Die Große Sekt-Gala – Rieslingsekt

Sekt-Gala Rieslingsekt

Die GROSSE SEKT-GALA, die bei mir auf dem Blog die festliche Saison einleitet, startet ganz im Zeichen der deutschen Rebsorte Nr. 1. Dass man aus Riesling auch Rieslingsekt bereiten kann, ist zwar nichts Neues. Aber wie in vielen Segmenten des deutschen Weinbaus ist die Qualität in den letzten zwei Jahrzehnten in ganz neue Sphären gelangt. Hier habe ich vier feine Rieslingsekte ausgewählt, die noch dazu gar nicht teuer sind.

Rieslingsekt – Deutschlands Favorit mit Blasen

Sekt-Gala

Ich muss zugeben, dass ich früher überhaupt kein Freund von Rieslingsekt war. Die einen waren mir zu süß, die anderen zu säuerlich-dünn, die dritten zu spätlese-gelbfruchtig. Woran das lag? Sicher bin ich mir nicht, aber ich habe das Gefühl, dass viele Winzer nicht verinnerlicht hatten, dass man Sekt anders als Wein bereitet. Die Trauben müssen anders beschaffen sein, und dem Ausbau kommt eine weitaus gewichtigere Rolle zu. Wer glaubt, nach neun Monaten im Keller seinen Rieslingsekt rausschießen zu können, hat dann auch nur ein Weinchen mit Blasen.

Dass sich das mittlerweile geändert hat, habe ich bei den Proben zu diesem Artikel ständig spüren können. Guter Rieslingsekt anno 2022 verbindet ein bisschen die Ausbauqualitäten hochwertiger Schaumweine mit einer feinen Rebsortenfrucht. Dass es für Rieslingsekt kein echtes Vorbild gibt (dafür müssen die Winzer*innen bei uns halt selbst sorgen), macht sich allerdings auch in der Preisgestaltung bemerkbar. Unter meinen sechs abschließenden Favoriten befanden sich nämlich ganze vier, die weniger als 20 € ab Hof kosten. Also habe ich mich entschlossen, den Preisdeckel anzunehmen und diese vier hier vorzustellen.

Thorsten Melsheimer

»Muss ich da jetzt wirklich hoch?« scheint sich Thorsten Melsheimer auf dem Foto zu fragen. Muss er tatsächlich, denn das da oben sind seine Reben im Reiler Mullay-Hofberg. Dass Thorsten als Rieslingsekt-Spezialist unter den Top 4 dabeisein würde, hat mich allerdings nicht wirklich überrascht. Auf also zu meiner Auswahl.

Melsheimer/Mosel – Reiler Mullay-Hofberg Zéro Dosage 2019

Melsheimer Rieslingsekt Zéro Dosage

Thorsten Melsheimer von der Mittelmosel hat im Laufe seiner Winzerkarriere eine Menge Stufen genommen. Vom »normalen« Familienbetrieb mit klassischen Moselweinen erstmal zur Bio- und Biodyn-Zertifizierung (als einer der wenigen Steilstlagenwinzer), dann zu Maischegärung und Naturweinen und parallel zu Schäumern. Die PetNats Rurale und Insanus sind großartig, die vergleichsweise konventionellen Sekte aber auch. Hier hat jemand sein Moselweingut in wunderbare Nischen geführt, die auch noch richtig gut laufen.

Der »Zéro Dosage« ist ein Steil-Einzellagen-Jahrgangssekt aus komplett handwerklicher Herstellung, Demeter-zertifiziert. Sowas würde woanders deutlich kosten als 18 €, und kein Mensch würde sich darüber beschweren. In der Nase ist der »Zéro Dosage« sehr floral, dazu viele Mandelnoten, Frucht und Kern, Strohblumen, Margerite. Am Gaumen überrascht mich am meisten, dass die Säure überhaupt nicht heraussticht, alles andere als spitz ist. Obwohl knalltrocken, bewegt sich der Reiler eher auf einem Plateau, ist dabei aber extrem fein und elegant. Leicht spröde und mit Aromen alter Reinette-Apfelsorten, ist das ein Sekt, der zum Zuhören einlädt. Dann schwingen auch die steinigen Hänge in zartem Klang mit.

Johannisberger Sekthaus/Rheingau – Riesling Brut Vintage 2020

Johannisberger Sekthaus Rieslingsekt

Ein Sektgut, von dem ihr bislang möglicherweise noch nichts gehört habt, ist das Johannisberger Sekthaus. Wer bei dem Namen an den Rheingau denkt, liegt natürlich richtig. Wer allerdings glaubt, dass sich dahinter ein großes Unternehmen verbirgt, täuscht sich gewaltig. Meike und Sebastian Kammerer starteten ihr Projekt als Hobby, aber mit Leidenschaft und Akribie. Der Jahrgangs-Rieslingsekt von 2020, den ich hier vorstelle (15 € ab Hof) stammt noch aus dem Rüdesheimer Magdalenenkreuz. Mittlerweile ist die Pacht dort ausgelaufen. Der nächste Jahrgang wird also vom Geisenheimer Kläuserweg kommen. Biologisch bewirtschaftet, Handlese, schonende Ganztraubenpressung, Malo, Flaschengärung, Handrüttlung, wenig Schwefel, 750 Flaschen. Hört sich ziemlich großartig an, oder?

In der Nase wirkt der Johannisberger Sekt noch ziemlich jung, präsentiert fast ein wenig spontangärende Rieslingaromen. Mit 6 g ist die Dosage vergleichsweise am höchsten, aber die herzhafte Rheingauer Säure bindet das mehr als gut ein. Von allen vier Rieslingsekten hier weckt der Johannisberger die meisten Erinnerungen an einen Wein, einen hochwertigen, typischen Rheingauer Riesling. »Feinmineralisch« fällt mir als Beschreibung ein, und spontan denke ich, dass da sogar der Grundwein gut schmecken müsste. Sehr erfreulich, dicht an der Rebsorte, dicht an der Region.

Schloss Wackerbarth/Sachsen – Rieslingsekt Brut 2019

Schloss Wackerbarth Rieslingsekt

Mir ging es in diesem Artikel nicht nur darum, besonders guten Rieslingsekt vorzustellen. Ich habe nämlich ein gewisses Faible für die Vielfalt, und das sollte hier auch zum Ausdruck kommen. Sowohl die geschmacklichen Unterschiede als auch die Herkunft. Schloss Wackerbarth ist ein großer staatlicher (und stattlicher) Betrieb mit einer immensen Historie. Dass man in Sachsen an der Elbe guten Riesling machen kann, scheint allerdings bereits wenige Kilometer westlich eher unbekannt. Meine Schwiegermutter immerhin schwärmt vom »kernigen Radebeuler«, an den sie sich noch gut erinnern könne. Mit 9,5 g Säure im fertigen Produkt (18 € ab Hof) müsste ihr der Wackerbarth eigentlich ausgezeichnet munden…

In der Nase hat der Wackerbarth-Rieslingsekt im Vergleich mit den drei anderen Kandidaten die wenigsten Ausbaunoten zu bieten. Grüner Apfel, Limette und eine sehr helle, kalkmineralische Note erinnern spontan eher an einen leichten Riesling Kabi. Im Mund zeigt sich natürlich die prononcierte Säure, die feinfruchtige Note bietet aber einen sehr schönen Kontrapunkt. Ganz anders als beim Melsheimer-Sekt ist dies kein leiser, flächiger Wein, sondern vielmehr ein fruchtig-lebendiger. Alles wirkt hell und licht, Apfel, helle Birne, weißester Pfirsich. Beim ersten Schluck muss man sich ein wenig darauf einlassen – aber es gelingt ohne Probleme. Eigentlich ist dies der »einfachste« Sekt der Reihe mit der höchsten Fruchtpikanz, aber dann überrascht doch die extrem gute Kombination mit ziemlich wildem Vietnam-Sushi-Teriyaki.

Krack/Pfalz – Rieslingsekt Extra Brut 2019

Krack Rieslingsekt

Es gibt Weingüter, die überall in den Medien präsent sind – und es gibt das Sekthaus Krack. Sagt mir, wenn ich mich täusche, aber ich glaube, dass die Kracks aus dem pfälzischen Deidesheim in keinem einzigen einschlägigen Weinguide gelistet sind. Trotzdem, hört man sich in der Sommelier- und Weinfreakszene um, scheinen alle dieses kleine Unternehmen zu kennen. Bereits der Grundwein für den Rieslingsekt 2019 wurde hauptsächlich im Holz vergoren. Lagerung auf der Vollhefe bis zum Sommer, Tirage im August 2020, degorgiert wurde im April 2022, aufgestockt mit 3 g Dosage. 18 € ab Hof, fertig.

Ha, das ist doch Champagner, oder?! In der Nase besitzt der Krack-Sekt jedenfalls von allen vieren die meisten hefigen, briochigen und nussigen Anklänge. Die zitrischen Rebsortennoten stehen da deutlich im Hintergrund. Im Mund überrascht mich, dass die Fruchtsäure deutlich stärker zu spüren ist als beim Melsheimer Zéro. Gibt man dem Sekt ein bisschen mehr Luft und Zeit, entfalten sich elegante haselnussige Aromen. Alles wirkt ungemein stimmig und ausgewogen, fast könnte man von einer beginnenden Lässigkeit sprechen. Das ist sozusagen der Idealtyp des neuen deutschen Sektstils. Wirkt hochwertig vom ersten Schluck an – sollte man aber tatsächlich auch am ersten Tag trinken.

Mein Fazit

Kurzes Fazit: ein überraschend erfreuliches Unterfangen, auch für Leute, die keine ausgesprochenen Rieslingfreaks sind. Welcher der vier Rieslingsekte jetzt der »Beste« ist, brauche ich zum Glück nicht festzulegen. Mich persönlich fasziniert das floral Spröde beim Melsheimer Zéro vielleicht am meisten, zumal der Sekt am dritten Tag (!) wirklich null abgebaut hatte, sondern sogar noch zulegen konnte. Aber da kann man auch komplett anderer Ansicht sein. Jeder einzelne zeigt nämlich seinen ganz eigenen Charakter, und ehrlich gesagt macht es genau diese Bandbreite für mich aus.

Sektkorken

Das einzige, was beim großen Rieslingsekt-Test ein bisschen zu wünschen übrig ließ, war die Verkorkung. Oder vielmehr die Entkorkung. Ich bin jetzt nicht der allerunerfahrenste Flaschenöffner der Welt, aber trotzdem musste ich bei drei der vier Flaschen ganz schön wackeln und zum Drehen ein Tuch zu Hilfe nehmen. Der einzige Kork, der gut aus der Flasche ging, war der Johannisberger Presskork (zweiter von links). Da er jedoch ziemlich kurz ist, sollte man ihn nicht zu schnell kommen lassen. Soviel also zur B-Note, denn bei Geschmack und Preis waren alle vier ja richtig gut.

Kann man also aus Riesling guten Sekt machen? Definitiv. Kann man auch Herkunftscharakter und eigene Stilistik mit hineinbringen? Ja. Muss Rieslingsekt immer ein kleines Zuckerschwänzchen besitzen, um die rebsortentypische Säure zu bändigen? Nein. Aber solche Sekte sind tatsächlich eher etwas für Feingeister, die florale Aromen und eine echte Leichtigkeit zu schätzen wissen. Qualitäten mithin, die man mit Cool Climate assoziiert. Insofern: Probiert ruhig einmal einen guten Rieslingsekt, er wird euch nicht enttäuschen.

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