Natürlicher Dienstag # 96 – Naturweine bei Slow Food

Slowfood Ecovin Online-Weinprobe Natürlicher Dienstag

Online-Weinproben können eine ermüdende Angelegenheit sein. Selbst wenn ein Romanée-Conti im Glas wäre – allein mein stierer Blick auf den flackernden Bildschirm würde dem Wein viel von seiner Romantik und Faszination nehmen. Aber es gibt Online-Proben, die ich mir dennoch nicht entgehen lassen möchte. So wie diesen Freitag. Organisiert von Slow Food saßen über 400 Menschen vor ihren Bildschirmen, um gleichzeitig und interaktiv vier deutsche Naturweine zu probieren. Das größte Natural-Happening seit Beginn unserer Zeitrechnung? Nun, vielleicht nicht ganz. Aber eine tolle Gelegenheit, vier Weingütern zuzuhören, die die Sache mit dem schonenden An- und Ausbau absolut wörtlich nehmen.

Slow Food, Ecovin, Salzgeber, Amling

Melsheimer Salzgeber Amling Slow Food

Weshalb die Probe einen so großen Zuspruch bekam, hat sicher mit dem Engagement aller Beteiligten zu tun. Slow Food organisiert derartige Online-Tastings bereits seit Sommer 2020 und besitzt eine große Anhängerschaft (nebenbei bemerkt, ich bin auch seit Jahren Mitglied). Ecovin mit seiner neuen Geschäftsführerin Petra Neuber hat jede Menge interessanter Winzer*innen am Start. Susanne Salzgeber und Ulrich Amling als Moderations- und Workshop-Team hatten vier spannende Weine aus diesem Angebot ausgewählt. Genau gesagt, vier verschiedene Weintypen aus vier verschiedenen Anbaugebieten. Und schließlich war es Freitag, 19 Uhr, Feierabend-Time…

Was ich übrigens nicht vergessen sollte zu erwähnen: Alle vier Weine entsprechen den engen Naturwein-Vorstellungen. Das heißt, mindestens Bio im Weinberg, und im Keller viel Aufmerksamkeit, aber keinerlei önologische Hilfsmittel. Spontan vergoren, ungeschönt, unfiltriert, ungeschwefelt.

Wein # 1 – Thorsten Melsheimer Rurale

Melsheimer Rurale

Wein # 1 ist ein PetNat, ein Pétillant Naturel von der Mosel, auf natürliche Weise perlend sozusagen. Bei der PetNat-Herstellung wird der trübe Most in Flaschen gefüllt, ohne dass die Gärung schon ganz fertig wäre. Die Hefen fressen dann den verbliebenen Traubenzucker und wandeln ihn in Alkohol und CO2 um. Da die Flasche aber bereits veschlossen ist, bleibt der Fizz in ihr gefangen. Thorsten Melsheimer erzählt, dass er den Rurale im Jahr 2013 das erste Mal gemacht hätte. Ich hatte ihn damals probiert und spontan „Heureka!“ ausgerufen. Mittlerweile ist der Riesling-Sprudler mengenmäßig sein wichtigster Wein. 15 € ab Hof.

Flott ins Glas mit einer schönen Perlage – und durchaus trüb. Eindeutig Hefelager in der Nase, Autolyse-Noten wie beim Champagner, geröstetes Brot, leicht Bratapfel. Im Mund schmecken die meisten Grapefruit und Rhabarber (Susanne und Ulrich hatten immer kurze interaktive Fragen eingebaut), ich selbst bleibe ein bisschen mehr beim Apfel. Der Rurale ist gleichzeitig easy zu trinken und macht dennoch einen festlichen Eindruck. In der Mitte ein bisschen Rauch, am Ende etwas limettige Rieslingsäure – das ist doch schon mal ein sehr vielversprechender Einstieg! Während Slow Food-Kulinaristik-Guru Martin Wurzer-Berger sich allerlei Käse als Begleitung vorstellen kann, ist sich Thorsten Melsheimer sicher: „Fritten mit Mayo!“

Wein # 2 – Brüder Dr. Becker Scheurebe

Brüder Dr. Becker Scheurebe

Das Weingut Brüder Dr. Becker befindet sich im rheinhessischen Weinort Ludwigshöhe in der Verlängerung des berühmten Roten Hanges. Allerdings wird es weder von Brüdern noch von Beckers geführt, sondern von Lotte Pfeffer-Müller und ihrem Mann Hans. Ich war nach der EcoWinner-Verkostung im letzten Sommer dort vorbeigefahren und hatte mich super mit Lotte unterhalten. Auch diesmal hieß es im Chat wieder „Lotte ist einfach die Coolste!“ – vermutlich deshalb, weil sie so informativ und gleichzeitig augenzwinkernd über ihre Weine berichten kann. Hier hatte sie eine Scheurebe mitgebracht, von der sie meinte, dass man die Rebsorte entweder liebt oder hasst. Hassen würde ich bei mir nicht direkt sagen, aber ich war auf jeden Fall gespannt. 13,50 € ab Hof.

Richtig schön trüb ist der Wein, und zwar gleichmäßig feintrüb, nicht etwa mit Brocken, die sich am Flaschenboden lümmeln. Leicht perlt der Wein nach dem Öffnen auch noch, duftet aber vor allem, was bei einer Aromasorte wie der Scheurebe ja üblich ist. Von den auf dem Fragebogen vorgeschlagenen Aromen neigten die meisten Mittrinker*innen zu Grapefruit, aber auch zur Variante „nichts von den Genannten“. Bei mir waren da auch Cassis, Passionsfrucht und Litschi eindeutig stärker zu spüren. Das ist ein expressiver Wein (anders als Lottes wunderbare Pinot und Silvaner, ebenfalls aus der Pure-Linie), und Slow Food-Martin trifft mit seiner Speisenempfehlung wirklich den Nagel auf den Kopf. Blattsalat mit Obst sollte man dazu essen, gern auch mit Räucherspeck, aber nicht mit viel Säure.

Wein # 3 – Zähringer Orange

Zähringer Orange

Mit dem Weingut Zähringer war auch ein nicht ganz unbedeutender Produzent aus dem Südwesten Deutschlands dabei. Paulin Köpfer als Betriebsleiter macht seit Jahrzehnten Biowein, denn die Weinberge wurden bereits im Jahr 1987 erstmals biologisch bewirtschaftet. Der heutige Weißburgunder ist allerdings kein gewöhnlicher Biowein, sondern vielmehr ein Orange Wine. Der Begriff hat sich international etabliert für Weißweine, die wie Rotweine hergestellt werden. Während man bei gewöhnlichen Weißweinen nämlich die Trauben erst presst und dann den Most vergären lässt, bleiben beim Orange Wine Saft und Beerenschalen für längere Zeit ungepresst zusammen. In diesem Fall hat ein Teil des Weins ganze sechs Monate auf diese Weise verbracht, während der zweite Teil bereits gepresst ins Barrique kam. 25 € ab Hof, mittlerweile Jahrgang 2019.

Bereits farblich betreten wir hier eine andere Welt. Dieser Weißwein kommt in einem hellen Bernsteinkleid daher. In der Nase spüre ich Vanille, Zedernholz, Toffee, später auch Liebstöckel. Im Mund ist das ein komplexer Wein, sehr vielschichtig und ehrlich gesagt auch ein bisschen schwierig. Mit dem darf man sich ruhig etwas länger beschäftigen. Die oxidative Note à la Oloroso, geröstete Haselnüsse, Kumquat, Orangenschale, Majoran, leichte Gerbstoffe auch – alles das lädt dazu ein, den Wein mit einer würzigen Speise zu vermählen. Leberwurstbrot, meint Paulin Köpfer, während mir mit Krustenbraten oder gar lackiertem Schwein auf chinesische Art etwas Ähnliches einfällt. Bei vegetarischen Varianten stelle ich mir Gegrilltes oder Geräuchertes vor, denn so einen intensiven Wein muss man erstmal einfangen.

Wein # 4 – Schäfer-Heinrich Was ist das?

Schäfer-Heinrich Was ist das

Ich möchte nichts Falsches sagen, aber der „Was ist das?“ könnte einer der absolut ersten deutschen Naturweine gewesen sein. Als ich 2011 in Köln war, lernte ich über Surk-ki (die vielleicht erste deutsche Naturwein-Händlerin) Alex Zülch kennen, einen Geisenheim-Absolventen, der aber ganz andere Pläne hatte. Er lebte eigentlich in Frankreich, hatte dort schon jede Menge vin naturel getrunken und fragte sich, warum es das in Deutschland nicht gibt. Also suchte er nach experimentierfreudigen Winzern, die bereit waren, ohne Hilfsmittel aus dem Labor Weintrauben einfach vergären zu lassen und das Ergebnis abzufüllen. Die Hiebers aus Heilbronn waren sofort begeistert und stellten den ersten „Was ist das?“ her. Der Wein wurde erfolgreich vor allem in Frankreich verkauft, und die Hiebers blieben dran. Heute kann uns Lars Hieber den 2016er aus Cabernet Cortis und Dornfelder präsentieren. Ich hatte für den 2016er 11,20 € ab Hof gezahlt, mittlerweile ist der 2017er im Shop angesagt.

Ein dunkles Purpur fließt ins Glas. In der Nase ist das überdeutlich Cabernet mit diesen grünen Paprikanoten und der Küchenkräuterigkeit der Loire-Roten. Frisch geöffnet, hatte meine Flasche auch einen leichten Reduktionsstinker, der aber nach einer Weile verfliegt. Ansonsten ist der Weine mit Sauerkirsche, schwarzen und roten Beeren sehr saftig gehalten. Ein Touch Baumrinde verhindert dabei, dass die ganze Sache zu schmeichelnd wird. Tatsächlich würde ich hier zuerst an einen französischen Wein denken. Und zwar an einen, der das Rote seiner Farbe im Essen wiederfinden möchte. Tartar mit saurer Gurke, Rote-Bete-Salat, so etwas. Ein gelungener Abschluss einer gelungenen Veranstaltung.

Was bleibt?

Drei hauptsächliche Erkenntnisse habe ich bei der Online-Weinprobe gewonnen:

  1. Die Slow Food-Gemeinde ist groß und aufgeschlossen. Auch wenn es im Chat lebhaft-kontrovers zuging, sagten laut Umfragetool doch 66%, dass sie künftig noch mehr von solchen Naturweinen probieren möchten.
  2. Susanne und Ulrich als unsere Vortester hatten versprochen, dass sich die Weine dank der Hefen problemlos halten – auch ohne Schwefelung. So ist es auch. Jetzt haben wir Dienstag, und bis gestern hatte ich die Flaschen vom Freitag ungeschützt offen stehen. Keinerlei Fehltöne, kein Essiganflug, kein Mäuseln, nichts. Es geht also schon.
  3. Eine Online-Verkostung kann interessant und unterhaltsam sein (nochmal herzlichen Dank an alle, die dazu beigetragen haben), aber natürlich ist sie etwas anderes als ein geselliges Beisammensein unter persönlich anwesenden Menschen. Und noch viel besser ist es, zu diesen inspirierenden Weingütern einmal hinzufahren und sich mit den Macher*innen vor Ort zu unterhalten. Wie bei Thorsten Melsheimer, der unten auf einem Felsvorsprung steht und nach oben in den Reiler Mullay-Hofberg blickt. Ich hatte Thorsten für ein Interview besucht. Und dabei erfahren, was er von systemisch wirkenden Mitteln im Weinberg hält, was der Unterschied zwischen Steillage und Steilstlage ist und welche Musik er beim Rütteln der Sektflaschen im Keller hört. Nach solchen Besuchen, kombiniert mit solchen Proben wie heute, weiß ich wieder ganz genau, weshalb ich mich entschieden habe, mein berufliches Leben dem Wein zu widmen.

Thorsten melsheimer Mullay-Hofberg Mosel

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