Natürlicher Dienstag #36 – Vin Naturel in der Weinstelle

Weinstelle Nürnberg

Die Weinstelle in Nürnberg ist der Ort, an den alle Menschen der gesamten waldreichen Metropolregion kommen, wenn sie mal wieder interessante Weine trinken wollen. Genau das wollten wir, und zwar diesmal ausschließlich richtige Vins Naturels im engen Sinne. Also ungeschönt, unfiltriert, ungeschwefelt. Ich hatte sieben Fläschchen mitgebracht, für die man allein im Büro mindestens sieben Wochen brauchen würde. Mit mehreren zusammen geht das natürlich schneller.

Vin Naturel-Probe in der Weinstelle

Statt daraus sieben Ausgaben des Natürlichen Dienstags zu machen, erscheinen diesmal also sieben Weine in einer einzigen Ausgabe. Allerdings hatten wir auch nicht akademisch getestet und uns alles notiert, sondern einfach probiert und darüber gesprochen. So wie man es in einer Weinbar wie der Weinstelle gelegentlich zu machen pflegt. Deshalb sind meine Beschreibungen der einzelnen Weine auch ein bisschen kürzer ausgefallen als üblich.

Staffelter Hof – Portugeezer

Staffelter Hof Portugeezer

Der Portugeezer von Jan Matthias Klein gehört zu den Weinen, die ich bei der Millésime Bio probiert hatte. Damals war ich überrascht, als kein Rotwein ins Glas floss (Blauer Portugieser, dachte ich), sondern ein naturtrüber Weißer mit etwas Fizz. Im Rahmen der Frage „was passiert, wenn es an den Steilhängen der Mosel so heiß wird wie im Süden?“ hat der Staffelter Hof nämlich mit Fernão Pires und Arinto zwei weiße Rebsorten aus Portugal angepflanzt. Versuchsanbau logischerweise, aber sehr gelungen. Der Brizzler macht einfach Spaß, wir alle denken an Sommer und Terrasse und überhaupt. Das Etikett mit dem alten Mann und dem Wolf, die die Sonne anbeten, ist auf jeden Fall auch ein Hingucker.

Timo Dienhart – zweimal Riesling Steinzeug

Timo Dienhart Riesling Steinzeug

Hohen Respekt verdient es, wenn ein Biowinzer wie Timo Dienhart von der Mosel ausgerechnet mit seinem besten Riesling experimentiert. Die 2015er Selection vom Maring-Noviander Honigberg hat ohne Frage GG-Niveau. Einmal bei der Abfüllung geschwefelt (80 mg/l SO2 total, 10 mg frei) und einmal ungeschwefelt ist das ein ideales Lehrbeispiel dafür, wie stark der Einfluss der Schwefelung sein kann. Kann deshalb, weil wir mit dem Riesling eine stark fruchtaromatische Sorte vor uns haben, bei der sich das noch einmal stärker auswirkt. Beim Probieren schmecken wir GROSSE Unterschiede zwischen beiden Flaschen. Der geschwefelte Wein ist ein hochwertiger Klassiker des harmonisch trockenen Rieslings. Der ungeschwefelte Wein hingegen zeigt sich offener, weniger spitz und leicht malzig. Welcher Wein besser schmeckt, lässt sich deshalb gar nicht sagen. Manche neigen je nach Vorlieben zu der einen oder der anderen Version. Ich selbst finde, dass es eine Frage der Gelegenheit ist. Äußerst lehrreich auf jeden Fall.

Benzinger – Orange Blanc de Blanc

Benzinger Orange Silvaner

Der Orange Blanc de Blanc 2018 vom Weingut Benzinger aus der Pfalz trägt eine Tarnkappe. Was er nämlich nicht verrät (und hier in Franken alles andere als eine Schande ist), ist seine Rebsorte: Silvaner. Eine von uns sagt spontan, „oh, den würde ich unvorbereiteten Gästen eher nicht vorsetzen“. Ein anderer meint hingegen, „was kostet der, 15 €, großartig, da rufe ich morgen gleich an und bestelle eine Kiste!“ Für einen Orange Wine (was uns Florian später noch im Quervergleich mit einem österreichischen Vertreter beweist) ist dies hier ein ausgesprochen feines Exemplar. Wer aber einen primärfruchtigen Wein erwartet, wird sowas hier nicht finden. Mir persönlich fällt auf, dass der 2018er ein bisschen flüchtige Säure hat, was ihn more funky werden lässt. Super zu kreativer Gemüseküche und für offene Geister. Welche hoffentlich zu diesem Wein finden werden, denn hier in der Runde sind wir alle angetan.

Sapporo Fujino – La Mer

Sapporo Fujino La Mer

Shizue Rubi und Tomoko Sato sind zwei Schwestern, die in einem waldigen Tal südlich von Sapporo ein bisschen Wein anbauen. Auf dem Etikett ist das Weingut abgebildet, was schon einem kleinen Eindruck davon vermittelt, in welchen Dimensionen wir uns hier bewegen. Die Sapporo Fujino Winery befindet sich übrigens auf Hokkaido, der japanischen Nordinsel. Mir wurde diese Flasche in der sensationellen Weinhandlung Virtus in Tokio wärmstens empfohlen, und so habe ich sie zu Fuß am Schnürsenkel über den ganzen Kontinent gezogen. Hier ist sie jetzt also in der Weinstelle.

Sapporo Fujino La Mer vin naturel

Der Wein ist naturtrüb und besitzt ganz leichte Gerbstoffe, aber vor allem fällt uns bereits in der Nase ein feiner Muskatton auf. Ich könnte mir vorstellen, dass die Japaner so etwas lieben. Schließlich lieben sie auch die Muskatmelone, von der ich bei Takano ein 350 € teures Exemplar fotografiert hatte. Ansonsten ist auch hier ein ganz kleines bisschen flüchtige Säure im Spiel, eine gewisse Rauchigkeit und quasi als Kontrast dazu eine ziemlich exquisite, wahnsinnig feinfruchtige Art. Eine faszinierende Sache in ihrer Kombination. Meine Mittrinker/innen hingegen meinen trocken: „War doch klar. Wenn die Japaner etwas machen, dann machen sie es richtig.“ Fehlen nur noch die Rebsorten: Müller-Thurgau, Kerner, Bacchus. Fränkischer Dreiklang im Norden Japans.

Angiolino Maule – Rosso Masieri

Angiolino Maule Masieri

Angiolino Maule ist seit 1988 am Start mit Naturweinen. Er war glaube ich auch der erste, von dem ich solche Dinge gelesen und möglicherweise auch probiert hatte. Schon länger her auf jeden Fall. Auch wenn der Wizard aus dem Veneto eher für Weißweine bekannt ist, kann er natürlich Rot ebenso. Der Masieri besteht je zur Hälfte aus Merlot und Grenache, und zwar der im Veneto als Tai Rosso bezeichneten Spielart. Nach dem Öffnen der Flasche gibt einen mini-mini-mini-kleinen Stinker, aber das war es dann auch an Extravaganz. Wie gesagt, ungeschwefelt, unfiltriert, aber man schmeckt einen schön frischen italienischen Roten, der hervorragend zu vielen Speisen passt. Die Natural-Freaks unter uns sind fast ein bisschen enttäuscht. Aber es gehört vermutlich viel Erfahrung dazu, ein derartig sauberes und stabiles Rotwein-Exemplar dieser Art ohne jegliches Mittelchen in die Flasche zu bringen.

Domaine des Sablonnettes – Fleurs d’Erables

Sablonnettes Fleurs d'Erables

Zum Schluss kommt noch ein Bonbon. Im Frühsommer 2009 war ich bei Christine und Joël Ménard in ihrem Biodyn-Weingut an der Loire. Wir haben uns durch das ganze Programm probiert, und ich fand die fruchtsüßen Weine einfach fantastisch. Schnell eine Kiste eingepackt, mit dem Auto nach Deutschland gebracht und in den Keller damit. Seitdem lag der Fleurs d’Erables kühl und dunkel im Regal. Jetzt dachte ich mir, vielleicht könnte so ein Süßer unserer Runde ja gefallen. Und in der Tat: Das ist ein ganz feiner Stoff. Fruchtsüß zwar, und die Botrytis kann man auch schnuppern, aber welch zarte Süße das ist! Ein bisschen weicher und weitmaschiger als eine deutsche Spätlese, dann aber irgendwie semi-transparent in seiner Erscheinung. Das plumpt nicht auf die Zunge, sondern berührt alle Sinne ganz zart. Alle sind sich einig, dass man so etwas viel zu selten trinkt.

Und so geht ein schöner Faschingssonntagsnachmittag zu Ende. Erfolglos bleibt allerdings unser Versuch, die getrunkenen Weine zu bewerten oder gar in eine Rangliste zu bringen. Vielleicht liegt das aber auch an der Magie des Raumes. Denn in einer Bar wie der Weinstelle hat idealerweise alles und jeder seinen Platz und seine Berechtigung, da gibt es kein Oben oder Unten, kein Besser oder Schlechter. Würde Tom Waits vermutlich ebenso sehen.

Weinstelle Nürnberg Weinprobe

 

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