
Das Jahr neigt sich dem Ende zu, aber in guter alter Tradition geht da weinmäßig noch was. Sogar eine ganze Menge. Während ihr aber schon in Überschrift und Titelfoto sehen könnt, dass Armand Rousseau und einige andere echte Preziosen auf dem Trinkplan standen, waren wir völlig ahnungslos. Blind ins Glas, Wein beschreiben, Herkunft raten, bepunkten – und dann erst aufdecken. So etwas führt auch bei Weinprofis zu manchmal kuriosen, zumindest aber immer interessanten Ergebnissen. Und an denen möchte ich euch hier teilhaben lassen.
Schaumweine zum Warmwerden

Zu Anfang stehen drei Schaumweine auf dem Programm. Der erste Wein kommt mit einer enormen Säure daher, wird dann aber ganz fein. Ein bisschen fehlt es an Tiefe, eine Art Riesling auf Champagner-Art, aber ein sehr schöner Wein. Aufgedeckt ist es der Epos I Réserve Brut Nature von Lena Fischer-Singer (»Lena macht Sekt«), Jahrgang 2019, 100% Chardonnay, seit einer Woche auf dem Markt für knapp 50 €. 16,67 Punkte der Gruppe (Platz 14/20), that’s decent.
Zweiter Schäumer, viel gelber, reifer und oxidativer in der Nase. Im Mund dann aber lebendig in Perlage und Ausdruck, verbindet Reife, Länge und Frische auf weinige Art. Fatalerweise wird er sogar noch besser mit Luft, viel schöner geht das auf diesem klassischen Level nicht. Es ist der 2002er Champagne Grand Cru Le Mesnil-sur-Oger von Pascal Doquet. Mein Platz 2 des Abends, die Gruppe sieht ihn gar auf Platz 1. Was für ein schöner Wein!
Was Pascal Doquet anbelangt, ich hatte mich vor drei Jahren auf der RAW Berlin einmal mit ihm unterhalten zum Thema Klimawandel und neue Rebsorten in der Champagne. Ein wirklich sympathischer und aufgeweckter Typ, passt genau zu seinen Weinen.
Der dritte und letzte Schäumer ist aber auch nicht von schlechten Eltern. Farblich ähnlich wie sein Vorgänger, geht er aromatisch ein bisschen mehr in Richtung Milchschokolade, wirkt auch etwas süßer. Manch eine/r bemängelt eine gewisse Mainstreamigkeit, aber ein sehr guter Schaumwein ist es trotzdem. Es handelt sich um den 2002er Cristal von Roederer, und zwar ein Late Release. Das reicht bei uns summa summarum nur zu Platz 10, ich hatte ihn etwas weiter vorn.
Achterbahnfahrt bei den Weißen

Die nächsten vier Weine sind still und halten eine wilde deutschsprachige Mischung bereit.
Der erste kommt als Solist ins Glas, hat kaum Frucht in der Nase, etwas Lakritz, Mineralität, geht aber in Richtung Sauvignon Blanc. Im Mund dann kein Holzeinfluss, aber auch wenig Frische, dafür elegant. Knurren und Jubeln nach dem Aufdecken. Es ist ein Müller-Thurgau, und zwar der 2023er Marktbreiter Kabinett trocken vom Weingut Kreglinger (bewährter Best of Franken-Sieger). Landet bei uns auf dem vorletzten Platz, aber für 7,50 € kann man damit eine ganze Hochzeitsgesellschaft gut versorgen.
Beim zweiten Weißen dann ein Kontrastprogramm, ein totales. Sehr viel anders geht es kaum. Extrem hochfarbig, stark gereift, Gelbfrucht, Penatencreme, Aprikosengelee. Das ist der alte deutsche Riesling Spätlese-Stil in all seiner Dichte und Fülle. Ein bisschen zu lang hat er unserer Meinung nach schon in der Flasche zugebracht. Es handelt sich um den 1998er Winninger Uhlen vom Weingut Heymann-Löwenstein aus der Magnum. Wir alle in der Runde haben Reinhards Zeitdokumente noch im Keller. Fast zu viele, bedenkt man, welch prachtvolle Weine nach dem Trocken-Turnaround 2012 noch entstanden sind. Platz 12 der Runde und bei mir auch.
Dritter Wein, dritter Stil. Wieder Riesling, wenngleich in der Nase für mich mit leichtem Silvanertouch, weil doch recht warm. Am Gaumen dann (Originalzitat von mir selbst) »zu fruchtig, um nicht deutsch zu sein«, präsente Säure mit gewisser Schärfe, wenig Reifenoten. Mir persönlich ist das etwas zu mainstreamig, aber ein guter Wein, keine Frage. Es ist der 2015er Dönnhoff-Versteigerungsriesling, das erste GG aus der Oberhäuser Brücke. Platz 6 bei der Runde, ich habe ihn etwas weiter hinten gesehen.
Und noch der vierte, nasentechnisch auch ein Riesling, aber ein sehr reifer, um nicht zu sagen alter. Sehr oxidativ, Kandiszucker, für meinen Geschmack »drüber«, aber am Gaumen gibt es dann doch etwas Feines, Schlankeres, das mehr verspricht. Es handelt sich um den 2003er Riesling Steiner Hund vom Nikolaihof, und zwar die Reserve aus der internen Kategorie »Archive Release«. Also die erst nach Jahrzehnt/en herausgebrachten Weine. Platz 13 in der Runde, für mich leider leider unter den Top 3 von hinten.
Zwischengang

Gute alte Tradition ist es, etwa nach der Hälfte der Weine (oder diesmal auch etwas früher) eine feine Stärkung aus der Küche zu bekommen. In der Gastgeberdiktion heißt das schlicht »Linsengericht«, und wir essen alle mit großem Vergnügen unsere Teller leer. Dazu gibt es einen Wein, der ganz deutlich nach Natural Wine riecht, ungeheuer hell ist wie ein Trollinger oder ein Ploussard, auch kein Tannin besitzt und einen extrem leichten Fluss. Ich denke an Aldingers Trollinger Sine oder an Jura, aber (das war wirklich eine Überraschung) es handelt sich um den 2022er Climbwine III Free Solo vom Weingut Heinrich Spindler aus – Grauburgunder!
Persönliche Lieblinge

Wer den Abend vor der Pause verlassen hätte, würde sich vermutlich ärgern. Denn direkt nach der Mahlzeit kommen meine weißen Favoriten. Der erste Wein versteckt sich ein wenig hinter seiner schwefeligen Zündplättchen-Reduktion, die wir schon okay, aber mittlerweile nicht mehr so cool finden wie noch vor ein paar Jahren. Manchmal ist es zu extrem, man kann dahinter erstmal gar nichts riechen, und es machen mittlerweile auch zu viele. However, hier kommt am Gaumen aber eine Art Kompensation mit Holz, Schmelz, etwas Rauch, schon ein bisschen anstrengend, aber wie ein guter Savagnin noch auf der hiesigen Seite des Hochinteressanten. Ihr seht es oben, wir hatten den Silvaner Grauer Stein 2019 von Carsten Saalwächter im Glas. Platz 11 in der Runde, ich habe ihn auf 8 gesehen.
Zweiter Weißer, als schöner Gegensatz mit total stiller Nase. Im Mund wirkt der Wein erst leicht, geht dann etwas in die Schräge und bietet Karamell, Säure, viel Intensität. Fordernd ist er, anspruchsvoll, aber er belohnt auch. Die meisten von uns denken an Chardonnay, aber es ist der 2014er Brézé von Guiberteau, ein reiner Chenin Blanc. Jung fand ich den Wein (ich erinnere mich an vergangene Proben) immer zu neuholzig, aber nach zehn Jahren hat er das gut eingebunden. Platz 7 der Runde, für mich war es hingegen ex aequo die Bronzemedaille.
Gleiten in den Abendhimmel

Wir verabschieden uns von den Weißweinen mit noch einmal sehr unterschiedlichen Typvertretern. Der erste Wein ist der Nase nach eindeutig ein Natural, mehr Most, ein wenig Reduktion und Holz auch. Im Mund dann viel Säure, also knalleviel Säure wie bei Stefan Vetter, aber ebenfalls nicht flüchtig, sondern nur stark und straight. Der pH-Wert dürfte sehr niedrig sein. Den meisten von uns war das zu viel des Guten, Platz 15 der Runde. Ich sah ihn weiter vorn, aber selbst mir war der Wein letztlich doch zu säurelastig. Übrigens: 13,5 vol%, das hätte ich nie und nimmer gedacht bei diesem Charakter. Wildes Zeug also von der Domaine Labet, der 2016er Chardonnay La Bardette.
Der letzte Weiße zeigt sich schon in der Nase völlig anders mit seiner leichten Karamellsüße. Im Mund dann sofort eine enorme Dichte, viel Schmelz bei ausgewogener Säure. Ich tendiere ein wenig zu weißem Rioja. Der Wein besitzt keinen expliziten Charakter (den hatte der Labet natürlich im Überfluss), ist nicht leicht zu greifen, dürfte aber ausgezeichnet bei Tisch funktionieren. Tatsächlich ist es der 2016er Solea von Roagna, eine verblüffende Cuvée aus 80% Chardonnay und 20% weiß gekeltertem Nebbiolo. Die Runde zeigt sich konsensual versöhnt und sieht den Wein auf Platz 9. Mir geht’s genauso.
Alternativ wie Joschka Fischer

Eine komische Überschrift, ich gebe es zu. Wie alternativ ist denn Joschka Fischer (oder vielmehr: war in seiner aktiven Zeit)? Naja, auf den ersten Blick schon auffallend anders als damals übliche Politiker (der Turnschuh-Minister, ich muss das jetzt bringen), letztlich in höherem Alter aber dann doch mehr Staatsmann als Revoluzzer. An diese Karriere musste ich ganz unwillkürlich bei diesen beiden Weinen denken.
Der erste Wein repräsentiert dabei den jungen Joschka, sehr hellfarbig, Naturalstinker in der Nase. Am Gaumen dann deutliche Säure, leicht, mit wenig Tannin, aber einem ganz feinen Fluss. Walderdbeere bleibt hängen, der Wein ist das Gegenteil von wuchtig (oder staatstragend), aber er gefällt mir. Die Runde sieht ihn wegen der fehlenden Mitte nur auf Platz 18. Wir haben den 2018er Trousseau der Domaine des Marnes Blanches vor uns.
Rechts dann der Wein, der den Übergang zum Bürgerlichen vollzieht. Sehr dunkel im Nasenbild, deutlich Paprika, aber Piment de la Vera, keine grüne Schote. Kommt vielleicht ein bisschen von der wilderen Seite, jetzt aber nicht mehr. Im Mund ist das weiterhin und für alle eindeutig Cabernet Franc, schwarze Johannisbeere, Schwarzkirsche, ungefiltert, gute Reife, auf dem Punkt. Die Runde sieht den 2009er Le Bourg von Clos Rougeard auf Platz 8, bei mir sind es zwei Plätze weiter vorn. 12,5 vol% übrigens nur, ein zivilisierter Individualist.
Altmänner-Love

Mit dem nächsten Flight geht es ganz eindeutig zurück in der Zeit und stilistisch in die Klassik. Der erste Wein präsentiert eine sehr deutlich gereifte Farbe und eine superklassische Bordeaux-Nase. Im Mund begeistern die gute Säure und die ausgewogene Art, aber dennoch werden wir das Gefühl nicht los, dass der Zenit hier schon seit einer Weile überschritten ist. Es handelt sich um den 1986er Château Gazin aus Pomerol, den einige schon einmal tiefer in Erinnerung hatten. Platz 17 der etwas desillusionierten Gruppe, während ich ihn in meine Top Ten punkte.
Im rechten Glas wartet dann der nächste Wein. Wesentlich dunkler in der Farbe, mehr Paprikanote, ein kühleres Jahr vermutlich. Im Mund folgt eine ebenso dunkle Fruchtanmutung, schwarze Johannisbeere, eine tiefere Frucht. Der Wein wirkt auf mich jünger, schwärzer, lebendiger, und ich mag das ausgesprochen gern. Mein persönlicher Platz 3 ex aequo, während die Runde brummelnd weniger Punkte gibt, das aber letztlich doch zu Platz 4 reicht. Für den 1997er Château Haut-Brion. Ein schwieriges Jahr, das glaube ich damals in Bordeaux dennoch zu überhöhten Preisen angeboten wurde. Nachher wollte es keiner mehr haben, weil nur die Allergrößten gut reifen konnten.
Großes Burgund …oder?!

Für mich folgt jetzt der Abschluss des Abends. Leider, muss ich sagen. Ich hatte mich nämlich die letzte Stunde schon zunehmend unfit gefühlt, und jetzt schlägt es richtig zu. Aber die beiden letzten trockenen Roten möchte ich mir dennoch keinesfalls entgehen lassen. So wie man auch beim Marathon noch ins Ziel will, nachdem bei Kilometer 39 der Mann mit dem Hammer gekommen ist.
Anyway, der erste Wein zeigt im Glas ganz wenig Nasenspiel, eher ein wenig kelleralte Anklänge. Im Mund hingegen gibt es eine schöne Säure, viel Leichtigkeit, ein bisschen Waldbitter, feine Himbeere. Obwohl er mir so vorkommt, als sei seine beste Zeit schon vorbei, muss ich einfach zugeben, dass Pinot Noir für fortgeschrittene Trinker einfach immer charmant und verführerisch wirkt. Platz 3 der Gruppe, immerhin noch Platz 5 bei mir für die 2010er Kanzel von Henrik Möbitz. Die Reben werden heute von Wasenhaus gepflegt.
Letzter Wein. Unheimlich viel Trub im Glas, der muss schon etliche Jährchen auf dem Buckel haben. In der Nase ist das überdeutlich großes Burgund. Verwelkte Rose, duftige Art, trotz des Alters. Im Mund gibt es eine noch recht lebendige Sauerkirschfrucht, viel Tiefe und ein spürbares, wenngleich feines Tannin. Ganz langer Abgang. Auch wenn ich sowas ebenso gern in der Fruchtphase trinke, zeigen die gebieterischen Gerbstoffe an, dass man den Wein richtig jung nicht hätte mit dem vollkommenen Vergnügen trinken mögen. Für mich ist die Sache klar: der beste Wein des Abends, eine köstliche und großzügige Gabe. Die Gruppe sieht den Doquet-Champagner beim Äpfel-Birnen-Spiel vorn, den Burgunder hier aber auch auf Platz 2. Was es ist, habe ich ja schon überall angekündigt: der 1995er Chambertin Grand Cru von Armand Rousseau. Sehr viel größer geht es nicht in der Weinwelt. Ich verneige mich.
Armand Rousseau und ich
Was bleibt mir jetzt als Fazit dieses denkwürdigen Abends? Erst einmal verdient Pascal Doquet alle Vorschusslorbeeren auch bei gereiften Schäumern. Ich hatte bislang nur jüngere Exemplare probiert.
Was die Weißen anbelangt, würde ich mit wenigen Ausnahmen dazu neigen, ihren Höhepunkt (egal ob Riesling GG oder Chablis oder Chenin) bei etwa zehn Jahren zu sehen. Ausnahmen können solche Langsamentwickler wie Rayas sein oder auch Weine aus meinem eigenen, extrem kühlen Keller. 2014er weiße Loire ist deshalb ein Traum für mich. Hoffentlich habt ihr davon welche eingekellert.
Was die Roten anbelangt, kann ich edel-klassischem Bordeaux durchaus etwas abgewinnen, aber Burgund (da machte der Rousseau natürlich keine Ausnahme) ist für mich die Krönung. Früher dachte ich, dass ich mit zunehmendem Alter in Richtung Port abdriften könnte, aber wenn überhaupt, dürfte das erst zu meinem Achtzigsten soweit sein. Bis dahin frohlocke ich, wenn es Eleganz und Finesse bei gleichzeitiger Tiefe gibt. In diesem Sinne geht eine wunderbare Weinprobe zu Ende – und so langsam auch das Jahr 2025.
Eine Anregung habe ich aus der Runde allerdings noch mitgenommen, die ich gern mit euch teilen möchte. Wer schon einmal dort war, zeigte sich sehr begeistert von der Weinhandlung Caves Wengler in Luxemburg. Nicht gerade in meiner Nachbarschaft gelegen, aber vielleicht habt ihr es ja nicht weit und Lust zu einem Jahresendausflug…

Hallo Matze!
Ein wilder Ritt durch die Welten des Weins! Klingt interessant, aber auch anstrengend. In letzter Zeit weiß ich fokussiertere Proben mit einem nachvollziehbaren roten Faden immer mehr zu schätzen. Aber tolle, anregende Beschreibungen zu den Eigenheiten jedes Weines. Kompliment und danke dafür!
Die Caves Wengler-Empfehlung kann ich nur unterstreichen. Jedes Jahr gibt es im Herbst die große Burgund-Degustation, wo man für ein bescheidenes Eintrittsgeld in einer unglaublich gastfreundlichen Atmosphäre eine Vielzahl der ganz, ganz großen Gewächse des neuen Jahrgangs probieren kann, meist in Anwesenheit der Winzer (Bruno Clair, Chevillon usw.). Für unsere Runde von Weinfreaks seit Jahren ein fester Programmpunkt im Kalender, und auch eine längere Anreise in das beschauliche Dörfchen Rosport in Luxemburg wert. Daneben gibt es über das Jahr verteilt noch Toskana, Piemont, D-A-CH etc. Also dringende Empfehlung!
Sorry für die verspätete Antwort und danke für die Wengler-Bestätigung! Da lohnt sich ja fast die Anreise von Bamberg aus 😉 – wenn sich das anderweitig verbinden lässt.
Was den wilden Weinritt anbelangt, mag ich manchmal auch diese große Breite an Herkünften und Geschmäckern, die man eben nicht zusammen probieren würde. Ein bisschen wie das Stöbern auf dem Dachboden der Großeltern, wo ich auch nie wusste, was ich als nächstes finden würde 😉 .