Natürlicher Dienstag # 106 – Ferretti Stropèl Bianc

Ferretti Stropèl Bianc

Ich weiß nicht, ob es euch auch so geht. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, den Namen Ferretti schon einmal gehört zu haben. War das ein großes Weinunternehmen, ein Schokoladefabrikant, ein Parfümhersteller? Nun, es gibt zwar Ferretti als Hersteller von Luxusyachten, aber die Assoziationen haben wahrscheinlich nur etwas damit zu tun, dass der Name in Italien nicht unbedingt selten ist. Bei Ferretti Vini, um die es hier gehen soll, handelt es sich nämlich um die Schwestern Denise und Elisa Ferretti. Die beiden besitzen 3 ha Weinfelder und 4 ha Grasland in der flachen Poebene, auf halbem Weg zwischen Parma und Reggio Emilia. Soll heißen: nicht wirklich ein multinationaler Großkonzern. Dafür gibt es hier wunderbar authentische Emilia-Weine…

Ferretti Stropèl Bianc – Tradition der Emilia

Das kleine Weingut hatte im Verlauf der Jahrzehnte schon einige Ups und Downs durchgemacht. Gegründet vom Urgroßvater der beiden Schwestern mit der Leidenschaft für echten Lambrusco, musste die Produktion in der Wirtschaftskrise der 1920er Jahre wieder aufgegeben werden. Vater Sante kaufte dann in den 1970er Jahren das Land wieder zurück und begann eine kleine Genossenschaft aufzubauen. Aber auch die musste nach 40 Jahren des Produzierens ihre Tore wieder schließen. Jetzt also der dritte Versuch, diesmal hoffentlich mit mehr Glück. Denise Ferretti hatte zunächst Lebensmitteltechnologie studiert und dann einen Master in Önologie draufgesattelt. Zwei 50 Jahre alte Weinfelder konnten sie übernehmen und pflanzten dann zwei weitere neu.

Wie es sich in der Emilia ziemt, stellen die Schwestern ausschließlich perlende Weine her, und zwar in Weiß, in Rot und in Rosé. Für letzteren haben sie die in Vergessenheit geratene autochthone Rebsorte Fortana wiederbelebt. Okay, auf der Website werdet ihr neben sechs Sparklern auch einen Orange Wine finden.

In der Lambrusco-Region sind ja hohe Erträge, Maschinenarbeit und das Drucktankverfahren (immer noch) angesagt, ein Ansatz, der leider zum sehr mäßigen Ansehen der Region beigetragen hat. Bei den Ferrettis sieht das allerdings ganz anders aus. Sonst würde ich euch das auch nicht vorstellen. Das Land wird biologisch bewirtschaftet, wenngleich nicht zertifiziert, die Reben werden im Minimalschnitt gepflegt. Nach der Ernte gären die Moste zunächst spontan durch, bevor sie dann für die Zweitgärung in die Flasche kommen. Der Stropèl Bianc aus (Luft holen) 25% Malvasia Aromatica, 25% Malvasia Bianca, 25% Trebbiano, 20% Moscato Bianco und 5% Pignoletto verbrachte sechs Monate auf der Hefe und wurde unfiltriert und mit wenig Schwefel abgefüllt.

Wie schmeckt der Wein?

Ferretti Perlen

Der gute Stropèl präsentiert sich mit diesem robusten Korken für Lambruschi, der für konventionelle Korkenzieher immer eine kleine Herausforderung darstellt. Immerhin handelt es sich um einen echten Perler, was ich schnell (bevor das Glas beschlägt) auch dokumentiert habe. In der Nase zeigt der Wein zunächst hefige Noten und dann offenbar die Charakteristika der beteiligten Rebsorten. Als da sind: Klarapfel, Aprikose, trockenes Gras kurz vorm Einstrohen.

Beim ersten Schluck denke ich schon, hui, das ist nichts für Weicheier. Der Stropèl Bianc besitzt nämlich durchaus eine herzhafte Säure. Ich schmecke weißen Pfirsich und fühle mich gleich an den La Tosa Malvasia erinnert. Aber natürlich gibt es hier noch andere Anklänge. Das Apfelige lässt peu à peu nach und macht den heuig-strohigen Noten noch mehr Platz. Anders als beim weißen Cinquecampi aus derselben Gegend (den roten hatte ich hier ja auch vorgestellt) hat der Stropèl eindeutig weniger Gerbstoffe und einen nur minimal mostigen Touch. Vielmehr stehen Frucht, Säure und Frische im Vordergrund. Das ist charaktervoll, aber nicht überwild. Und – glaubt mir – nach einem heißen Sommertag nimmt man den Stropèl voller Freude in großen Schlucken zu sich.

Wo habe ich ihn gekauft?

Bologna

Als ich letztes Jahr in der wunderbaren Stadt Bologna war (und darüber berichtet habe), gab es diese trockenen und perlenden Weine überall. Vor ein paar Jahren hätte ich an dieser Stelle noch mein Leid klagen können, dass niemand nördlich der Alpen die kongeniale Kombination aus diesen Weinen und der herzhaften Lokalküche zu verstehen scheint. Jahrzehntelange Penetration mit pappsüßen Industrie-Lambruschi hat uns offenbar völlig die Freude an den Produkten der Region genommen. Aber the times they are a-changin‘, zum Glück.

Ich habe den Stropèl Bianc von Denise Ferretti bei Vinoteca Maxima für 13 € gekauft. Mittlerweile (was sich gerade bei größeren Konvoluten lohnt) kann man ihn aber auch direkt aus Italien bestellen, zum Beispiel bei ViniSud. Lasst euch bei der Angabe der Rebsorten nicht kirre machen, da haben sie diejenigen vom roten Lambrusco dringelassen. Wobei das natürlich auch eine Idee ist… warum nicht gleich alle sechs Ferretti-Sprudler bestellen, der Sommer dauert ja noch mindestens einen Monat.

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2 Kommentare zu Natürlicher Dienstag # 106 – Ferretti Stropèl Bianc

  1. Karl Brunk sagt:

    Hallo Matthias,
    schön mal was von Lambrusco zu hören. Tatssächlich geht es der Reputation der Region durch die „normale“ Massenproduktion von eher billig exportierten Weinen im Bezug auf Qualität ja wirklich nicht gut. Und das ist schade. Weil es eben genau solche Dinger gibt wo Du vor Überraschung vom Hocker fallen kannst. Oder zumindest angenehm überrascht wirst. Vielleicht auch nur verwirrt – was ja die Sinne schärft. Ich hatte schon einige Male Glück, an solche zu kommen und genießen zu können.
    Klugscheisserei hinterher : 25+25+25+20+10 # 100 (dein Bericht kam heute wohl später, weil er Dir gut geschmeckt hat und der leichte Schwip(p?)s das tippen beeinflusst hat.;))
    beste grüße karl

    • Matze sagt:

      Du kannst gut rechnen. Besser als das Weingut offenbar, denn von denen habe ich das 😉 Ich werd aber einfach hinten ein bisschen reduzieren…

      Ich war heute den letzten Tag beim Best of Gold, Bericht folgt später.

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