmals hoch, die sich die Natur an vielen Stellen aber wieder zurückerobert hat. Mit anderen Worten: Der ganze Hang riecht nach alter Weinkultur.

Weinreise Nahe Steckweiler Mittelberg

Und schließlich komme ich tatsächlich an der gesuchten Parzelle vorbei. Wer es sich leichter machen möchte als ich: einfach im Ortsteil Steckweiler die Burgstraße in Richtung Osten nehmen und das Auto am Ortsrand abstellen. Der Weg führt dann direkt zum Weinberg. 120 Jahre alt sollen die Reben hier oben sein und zu 30% aus Riesling bestehen. Man kann aber erkennen, dass es auch jüngere Weinstöcke gibt. Die ganze Anlage sieht in dieser Waldeinsamkeit durchaus gepflegt aus. Ganz klar: Hier wird noch Wein gemacht.

Wurzelechte Reben

Weinreise Nahe steckweiler Mittelberg wurzelecht ungrafted

Es erscheint mir immer noch wie ein Wunder, weshalb sich ausgerechnet diese eine Parzelle über all die Jahrzehnte hier halten konnte. Offenbar ist die Liebe zu diesem Kleinod so präsent, dass sich immer wieder jemand fand, der mit der Bewirtschaftung abseits aller anderen Weinberge weitermachte. Auf dem oberen Foto sieht man sehr schön die für wurzelechte Reben so typische Knolle, aus der dann ein Strang nach oben weitergezogen wird. Johannes Zang hatte mir vor einiger Zeit in seinem Alten Satz aus Reben von 1835 gezeigt, wie sie immer wieder die anderen Triebe zurückschneiden müssen, die aus dieser Knolle entstehen. Nun fehlte nur noch die Information, wer aus diesem Natur- und Kulturdenkmal Wein keltert, und ob es jenen auch zu kaufen gibt.

Unten im Ort traf ich zufällig einen alten Herrn, der mir so aussah, als wüsste er über die vergangenen Jahrzehnte in Steckweiler Bescheid. Und tatsächlich. Auch wenn er selbst nicht mehr so gut zu Fuß ist, kannte er natürlich den Weinberg, seine Vorbesitzer und auch die jetzigen: „Des is der Hah’mühl‘!“ Ja, hervorragend, also auf zur Hahnmühle. Ich wusste zwar, dass sie in einem anderen Teil des Mittelbergs Parzellen besitzen, aber das bewusste Stück hatte ich dort noch nie gesehen. Tatsächlich ist es auch nicht ganz so. Der Weinberg gehört einem Freund der Familie Linxweiler, der seinen Wein bei ihnen ausbauen lässt. Aber alles andere mache er selbst. Dabei handele es sich aber um ein reines Hobby, also um einen Wein für den eigenen Bedarf, der deshalb nicht zu kaufen sei. Schade, die bürokratischen Hürden vermutlich. Aber schön, dass der Weinberg überhaupt noch bewirtschaftet wird.

Nahe-Fazit

Weinreise Nahe Oberhausen Brücke

Mit diesem denkwürdigen Besuch, der sicher in keinem Reiseführer über die Weine der Nahe genannt wird, beende ich meine Tour. An den zwei Tagen an der Nahe habe ich viel gesehen. Eben so viel, wie dieses äußerst abwechslungsreiche Anbaugebiet zu bieten vermag. Ich war oben im Norden, fast in Bingen und damit fast am Rhein, dann bei den Felsen um Bad Münster, war beim Herzstück des Naheweinbaus um die Hermannshöhle herum, beim spirituellen Ort namens Disibodenberg und schließlich in den waldigen Tälern, in denen sich überall Überreste einer früher sehr präsenten Weinkultur entdecken lassen. Allerspätestens jetzt sollte sich doch eine gewisse Lust eingestellt haben, von diesen Gewächsen auch einmal zu probieren. Also fahre ich zum Abschluss, bevor es wieder auf die Autobahn nach Nürnberg geht, noch einmal bei Martin Tesch in Langenlonsheim vorbei und sichere mir das „gemischte Lagen-Sixpack“, das ich schon in besagtem Teil 1 dieser Nahereise erwähnt habe.

Sechs Flaschen sind zugegeben nicht viel für eine Region, die eine so große Anzahl unterschiedlichster Weine hervorzubringen vermag. Vielleicht, so denke ich mir, schafft Ihr es ja, bei Eurer demnächst anstehenden Fahrt an die Nahe ein bisschen großzügiger vorzugehen…

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4 Kommentare zu Weinreise Nahe, Teil 2 – meine zehn schönsten Weinberge

  1. Sven Helmut Weller sagt:

    Vielen Dank für diese Veröffentlichung, sehr gut recherchiert und geschrieben.
    Das wurzelechte Reben eine typische Knolle haben, war mir auch neu.
    Ob ein Besitzer viel oder weniger Geld in einer Lage verdienen kann hängt m.E.mehr von seinen Fähigkeiten im Keller und im Weinberg ab, als von der Lage.
    Auch aus -noch – unbekannten Lagen können gute und sehr gute Weine gewonnen werden. Wenn wie beim Silberberg der Wein vom Weingut Schmidt für 6,30 gut ist, freut sich doch jeder Weinkunde.

    • Matze sagt:

      Ja, das stimmt natürlich, dass man nur für gute Weine auch mehr Geld verlangen kann (oder sollte 😉 ). Und aus unbekannten Lagen können selbstverständlich auch sehr gute Weine entstehen. Ich glaube aber, dass es auch eine strategische Entscheidung des Winzers ist (wenn er denn über entsprechende Fertigkeiten verfügt), ob er sozusagen ins andere Segment vorstößt. Wenn ich als Winzer bislang ausschließlich Stammkunden aus der Nachbarschaft hatte, würden die mir möglicherweise wegbrechen, sollte ich ab jetzt handwerklich ganz tolle und ziemlich teure Weine herstellen. Dann müsste ich mich anders aufstellen, Marketing, Distribution, all das. Gehen tun natürlich beide Wege, nur führen sie halt in verschiedene Roms 😉

  2. der.trockene.franke sagt:

    Ach Matze, lange ist es schon her, dass ich mit meinen Weinfreunden die Nahe erkundete.
    Dein Artikel hat mir Lust gemacht wiedermal die Region heimzusuchen.
    Übrigens solltest du unbedingt auch mal den „Würzer“ vom Weingut Piss versuchen!

    • Matze sagt:

      Danke für den Tipp! Ich hoffe, bei Dir wächst und gedeiht auch alles. Auf der Veranstaltung, bei der wir den „Locher“ aus dem Steckweilerer Mittelberg getrunken haben, hatten wir auch zum ersten Mal Deinen Wein aus dem Nonnenberg probiert!

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