Natürlicher Dienstag # 93 – Domaine Bohn Coup de Jus

Domaine Bohn Coup de Jus

Reichsfeld ist mit Sicherheit nicht der bekannteste Weinbauort im Elsass. Und die Endung -feld deutet auch noch auf einen flachen Kartoffelacker hin, den man mit dem Vollernter abgrasen kann. Leider total verschätzt. Reichsfeld ist vielmehr der letzte Ort im Tal vor dem großen Wald a.k.a Vogesen. Und der Schieferberg, von dem dieser Wein hier stammt, ist richtig steil. Ich spreche vom Coup de Jus der Domaine Bohn. Selten hat mir ein Wein in der letzten Zeit besser geschmeckt. Offenbar habe ich Sehnsucht nach grüner Natur und kurzärmeligen Sonnenuntergängen im Freien.

Coup de Jus 2018 – Sommerwein der Domaine Bohn

Die Domaine Bohn besitzt eine lange Geschichte. Nicht ganz so lang wie die des Weinbauort Reichsfeld selbst, in dem die Grafen von Andlau bereits im 13. Jahrhundert Reben pflanzten. Aber immerhin doch zwei Jahrhunderte am selben Ort. Vater Bernard hatte das Weingut bereits in jungen Jahren übernommen, und nun ist Sohn Arthur dran. Der sieht zwar weniger wild aus als sein Vater, macht dafür aber eindeutig die wilderen Weine. Zehn individuelle Naturweine sind es mittlerweile, die die Domaine Bohn im Angebot hat.

Der Coup de Jus stammt wie erwähnt vom Schieferberg, der direkt neben dem Weingut beginnt. Bis zu 400 Meter hoch sind die Weinberge gelegen, und tatsächlich handelt es sich beim Untergrund um Blauschiefer wie an der Mosel. Das Elsass ist ja eine geologische Wundertüte, ungeheuer komplex, mit ganz unterschiedlichen Erdzeitaltern direkt nebeneinander. Das macht es manchmal ein bisschen schwierig, nach außen mit einem einheitlichen Profil aufzutreten. Dafür wird es selbst für erfahrene Weinleute nie langweilig.

Nicht langweilig, das gilt auch für diesen ziemlich einmaligen Wein. Pinot Gris und Riesling wurden dabei zunächst gepresst und vergoren dann spontan zusammen mit einem Pinot Noir-Auszug. Infusion, wenn ihr wisst, was ich meine, also das Gegenteil von extraction. Gelesen wurden die Trauben am Schieferberg selbstverständlich von Hand, und später kam nichts dazu, und nichts wurde entnommen. Also ungeschönt, ungefiltert, ungeschwefelt, naturbelassen auf die Flasche.

Wie schmeckt der Wein?

Herausgekommen ist ein hellrotes Getränk. Verschlossen mit einem Diam 5, was Korkschmecker verhindert. In der Nase ist der Coup de Jus zwar deutlich als vin naturel erkennbar, aber eben nur durch die leicht gärig-kräuterige Art. Flüchtige Säure und Stinker hingegen sind völlig absent. Am Gaumen kommt in erster Linie Süßkirsche, aber nicht klebrig, sondern mit einer feinen Säureader. Der Wein bizzelt noch ein wenig von der natürlichen Kohlensäure und läuft dann einfach wahnsinnig gut. Grande buvabilité, würde man vielleicht in Frankreich sagen, extrem trinkig, leicht, lecker, total nach Sommer und besser als (fast) alle Rosés, die euch einfallen mögen.

Logisch, das ist kein Wein, der sich durch große Tiefe, durch Lagerpotenzial oder für akademische Verkostungen eignet. Aber, und da wiederhole ich mich gern, selten hat mir ein Wein in der letzten Zeit subjektiv so gut geschmeckt wie dieser hier. Ich muss mich regelrecht zusammenreißen, um auch noch ein bisschen für den zweiten Tag in der Flasche zu lassen. Ihr wisst ja, der Warentest für Naturweine: Hält er sich, oder hält er sich nicht? Er hält sich, ist auch am zweiten Tag noch komplett sauber. Nur halt nach einem Schluck endgültig leer.

Wo habe ich ihn gekauft?

Dieser Wein ist auch ein bisschen eine Hommage an die Weinstelle in der Nürnberger Radbrunnengasse. Ein paar Schritte unterhalb der Burg hat Florian hier Weine ausgeschenkt, die vom schmackhaften Haustropfen bis zu echter Freakshow reichten. Diesen Wein hatte er mir mitgegeben und gemeint, „probier mal, ich finde, der macht echt Spaß“. So ist es.

Bevor jetzt aber alle anfangen zu trauern, es wird sicher ein neues Weinprojekt mit Florian geben. Und was den Coup de Jus von Arthur Bohn anbelangt, haben ihn wenigstens zwei Händler bei uns gelistet: Alex Zülch mit seinen Vins Vivants und Walter & Benjamin in München. Wobei ich eher sagen muss hatten, denn der 2018er ist jeweils ausverkauft (11,90 € kostete er). Ich weiß aber, dass der 2019 kürzlich gefüllt worden ist, also hoffen wir auf ein baldiges Wiedersehen mit dem Coup de Jus.

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